Eine Reise in die Vergangenheit

Oder: Abitreffen reloaded – 20 Jahre danach

Es ist immer wieder wie eine Reise in die Vergangenheit, wenn ich mich auf den Weg in meine Heimat mache. Irgendwo nördlich des Weißwurstäquators, wo ich einst vor langer Zeit mein Abitur bestanden und vor noch längerer Zeit das Licht der Welt erblickte, liegt diese idyllische Kleinstadt, eingebettet in eine Hügellandschaft mit viel Natur. Dieses Jahr war es wieder soweit. Nach 10 schnell vorbeigerasten Jahren wollte auch ich mal wieder sehen, was so aus den „Leuten von damals – wir haben Abi“ geworden sein könnte.

Wie schon die zwei Treffen davor, wobei ich das letzte nicht miterlebt hatte, fand die Veranstaltung auch dieses Mal an dieser herrlich versteckt gelegenen Grillhütte statt. Das Wetter war leider suboptimal, es hatte bis kurz vorher geregnet und sich nun empfindlich abgekühlt (am Tag zuvor wurde noch geschwitzt). Kleidertechnisch war ich darauf nicht ganz eingestellt, aber vielleicht gehört ein bißchen Zittern ja zu solch einem Treffen dazu.

Es war meine pure Absicht, auf die Stunde genau dort zu sein. Mir gefiel die Vorstellung nicht, den Weg entlang zu kommen und von allen bereits anwesenden schon von Weitem begutachtet zu werden. So befand ich mich später in dieser hinreißenden Rolle und hatte genug Zeit zu überlegen, wer da kommt und wie der- oder diejenige noch mal mit Vornamen heißt. Mit mir kam dann auch gleich ein Mädel an, auf die ich mich besonders gefreut hatte. Wir kennen uns seit frühester Kindheit, denn wir stammen aus dem gleichen Kuhdorf, wo ich bis zu meinem 17. Lebensjahr wohnte, bevor ich in meine Geburts-Abi-Stadt zog.

Ein Tag voller Überraschungen?

Sie verkündete mir dann auch gleich die frohe Botschaft: die Dame, wegen der ich dieses Treffen ursprünglich gar nicht besuchen wollte, würde nicht kommen. Zwei der drei Kinder seien krank, da konnte sie nicht weg. Ein Gefühlsgemisch aus Erleichterung und leichter Enttäuschung machte sich breit. Nun würde ich die also nicht sehen. Und sie würde nicht sehen, dass man – also besser gesagt ich – auch nach zwei Kindern noch schlank sein kann / bin. Hatte sie mir doch vor meinen Schwangerschaften immer erzählt, dass man hinterher fett, schwabbelig und mit Hängebrüsten ausgestattet sein würde. Ätsch! Interessant wäre es sicher geworden. Mit ihrem Wegbleiben, so vermute ich, erschien auch die andere Person nicht – obwohl ich zuvor bei deren Elternhaus – an dem mich mein Weg Richtung Grillhütte unweigerlich vorbei führte – ein Auto mit ihren Initialen auf dem Nummernschild stehen gesehen hatte. Ok, ich entspannte mich bei 2 Glas Sekt und erfreute mich an den Gesprächen mit den anderen Gästen.

Bei ursprünglich 80 Leutchen im Jahrgang haben wir mit etwa 30 Anwesenden an diesem Abend sicher eine akzeptable Trefferquote erzielt. Klar waren viele dabei, die ich nicht unbedingt vermisst hatte, aber ich freute mich über diejenigen, die ich dann mal wieder sehen durfte (Ja, ich habe viele vermisst, die ich so wahnsinnig gerne wieder getroffen hätte!). Es war schön und interessant und ich hatte das Gefühl, dass wir nun doch ein gutes Alter für so ein entspanntes Treffen erreicht haben. Während 10 Jahre zuvor noch viele auf der Suche waren (wonach auch immer), nicht angekommen schienen und auch häufig noch kinderlos waren, steht man doch mit fast 40 recht fest mit beiden Füßen auf dem Boden. Und als Frau hat man in dem Alter auch meist mit dem Kinderkriegen abgeschlossen. Die Frau, welche jetzt noch keine hat, wird einer großen Wahrscheinlichkeit nach auch in 5 weiteren Jahren noch kinderlos sein.

„Alt und fett!“ – „Das wäre nicht das schlimmste!“ (Loriot)

Wie schon ein Jahr zuvor bei meinem 1.-Jahrgang-auf-dem-Gymi-Treffen schaut man bei solch einer Zusammenkunft nach langer Zeit in veränderte Gesichter. Man hegt Gedanken wie, „Doch auch älter geworden, ein bißchen zugelegt (vor allem die Männer!)“ oder „Gut gehalten und nach 2 Kindern auch noch immer gut in Form!“ Man erkennt, dass man sein Schicksal à la „jetzt eben faltig und großporig trifft auf abnehmende Elastizität und veränderte Körperformen“ mit sehr vielen anderen teilt. Und sicherlich ist man in dem Moment des Wiedersehens mit seinen spontanen Gedanken dieser Art nicht ganz alleine, dem Gegenüber dürfte es ähnlich ergehen, aber niemals würde man es wagen, xy mit den Worten „Hui, Du kriegst also auch so langsam Tränensäcke!“ begrüßen.

Essen, Trinken und Quatschen

Es kamen auf jeden Fall durchaus schöne Gespräche zustande, wobei es auch bei diesem Treffen so war, dass man sich nicht mit jedem intensiv unterhalten hat, oder mit einigen auch gar nicht, einfach, weil man das Verlangen danach dann doch nicht hatte. Auf diese Weise hat man dann auch gar nicht erfahren, was die jetzt so machen im Leben. Es waren auch dieses Mal wieder zwei Mädels aus meinen Leistungskursen (und teilweise darüber hinaus), mit denen ich am längsten am Tisch saß. Mit der einen davon hatte ich wirklich um die Abi-Zeit herum ein engeres Verhältnis. Sie lebt jetzt in einer Großstadt im hohen Norden und hat zwei Kinder, die mit 7 und 3,5 nur wenige Jahre älter sind als meine. Und es hat mich beruhigt zu wissen, dass diese doch meiner Meinung nach von Herkunft und finanziellem Vermögen Begünstigte scheinbar ähnlich denkt und fühlt wie ich, was die Mutterrolle angeht. Sie hat einen Halbtagsjob als Juristin und ihre Aussage, dass sie in dem Moment entspannt, wenn die Kinder endlich fertig angezogen und versorgt sind und sie in der S-Bahn Richtung Job sitzt, hat mich fast ebenso beruhigt wie ihr Kommentar auf mein „Aber man darf ja nicht öffentlich sagen, dass Kinder haben anstrengend ist!“ – „Doch, ich sage das!“ Und auf Nachfrage der anderen ehemaligen Mitschülerin hin, wenn wohl auch eher im Scherz, wie es denn mit einem dritten Kind aussähe, sagte sie sofort, dass sie auf keinen Fall Energie für ein weiteres hätte. Auch für sie scheint also die Vereinbarkeit von allem und die Zeit, die für sie selber dabei kaum übrig bleibt, ein Kraftakt zu sein.

Die Zeit verging so schnell. Gerne wäre ich länger geblieben, aber so ist das Leben. Um kurz vor Mitternacht musste ich zu meinen Kindern und etwas schlafen. Vielleicht sieht man sich ja in 5 Jahren wieder.

P. S. Die traurige Bilanz: auch aus unserem Jahrgang ist bereits im letzten Jahr ein Mitglied verstorben, mit gerade 39 Jahren natürlich viel zu früh. Sie hinterlässt auch noch ein sehr kleines Kind. Ich weiß nicht genau, woran sie gestorben ist, vermute aber den Krebs oder eine ähnlich dramatische Krankheit. Auf dem Treffen selber habe ich mit niemandem gesprochen, aber ihr Name war auf der Jahrgangsliste durchgestrichen und ihr Profil auf fb ist mit den Worten „In Erinnerung“ überschrieben. Jeder Tag, den wir geschenkt bekommen, ist kostbar!

Und täglich grüßt das Murmeltier…

Der tägliche Wahnsinn – mal mehr, mal weniger. Das unüberwindbare Chaos um mich herum und in mir drin machen mein Leben zu einer absoluten Herausforderung – jeden Tag auf’s Neue.

#regrettingmotherhood war DER Hashtag des Monats April. Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht so genau, was ein Hashtag ist. Aber ich habe viele Beitrage zu dem Thema gelesen. Durch meine abonnierten „Mama-Seiten“ über fb komme ich schnell mal von dem einen zum anderen Artikel. Einige haben mich sehr angesprochen. Ich konnte mich darin wieder finden. Offene und ehrliche Texte von Müttern, denen es doch ähnlich zu gehen scheint wie mir.

Es scheint in dieser Gesellschaft nicht erwünscht zu sein, als Mutter offen darüber sprechen, dass man die eigene Mutterschaft auch bereuen könnte oder diese sogar rückgängig zu machen wünscht – manchmal oder eben dauerhaft. Dass manchen Müttern das Leben ohne Kinder dann doch mehr zusagt und sie sich in der Mutter“rolle“ einfach nicht wohl fühlen. Alle betonen, dass sie ihre Kinder trotzdem lieben und nicht die Kinder an sich bereuen, sondern eben alles, was damit zusammen hängt.

Gehöre ich auch dazu?

Ja!

Auch ich liebe meine Kinder, ich habe sie gewollt und ich habe sie zu verantworten, denn ich habe sie gemacht. Das diese mir auferlegte Bürde aber so schwer sein würde, hätte ich vorher nicht gedacht. Dass Kinder – vor allem gleich zwei mit so geringem Altersabstand – mein Leben, wie ich es bisher kannte – erheblich einschränken würden, hatte ich natürlich geahnt. Trotzdem traf es mich wie ein Schlag, nach dem Kind Nr. 1 geboren worden war. Nicht nur, dass die Geburt selber anders verlief als vorher angedacht, so habe ich mir zwar vorher gesagt, es könnte auch ein weniger pflegeleichtes Baby werden, um mental darauf vorbereitet zu sein. Aber was dann kam, hat mir doch etwas den Boden unter den Füßen weggezogen. Die Gefühlswelt, die da über mich hereinbrach, dazu die massivsten Einschränkungen meiner eigenen Person gepaart mit extremstem Schlafentzug (es war wirklich schlimm mit diesem Kind) war zu viel und führte mich sogar zu Selbstmordgedanken, nur um der unerträglichen Situation zu entfliehen.

Trotzdem kam nur 25 Monate später Kind Nr. 2 auf die Welt. Mein Wunschgeschlecht, ein Mädchen. Dieses Mal war alles gut, denn ich war zudem vorbereitet. Ich hatte mich an die Einschränkungen meiner Person weitestgehend gewöhnt und wußte, ich würde das mit dem Schlafmangel schon noch mal schaffen. Die Schwangerschaft hatte mich dahingehend vorbereitet. Vom ersten Tag an konnte ich schon nicht mehr richtig schlafen, und hatte mit einem weiteren KInd im Haus auch keine Chance mehr auf ein Ausgleichschlümmerchen am Nachmittag. Dazu Kreislaufprobleme und eine Hyperemesis gravidarum* mit Schwangerschaftsdepression, die sich gewaschen hatte.

Im Nachhinein weiß man häufig nicht mehr, wie man eine besonders anspruchsvolle Lebensphase überhaupt durchgestanden hat. Ich liebte mein zweites Baby vielleicht noch etwas mehr als das erste (auch das traut sich doch kaum jemand öffentlich zu sagen, dass man seine beiden Kinder vielleicht nicht gleich stark lieben kann). Sie schlief nicht wirklich besser, zumindest nachts nicht, schrie aber weniger und war insgesamt so ein sonniges, ausgeglichenes Baby. Ich schaffte es irgendwie, mit beiden den Alltag immer wieder so zu gestalten, dass es funktionierte. Meistens zumindest. Denn natürlich war ich müde und erschöpft und es gab Momente, in denen ich die Wut darüber regelrecht im Bauch spüren konnte (ein unheimliches Gefühl). Und dass ich zu Kind Nr. 1 wirklich nicht immer fair war, denn in meiner Erschöpfung musste ich mich auch noch mit seinen schlimmsten „Autonomiephase-Momenten“ auseinander setzen.

Bin ich eine gute Mutter?

Ich habe für mich schon vor langer Zeit herausfinden müssen, dass ich das wohl nicht bin. Denn ich gehe nicht vollkommen in dieser Rolle auf. Ich weiß nicht, woran das liegt. Ich wollte immer zwei Kinder, zumindest habe ich nie völlig ausgeschlossen, irgendwann Kinder zu haben. Und nun habe ich welche. Aber warum eigentlich? Weil es ein Herzenswunsch war, oder weil es für mich zum Leben dazu gehört(e)? Meine Kinder sind mir selbstverständlich sehr wichtig, die Vorstellung es könnte ihnen irgend etwas schlimmes zustoßen, macht mich regelmäßig fast wahnsinnig. Aber sie sind mir nicht so wichtig, dass ich bereit bin, alles andere für sie aufzugeben, also mein ganzes bisheriges und auch mein zufünftiges Leben über Bord zu werfen, weil ich jetzt die Verantwortung für meine Kinder habe. Ich bin immer sehr früh schon wieder arbeiten gegangen – früher als die „Durchschnittsmama“, so viel steht fest. Dafür musste ich mir Sätze anhören wie, „Und wer kümmert sich jetzt um das Kind / die Kinder?“ – „Ach, die sind alleine zu Hause und warten darauf, dass ich wieder komme!“ „Die Kinder haben auch einen Vater, der hat jetzt  Elternzeit. Und danach gibt es Großeltern und den Kindergarten!“
In dieser Gesellschaft scheint immer noch nicht angekommen zu sein, dass der Vater eine ebenso gute Bezugsperson für die Kinder sein kann wie die Mutter. Der Unterschied ist doch nur, dass sie in meinem Bauch gewachsen und ich sie mehrere Monate gestillt habe – sonst nichts. Ich finde, das berechtigt mich nicht, die Alleinherrschaft für meine Kinder haben zu müssen.

Nach fast vier Jahren mit Kind bzw. Kindern, zwei anstrengenden Schwangerschaften, sehr wenig Schlaf, viel Arbeit und vor allem fast keiner Freizeit mehr, also Zeit nur für mich alleine, bin ich erschöpft und finde, ich darf das auch sein. Und vor allem finde ich, darf ich darüber auch mal öffentlich reden! Aber gerade das kommt bei vielen Mitmenschen nicht gut an. Sogar noch nicht mal bei Frauen (oder Männern), die selber Eltern sind und diese Situation so oder ähnlich kennen dürften. Gerade Müttern wird in unserer Gesellschaft immer noch impliziert, dass sie mit der Geburt ihres ersten Kindes alles aufzugeben haben, was sie bis zu diesem Zeitpunkt ausgemacht hat, sei es ihr Beruf, ihre Hobbys, ihre Interessen, gar ihre gesamte Persönlichkeit. Gerade in Deutschland scheinen Frauen noch immer dazu berufen zu sein, in der Mutterrolle aufzublühen, und in keiner sonst. Wenn das nicht so ist, wird verurteilt. Deswegen halten die Frauen, die sich nicht als Über-Mutter fühlen, mit ihren Gedanken lieber hinter dem Berg.

Nicht die Kinder sind anstrengend, aber Kinder zu haben ist anstrengend – in dieser Gesellschaft!

Letztendlich spielen bei so einer Erschöpfung viele Faktoren eine Rolle, sehr viele! Zumindest ist es in meinem Fall so. So hasse ich nichts so sehr wie Chaos um mich herum. Wenn zu meinem inneren Chaos noch das äußere hinzukommt, breche ich unter dieser Last immer wieder zusammen. Dazu kommt die körperliche Belastung, wenig Schlaf (und Schlafstörungen), Kreisaufprobleme, Probleme im Nacken- und Rückenbereich, keine Zeit für Sport, keine Zeit für mich, keine Zeit für Irgendetwas! Ich fühle mich ständig wie gehetzt unf auf der Flucht, und die Verantwortung und die Angst, alles falsch zu machen, lastet schwer auf meinen Schultern. So kann das Chaos nie beseitigt werden, sondern wächst immer weiter an, schwillt an wie ein reißender Fluß, der immer mehr Land mit sich reißt.

Und ich bereue auch an sich nicht die Mutterschaft, schon gar nicht diese süßen Kinder, die doch tatsächlich von mir sind (was mir so manches Mal immer noch unfassbar vorkommt). Aber ich war immer sehr gerne alleine, habe diese Momente nur mit mir genossen, brauchte sie für mein seelisches Gleichgewicht. Das ist nun einfach aus dem Lot gekommen. Ich möchte die Zeit bis vor meine Kinder nicht zurückdrehen, eher würde ich noch weiter in die Vergangenheit gehen bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich mich für die Ehe entschieden habe. Denn #regrettingmarriage trifft es in meinem Fall vermutlich eher. Wenn ich mich jetzt immer wieder in dem Hamsterrad der alltäglichen Hölle gefangen sehe, dann wünsche ich mir, einfach komplett alleine zu sein. Eine Wohnung nur für mich, in der weder Kinder noch ein Mann an meiner Seite für Chaos sorgen, sondern in der ich mich so entfalten kann, wie ich das möchte. Keine Rechenschaft ablegen, keine Fremdbestimmtheit von allen Seiten, die mir das Recht auf Selbstbestimmtheit und eigene Persönlichkeitsentfaltung zu nehmen scheint. Einfach Zeit für mich, für ein Nickerchen am Nachmittag, ausschlafen an freien Tagen oder denen mit verspätetem Dienstbeginn. Nach einem Konzertdienst nicht mitten in der Nacht nach Hause kommen und um 5 oder 6 Uhr wieder aufstehen müssen. Zeit für Interessen, Hobbies. Und nicht immer diese Ängste, meinen Kindern könnte etwas passieren, Angst vor zu vielen Fehlern, Angst vor der Verantwortung über das Leben und Gedeihen anderer, die ich nun im Grunde für den Rest meines Lebens habe.

Es ist mir oft einfach alles viel zu viel. Ich habe Hoffnung, dass es besser wird, wenn die Kinder etwas älter sind. Zumindest anders, erträglicher, weil dann doch mal wieder Zeit ist für mich.

*Das bedeutet, Schwangerschaftsübelkeit und Erbrechen, welches so schlimm ist, dass es sich nicht nur morgens zeigt, sondern den ganzen Tag. Ich selber konnte einige Wochen nur sehr wenig Essen und oft auch kein Trinken mehr bei mir behalten und nahm mehrere Kilo ab. Entweder hatte ich keinen Appetit oder das Essen und Trinken kam sofort wieder oben raus. Ich habe es ohne Krankenhausaufenthalt geschafft und nach einigen Monaten ging es besser – ich weiß, es gibt noch schlimmer Betroffene, aber schön war das trotzdem nicht.

Soll ich oder soll ich nicht ?!

Es ist immer wieder unglaublich, wie schnell die Zeit vergeht. Je älter man wird, desto mehr scheint sie zu rasen. Die letzten 10 Jahre sind wirklich wie im Fluge vergangen. Nun blicke ich schon auf „20 Jahre Abitur“ zurück und kann nicht fassen, dass ich a) schon so alt sein soll und b) es echt so lange her ist, dass ich mein Abiturzeugnis und damit die „Große Freiheit“ in die Hand gedrückt bekommen habe.

Und nun wird es ein Treffen geben. Keine 2 Wochen sind es mehr bis zum anberaumten Termin. Und ich überlege immer noch – und kann mich einfach nicht entscheiden. Soll ich oder soll ich nicht hinfahren? Und warum mache ich mir diese Entscheidung überhaupt so schwer? Ursprünglich war sie mir abgenommen und ich hätte den ganzen (Sams-)Tag Dienst gehabt, jetzt aber nicht mehr und ich könnte meine Familie schnappen (oder auch nur mich) und in die alte Heimat fahren.

Seit wir Abi haben (zumindest die meisten aus dem Jahrgang!), haben wir uns alle 5 Jahre getroffen. Nach 5 Jahren hat man sich noch richtig viel zu erzählen, ist noch etwas vertrauter miteinander und hat noch gute Erinnerungen an die „heiße Party-Zeit“ von damals. Die meisten stecken nach wie vor im Studium und / oder der sogenannten „Selbstfindungsphase“ und probieren sich aus. So war es auch bei mir. Weitere fünf Jahre später dann, zum 10-jährigen Abi-Treffen, hatten wir mit Ende zwanzig eine neue Lebensphase erreicht (zumindest die meisten aus dem Jahrgang!). Studium beendet, Job gefunden, manche sogar schon verheiratet (wenige!) und einige sogar schon Eltern (noch weniger!), manche schienen „angekommen“ zu sein, manche suchten noch. Ich hatte gerade einen neuen Job angetreten, den ich auch heute noch mache und war daher gestärkt und selbstbewußt bei dem damaligen Treffen erschienen. Auch hatte ich noch einige wenige „real-existierende“ Kontakte zu Leuten aus dem Jahrgang. Trotzdem war es schon komisch. Man konnte nicht mehr so gut an alte Zeiten anknüpfen. Vor allem wenn man – so wie ich – nicht mehr in der Region lebt, in der man einst seine Jugend verbracht hat und die Leute kaum mehr zu sehen bekommt.

Beim 15-jährigen war ich nicht dabei. Irgendwie tat mir das auch nicht so sehr leid. Es war auch so ein denkwürdiger Abend für mich. Während ich auf einem Konzert einer norwegischen Popgruppe war, die in dem Jahr gerade ihre Abschiedstournee fuhr, wurde in der norwegischen Hauptstadt, (also in meiner Lieblingsstadt meines Lieblingslandes) gerade mal wieder eine Deutsche nach langer Zeit Siegerin des Eurovision Song Contest. Witziger kann ein Zufall nicht sein!

 Abi ’95 – und zwanzig Jahre später sind Freundschaften zerbrochen

Und nun sind schon wieder fünf Jahre ‚rum. Ich bin inzwischen im neuen Lebensjahrzehnt angekommen und habe zwei Kinder geboren (bekommen). Und stecke mitten in meiner Midlife-Crisis in einer Lebenskrise. Auch wenn meine „Freundesliste“ auf dem bekannten Sozialen Netzwerk amerikanischer Herkunft einige meiner ehemaligen MitschülerInnen beinhaltet, so habe ich mit keinem einzigen von damals mehr etwas im realen Leben zu tun.

Traurig ist das, ich weiß. Aber nicht meine Schuld alleine. Wir sind in alle Winde zertreut und ich wohne über 300 km von meiner Abi- und Geburtsstadt entfernt. Manche habe ich dann tatsächlich 20 Jahre nicht gesehen, manche 10 Jahre nicht. Zwei ehemalige Freundinnen („echte“, wie ich einst geglaubt habe) sind vor wenigen Jahren aus meinem Leben „geschieden“, und das ist der Knackpunkt, wieso ich zögere. Ich will vor allem diese eine Person nicht mehr wieder sehen, weiß aber, dass sie kommen wird! Zu ihrem „Dunstkreis“ gehören noch einige andere, von denen zwei ebenfalls da sein werden. Mit einer davon habe ich ebenfalls nach dem Abi noch einige Jahre lang sehr viel unternommen. Also Partys und Saufen und so… das übliche oberflächliche Gedöns halt. Nur das im Gegensatz zu ihr für mich diese „Freundschaft“ nicht oberflächlich war. Gleiches gilt für die Person, die mir nun entgültig den Spaß an meinem alten Abi-Jahrgang verdorben hat. Da alle nicht so wahnsinnig weit auseinander wohnen, treffen sie sich hin- und wieder – und reden, was der Hühnerhaufen hergibt. Dass ich Bestandteil und Beurteilungsobjekt dieser Gespräche war, entspringt leider nicht einem vielleicht vorhandenen Verfolgungswahn meinerseits.

So ein Jahrgangstreffen ist auch eine Reise in die Vergangenheit

Letztes Jahr habe ich so ein Treffen schon einmal erleben dürfen. Dabei handelte es sich um meinen ursprünglichen Abitur-Jahrgang, mit dem ich die ersten zwei Jahre in einem Klassenverband verbracht habe. Ohne Gymnasialempfehlung (gescheitert an einer Arbeit und somit einer Zeugnisnote) bin ich 1987 trotzdem in die 7. Klasse (damals war das noch so) des Gymnasiums gegangen, weil ich es so wollte. Ich kam in eine sehr starke  Klasse mit vielen Kindern aus „gutem Elternhaus“, also Kinder von Lehrern oder Ärzten und ähnlichen Berufen mit viel Geld Ansehen. Als Arbeiterkind hatte ich es da wirklich schwer, und zu meiner Dummheit kam erschwerend die Faulheit hinzu. Mir fehlte einfach die richtige Arbeitsweise, nach dem mir 6 Schuljahre hindurch das meiste zugeflogen war (ich gebe zu, außer in Mathe und Sport, da beflog mich bis zum Schluß nie irgendetwas). Als am Anfang meiner ersten 8. Klasse meine Mutter unsere Familie verließ und ich von da an auch noch die „Frau im Hause“ spielte, habe ich die Klasse anschließend wiederholt und kam in ein ganz neues Umfeld. Meine nächste  Klasse passte für mich, ich fand wieder Freunde, hatte Spaß, war besser in der Schule und mit Sicherheit nicht mehr eine von den Dümmsten, da der Leistungsschnitt insgesamt niedriger war. Mit dieser Klasse schaffte ich es trotz meiner Faulheit bis in die Oberstufe, wählte gute Leistungskurse, die mir etwas für das Leben mitgeben konnten und machte ein Abitur, das aufgrund meiner bequem gestalteten Grundkurse, aber der gut abgeschnitten eigentlichen Abiturprüfungen immerhin noch im guten 2er-Bereich landete. Für mein Musikstudium reichte das.

Das Treffen letztes Jahr war ein besondere Reise in die Vergangenheit für mich, und ich bin froh, dass ich es als Ehemalige des Jahrgangs miterleben durfte. Wir trafen uns auf unserem alten Schulhof, zwei Lehrer waren auch dabei (ein mir verhasster und ein mir ans Herz gewachsener) und besichtigten die alten Gebäude. So viel hatte sich da gar nicht verändert. Dadurch, dass es sich um eine sehr kleine Schule mit relativ geringer Schülerzahl handelt(e), hatte man auch mit vielen Leuten noch zu tun, selbst wenn man so wie ich nun einen Jahrgang darunter angesiedelt war. Man traf sich bei den Arbeitsgemeinschaften, wie Orchester, Big Band, Theater oder den alle zwei Jahre stattfindenden Musicals bestimmt wieder – oder auf den zahlreichen Partys im Umland unserer Schule. Nicht zuletzt sah man sich jeden Tag irgendwo auf dem Schulhof oder beim Wechseln der Klassenräume. Es waren recht viele Leute aus meiner alten Klasse dabei, bei denen ich an dem Abend nie das Gefühl hatte, sie würden negativ über mich urteilen. Man erzählte sich ein bißchen vom eigenen Leben, fragte nach, aber nicht zu viel. Aufgrund meiner Schüchternheit habe ich es allerdings nicht geschafft, auf jeden einzelnen zu zugehen. Ich kann das einfach nicht!

„Es wird nie mehr so wie früher…“

Die letzten zwei Jahre auf unserer alten „Penne“ waren die schönsten. Wir waren auf dem Weg zum Erwachsen-Sein und wussten, was wir wollten (zumindest die meisten aus dem Jahrgang!). Und nun dieses Dilemma. Gehe ich hin, sehe ich endlich mal einige Leute wieder, die ich tatsächlich gerne mal wieder sehen würde. Allerdings ist ihre Zahl sehr gering, da natürlich auch nicht alle meiner „Wunschkandidaten“ an dem Treffen teilnehmen. Nehme ich für diese Personen in Kauf, dass ich von Augen beäugt werde, die ich nie wieder auf mir ruhen haben wollte? Die schauen, wie alt und fett ich denn inzwischen geworden bin. Und verübeln kann ich ihnen das nicht. Dieser Jahrgang ist vor allem durch eine Clique „schicker Damen“ geprägt, die immer viel Wert auf ihr feines weibliches Äußeres gelegt haben. Und natürlich sind darunter auch die üblichen „Angeber“ oder einige recht erfolgreiche Menschen, die und / oder deren Partner es im Leben eben zu etwas gebracht haben, auch finanzmäßig. Was bin ich schon dagegen mit meinem Dasein als Wald-und-Wiesen-Musikerin? Ich gehe davon aus, dass die Mehrheit davon gerade ein wesentlich glücklicheres Dasein führt als ich – oder niemals öffentlich etwas anderes zugeben würde. Nur, Schein statt Sein war noch nie so meine Stärke! Außerdem kann ich in einerm bestimmten Situation oft unglaublich unschlagfertig sein – die beste Reaktion fällt mir oft erst später ein. Also, auf zur gegenseitigen „Fleischbeschau“ und es läuft dann so ab wie seit Jahren auf Facebook: man added sich gegenseitig in seine Freundesliste, aber schreibst sich nie wirklich ein persönliches Wort? Oder lässt man dieses Theater ganz einfach und nutzt das Wochenende für andere Dinge?

Das alles mag jetzt sehr albern klingen und ich höre die Rufe derer die sagen, dass ich darüber stehen müsse. Und trotzdem weiß ich nicht, was ich tun soll. Diese eine Person hat mir vor über 2 Jahren mit ihrem Tritt in den Hintern (und am Ende habe ich eben schön zurück getreten) die Freude an so einem Wiedersehen für alle Zeit vermiest – immerhin Futter für einen weiteren spannenden Blogbeitrag auf diesem Kanal.

Fazit: ich weiß nicht, ob mein Selbstbewußtsein gerade für so ein Treffen ausreichend ist. Die guten Erfahrungen vom letzten Jahr werden sich vermutlich nicht wiederholen lassen, da ich hier auf ganz andere Menschen treffe, mit denen ich eben doch bis zum Ende der Schulzeit zusammen war. Außerdem habe ich ohnehin Probleme, auf andere zu zugehen, auch wenn ich einst mit ihnen die Schulbank gedrückt habe. Von mir aus möchte ich gar nicht so viel über mein heutiges Leben erzählen, damit ich nicht einen falschen Eindruck von mir erwecke – denn von diesen bestimmten Personen fühle ich mich nun einmal völlig falsch interpretiert und somit ungerecht behandelt. Tatsache ist natürlich: so jung komma nich mehr zusammen, und wer weiß, was in 5 Jahren ist?!

Vielleicht sollte ich einfach ein Münze werfen?