Wir feiern Kindergeburtstag – Eine (Horror-)Story in 3 Akten

Ouvertüre

Die Gedanken arbeiten. KindNr. 1 hat bald Geburtstag. Ohje. Eine kleine Feier gab es damals zum 3. Jahrestag. Damals mit 2 Gastkindern, deren Familienangehörigen und somit irgendwie erträglich. Beim 4. Geburtstag habe ich mich gedrückt. Sommerferien (dieses Kind wird zu 95 % immer in den großen Ferien jubilieren – ich jubele darüber nicht, denn es macht die ganze Überlegung des „Wann-wird-gefeiert-und-mit-wem-und-wie-und-überhaupt“ noch komplizierter) und meine Erschöpfung ließen mich im letzten Jahr einfach keinen Zugang zu dieser gefürchteten Veranstaltung finden. Dieses Jahr muss ich wohl! Aber wann? Selbst der Kindergarten hat noch Ferien, wenn der Sohn Geburtstag hat. Also verschieben. Wann arbeitet der Mann denn einmal nicht am Wochenende? Große Ratlosigkeit. Wir entscheiden uns schlußendlich für ein Datum, es ist ein Sonntag, der Kindergarten dann schon wieder eine Woche am Laufen. Vielleicht klappt’s.

Zum Glück läuft es gut mit den Geburtstagsgeschenken für das Kind. Ich hatte eine gute Idee und der Mann den Autrag, diese umzusetzen.

1. Akt – Die Vorbereitungen

Nach dieser Entscheidung schreiben (Mama) und bemalen (Kind) wir Einladungskarten, die ich eigenhändig aus hellblauem Tonpapier geklöppelt ausgeschnitten habe und verteilen diese noch rechtzeitig (!) im Kindergarten. Ich habe eine Deadline für die Eltern gesetzt, bis zu welcher tatsächlich alle geladenen Kindergartenkinder zusagen (das eine extern geladene Kind ist im Urlaub) – plus Anhang wie die Mütter, ein Vater und einige Geschwisterkinder. Ich finde es in dem Alter ok, dass die Eltern noch dabei sind, und es nimmt mir den Horror, wie mein Mann und ich alleine auf so viele Kinder aufpassen und diese unter Umständen beschäftigen sollen. Bleibt nur die nächste Frage: wo bringen wir all diese Personen unter, und wie sieht es mit der Verköstigung aus? Die meisten waren auch noch nie bei uns. Das macht es für mich zusätzlich spannend.

Mama machst sich von nun an Gedanken. Hoffentlich spielt das Wetter mit. Eine schiere Horrorvorstellung, all diese Menschen im Haus zu haben, während es draußen wie aus Kübeln gießt (was im Sommer 2016 ja schon mal vorkommen kann). Was soll gebacken und gekocht werden? Was braucht man an  Getränken? Und wie sieht es hier eigentlich aus? Seit einem Dreivierteljahr hat niemand die Fenster geputzt. Der verregnete Sommer hat Büsche und Unkraut bis in den Himmel wachsen lassen. Und niemand hatte Lust und vor allem Zeit (oder umgekehrt), das Zeug zu zähmen.

Zwischenspiel

Ich werde dauernd gefragt, was sich das Kind wünscht. Ist gar nicht so einfach. Meiner Ansicht nach hat er alles, und teure Vorschläge möchte ich natürlich nicht machen. Zum Glück fallen mir am Ende und rechtzeitig noch ein paar Sachen ein. Jedenfalls finde ich die Dinge, die er bekommen hat, ziemlich ok.

2. Akt – es wird konkreter

Außerdem mache ich mich auf, um Zeugs für die Kinder zu kaufen. Also etwas, was man als Mitgebsel in Tütchen füllen kann. Eine große amerikanische Spielzeugladenkette wird mein Anlaufpunkt. Ich entscheide mich für Zeugs von der Eiskönigin Elsa & Co. für die zwei Mädels und meinen Sohn und für Krams, was mit Autos zu tun hat, für die Jungs. Die Süßigkeiten werden mit dem Großeinkauf besorgt. Außerdem gibt es noch Feuerwehrmann Sam und die bereits erwähnte Frozen-Mannschaft auf völlig überteuerten Servietten. Drei Tennisbälle sollen als Wurfgeschosse für die 10 Dosen… Moment, ich habe bisher nur 9 leere Dosen. Da muss wohl noch eine Dose Ananas geöffnet werden. (Ich mache äußerst selten Dosen und dann noch in dieser Größe auf, aber was muss, das muss). Notfalls kann ich auch noch auf Eierlaufen zurück greifen, denn ich habe zwei Holzeier, die hier normalerweise unter der Rubrik Percussion-Instrumente laufen. Dazu zwei große Löffel, et voilà. Topfschlagen? Sehe ich am Ende von ab.

Wir organisieren Partytische und Bänke und tätigen einen Großeinkauf, der nicht nur einige Stunden Zeit in Anspruch nimmt (vom Zusammenstellen des Einkaufzettels mal ganz abgesehen), sondern dessen Endpreis an der Kasse im dreistelligen Bereich mit – ich zähle jetzt auch mal die anderen Besorgungen dazu – einer 3 davor, mich doch etwas schwindelig werden lässt. Genau so wie der Preis der Fensterputzer, die in nur einer Stunde und leider ziemlich oberflächlich alle unsere Fenster putzen. Nun ja, zumindest kann man jetzt erst einmal wieder durchgucken und die Gäste erhalten somit vielleicht einen besseren Eindruck von meinem Sinn für Sauberkeit.

Showdown. 1 1/2 Tage verbringe ich in der Küche. Ok, ohne Kinder hätte es etwas weniger lange gedauert.Aber ohne Kinder hätte ich das auch nicht gemacht. (Ich selber feiere nämlich nie meinen Geburtstag). Ich stelle 3  Kuchen und ein zwei Blech Muffins her, außerdem Pizza-Muffins (was für ein Aufwand, was für ein Gematsche), zwei Salate und eine sauleckere Tomaten-Knoblauch-Butter sowie Pizzabrötchen. Mixie sei Dank! Desweiteren soll es am Abend kleine Bouletten (self-made), panierte Hühnerstückchen und kleine Bratwürstchen geben. Die kann man schnell noch nebenbei brutzeln, während einem die Kinder die Bude verwüsten. Und die Oma bringt auch noch Kuchen und Salat mit.

Dies war sicher der anstrengendste Teil von allem, aber ich habe gelernt: nächstes Mal gibt weniger, besser is‘ das!

3. Akt und Finale:

Das Ende unserer Vorbereitungen nähert sich dem Höhepunkt und wird eine zeitliche Punktlandung. Wir sind gerade so mit allem fertig, als die ersten Gäste in den sonnig-warmen (!) Garten schlendern. Ich habe sogar noch die Mitgebsel-Tüten rechtzeitig gefüllt.

Von da an nimmt das Schicksal seinen Lauf. Läuft aber ganz gut. Die von mir als Geschenk georderten Wasserbomben und der spielverrückte Papa vom Kindergartenfreund nehmen schon einmal viel Aufmerksamkeit der Kinder in Anspruch, und somit Zeit, in welcher die lieben Kleinen gut beschäftigt sind.

Irgendwie wandern die Kinder zum Spielen auch immer wieder in das Haus – mit ihnen der Inhalt des Sandkastens  (zumindest in Teilen) und aus dem Haus wandert das Spielzeug und verteilt sich in unserem Garten. Ich nehme es gelassen und trinke noch ein Glas Holunderblüten-Prosecco und freue mich, dass die Zeit so schnell vergeht. Die Kinder freuen sich auch und mein Sohn verteidigt immer wieder mit viel Gebrüll sein Fahrrad und sein Laufrad vor der Invasion. Dann lieber noch einen Prosecco bitte! Das Kuchenbuffet ist eröffnet, später auch das Abendbuffet. Finde ich so am besten, jeder kann sich im Esszimmer direkt an der Terrasse bedienen, wie er mag. Zwischendurch tragen wir dreckige Teller und Besteck ins Haus, und Kinderteller mit Unmengen an nicht gegessenem, aber anstandshalber zumindest zermatschten Kuchen. Ähnlich wird es dem Abendessen ergehen. Kurz angeleckt und dann… Spielen ist eben interessanter!

Am Ende räumen wir noch so weit auf, dass man wieder durch Haus und Garten kommt, ohne unwillentlich auf irgendetwas zu treten. Der Rest kommt am nächsten Tag dran, inklusive Sand Staub saugen.

 Nachspiel

Die Bude ist wieder einigermaßen sauber und wir ernähren uns noch tagelang von den Resten, ich friere Kuchen ein. Hatte aber auch etwas Gutes, dieser Überfluss, denn wir hatten am nächsten Tag noch einen netten (Fress-)Abend mit den Eltern des einen Jungen. Die sind eh klasse und wir haben immer viel Spaß zusammen.

Fazit: Eigentlich bin ich froh, dass KindNr. 1 während des Sommerurlaubs Geburtstag hat. Wie ich all das hätte schaffen sollen, während ich auch noch arbeiten gehe, das male ich mir erst dann aus, wenn dieser Fall einmal eintreten sollte.

Nur noch wenige Wochen bis zum 3. Geburtstag von KindNr. 2. Äh, mal sehen… .

Urlaub im Hotel Mama / -Oma

20160807_130230

Hotel Mama – natürlich mit Gartennutzung (Bildrechte: Dieverlorenenschuhe)

Was gibt es besseres als ein schönes „Hotel Mama“?!

Wir lieben es als Heranwachsende, als Studenten, die wieder einmal nach Hause zurückkehren oder eben auch, wenn wir selbst bereits Eltern sind und einfach mal etwas Entlastung im Alltag wünschen. Also am besten weniger Alltag. Weniger Wäsche, weniger Kochen und weniger Putzen. Weniger von dem, was den Tag so nervig machen kann.

Nach dem wir bereits im Mai das Weite gesucht hatten und mit unseren Kindern in den Urlaub* gefahren sind, hatte ich lange überlegt, ob wir während der Sommerferien eine weitere Reise antreten sollten, habe mich aber schlußendlich dagegen entschieden. Nicht nur, um den Geldbeutel zu schonen, sondern auch unsere elterlichen Nerven. Da wir uns derzeit einfach in der Hauptsaison (und vielleicht auch sonst eher nicht) eines dieser attraktiv erscheinenden Familienhotels mit Kinderbetreuung einfach nicht leisten können (wollen), uns aber zurzeit eine erneute Woche mit 24 Stunden Rundumbetreuung unserer Kinder nicht mehr zumuten wollten, blieb nur ein Reiseziel: Hotel Mama! All inclusive! Bettwäsche, Handtücher, Endreinigung und natürlich Vollpension. Ein großer Garten zur Mitbenutzung und neuerdings (!) auch zeitweilige Kinderbetreuung, z. B. in Form eines Hundes zum Gassi gehen (KindNr. 1 ist dann erst mal ein Stündchen außer Haus) oder stundenlanges Spielzeugautos-durch-die-Gegend-Schieben (wieder ist KindNr. 1 sehr glücklich) durch (Stief-)Opa’s-1:1-Betreuung (und der Opa hatte zu unserem Glück auch noch Urlaub), oder auch ein paar andere Erwachsene, die im Garten oder Haus mal ein Auge auf die Kinder haben, während man selber in Ruhe aufs Klo / unter die Dusche gehen kann oder sich mal eben unter den großen Walnussbaum auf eine Decke fläzt. Die Kinder sind jetzt in einem Alter, wo das geht. Absolutes Neudingens: die Eltern fahren in ein Luxus-Restaurant essen und lassen die Kinder von den Großeltern ins Bett bringen. Hat super geklappt! KindNr. 2 schlief nur etwas sehr spät ein.😉

Tag 1: Nachmittags um 14:30 Uhr sind wir endlich soweit und können losfahren. 300 km ins Hotel Mama / -Oma liegen vor uns. Die Mama (also in dem Fall ich) hat den ganzen morgen gepackt. Der Papa schafft das Zeug ins mittlerweise sehr geräumige (weil neue) Auto und los geht’s.

Vier Stunden später sind wir am Ziel. Und weil beide Kinder so schön im Auto geschlafen haben, wird die abendliche Schlafenszeit natürlich großzügig nach hinten verschoben. Gäääähn!

Tag 2: Wie immer schläft der Papa mit KindNr. 1 in einem Zimmer und Mama mit KindNr. 2 in einem anderen, denn das Haus ist klein und so sind auch die Zimmer. KindNr. 2 schläft etwas länger, das ist schön. Es folgt ein ausgedehntes Frühstück  und Kinder, die im Schlafanzug im Garten herum laufen. In Ruhe duschen hat was. In der Nähe vom Hotel Mama ist ein Spielplatz, auf dem wir den restlichen Vormittag verbringen. Dann ruft das Mittagsmenu aus der stets hervorrangenden Küche à la Hotel Mama.

Am Nachmittag steht ein ungewöhnlicher Besuch auf dem Programm. Wir besuchen unsere Großtante. Ich selbst habe sie seit über 15 Jahren nicht gesehen. Das letzte Mal auf dem 60. Geburtstag meines Vaters. Es ist also einiges an Zeit vergangen seit damals. Sie hat mich auch nicht gleich erkannt. Diese Tante war die Lieblingstante meines Vaters, die Frau, die ihn (mit) groß gezogen hat. Nächsten Monat feiert sie ihren 90. Geburtstag. Sie hat Papa überlebt. Ich habe sie nicht nur in guter Erinnerung, ist sie doch eine anstrengende Person (gewesen). Aber sie war auch für uns da, als sich meine Eltern damals getrennt hatten. Nun erzählen wir über 2 Stunden lang. Sie erzählt sehr gerne von früher. Ein bißchen Glück ist es, dass KindNr. 1 nicht mit wollte. So haben wir mehr Ruhe. Und KindNr. 2 schläft auch erst mal ein Stündchen im Altenpflegeheim auf dem Teppich (was sich natürlich später rächen wird, allerdings an diesem Abend nicht für uns). Hier lebt die alte Dame seit 4 Jahren. Nach einem Schlaganfall, der ihren noch gesunden linken Arm lahm legte, ist sie auf Hilfe angewiesen. Ihr rechter Arm ist seit ihrer Geburt ohne Unterarm und Hand. Warum habe ich sie erst jetzt besucht? Ich habe mich nie getraut. Aber nach dem Tod unseres Vaters hatte sie meinem Bruder und mir eine sehr liebe Karte geschrieben, und dafür wollten wir uns persönlich bedanken.

Nach dem wir zurück sind, ist auch bald Abendbrotzeit. Hätte ich nur nicht so viel zu Mittag gegessen, denke ich, als mir der Mann kurz vor der Abendbrotzeit verkündet, dass wir zwei heute noch essen fahren werden. Er hat da etwas ausgesucht. Wir machen die Kinder soweit bettfertig und wünschen den Großeltern viel Glück für den restlichen Abend. Dann fahren wir 30 km, um bei bekanntem Landadel festlich (und sehr teuer!) zu speisen. Zum Glück hatte ich ein schönes Kleid und eine feinere Jacke eingepackt. Wir gönnen uns ein 3-Gänge-Menü, werden hervorragend bedient und ich bekomme auch noch ein Wein-Menü dazu. Das in Kombination mit zu viel Schokolade zum Dessert vertrage ich allerdings nicht so gut. Die Nacht wird etwas hart für mich. Schade um das gute Zeug!

Tag 3: Der dritte Tag beginnt daher für mich nicht ganz so angenehm. Ich brauche etwas, bis ich in Gang komme. Zu meinem Glück ist KindNr. 2 erst kurz vor unserer Ankuft nach 23 Uhr richtig eingeschlafen (die arme Oma) und schläft ein wenig länger am nächsten Morgen.

Am späten Vormittag steht ein für die Kinder neues Event auf dem Programm. Nach neun Jahren trauen sich ihre Eltern endlich wieder einmal auf Inliner, um in voller Montur eine ehemalige, jetzt seit vielen Jahren asphaltierte Bahnstrecke zu befahren. Der Anfang ist etwas holprig. Als ich den ersten Schwung nehmen will, trete ich erst einmal ins Leere. Mist, es sind keine Schlittschuhe, sondern Roller Blades unter meinen Füßen! Die Kinder benutzen ihre Laufräder, um den Eltern zwischen den Beinen herum zu fahren und sie zu etwas zu zwingen, was nicht gerade zu deren Stärke bei dieser Sportart gehört: das Bremsen. Aber schnelles Fahren ist ohnehin kaum möglich, so gelingt auch das Bremsen mehr oder weniger sicher. Wir haben trotzdem Spaß und kehren nach 1 1/2 Stunden zufrieden zu unserem Auto zurück. Nicht zu vergessen, dass wir ein paar schöne Steine gefunden haben. Mit denen haben wir noch etwas besonderes vor.

Am Nachmittag fahre ich mit meinem Bruder zu einem Anwalt für Familienrecht, dem bereits das Testament der bösen Stiefmutter vorliegt. Also ein gemeinsames Testament von ihr und unserem kürzlich verstorbenen Vater. Leider und so unglaublich die ganze Geschichte erscheint, ist das Testament gültig. Die alte Hexe bekommt allerdings dieser Tage Post von besagtem Anwalt. Wir klagen unseren Pflichtteil ein. Leider wird sie am Ende immer noch mehr kriegen als uns lieb ist, aber rein rechtlich dürfen wir nicht leer ausgehen. Der Streitwert, also unser Elternhaus, ist nicht allzu viel wert. Hier geht es uns in erster Linie um das Prinzip, einer Frau, die 25 Jahre auf dieses Erbe gewartet hat, unseren Vater gerade in seinen letzten Lebenswochen (aber auch schon viele Jahre zuvor) richtiggehend gequält hat, am Ende nicht ihren Willen zu lassen.

Tag 4: Wir treffen noch Vorbereitungen für den 5. Geburtstag von KindNr. 1 am nächsten Tag. Also Kuchen backen. Es wird eine Gemeinschaftsproduktion von Oma, Papa und mir. Außerdem bemale ich mit den Kindern die Steine. Allerdings habe ich – wie komischerweise so oft an Samstagen – meinen berühmten Durchhänger und döse am Nachmittag erst mal über eine Stunde, während die Kinder im Garten spielen. Gut, wenn andere Aufpasser bereit stehen. Dank Hotel Mama ist so etwas möglich.

20160807_130522

Für jedes Lebensjahr einen Luftballon (Bildrechte: DieverlorenenSchuhe)

Am Abend geht es bei herbstlichen Temperaturen zu einer Sommerparty in mein Heimatdorf. Der beste Freund meines Bruders und dessen Schwester feiern zusammen ihren 101. Geburtstag. Eine große Feier im Garten, direkt an Äckern gelegen und mit einem weiten Blick über meine Heimatgemeinde, dazu Live-Musik. Auch die Kinder haben Spaß an der ungewohnten Aktion und laufen munter durch die Tische und Bänke und rocken zur Rockmusik. Trotzdem brechen wir um 21:30 Uhr auf, das reicht für die Kids. Sie schlafen aber erstaunlicherweise nicht im Auto ein, sondern erst einige Zeit später in unseren Schlafkojen…

Tag 5: … und sind viel zu früh wieder wach. Gääähn!

Herzlichen Glückwunsch, Luftballons und Geschenke. Grillen bei endlich mal wieder sommerlichem Wetter und Kuchen am Nachmittag. Der Kindergeburtstag ist ganz nach meinem Geschmack. Nur zwei Kinder und ein paar Erwachsene.

20160807_165352

Ein Stück vom Geburtstagskuchen. Kein Meisterwerk, aber wie vom Kind gewünscht: Schokolade mit Erdbeeren. (Bildrechte: Dieverlorenenschuhe)

Am Nachmittag besuchen wir das (vermutete!) Urnengrab unseres Vaters, da wir auf der eigentlichen Beerdigung nicht dabei waren. Ich, weil ich auf Dienstreise war und die böse Stiefmutter „alles schnell hinter sich bringen wollte“, ergo nicht warten konnte mit dem Termin und mein Bruder aus reinem Protest und um den anderen zu zeigen, was abgeht wegen ihres Verhaltens, ebenfalls nicht hingegangen ist. Wir legen die bemalten Steine auf die Stelle, wo wir die Urne vermuten und ich lese mein Lieblingsgedicht „Stufen“ von Hermann Hesse vom Handy ab. Anschließend packe ich mein Instrument aus und spiele den zweiten Satz des berühmtesten Konzerts für dieses Instrument. Kalt, aus dem Stehgreif und leider mit 2-3 Kieksern, weil die Sonne dann doch nichts ist für dieses Instrument und dieses Stück auf dem „grünen Rasen“ eben anders klingt als in einem Raum mit Hall. Bin trotzdem zufrieden. Hatte mir das vorgenommen und habe es gemach! Anschließend lege ich die Steine vor die Gedenkstätte der anonymen Urnengräber. Bin gespannt, ob sie in zwei Wochen noch da sind.

Tag 6: …dient in erster Linie dem Verpacken und Abreisen aus dem Hotel Mama. Am Ende hinterlassen wir wie so oft eine Schneise der Verwüstung. Es mag egoistisch erscheinen, aber im Hotel Mama gehört es zum guten Service dazu: sind die Gäste fort, wird eben aufgeräumt, die Betten abgezogen und die benutzen Handtücher gewaschen und einmal kräftig durchgestaubsaugt. Bis zum nächsten Besuch.

Nachmittags um kurz nach 14 Uhr geht es abermals los und gute 4 Stunden später sind wir zurück in unserer „Villa Kunterbunt“. Helau! Damit ist der Urlaub im Hotel Mama vorerst beendet. Wir kommen wieder!🙂

 

 *Urlaub mit Kindern: die einen lieben es, die anderen sehen darin eine der größten Herausforderungen ihres Erwachsenenlebens.

„Ich glaube, er hat Schluss gemacht“

Der Sichelmond steht am Himmel, die Grillen zirpen. Endlich schlafen die Kinder. Wurde auch Zeit, ist immerhin schon Viertel vor Zehn. Fast zu spät und zu kalt für einen ruhigen Sommerabend im Freien, auf den sie nun schon seit Stunden hingefiebert hat. Mit Kindern erfüllen sich solche Wünsche selten. Sie ist selber müde, aber auch noch hungrig nach Ich-Zeit, me-time, wie man auf Neudeutsch gerne sagt. Einfach nur da sitzen und lauschen. Ruhe, also zumindest fast. Absolute Ruhe ist auch abends um 22 Uhr in einer Kleinstadt schwer zu finden.

Sie hängt ihren Gedanken nach. Es fühlt sich komisch an. Nach so vielen Wochen herrscht plötzlich Funkstille. Schlimmer noch. Es wurden ihr mehrere Wochen Auszeit verkündet, mehr als erwartet. Sie war zunächst irritiert, fragte sich, was in der Zwischenzeit geschehen sein könnte. „Ich glaube, er hat Schluss gemacht“, denkt sie. Und zu der Traurigkeit mischt sich so etwas wie Erleichterung. Jetzt wird alles so wie früher. Mal unterhält man sich, mal ignoriert man sich. Man geht seiner Wege, jeder den seinen. So wie all die vielen Jahre zuvor. Besser ist das.

Alles nur geträumt

Ihr kommt der Gedanke, dass die letzten sechs Wochen womöglich nur geträumt waren. Gleich wacht sie auf. Alles wieder beim Alten. Das was war, das war gar nicht. Das wird auch nie sein. Solche Hirngespinste von ihrem kranken Geist. Ein leichter Anflug einer Midlife Crisis vielleicht. „Einmal verrückt sein und aus allen Zwängen flieh’n“. Ja, wie war das nochmal. Noch niemals war sie in New York oder San Francisco. Von Hawaii träumt sie erst gar nicht. Da ist es, ihr Leben. Spiessig und eintönig, immer der gleiche Trott. Aber auch wenn diese „Geschichte“ gar nicht wirklich war, so hat es ihr doch gezeigt, worauf es (ihr) ankommt. Sich selber nicht ganz zu verlieren. Nicht immer nur für andere da zu sein, sondern auch für sich selbst. Vor allem für sich selbst. Ihr Leben ist das immer noch. Ihre Bedürfnisse und ihre Wünsche und Träume. Nur wenn sie da dran bleibt, kann sie auch für andere nützlich sein.

„Ich glaube, er hat Schluss gemacht“, denkt sie erneut. Sie will nicht mehr warten, nachts beim Aufwachen nicht an ihn denken und das Handy nach einer Nachricht absuchen. Nicht an etwas hängen, was vielleicht nie (wirklich) stattgefunden hat. War wohl doch alles nur Einbildung. Sie seufzt erleichtert. Alles wird gut!

Alter schützt vor Torheit nicht – ein Liebesdrama in mehreren Akten

P1000336

Bildrechte: Dieverlorenenschuhe

Sie hat die magische 40 längst überschritten, auch wenn sie sich vom Kopf her nicht so alt fühlt. In den Augen vieler ist sie es sicherlich. Kinder und Jugendliche werden sie als solch eine alte Frau wahrnehmen, wie sie selber in jungen Jahren die Ü30- oder Ü40-Leute um sich herum wahrgenommen hat. Alt und die beste Zeit hinter-sich-habend.

Doch jetzt kommt es ihr fast so vor, als sei sie wieder 20. Wenn überhaupt. Wann hatte sie dieses Gefühl das letzte Mal erlebt? Verliebtheit! Verrückt, in ihrem Alter…  und vor allem in ihrer Lebenssituation. Verheiratet, wenn auch nicht ganz so glücklich wie einst erträumt, zwei Kinder, einen Hauskredit in schwindelerregender Höhe und neuerdings zwei nagelneuen Autos vor der Tür. Verbeamtet ist sie quasi auch. Ein richtig spießiges Leben also. Da fehlt eigentlich nur noch ein Lover, am besten natürlich ein U30. Man gönnt sich ja sonst nichts…

Frau wird doch wohl noch träumen dürfen

Nur wenige Wochen ist es her, als sie nach ihrem Burn-Out-Zusammenbruch erkannte, dass das Leben eben doch zu kurz ist, um alles auf später oder auf ein Nimmer-Wiedersehen zu verschieben. Sie hat nach wie vor Wünsche. Und ja, sie hat nach wie vor Bedürfnisse. Jahrelang hatte sie sich quasi nicht mehr selbst gespürt. Lange Zeit hatte sie das, was sie ausmachte, total verdrängt. Schon immer ein eher nachdenklicher, tiefsinniger und melancholischer Mensch, hatte sie doch auch immer das Leben geliebt, ja, geliebt, gefeiert und getanzt. Und mehr als ein Mal zu oft ihr Herz verschenkt. Verliebt, so oft verliebt, immer auf der Suche nach Liebe und Gesehen-werden um ihrer selbst Willen, das hatte sie sich gewünscht, und so ein ums andere Mal ihr Herz an den Falschen vergeben.

Und von dem einen, da kam sie auch ewig lange nicht mehr richtig los. Sie waren fast 5 Jahre ein Paar. Er sah sie auf einer Party und liebte ihr Lächeln (damals noch mit zahnspangenbegradigten Zähnen, was sich im Laufe der Jahre wieder gegeben hat). Sie wollte nichts von ihm. Sie war gerade noch in einen anderen Typen verknallt, der sich im alkoholisierten Zustand gerne nach Hause fahren und verführen ließ.

Doch die Wochen in diesem denkwürdigen Herbst vergingen und mit der Vehemenz dieses Verehrers kam die Liebe. Er sah sie – zumindest damals. Stürmische 1 1/2 Jahre folgten, aber nach ihrem Umzug in ihren Studienort kam die Ernüchterung. Die Wochenendbeziehung bröckelte, ihr mangelndes Selbstbewusstsein und ihre Eifersucht ließen ihn kapitulieren. Er suchte sich eine andere und machte selber offiziell nicht Schluss. Dafür musste sie schon seine Mutter anrufen. Dieser Feigling.

Single sein und genießen?

Das konnte sie damals noch nicht so gut, einfach alleine auch glücklich sein. Sie brauchte immer jemanden. Heute wünscht sie sich oft, ungebunden zu sein. Damals aber kam ein knappes Jahr nach dieser großen Enttäuschung ihr Mann in ihr Leben. Sie lernte ihn zufällig über das Internet kennen. 15 Jahre ist das her. Es war für sie nie die große Liebe aus dem Märchenbuch. Und dazu fühlte sie sich auch nicht mehr im Stande. Es sollte etwas sein, was Sicherheit gab nach all den Enttäuschungen zuvor.

Verliebtsein, Liebeskummer, jemanden vermissen, sich so sehr wünschen, mit diesem jemand zusammen zu sein, sei es körperlich wie auch das Leben mit ihm zu teilen, diese Gefühle kannte sie schon lange nicht mehr. Und jetzt überwältigt es sie. Sie hofft, es dauert nur kurz. Immerhin ist sie erwachsen, eine Frau in der Mitte ihres Lebens. Da gehört sich so etwas nicht mehr! Da geht man anders damit um als damals, als man noch hormongesteuert und mit Bauchgefühl durch die Gegend stolperte. Heute stellt man sich doch der Realität, dass sich nach einer langen Beziehung mit vielen Up’s and Down’s eben nicht mehr immer Schmetterlinge im Bauch befinden.

Vielleicht ist es einfach der Wunsch, noch einmal wieder gesehen zu werden. Sie möchte endlich einmal wieder angenommen werden wie sie ist, ohne ständig für jede Kleinigkeit kritisiert zu werden. Sie kann das  Gemeckere oft einfach nicht mehr hören. Und dieses Gefühl, immer an jedem noch so kleinem Sch*** Schuld zu sein, die Schuld zugeschoben zu bekommen, möchte sie einfach endlich ablegen. Immer sie, nie der andere! Auf Dauer und unter dem Stress des alltäglichen Lebens ist das einfach nur zermürbend.

Träumen für  Fortgeschrittene

Mit ihm, so ist sie sich sicher, gäbe es das nicht. Nicht HEUTE, nicht nach all den Lektionen, die sie in den vergangenen Jahren gelernt hat. Und vorher? Sie weiß es nicht. Es ist müßig, darüber nachzudenken, „was wäre gewesen, wenn…“ oder „was könnte sein, wenn…“. Sie weiß nur, dass sie nicht aufhören kann, an die gemeinsame Zeit zu denken. Sie sollte sich zwingen dazu, aber es geht nicht. Sie hat die Freiheit gespürt und das glückliche Leben erahnt. Sie möchte noch nicht so schnell aus diesem Traum erwachen!

Diese „Liebesgeschichte“ hat  eine längere Vorgeschichte. Und deswegen kann sich diese einer gewissen Tragik nicht verwehren. Sie hat nicht einfach jemanden neues kennengelernt. Er war schon lange da. Auch hat sie ihn in all den Jahren nicht übersehen, sondern ihre Gefühle für ihn regelmäßig verdrängt, gar unterdrückt. Zur Seite geschoben und sich gesagt, „is‘ halt Pech, vielleicht im nächsten Leben. Ihr hattet Eure Chance – oder eben auch nicht“. Zumindest hatte sie nie jemand von beiden genutzt. Wieso also dann jetzt all das? Wieso kommt er erst jetzt mit dieser Deutlichkeit „um die Ecke“? Das hätte er doch damals schon tun können. Zum Beispiel vor 7 Jahren während dieser anderen großen Dienstreise, bei der sie beide dabei gewesen sind. Was soll das also nun, zu einem Zeitpunkt, wo keine andere Entscheidung mehr möglich zu sein scheint?!

Happy Ending… gibt es nur im Film

Und sie vermutet es ganz stark: wenn auch er tatsächlich all die Jahre etwas für sie empfunden hat, und dieses Gefühl jetzt – aus welchen Gründen auch immer – weiteren Nährboden erhielt, dann kann das nur Torschlußpanik sein! Ja, so nennt man das, wenn ein Mann im Begriff ist, einen nicht mehr rückgängig zu machenden Schritt zu tun. Ebenfalls in der Lebensmitte, kurz vor der 40. Ein magisches Alter. The Point Of No Return!

Er hat das Haus für die andere gebaut. Er wird vielleicht auch noch einen Baum pflanzen. Und in nicht allzu ferner Zeit wird er wissen, ob er dieses Zimmer in Rosa oder doch Himmelblau streichen soll (die Autorin empfiehlt im übrigen ein neutrales Gelb oder Beige!). Endgültig zu spät. Sie schüttelt den Kopf. Wieso macht sie sich überhaupt Gedanken darüber? Jetzt ist es nun einmal zu spät. Wenn man nicht zu den total Mutigen gehört. Die gibt es auch. Die setzen tatsächlich alles aufs Spiel, wenn die Gefühle sie übermannen. Die Feiglinge erstarren und harren aus in der Situation, in der sie sich schon so lange befinden. Sie gehört nicht zu den Mutigen. Er auch nicht.

Das Heute – auch immer eine Reise in die eigene Vergangenheit

Sie denkt an all das, was war und an alle, die da waren, und an ihre Gefühlsduseleien von damals. Sie denkt an die kurzen Ausflüge, die andere in ihr Herz machten. Irgendwelche bekloppten Musiker in irgend welchen Orchestern. Der norwegische Klarinettist gefolgt vom norwegischen Schlagzeuger. Die Norweger haben eben etwas magisches an sich, sie strahlen so viel Ruhe und Gelassenheit aus, findet sie. Dazwischen der Dirigierstudent aus W. Nie wieder kann sie Le Sacre du Printemps oder den ersten Teil der Filmmusik zu Harry Potter hören, ohne wehmütig an ihn zu denken. All das war nur einseitig. Vergessen hat sie es trotzdem nicht.

Das hier ist nicht neu. Das war doch so ähnlich alles schon mal da, denkt sie. Nur dieses Mal betrifft es sie wirklich. Irgendwann im Leben kann man nicht mehr so oft neu anfangen. Irgendwann ist es eben alles vorbei. Er berührt eben etwas in ihr. Das war irgendwie schon immer so, und sie kann sich nicht erklären, woher das kommt. Einfach da, einfach schön. Sie hatten eine schöne Zeit. Harmlos fing sie an, so wie immer. Miteinander verbrachte Zeit. Nicht im Traum hätte sie daran gedacht, dass er dieses Mal mehr daraus entstehen lassen würde. Jetzt ist es so. Sie hat vom Kuchen gekostet, sich erinnert, dass da in ihrem Herzen schon immer so viel Platz für ihn war.

Sie siniert darüber, was sie hätte haben können. Immer wieder hatte sie es geahnt, die ganzen vielen Jahre über. Jetzt hat sie für sich persönlich die Gewissheit geschaffen. Und diese Gewissheit hat etwas schmerzliches. Ein Zurück, ein nachträgliches Zurechtrücken des eigenen Lebensweges käme einem schweren Erdbeben gleich. Und doch träumt sie sich manchmal in diese Möglichkeiten hinein, ganz still und heimlich. Andere tun es doch auch. Und sie denkt an ihre Freundin gleichen Alters. Ihr Lover ist wirklich nur ganz knapp U30, und darf man einem solchen Mann den eigenen Kinderwunsch verwehren, wenn Frau eigentlich schon eher aus dem Alter heraus ist? Und wie verrückt ist das denn? Wie kann sie überhaupt nur einen Moment an so etwas denken?

Es sind nur die Hormone, sagt sie sich, und die Sehnsucht nach etwas, was sie eigentlich schon seit ihrer Trennung von diesem Ex bewegt. Mehr als 15 Jahre hat sie gebraucht, um ihn gänzlich loszulassen. Die Sehnsucht nach etwas, das man nicht (mehr) haben kann. Da ist irgend etwas, was nur schwer zu erklären ist. Es hat etwas von Schicksal. Fate – wie man im Englischen sagen würde. Negativ besetztes Schicksal. Und sie denkt hin und her, aber sie findet keine Lösung. Sie merkt nur, dass es weh tut, und das sie immer noch mehr will, aber auch, dass sie zur Ruhe kommen kann, wenn sie sich nur genug Mühe gibt. Ein Teil von ihr ist noch dort, in diesem großen Land. Doch nach und nach kehrt sie zurück in ihre Alltagspersönlichkeit, beladen mit Frust und Resignation.

„Ein Liebhaber muss her, eine schöne Affaire, um sich etwas abzulenken“, dachte sie also vor ein paar Wochen. Das Universum erhörte ihren Wunsch, verhörte sich dabei und lässt sie nun am langen Arm zappeln. „Dann eben nicht! Werde ich eben ohne Lover alt und faltig und komplett unansehnlich. Schwelge ich weiter in Erinnerungen an längst vergangene Zeiten“.

Das Leben ist eben kein Wunschkonzert!

 

Das Ende einer Kindheit

„Was ist Heimat?“ hatte ich vor einiger Zeit einmal gefragt. Meine Heimat ist zumindest nicht die Region, in der ich nun schon seit 7 bzw. 11 Jahren lebe.  Davor habe ich 8 Jahre in (m)einer Studentenstadt verbracht. Insgesamt bin ich seit 19 Jahren nicht mehr in meiner Heimatregion ansässig, sondern für Studium und Beruf einige Male umgezogen. Gleich nach dem Abitur zoges mich in eine 80 km entfernte Großstadt, aus der ich aber der Liebe wegen noch einmal kurz in meine Geburtstadt zurück kam.

Ich habe eine lange Phase des Heimwehs hinter mir. Ich habe lange geglaubt, ich müsse unbedingt an die Orte meiner Kindheit und Jugend zurück kehren, damit es mir endlich besser geht. In den letzten Monaten und Wochen hat sich aber in mir etwas verändert. Ich konnte Abschied nehmen von dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, als ich Ende April dort noch einmal spazieren gegangen und auch durch die Straßen gefahren bin. Vielleicht habe ich geahnt, dass es auch irgendwie ein Abschied für immer sein würde. Was nicht heißt, dass ich nie wieder dort verweilen kann. Im Gegenteil: irgendwann möchte ich mit meinen Kindern dort sein und ihnen zeigen, wo ich selber als Kind gelebt und gespielt habe. Allerdings wird mein Elternhaus nun für immer davon ausgeschlossen sein.

Ein Tag im Oktober

Ein Mittwoch Ende Oktober, Ende der 80iger Jahre. Ich war 13 Jahre alt, mein Bruder 21. Ich kam aus der Schule nach Hause, 8. Klasse Gymnasium. Es waren alle im Esszimmer versammelt und meine Mutter saß auf gepackten Koffern. An viele Einzelheiten kann ich mich nach fast 30 Jahren nicht mehr erinnern, aber es ging nicht ohne Tränen ab, das ist klar. Meine Mutter verließ an diesem Tag das Haus, welches sie keine 18 Jahre zuvor zusammen mit meinem Vater und mit ihren eigenen Händen erbaut hatte. Eine schwierige Ehe und eine schwierige Zeit für meine Mutter nahmen an diesem Tag ein Ende. Damit zerplatzen auch Träume und Hoffungen, Wünsche und Vorstellungen von einem Leben, das sie als gerade einmal 18jährige an diesen Ort gebracht hatte. Für meinen Vater hatte sie selbst einst ihre Heimat verlassen.

Nun war sie fort. Ich weinte eine ganze Woche nach ihr, dann wurde ich ruhiger. Ich sah sie 9 Monate nicht, obwohl sie anfangs nur ein paar Häuser weiter bei meiner Oma lebte. Dann gab es einen Versuch von ihr, zu unserem Vater und in dieses Haus zurück zu kehren. Der Versuch scheiterte. Ich konnte sie etwas besser verstehen, trotzdem sollte es noch ein Jahr dauern, bis über meinen Bruder wieder ein innigerer Kontakt zwischen meiner Mutter und mir entstand. Mit Narben, aber immerhin.

Von einem Tag auf den anderen musste ich damals erwachsen werden. Mein Vater war chronisch krank, mein Bruder „hauste“ (japp!) bei der Großfamilie seiner schwangeren Freundin, und ich versuchte weiterzuführen, was meine Mutter bis dahin gemacht hatte. Ich putze das Haus, wusch die Wäsche und bügelte sie und ernährte meinen Vater und mich. Die ein oder andere ungesunde Tütensuppe fand damals ihren Weg in meinen hungrigen Magen. Egal, ich war ohnehin dünn, da kam es darauf nicht mehr an. Am ersten Weihnachtsfest machte ich die Pizza, die meine Mutter immer gemacht hatte. Es war Tradition, und ist dies im Übrigen bis heute, sowohl bei meiner Mutter, wie auch in meinem eigenen Haus.

In der Schule folgte eine schwere Zeit, was am Ende des Schuljahres dazu führte, dass ich die 8. Klasse einfach noch mal machte. Immerhin habe ich dann 6 Jahre später erfolgreich mein Abitur in der Tasche gehabt. Und ich habe ohnehin in diese zweite Klassengemeinschaft viel besser gepasst und dort viel Spaß gehabt.

Die Wohngemeinschaft in Haus Nr. 20

Mancher wird sich fragen: wieso ist sie nicht einfach mit ihrer Mutter fortgegangen? Ja, ich hing damals zumindest mehr an ihr als an meinem Vater. Mein Vater war zwar da, aber richtig um mich gekümmert hatte sich eben immer nur meine Mutter. Ich aber wollte zu dem Zeitpunkt, gerade in der Pubertät und auch noch schwer verliebt, dieses Dorf nicht verlassen. Um keinen Preis der Welt! Also blieb ich dort. 7 Monate später wurde mein Bruder Vater und zog mit Frau und Tochter in das kleine Haus, wo beide ein Zimmer bewohnten. Wir waren eine Wohngemeinschaft, in der es den üblichen Streit um die Ordnungsverhalten und Hausarbeit gab. Aber es war auch schön für mich. Ich hatte mit meiner Schwägerin die nur wenige Jahre ältere Schwester, die ich mir immer gewünscht hatte. Das Haus war oft voll mit Leuten. Meine Schwägerin und ich gingen tanzen, während mein Bruder auf das Kind aufpasste. Wenn er fort war, redeten sie und ich stundenlang über Männer und ähnliche weltbewegende Themen in diesem Alter oder machten Gläserrücken, währen das Baby neben uns schlief. Als ich das erste Mal meine Tage bekam, relativ spät mit 14 Jahren, hatte ich meine „große Schwester“, die für mich zum Laden im Dorf ging und alles nötige besorgte. Das hat sie eine ganze Weile getan, bis ich mich selber traute. Und wir konnten Klamotten tauschen. Ja, in meiner Erinnerung war und ist das eine schöne Zeit.

Und dann kam sie

Sie war einfach da, von einem Tag auf den anderen irgendwann im Jahr der Deutschen Einheit. Sie brachte noch ihren Sohn mit, 3 Jahre älter als ich und ein unausstehlicher Typ. Ossis! Heute kann ich sagen: Erbschleicher. Meinem Bruder und mir war ziemlich schnell klar, was diese Frau wirklich wollte: einen chronisch kranken Mann mit Haus, den sie beerben konnte.

Dass unsere damalige Vermutung wahr geworden ist, darüber haben wir nun nach dem Tod unseres Vaters die traurige Gewissheit bekommen!!

Papa machte damals einen Fehler: er kündigte uns den Einzug seiner Freundin in unser Haus nicht mit einem Wort an. Und er, der nicht alleine sein wollte, ahnte vielleicht nicht, dass sie uns aus dem Haus ekeln würde. Es war eine schlimme Zeit für mich. Ich hörte sie mit der Dialysefrau über mich reden. Obwohl sie mich doch gar nicht kannte, erzählte sie Dinge, die einfach nicht stimmten. Und in einem kleinen Dorf machen auch Lügengeschichten schnell ihre Runden. Erst die Trennung meiner Eltern und das Gerede im Ort und die Verleumdung meiner Mutter und jetzt das. Ich solle doch dahin zurück gehen, wo ich hergekommen sei, zu meiner Mutter, sagte sie, während sie in dem Haus stand, in dem ich bis dahin mein ganzes Leben verbracht hatte.

Ich hatte genug! Mein Bruder zog irgendwann aus, und auch meine Mutter und ich suchten uns eine gemeinsame Wohnung in der wenige Kilometer entfernten  Stadt, in der ich geboren war und das Gymnasium besuchte.

Mit knapp 17 Jahren verließ ich mein über viele Jahre geliebtes Elternhaus. Zeitgleich wurde ich von einigen eifersüchtigen und neidischen „Damen“ aus meinem Musikverein gemobbt, weil ich mit dem Dirigenten, immerhin 12 Jahre älter als ich, eine Beziehung hatte und „ätsch, sie spielt ja 2 Instrumente und wird immer bevorzugt, heul, heul“ und ging in den besseren Musikverein in der besagten Kleinstadt. Mein Freund zog noch im selben Sommer mit in das Haus, in dem ich nun mit meiner Mutter und ihrem Partner lebte.

Endlich durfte ich Teenager sein, der nicht noch putzen und die Wäsche machen musste. Meine Mutter kochte wieder für mich und ich konnte zur Schule gehen und endlich auch Musikunterricht nehmen. Das wurde auch Zeit. Und natürlich die ein oder andere Geschichte mit dem männlichen Geschlecht, Liebeskummer ohne Ende, denn bald hatte ich mich von meinem Freund, dem Dirigenten aus meinem Dorf, getrennt und lies mir reihenweise das Herz brechen. Wie naiv… .

3 Jahre später machte ich mein Abi und zog erst einmal teilweise aus, weitere 2 Jahre später dann komplett mit allem, was ich hatte. 400 km entfernt lag die Stadt, in der ich nun weiter Musik studieren durfte. Der Zu-Dem-Zeitpunkt-Mein-Freund kam auch mit. Zumindest für ein halbes Jahr, dann hatte er keinen Bock mehr auf die Fremde und wollte wieder in den Kleinstadtmief zurück. Wir blieben noch 2 weitere Jahre zusammen, bis sich unsere Wege auf für mich sehr schmerzhafte Weise für immer trennten.

Es musste einmal so kommen

Nun ist mein Vater nicht mehr da und entgegen unseres Glaubens der letzten Jahre, verlieren mein älterer Bruder und ich damit auch unser Elternhaus. Nicht nur, dass wir unseren Vater viel schneller als erwartet an eine heimtückische Krankheit verloren haben, am Ende lässt er uns auch noch mit einem Erbstreit zurück. Nicht nur, dass sich seine 2. Ehefrau nicht an das Versprechen an seinem Totenbett gehalten hat, mit der Beerdigung zu warten, bis ich von meiner Dienstreise zurück bin, und am nächsten Tag schon den Termin angesetzt hat („Ich will es möglichst schnell hinter mich bringen, sonst zerbreche ich!“), nein, sie hat es geschafft, noch NACH der Diagnose Leukämie bei meinem Vater diesen dazu zu bringen, das seit Jahren bestehende Testament zurück zu ziehen und am Ende mit „Dies entspricht auch meinem Willen“ zu unterschreiben, was sie mit ihrer Handschrift irgendwo abgeschrieben oder vorgegeben bekommen hat. Aus einigen Quellen wissen wir, dass er noch wenige Wochen vor seiner Diagnosestellung einem Freund geklagt hatte, er würde sich am liebsten endlich von dieser Frau trennen. Und wir wissen, dass sie ihm – dem totgeweihten – täglich Stress wegen der Erbaufteilung gemacht hatte. Schon über 10 Jahre zuvor hatte sie über meinen Vater veranlasst, dass meine Mutter ihren Pflichtteil an dem Haus abtritt. Nach dem jetzigen Testament bekommen wir als leibliche Kinder des Verstorbenen gar nichts, und nach ihrem Tod müssen wir zwei alles zu je einem Drittel mit ihrem Sohn teilen – der mit dem Haus ja so gar nichts zu tun hatte. Sie aber darf das Testament noch abändern, sprich: mein Bruder und ich, die wir unsere Kindheit dort verbracht haben, bekommen am Ende gar nichts.

Wir wissen noch nicht, ob das Testament gültig ist und wie er ausgehen wird, der Rechtsstreit ums Erbe. Wir wissen nur, dass wir diese Person, die unseren Vater jahrelang schlecht behandelt hat und am Ende wie ein Stück Dreck verscharren ließ, ohne dass wir auch nur ein Wort über den Ablauf und die Art der Bestattung  oder gar den Zeitpunkt des Ganzen hätten mitreden dürfen, nicht so einfach davon kommen lassen. Wir wissen nur, dass wir unseren Vater vermissen und ungläubig dastehen und nicht fassen, dass er auch am Ende wieder dieses gutmütige Schaf war, das schon immer jedem Konflikt aus dem Weg gegangen ist. Gut, er wollte endlich seine Ruhe haben, und das kann ihm niemand verdenken.

Nach dem ich schon einmal mein Elternhaus verloren habe, weil ich dort ausziehen musste, habe ich das Gefühl, dass diese Geschichte, die im Jahr 1988 ihren Anfang nahm, nun zu einem echten Ende kommt. Loslassen, gehen lassen und nicht mehr zurückblicken ist sicher nicht immer die schlechteste Strategie, aber sie tut trotzdem gerade einfach weh.

Trauer wird vermischt mit Wut. Manchmal fehlen mir einfach die Worte.

 

A lovestory it could have been

20160709_124716

Bildrechte: Dieverlorenenschuhe

Das Leben schreibt verrückte Geschichten, manche kann man sich nicht ausdenken und manche stellt man sich einfach vor. Was wäre gewesen, wenn…

 

„Was will der Idiot von mir?“, dachte sie über ihren neuen Kollegen. So ein Kotzbrocken, ein Angeber, ein Schwätzer, ein Arschloch… .  Das war vor fast 10 Jahren.

„Ich heirate in Kürze!“ Hatte sie ihm das damals gesagt, als er neu bei ihnen war und er sie auf der Party so blöd anmachte, immer diese Sprüche in ihre Richtung? Sie weiß das nicht mehr so genau. Vielleicht hatte es ihm auch jemand anderes gesagt.

Wann hatte das Blatt sich gedreht? An welchem Punkt hatte sie angenfangen, ihn zu mögen, sich ein paar Jahre später gar über den Icq-Chat mit ihm zu unterhalten? Einer ihrer Lieblingskollegen. Nein, DER Lieblingskollege, das war er ab einem bestimmten Zeitpunkt. Mit phasenweisen Ausnahmen, immer dann, wenn er wieder zu viele blöde Sprüche in ihre Richtung ab ließ. Aber sie verstanden sich doch, saßen eine Zeitlang nebeneinander, spielten ihre Instrumente. Das funktionierte gut. Er war gut und irgendwie waren sie sich ähnlich. Und die Sprüche eines anderen Kollegen, das ist schon Jahre her, aber sie weiß es noch, „Ihr habt doch bestimmt irgendwann was miteinander!“ oder so ähnlich. Das war Quatsch, denn das hatten sie nie.

Sie bekam mit, dass er jetzt eine Freundin hatte. Wieso fühlte sich das für sie so komisch an? Sie schob das Gefühl schnell beseite, doch es tauchte immer wieder auf, wenn sie beide zusammen sah, sogar, wenn sie erwähnt wurde.

Auch wenn er ihr durch seine Launenhaftigkeit negativ auffiel und durch seine Dummschwätzerei, so konnte sie es doch gut: hinter die Fassade blicken. Ein intelligenter Mensch, für den sie ihn hielt, der verhält sich nicht einfach nur so. Es hat einen tieferen Grund. Aber sie sah auch die vielen kleinen „Versprechen“, die er dann doch nie wahr machte. Und dass sie sich nie sicher sein konnte, was er wirklich über sie dachte oder wie er gar über sie sprach, wenn sie nicht dabei war.

Vor vielen Jahren im Chat kamen sie irgendwann mal drauf, dass es mit ihnen vielleicht was hätte werden können, also auch von seiner Seite aus. Danach sprachen sie nie wieder davon.

„Ich möchte einfach nur, dass es Dir gut geht. Wenn es Dir gut geht, geht es mir auch gut!“ Das war auf der letzten Flugreise, damals im Herbst. Das hatte er wirklich gesagt.

Sie aber träumte. Keine Tagträume, aber die Träume, welche so real wirken konnten, kamen immer wieder des Nachts bei ihr zu Besuch. Dagegen konnte sie gar nichts machen, aber für einen kurzen Moment hatten diese Träume die Macht, sie zu verwirren. Und in den Momenten, wo sie sich trotz Ehemann und irgendwann auch trotz ihrer Kinder so verdammt einsam und unverstanden fühlte und sich endlich mal wieder nach Liebe und Bestätigung sehnte, nach jemandem, der sich wirklich für sie interessierte und ihr zuhörte, da fiel ihr immer niemand ein – außer er. Wenn nochmal irgendwer anderes, dann er. Jemand anderes, der diese diffuse (!) Anziehungskraft auf sie ausübte, lief ihr einfach nicht über den Weg. Doch, da waren mal welche, aber die waren ja noch weiter weg. Das war alles noch viel länger her. Und jemand neues erschien ihr nur in ihren Träumen, gewollt oder unbewußt. Die waren nicht real. Mit denen konnte man nicht sprechen oder sie gar anfassen.

Keiner da

Sie hatte es nicht kommen sehen. Sie hatte das Gefühlschaos nicht erkannt, bevor es nicht direkt vor ihr stand. Was war bloß geschehen? „1000 Mal berührt…“, dachte sie. Er war einfach da. Zum Essen gehen, in der Pause zum chillen, zum Spazieren gehen, zum Einkaufen. Essen, Kino, gemeinsam durch die unbekannte Stadt laufen, die immer vertrauter wurde. So wie sie beide. Komisch war das. Sie hatten einfach eine gute Zeit. Erst die Bilderrätsel, dann die ersten kleinen Bemerkungen. Und wie er öfter auf sie wartete, damit sie wieder gemeinsam gehen oder die Pausen miteinander verbringen konnten. Es war nicht unüblich, sie hatten das bestimmt schon öfter zuvor getan. Gerade auf längeren Touren wurden sie gerne zu einer Art Verbündeter. Verbündete gegen den Trubel und den Dummschwatz der anderen.

Aber wann hatte es bei ihm begonnen? War das erst hier geschehen oder schon vor längerer Zeit? Wieso aber war er ausgerechnet jetzt bereit, einen Schritt weiter zu gehen und nicht schon (lange) zuvor? „Es ist angenehm mit Dir!“ Ja, das konnte sie nachempfinden, das fand sie genau so. Ob beim Sich-Unterhalten oder auch Nebeneinander-Schweigen, es war immer schön irgendwie. Aber das war auch kein Alltag, sondern Dienst gepaart mit ein bißchen Urlaubsfeeling. Gutes Essen und das Meer vor der und den Wind um die Nase.

Und dann, der letzte Abend nahte, und sie war später als er zurück. Es war sehr spät, und sie lief nicht gerne alleine durch die große Stadt. Aber der letzte Bus war schon weg. Und da kam er ihr entgegen. Sie war fast am Ziel, aber er lief ihr entgegen. Sie erkannte ihn schon von weitem. Sie erkannt ihn an seinem Gang und sie erkannte ihn, weil sie nur ein paar Straßen zuvor diesen verrückten Gedanken gehabt hatte: „Was, wenn er mir jetzt entgegenliefe, damit ich nicht alleine mitten in der Nacht durch die Stadt rennen muss? Aber das geht nicht, er weiß ja gar nicht, wo ich lang gehe!“

Aber da war er, und eigentlich hätte sie jetzt etwas sagen müssen, etwas richtig liebes. Seine Hände nehmen und verstehen müssen, denn in dem Moment war es doch klar. Aber sie wollte nicht verstehen. Seit Tagen hatte sie gegrübelt und es nicht geglaubt. Warum auch? Jetzt, nach so langer Zeit? Und sie konnte jetzt nicht bleiben, verwirrt, irritiert, sie wußte einfach nicht, wie sie sich jetzt verhalten sollte. Das Herz sagte ja, und die Angst sagte nein.

Unter anderen Umständen und/ oder vor langer Zeit, da wären sie ein gutes Team geworden. Das hatte sie schon lange irgendwie gespürt, aber sie war sich nicht sicher gewesen, ob er das nur annährend auch so empfand. Doch, sie werden ein gutes Team sein, gemeinsam nebeneinander an ihren Instrumenten. Sie werden hoffentlich für lange Zeit nicht nur gute Kollegen, sondern auch Freunde sein. Mehr geht nicht mehr, dafür ist es längst zu spät!

(„Es ist nie zu spät!“)
20160709_130946

Bildrechte: Dieverlorenenschuhe

Aber für einen kurzen Moment durfte sie erahnen, wie es hätte sein können. Für einen kurzen Moment hat sie die Tränen um den Verlust in ihrer Familie mit den Tränen um den Verlust dieser Möglichkeit getauscht. Aber da ist auch diese Dankbarkeit, dass es doch noch geht, woran sie nicht mehr geglaubt hatte. Das sie dieses Gefühl noch einmal kurz spüren durfte, nur für zwei Tage. Dieses Gefühl, dass da doch noch mal jemand sein könnte, der sich für sie interessiert und sie annimmt, wie sie ist und sie versucht zu verstehen. Und sie einfach nur mal halten kann. Und bei dem sie sich ganz hingeben könnte… Das tat so gut! In diesem Moment.

Und das sie – und vielleicht auch er – sich am Ende noch einmal alles schönreden. Dass es ja doch nie hätte funktionieren können, in der Praxis. Das ist alles nur Makulatur. Und sie fragt sich, ob er das aushalten kann, wenn er jetzt so viel mehr über sie erfährt. Und sie fragt sich, ob sie es aushalten kann, dass sie ihn hergibt, diesen Traum. Und dass sie niemals weiter denken darf, das verbietet sie sich, dass sie und er es niemals wagen würden, das aufgebaute aufzugeben. So verrückt sind sie dann doch nicht. Dafür ist sie zu sehr ein Mensch der Beständigkeit und dafür denkt sie zu sehr an das Glück der anderen statt an ihr eigenes… .

Aber es hat etwas verändert. Was genau? Es wird sich vielleicht zurückverändern können, mit der Zeit. Ja, ganz bestimmt!

Und ein paar Tage nach ihrer Rückkehr kneift sie sich und denkt, was für ein schöner Traum. Das ist alles gar nicht wirklich gewesen, das war alles nur geträumt!

A lovestory it could have been

under other circumstances