Die Vereinbarkeitslüge

Oder: es geht nun mal nicht alles gleichzeitig!

Ich war Musikerin mit Leib und Seele, bevor ich erst spät Mutter wurde. Ich war nicht bereit, meinen Job an den Nagel zu hängen. Weil mein erstes Kind recht anstrengend ist war, war ich durchaus froh, 7 Monate nach der Geburt an seinen Vater „übergeben“ zu können. Halbe – halbe in punkto Elternzeit, das war etwas, was wir uns frühzeitig und gründlich überlegt hatten, ein Modell, das uns gefällt und zum Glück auch finanziell passt, da wir beide zu gleichen Teilen in die „Familienkasse“ einzahlen. Wir haben es zwei Jahre später bei Kind Nr. 2 daher ganz ähnlich gemacht. Unsere Tochter war 9 Monate, als ich wieder ins Orchester ging.

Nach Kind Nr. 1 machte ich also quasi weiter wie bisher. Irgendwie hat das für die Zeit bis zur 2. Schwangerschaft auch gut gepasst. Es war anstrengend, natürlich übte ich viel weniger als zuvor und eilte so schnell es ging nach Hause, vor allem, nach dem unser Sohn den 14. Lebensmonat vollendet hatte und von diesem Zeitpunkt an von den Großeltern betreut wurde, falls Mama und Papa zeitgleich Dienst hatten (was zum Glück aber auch nicht allzu oft vorkam. Mein Mann legte viele seiner Urlaubstage auf meine Konzertdienste – welch ein Luxus).

Ich hatte wieder Spaß an meinem Beruf.

Dann kam Kind Nr. 2 und ich legte mein Instrument für ein halbes Jahr komplett und für ein weiteres halbes Jahr ebenfalls fast ganz zur Seite. Danach dauerte es lange, bis ich wieder „rein kam“. Zumal ich im Orchester erst mal meine alte Position verlor und erst nach 5 Monaten wieder bekam. Aber im Nachhinein war das wohl auch gut so.

Jammern ist unerwünscht

Was bei mir schon fast allergische Reaktionen hervorruft sind Aussagen meiner Mitmenschen wie „Das wusstest Du ja vorher!“ und „Dann hättest Du besser keine Kinder / kein zweites Kind bekommen!“, sobald man es auch nur ansatzweise wagt zu erwähnen, wie scheiße- anstrengend das Leben jetzt ist. Dass man kaum noch Schlaf bekommt, weil man selber Schlafstörungen hat oder eben die Kinder schlecht schlafen – und schon gar nicht lange schlafen!  Dass man sich eigentlich nie mal zwischendurch hinlegen kann – oder wenn man es macht, weil der andere Partner auf die Kinder aufpasst, vor lauter schlechtem Gewissen gar nicht in den Schlaf findet. Hinzu kommt, dass mich persönlich sein Schichtdienst gepaart mit meinem Schichtdienst oft an die absoluten Grenzen führt.

Gerne kommen solche Sprüche dann auch noch von Leuten, die noch gar kein Kind in die Welt gesetzt haben und bisher diesbezüglich entweder von romantischen Vorstellungen geprägt oder ohnehin von Mutter- oder Vaterschaft ganz weit entfernt sind. Sie leben noch das selbstbestimmte Leben, das wir alle (mehr oder weniger) einst hatten, bevor uns das Baby auf den harten Boden der Elternschaft-Realität geholt hat. Selbstbestimmtheit? Verfolgen eigener Interessen, gar Hobbies? Fehlanzeige!

Wie hart es werden kann, wenn wir versuchen, auch mit einem oder gar mehreren Kindern (denn ein zweites Kind bringt nun einmal eine weitere Belastung der eigenen Kräfte mit sich!) beruflich bisher alles zu geben wie bisher und meinen, die Ausübung des Berufs würde uns reichen, auf alles andere könnten wir verzichten, das eigene Ich darüber hinaus also ignorieren, habe ich nun schon lange genug gespürt! Ich kann nicht mehr – eigentlich! Rappele mich immer wieder hoch, stehe jeden Tag wieder auf, obwohl mein sehnlichster Wunsch doch ist, einfach mal liegen zu bleiben, den Vormittag im Bett zu verbringen, mit einem guten Buch oder ganz viel Schlaf! Es ist frustrierend, wenn von einem im Job über den eigentlichen Auftrag hinaus Dinge verlangt werden, die man kurz vorm Burn Out nicht mehr zu leisten im Stande ist, während die eigentliche Profession immer mehr nach hinten runter fällt. Ich komme kaum mehr zum üben, und das ist für mich nun einmal Frust pur! Kein Spitzensportler bringt auf Dauer noch Höchstleistungen mit so wenig Trainingseinsatz. Uns Musikern geht es da ganz ähnlich! Hinzu kommt der Mangel an Ausgleich oder Verfolgen von weiteren Interessen. Statt abends noch etwas sinnvolles für mich selber zu tun, schlafe ich entweder ein oder kann mich nur noch berieseln lassen. Ich bin zur Passivität verdammt. Und schaffe gar nichts mehr! Wir schaffen gar nichts mehr. Die Steuererklärung bleibt liegen, das Sortieren der Bilder, das Sortieren der Schränke und Schubladen, das dringend nötige Renovieren des zweiten Kinderzimmers und so weiter und so fort. Die To-Do-Liste wächst immer weiter. Und während ich im Chaos um mich herum unterzugehen drohe (und ich hasse Chaos), frage ich mich, ob ich das wirklich so gewollt habe… .