Ein Kind ist wie Urlaub

Oder auch: „Ein Kind ist kein Kind!“

Aussagen, die man schon mal von gestressten Mehrfacheltern hört. Bewusst wird einem dies besonder dann, wenn man in die Situation kommt, sich mal nur um ein Kind kümmern zu müssen / dürfen. Es ist so viel einfacher – finde ich! Sicher hat die Beurteilung der allgemeinen Situation etwas mit den allgemeinen Rahmenbedingungen zu tun:

  • wie viele Kinder hat man sonst zu versorgen
  • wie alt sind diese Kinder
  • welchen Altersabstand haben sie
  • wie ist der Umgang der Kinder untereinander
  • wie sind diese Kinder charakterlich konstituiert

Gut, es sind doch nur zwei. Aber das reicht (mir). Ich stehe oft da und frage mich, wie andere Eltern diese oder jene Situation mit noch mehr Kindern meistern können, wenn ich schon bei nur zwei Kindern verzweifele. Manchmal habe ich das Gefühl, einen Sack Flöhe geöffnet zu haben, die nun munter um mich herum springen.

Augen auf beim Altersabstand

Der Altersabstand von gerade einmal 2 Jahren hat mich schon immer an den Rand des Wahnsinns meiner Kräfte getrieben. Wie schon aus meinen älteren Beiträgen zu ersehen sein dürfte, würde ich mir in meinem nächsten Leben einen größeren Abstand zwischen den Kindern wünschen. Es wird zwar langsam besser, das ältere Kind schuppst weniger das jüngere Kind, beißt dafür aber, dass es Abdrücke und blaue Flecken im Fleisch von Kind Nr. 2 zu bewundern gibt. Und Kind Nr. 2 wehrt sich, hat es ja nicht anders gelernt. Auch spielen sie jetzt schon etwas zusammen, wobei auch hier der Große den (Befehls-)Ton angibt, allerdings artet es auch darin aus, dass ich danach neu renovieren kann, weil sich beide derart anstacheln, Unerlaubtes zu fabrizieren. Das ist dann auch keine Entlastung und kann sehr nervig sein. Und ich frage mich dann schon, wie es bei drei Kindern aussieht. Nicht selten hört man von einem dritten Kind, das in einem Altersabstand von ebenfalls nur 2 Jahren zum zweiten Kind geboren wurde. Wie hält man das aus? Die Geschwisterstreitereien gehen echt an meine Subtanz, vor allem das Verhalten des älteren Kindes gegenüber dem jüngeren. Egal welches Spielzeug sich das jüngere aussucht (oder geschenkt bekommt) oder was auch immer, das ältere Kind will garantiert sofort genau das gleiche, und versucht es, mit allen ihm zu Verfügung stehenden Mitteln zu bekommen. Im Gegenzug hält das ältere Kind es nicht auch nur annährend für nötig, einmal etwas abzugeben. Ok, es kommt vor, aber nur sehr, sehr selten. Nehmen bloß nicht geben lautet seine Devise! Alles ist seines!

Was ist angeborenes Verhalten, welches ist erlernt?

Eine Frage, die ich mir ständig stelle.

Der Charakter der einzelnen Kinder spielt sicher eine große Rolle beim Entstehen stressiger Momente – neben dem Altersabstand. Ich weiß, dass es bei anderen auch so ähnlich läuft, aber auch, dass es einfacher sein könnte als es bei uns häufig ist. Ich bin schier am verzweifeln. Wenn sie nicht streiten, dann verbünden sie sich. Kind Nr. 2 verzeiht schnell und gibt auch schnell nach, ist aber ebenso schnell ein Mitläufer und macht alles mit, wozu Kind Nr. 1 animiert, obwohl sie alleine darauf meiner Ansicht nach nie käme.

Manchmal würde ich Kind Nr. 1 gerne verkaufen. Ich weiß, das sind böse Gedanken, aber sein Verhalten geht einfach an meine Substanz und sorgt täglich für einen riesigen Cortisol-Überschuss in meinem Körper.

Abgesehen davon wird man zwei Kindern nicht so gut gerecht wie nur einem. Wie oft beschleicht mich der Gedanke (neben: „Das könnte jetzt so entspannend sein, wenn…“), dass ich dieses oder jenes jetzt gerne mit Kind x machen würde oder könnte, wenn Kind y nicht auch noch da wäre. So geht manches gar nicht oder nur mit Einschränkungen und erhöhtem Stresspegel.  Daran ändert derzeit auch der geringe Altersabstand noch nichts. Das ist unfair, blöd und ein Gefühl, welches mich nun seit über 2 Jahren begleitet. Klar, wenn ich eine kreative Pädagogik-Mama wäre, würde mir sicher immer etwas einfallen. Aber ganz ehrlich: ich bin leider oft zu müde und zu erschöpft und von der Allgemeinsituation so angepisst (z. B. von meinem ständigen „Zurückstecken“), dass ich einfach keinen Bock habe, mich ständig zu verausgaben, nur um es allen recht zu machen.

Ein Dilemma, ich weiß.

Liebe Rabenmuttergrüße!

Frohe Weihnachten

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Copyright: dieverlorenenschuhe

Der Baum ist geschmückt, die Geschenke sind verpackt oder prepariert –  für die Präsentation unter dem Baum, das Essen ist vorbereitet (wird gleich fortgesetzt), die Kinder sind noch bei den Großeltern, kommen aber bald alle wieder. Dann stecke ich die noch in einigermaßen fotofähige Kleidung. Ach, ich müsste das Hemd für Junior noch bügeln. Und Mama ist müde, weil sie gestern viel zu spät ins Bett gegangen ist und schläft daher vielleicht schon vor der Bescherung ein (so wie Kind Nr. 2 im letzten Jahr)… .

Und wenn der Weihnachtsmann kommt, wird es bereits wieder dunkel, so dass ihm hoffentlich nicht auffällt, dass Mutti es nicht  mehr geschafft hat, die total verdreckten Fenster zu reinigen. Hallelujah!

Ich wünsche Euch allen ein wunderschönes Weihnachtsfest 2015 und – falls wir uns bis Silvester nicht mehr lesen sollten, auch für das Neue Jahr 2016 alles erdenklich Gute!

Eure Sonja M. von DieverlorenenSchuhe

Familienfreundlichkeit hoch 0

Alle sprechen von Familienfreundlichkeit und der Vereinbarkeit von Familie & Beruf (den Begriff „Karriere“ lassen wir mal besser in diesem Zusammenhang, das wäre zu hoch gegriffen), doch es gibt Bereiche, in denen wir davon meilenweit entfernt sind und schlimmer noch: uns immer weiter entfernen. In diesem Bereich habe ich meinen Job, den ich bis zu dem Zeitpunkt als ich aus meiner zweiten Elternzeit zurückkehrte, immer sehr geliebt hatte.

Jetzt ist vieles anders, und wird nicht besser. Als Frau mit Kindern mutet die Vereinbarkeit in diesem Bereich geradezu grotesk an. Auch wird es mir immer schwerer gemacht, eine Berufszufriedenheit aufrecht zu halten, wie ich unter anderem hier schon einmal beschrieben habe. Jetzt kommt das nächste Sahnebonbon: Dienstzeiten werden nach vorne verlegt. Statt bisher an „normalen“ Tagen um 8 Uhr an meinem Dienstort sein zu müssen, soll es ab Januar 7:30 Uhr sein. Bei einer reinen Fahrtzeit von fast 30 Minuten und einem Kindergarten, der um 7:00 Uhr öffnet (immerhin!) darf ich also demnächst meine Kinder vor die Tür der KiTa stellen und dann sofort losdüsen. Wie ich es überhaupt schaffen soll, bis dahin zwei Kinder angezogen und glücklich zu hinterlassen, bleibt mir ein unlösbares Rätsel. Es war bisher schon immer knapp mit der Zeit, wie ich kürzlich auch in diesem Text erwähnt habe. Und später da sein und dafür länger machen bzw. dies von der Arbeitszeit abgezogen bekommen, erscheint mir im Moment auch noch nicht so richtig familienfreundlich. Natürlich gibt es auch andere Firmen, in denen es so läuft, aber wieso ein System kaputt machen, welches funktioniert hat?

Und so überlege ich erneut, ob es beruflich nicht so eine Alternative für mich geben könnte, finde sie aber nicht, schon gar nicht für das Gehalt. Weniger arbeiten und weniger verdienen, ok. Aber was soll ich machen? Ich war gerne Musikerin, und was „Vernünftiges“ habe ich nun einmal nicht gelernt. Wovon soll ich im Alter leben? Und möchte ich mich wirklich in dieses traditionelle Rollenmodell pressen lassen, in dem der Mann das Geld ranschafft und ich zu Hause bin (was finanziell nicht geht) und ich lediglich ein bißchen die Haushaltskasse mit aufbessere, im Alter aber aus der Röhre gucke? Und wenn wir uns scheiden lassen oder der Mann verstirbt, dann wird alles nur noch schlimmer.

In diesem Text hier hatte ich bereits von einem Ehepaar mit zwei Kindern geschrieben. Sie machen beide beruflich das gleiche, verdienen das gleiche. Und trotzdem hat der Mann nicht einen Monat Elternzeit genommen. Sie war jedesmal 2 Jahre zu Hause. Auch für sie ist ein vorgezogener Dienstbeginn mit organisatorischen Problemen verknüpft. Denn das erste Kind ist bereits in der Schule (was ja auch in knapp zwei Jahren auf mich zukommt). Mit Eintritt in die Grundschule verschärft sich das Problem der Kinderbetreuung, wenn auch Mutti (!) malochen geht. Beide suchen nach Alternativen, allerdings denke ich, dass sich beide in einem traditionellen Rollemodell sehr wohl fühlen, denn er sagte zu mir, sie kämen finanziell gut klar (die Raten für deren Haus alleine sind vermutlich sehr viel geringer als unsere) und sie könne zu Hause bleiben. Wow! Er geht arbeiten und sie bleibt zu Hause, mit Mitte 30. Bin ich neidisch? Oder einfach nur entsetzt?

Wieso ist in Deutschland nicht möglich, was in Ländern wie Norwegen und Schweden usus ist?

Machen wir uns nichts vor: in der (deutschen) Gesellschaft gelten Kinder immer noch als „Privatvergnügen“. Mit der Mehrfachbelastung muss Frau man halt irgendwie klar kommen, möglichst ohne sich anmerken zu lassen, wie sehr das an

die eigene Substanz gehen kann. Jammern unerwünscht! Ändern wird sich sowieso nichts. Wenn man es nicht schafft oder dabei vor die Hunde geht, ist das eben auch „Privatsache“ und man ist selber Schuld, weil man an der ein oder anderen Stelle die Organisation nicht auf die Reihe kriegt oder wie auch immer. Niemanden interessiert das! Oder schafft Euch halt keine Kinder an, ihr habt es doch vorher gewußt! Gerade in dem Job! (Habe ich glatt  in dem Zusammenhang von einer kinderlosen Kollegin zu hören bekommen!).

Genau. War doch vorher klar, dass sich irgendwann alles nur verschlechtern statt verbessern würde, haha! Wir hätten zumindest damit rechnen und das Kinderkriegen daher sein lassen müssen! Dass wir Eltern – meiner Meinung nach – auch einen Dienst für die Gesellschaft leisten, wenn wir Kinder großziehen, scheint gerne verdrängt zu werden. Vielleicht machen sich die kinderlosen Besserwisser ja mal Gedanken darüber, wer ihnen im Alter den Arsch abwischt oder ihre Rente finanziert.
Mit Sicherheit nicht ihr Dackel oder Schäferhund.

Eltern müssen also wahnsinnig flexibel sein, damit wir die (sich verschlechternden) Jobbedingungen unter einen Hut zaubern können, nur damit sich vor allem für die Kinderlosen nichts ändert. Wer schon viel zu tragen hat, darf gerne noch etwas oben drauf bekommen.

Gemeinschaftliches Tun war gestern

Ich beobachte schon seit Jahren, dass das Leben mit seinem ganzen Drumherum immer mehr zum Einzelkampf wird, gegenseitige Hilfe ist immer weniger zu beobachten. Die Individualisierung der Gesellschaft führt auch bei mir dazu, dass ich keinen Bock mehr habe, mich übermäßig einzubringen. Dank dafür hört man sowieso nie! Auf jeden Fall steht für mich fest, dass es Eltern durch diese Einstellung nicht leichter gemacht wird. Das ganze Dorf, welches die Kinder (mit) groß zieht, ist schon lange  Geschichte!

Ich weiß nicht, was in zwei Jahren sein wird, oder in fünf. Ich plane nicht mehr so viel, versuche aber, immer auch mit dem Schlimmsten zu rechnen bzw. mich nicht allzu sehr festzulegen. Das erhöht die eigene Frustrationstoleranz und die eigene Flexibilität. Wir leben in einer schnelllebigen Zeit, nicht alles kehrt sich immer zum Guten, und so muss man mit allem rechnen und das Best daraus machen. Hoffe ich also, dass mir die Großeltern der Kinder als Einspringer in der Betreuung noch lange erhalten bleiben, nur mal so, um einen der Risikofaktoren zu nennen, die das Kartenhaus schnell zum Einsturz bringen können… .

Das Ende der Fahnenstange ist mit Sicherheit noch nicht erreicht. Na dann, Gute Nacht liebes Deutschland!

 

Sind Väter die besseren Mütter?

So lautet der Aufmacher der aktuellen „Spiegel“-Ausgabe. Ich selber bin kein Spiegel-Leser, freue mich aber über die Blogbeiträge zu diesem Artikel, in der Mehrheit von Vätern. Und die sind richtig klasse und treffen genau meinen Nerv. Immerhin handelt es sich hierbei um eines meiner Lieblingsthemen: Gleichberechtigung in Partnerschaften mit Kindern.

So macht Jochen König den Anfang.

Gut finde ich auch den Beitrag von diesem Papa hier. Er beschreibt, was für ihn selbstverständlich ist, nämlich das Einbringen in den Alltag mit Kindern auf Augenhöhe mit der Mutter und bezeichnet sich selber gerne als „Elter“.

Kritisch setzt sich Johnny vom Bog WeddingerBerg mit dem Thema auseinander und beschreibt, dass viele Väter noch immer einen Vorwand finden, sich aus dem Thema größtenteils rauszuhalten.

„Die Statistik zeigt nämlich auch, dass diese sogenannten modernen Väter nichts anderes tun, als sich in die eigene Hosentasche zu lügen. Und das ganz unabhängig von ‚matneral gatekeeping‘. Da wird lamentiert, dass man sich gern mehr Zeit für die Familie nehmen würde, der Vorgesetzte aber leider nicht mitspiele. Da wird sich dann umso heftiger auf die Schulter geklopft, weil man ganz aufgeklärt zwei Monate Elternzeit genommen und für eine kurzen Moment Superdad gespielt hat. Da wird am liebsten so getan, als wäre dieses althergebrachte Versorgungsmodell völlig alternativlos in der heutigen Zeit. In manchem Fällen mag dies durchaus so sein. Aus eigener Erfahrung aber weiß ich auch, dass es viele andere Modelle gibt, die ihrerseits teilweise sogar viel besser funktionieren. Auch, weil sie die Mutter aus der Abhängigkeit des Partners herausholt. […]

Ich selbst bin Vater einer Tochter. Ich habe mich für das Leben mit ihr und gegen die Vollzeitstelle entschieden. Auch meine Freundin musste einschneidende Entscheidungen für sich und ihr Leben treffen. Applaus hat sie dafür keinen bekommen. Und ich will ihn auch nicht. […]“

Worum geht es im Spiegel-Artikel?

Ohne ihn gelesen zu haben, ich kann mich nur auf die Hinweise anderer Blogger und deren Kommentatoren berufen, geht es unter anderem darum, dass uns Müttern wieder einmal die Schuld in die Schuhe geschoben wird. Wir jammern zwar, würden die Väter aber nicht „ran lassen“. Maternal gatekeeping nennt sich das auf Neu-Deutsch. Aha! Am Ende sind halt immer die Mütter Schuld, und wenn sie es mal nicht sind, sind sie es trotzdem, so will es das Gesetz!

Im Gegenzug wird hervorgehoben, dass Mütter eben nicht die naturgegeben wichtigste Bezugsperson für die Kinder sein müssen, sondern auch Väter diese Rolle / Aufgaben übernehmen könn(t)en. Sehe ich auch so. Aber sie dürfen ja nicht (haha!). Wir Mütter lassen sie nicht richtig, also sind wir wieder einmal an unserem Dilemma selber Schuld.

Väter müssen keine besseren Mütter sein, sondern einfach nur Väter. Und Mütter eben Mütter. Oder beide zusammen eben Eltern, oder jeder eben ein „Elter“. Aber nicht unbedingt nach alt hergebrachten Rollenmodellen, sondern so, wie es sich jede Familie für sich vorstellt. Wenn uns die Wahlfreiheit fehlt, so liegt es meiner Ansicht nach daran, dass Wahlfreiheit von Arbeitgebern und der Politik ganz allgemein bisher nicht ausreichend unterstützt wird.

Aber nicht nur die Väter haben geschrieben. Die hoch geschätzte Patricia  von DasNuf (ich habe kürzlich ihr Buch mit Begeisterung und vielen lauten Lachanfällen verschlungen) hat hier einfach mal den Alltag einer Familie aufgeschrieben – mit vertauschten Rollen. Klasse und vielen Dank dafür!

Aber lest selbst!

P. S.: Eine weitere Stellungsnahme gibt es auf nido.de

P. P. S.: Und ich reiche noch nach: eine Stimme aus Österreich

Warum berufstätige Kinderlose nerven

Ein wenig in Anlehnung an den bei BrigitteMom erschienenen Artikel „Warum berufstätige Mütter nerven“ schreibe ich nun dieses: Mich nerven diese kinderlosen Kollegen, weil sie einfach nicht in der Lage sind, sich unsere Situation als berufstätige Mütter auch nur annähernd vorzustellen. Sie verlangen weiterhin, dass wir nach ihrer „Pfeife tanzen“ und betonen, dass sie ja viel mehr leisten, weil sie gewillt sind, ständig Überstunden zu schieben. Die Armen!

Ausschlaggebend waren die letzten zwei Wochen. Mein Entschluss ist gefasst. Ich bin nicht länger gewillt, alles zu leisten, was man von mir verlangt, ohne dabei auch auf mich selber Rücksicht zu nehmen. Angefangen habe ich damit schon im Frühjahr, als ich wegen starker Erschöpfung sogar krank geschrieben wurde. Doch dies scheint in Kollegenkreisen etwas in Vergessenheit geraten zu sein.

Ich habe mir vorgenommen, nach meinen Prioritäten zu leben und zu arbeiten. Das heißt nicht, dass ich mich „auf die faule Haut“ legen werde. Auch sollte mir kein Egoismus unterstellt werden. Es wird immer noch genug geben, dem ich mich fügen muss, rein arbeitstechnisch. Ich kann mich selbstverständlich nicht allem auf Dauer entziehen. Aber ich weiß, was mir gut tut und was ich will. Und ich erwarte tatsächlich, dreist wie ich bin, Verständnis und Rücksichtnahme von denen, die – in meinen Augen – ein freieres und selbstbestimmteres Leben führen als ich, die ich zwei kleine Kinder zu versorgen habe und trotzdem fast Vollzeit arbeiten gehe, mit halben Nachtschichten und wenig Schlaf.

Doch das Dilemma folgt auf dem Fuße

Gerne würde ich mehr „leisten“, beruflich wie auch privat. Aber es geht nicht, meine Kräfte reichen eben nicht für alles aus. Denn immerhin habe ich nicht nur den Job und eine regelmäßige Erholung von selbigem. Erholung findet bei mir kaum noch statt. Denn nach (oder vor) der Arbeit wartet mein anderer „Job“ auf mich. Und ich stehe diesbezüglich zu meiner Meinung. Kinder sind auch Arbeit! Und es ist anstrengend, Mutter zu sein und ganz nebenher wie von Zauberhand den Haushalt zu organisieren.

Gerne hätte ich bewiesen, was alles in mir steckt, hätte die beruflichen Angebote und Herausforderungen alle angenommen. Aber es geht nicht. Also mache ich hier Abstriche und verzichte, wohl weislich, dass ich daran zugrunde gehen würde und auch meinen Kindern damit nicht gedient wäre.

Auf der einen Seite wollen und sollen wir Mütter uns beweisen. Vorsicht, Sarkasmus: „Bitteschön, sie schafft das doch alles mit Links. Sieht zwar ein wenig müde aus, aber es geht doch, man muss es nur wollen!“

Auf der anderen Seite müssen sehr viele Mütter feststellen: es geht eben nicht! Es sei denn, wir wollen uns dabei umbringen, dann bitteschön… .

All das kennt mein Kollege nicht, dessen Verhalten jetzt ausschlaggebend für meine „Endwut“, wie ich es einmal nennen möchte, war. Er ist alterstechnisch um die fünfzig und kinderlos.

Das ich von Seiten meines Arbeitgebers inzwischen recht beschnitten bin, was die Ausübung meines eigentlichen Berufs, nämlich den der Orchestermusikerin, angeht, habe ich bereits hier versucht zu verdeutlichen. Für mich gehört es zum Berufsbild und Selbstverständnis eines ausübenden Musikers, dass er täglich ein paar Stunden zu üben hat, um sich fit zu halten. Ähnlich wie ein Leistungssportler ohne tägliches Training nicht seine Leistung bringen kann. Ich kann und werde von dieser Einstellung nicht abweichen. Nun bringt es meine Berufsvielfalt wie auch mein Alltag zu Hause mit den Kindern leider mit sich, dass ich inzwischen wesentlich weniger üben kann als ich es von früher her gewohnt war. Und auch die Mittagspause zwischen Proben im Orchester und anderen Tätigkeiten dort darf ich nicht mehr zum Üben nutzen – und mache es in der Regel nicht mehr. Meistens schreibe ich dann. Denn ein weiterer Job von mir liegt im Bereich Pressearbeit, ich bin also nebenbei beim selben Arbeitgeber noch journalistisch tätig. Dies führe ich als Stellvertreterin aus. Mein mir vorgesetzter Kollege ist sehr ehrgeizig und perfektionistisch veranlagt. Das bin ich auch, allerdings habe ich längst begriffen, dass ich als Mutter nicht mehr überall und jederzeit 100 % geben kann. Die Mehrfachbelastung in meinem Leben ist einfach zu groß und es fällt mir schwer, allem gerecht zu werden. Meine Kraft reicht eben nicht für alles aus.

Natürlich ärgert mich das ein Stück weit. Und hier kommen die Prioritäten ins Spiel. Während mein Kollege, ein hervorragender Instrumentalist, von mir nun scheinbar erwartet, dass ich die Prioritäten in seinen Arbeitsbereich Presse setze, weil er das eben auch so tut, sehe ich mich nach wie vor an erster Stelle als Musikerin. Denn ich liebe mein Instrument, das regelmäßige Üben fehlt mir sehr und auch die tolle Musik, die ich früher nebenbei noch gemacht habe. Dieses Instrument ist ein Teil von mir. Fast 2/3 meines bisherigen Lebens habe ich ihm gewidmet, 20 Jahre davon sehr intensiv. Wenn ich als Mutter auch auf so vieles verzichten muss, was mir weitere Freude bereitet hat, so möchte ich, dass wenigstens eines als Konstante in meinem Leben bleibt: mein Instrument!

Inzwischen habe ich sogar ein schlechtes Gewissen, wenn ich während meiner Dienstzeit übe. Als Orchestermusikerin! Und an dem Punkt habe ich mich gefragt: wo bin ich hier eigentlich?

Frau kann eben nicht auf allen Hochzeiten tanzen

Natürlich ist die andere Arbeit auch wichtig. Und das Schreiben macht mir sogar Spaß. Allerdings flutschen die Texte für meinen Arbeitgeber auch nicht mal so eben aus meinen Händen, immerhin muss ich dort eine Menge beachten (und habe im Übrigen ja kein Journalismus-Studium absolviert, sondern Musik studiert).

Vor zwei Wochen, als ich ohnehin schon recht fertig war, wie ich in meinem letzten Blogeintrag berichtete, war es dann soweit und das Fass kam zum Überlaufen. Ich hatte den ganzen Vormittag Probe, nachmittags belagerte mich besagter Kollege. Er erzählte mir von einem Journalismus-Lehrgang, den ich eigentlich statt seiner hätte besuchen sollen, aber wegen des Lehrgangs meines Mannes nicht konnte. Leider, denn die Thematik war sicherlich sehr interessant. So erzählte er mir stundenlang davon. Die nächsten Tage nahmen wir etwas durchaus Wichtiges in Angriff. Ich hatte es etwas vor mir hergeschoben, das gebe ich zu: das Einrichten eines neuen Dienstrechnerzugangs für mich. Vor allem wichtig, um auf Netzwerkordner und das offizielle Mailprogramm zugreifen zu können. Ich muss allerdings dazu sagen, dass es bei uns viel zu wenige Rechner für viel zu viele Leute gibt, die diese für ihre Arbeit mehr oder weniger häufig benötigen. Deshalb schreibe ich auf meinem privaten Laptop, welches ich sinnvollerweise auch überall mit hinnehmen kann. So habe ich ein Homeoffice, sollte es nötig sein oder kann während unserer stundenlangen Busfahrten schreiben, wenn es einmal dringend ist. Sehr praktisch also. Der Kollege machte trotzdem Druck. Ich fühle mich allerdings nicht wohl, wenn ich ständig darauf warten soll, dass für meine Arbeit mal sein Rechner frei wird.

Was für diesen Kollegen noch bezeichnend ist, ist die Tatsache, dass er Gespräche unnötig in die Länge zieht. Er kommt vom Hundertsten ins Tausende, auch wenn es über private Themen geht. Es nervt! Und zwar nicht nur mich. Mit ihm „mal zwischendurch“ ein Gespräch zu beginnen, sollte man sich besser gut überlegen, oder viel Zeit mitbringen.

(Arbeitende) Mütter haben keine Zeit. Ihr Tag ist durchgetaktet.

Viele arbeitende Mütter sind gut organisiert. Sie strukturieren und optimieren ihren Arbeitstag und können in gleicher Zeit häufig mehr leisten als ein kinderloser Arbeitnehmer. Diese Spezies, welche sich nach getaner Arbeit und einigen Überstunden trotzdem noch zu Hause erst mal auf die Couch legen und chillen kann. Ich persönlich hasse es, wenn diese Struktur durch andere ständig gestört und unterbrochen wird. Auch wenn ich Phänomen des Ständig-Unterbrochen-Werdens natürlich von zu Hause her kennen, auf der Arbeit nervt noch mehr, denn hier halte ich es oftmals für völlig unnötig!

Was kann ich dafür, dass in der Chefetage oft so vieles nicht rund läuft? Muss ich dafür gerade stehen, in dem ich bestimmte Gespräche nicht führen kann, weil der Kollege xy mal wieder unsere Verabredung nicht einhält, ihm gerade ein anderes Gespräch (und sei es eher privater Natur) dazwischen gekommen ist? Deswegen bleibe ich sicher nicht länger am Arbeitsplatz als nötig – oder ich nutze die Zeit anderweitig!

Wenn es angeblich so gewünscht ist, dass wir Mütter schnell an unseren Arbeitsplatz zurückkehren, um als Arbeitsameise wieder strebsam sein zu können, dann bitte auch zu unseren Bedingungen. Denn wir können das! Zwar sieht es manchmal so aus, als würden wir zu Hause im Chaos versinken, doch hat das alles System. Zumindest ist das bei mir so. Ich lasse mir von niemandem vorwerfen, ich sei chaotisch und unorganisiert! Wenn ich morgens meinen Arbeitsplatz betrete, habe ich schon einige Stunden hinter mir, in denen ich nicht eine Sekunde zur Ruhe gekommen bin. Während der ein oder andere Kollege eben noch mit der Kaffeetasse in der Hand die Zeitung gelesen hat, habe ich versucht, zwei Kleinkinder in ihre Klamotten zu kriegen und ihnen die Zähne zu putzen. Anschließend habe ich sie in der KiTa abgegeben und bin zur Arbeit gehetzt. Gerne komme ich dann mal ein paar Minütchen zu spät und ernte gelegentlich dafür unverständliche Blicke. Vielleicht habe ich auch schon ein krankes Kind versorgt und die Betreuung durch die Großeltern sicher gestellt, damit ich nicht schon wieder am Arbeitsplatz fehle. Aber Tatsache ist, dass auch ich meine Pausen brauche, und seien es noch so wenige und noch so kurze. Ohne sie breche ich auf Dauer komplett zusammen, und damit ist niemandem gedient. Auffällig sollte im Kollegenkreis allerdings sein, dass ich, seit ich Kinder habe, so gut wie nicht mehr zum Kaffeeklatsch in der Kaffeebude aufschlage, und auch Gespräche auf dem Flur nach Dringlichkeit sortiere. Ich habe einfach immer etwas zu tun.

 Was machen die Kollegen, wenn die offizielle Arbeitszeit endet?

Während der Arbeitstag von uns Eltern im Grunde genommen erst dann endet, wenn das Kind / die Kinder im Bett liegen und hoffentlich lange am Stück schlafen, haben die kinderlosen Kollegen bereits ein paar Stündchen selbstbestimmte Zeit hinter sich. Wenn unsere Kinder im schlimmsten Falle erst 20:30h schlafen, räumen wir noch ein wenig auf und freuen uns auf eine Stunde FREIzeit. Bei mir kommt es leider oft gar nicht mehr dazu. Während ich darauf warte, dass die Kinder in den Schlaf entschlummern, werde ich – wenn nicht vorher schon so gewesen – entsetzlich müde. Und dann heißt es bei mir: rien ne va plus. Selber ab ins Bett!

Wenn mein kinderloser Kollege noch Überstunden im Büro schiebt, weil er den Tag über – seien wir doch mal ganz ehrlich – mehrere Stunden mit Labern vergeudet hat – hole ich meine Kinder von der KiTa ab. Mein Arbeitstag geht auch dann noch weiter. Irgendwie muss ab und zu auch noch eingekauft werden (wenn ich das nicht schon in der Mittagspause erledigt habe, mein Mann das nach Dienstschluss macht oder mal wieder der Samstagvormittag dafür herhalten muss etc.), ich wasche nebenbei noch ein paar Maschinen Wäsche oder sauge das Haus. Am Wochenende, wenn auch ich das Bedürfnis habe, endlich mal auszuschlafen oder zumindest länger liegen zu bleiben, statt wie jeden Tag um 6:30 Uhr endgültig aufzustehen (und das ist schon eine gute Zeit!) oder auf dem Sofa zu chillen oder ähnliches, kümmere ich mich um die Kinder und den Haushalt. Manchmal liege natürlich auch ich auf der Couch, aber ich bin die ganze Zeit empfangsbereit, schlichte Geschwisterstreitereien, beantworte gefühlt 1 Million „Warum“-Fragen und repariere Spielzeug. Zwischendurch bereite ich Mahlzeiten vor, nach deren Einnehmen ich jedes Mal einen Großputz in der Küche starten muss, damit wir nicht alle auf den Fliesen kleben bleiben. Selbstbestimmte Zeit, Hobbys gar, gibt es in meinem Leben nicht mehr. Wenn der kinderlose Kollege ein paar Runden mit seinem Rad dreht oder mit seiner Frau einen Wochenendtrip in die nächste tolle europäische Stadt macht, nehme ich die Wäsche ab und versuche, dem Bügelberg einigermaßen beizukommen und freue mich wie Bolle, wenn ich mal alleine aufs Klo kann.

Wie ging es weiter mit dem kinderlosen Kollegen und mir?

In oben beschriebener Woche wurde es dann endlich Freitag und ich nahm mir vor, um 11:30h mein Büro zu verlassen. Aufgrund meiner geringen Anwesenheit in letzter Zeit zu Hause war vieles an Hausarbeit liegen geblieben. Ich wollte schnell etwas davon aufarbeiten, beim Drogeriemarkt einkaufen und um 14:30 h die Kinder abholen. Vorher noch schnell, zum ersten Mal in der Woche, eine Dreiviertelstunde Üben – endlich! Und was passiert, gerade als ich die ersten Töne gespielt habe? Der Kollege zitiert mich zu sich. Und so stehe ich, mit einem weiteren Kollegen, in seinem Büro und sehe zu, wie mal wieder nichts Wichtiges passiert und meine kostbare Zeit verschleudert wird. Und dann reicht es mir, und ich sage meine Meinung, versuche ihm einen kurzen Ausblick auf meine restlichen Tagespläne zu geben und höre mir noch an, dass er ja hier im Büro viiiel mehr arbeiten würde.

Ungeschickt von ihm finde ich vor allem, dass er am Montag darauf einen weiteren Kollegen, eine Art Vertrauensperson, zu mir schickt, statt mich direkt anzusprechen. Dadurch, dass ich dann am letzten Freitag auch noch dummerweise meinen schon fertigen (dienstlichen) Artikel inklusive aller Recherche-Notizen gelöscht habe, frei nach Murphy, wenn man keine Zeit hat, dann kommt’s noch dicker, war ich auch noch auf mich selber sauer. Ich muss den Artikel nun noch mal schreiben.

 Welche Konsequenzen ziehe ich daraus?

(Also, erst einmal mache ich öfter Sicherheitskopien, is‘ klar).

Ich möchte nicht noch mehr Aufgaben übernehmen als ich es jetzt schon habe. Das ist zwar nicht viel, aber zusammen mit der Musik reicht es. Wie ich oben bereits schrieb, sind meine Karriereambitionen aufgrund meiner Mutterschaft eingeschränkt. Ich möchte in 5 Jahren nicht auf den hauptamtlichen „Pressestuhl“ wechseln, auch wenn das auch einen Gehaltssprung mit sich bringen würde, denn ich weiß, dass ich mein Instrument dann vollends vergessen kann. Wenn ich kinderlos wäre, also keine Mutter wäre, würde ich derartige Überlegungen gar nicht anstellen, sondern zu dieser Beförderung sofort JA sagen. Übrigens Überlegungen, die Väter im Job so eher selten anstellen müssen. Sie haben ja Frauen, die ihnen den Rücken frei halten und müssen sich nicht neben der Karriere auch noch so für Haus und Kinder verantwortlich fühlen wie wir Frauen! 

Und all das muss ich dem Kollegen eben noch klar machen, auch wenn ich eines weiß: wie sich dieses Gefühl der Zerrissenheit anfühlt, das vor allem wir Mütter kennen, diese Erschöpfung, weil man neben Job und Kindern und Haushalt eben nie eine wirkliche Pause hat und in seinen persönlichen Freiheiten über sehr viele Jahre extrem beschnitten wird, wie es ist, wenn man nicht nur über Tage, sondern Jahre mit diesem Schlafmangel leben muss, all das kann ich ihm nicht klar machen. Dafür müsste er Kinder haben – und am besten weiblichen Geschlechts sein! Und auch wenn ich weiß, dass viele Paare ungewollt kinderlos bleiben, würde ich gerne nicht unerwähnt lassen, was mein Mann und ich als Eltern für die Gesellschaft und die Allgemeinheit leisten, und worauf wir alles verzichten. Und jetzt kommt mir nicht mit dem Spruch, das hätten wir so gewollt und vorher gewusst. Ich finde, dieses Engagement verdient an sich schon Anerkennung, mehr als ein mit unnötig in die Länge gezogenen Gesprächen teilweise verplemperten Vormittag im Büro, der dann eben Überstunden nötig macht – ohne dass ich die Arbeit des Kollegen schmälern will.

 Wer nervt jetzt also mehr?

Also nerven die berufstätigen Mütter doch, weil sie oft nur in Teilzeit arbeiten können und pünktlich gehen wollen, damit sie den Nachmittag mit ihren Kindern zu Hause `rumchillen können (haha!) oder sind sie auch so noch wertvoll für die arbeitende Gesellschaft?

Oder nerven doch eher die kinderlosen Kolleginnen und Kollegen, die denken, wir machten uns ein schönes Leben, weil wir weniger arbeiten als sie, also arbeiten im Sinne von bezahlter Erwerbstätigkeit? Selber aber keine Ahnung haben, was wir so „quasi nebenbei“ noch leisten und dass es einen Grund gibt, wieso wir ständig so müde und erschöpft daher kommen und zu bestimmten Projekten nicht bereit sind?

Lieber Leser, bilden Sie sich am besten ihre eigene Meinung!

 

Ich bin traurig und wütend, weil…

Ich bin traurig und wütend, weil…

ich viel zu oft viel zu müde bin und das mein Leben nun einmal negativ beeinflusst. Vor allem aber bin ich traurig und wütend, weil ich mich dafür scheinbar auch noch rechtfertigen muss.

„Immer wenn sie hier sitzen sind sie müde, kaputt und traurig!“ – „Wenn ich das nicht wäre, bräuchte ich wohl kaum hier sitzen!“

Ich habe ein paar sehr anstrengende Wochen mit sehr wenig Schlaf hinter mir. Und eine Zeit mit sehr viel Arbeit, gerade die letzten Tage waren einfach sauanstrengend diesbezüglich.

Ich bin traurig und wütend, weil ich nichts dafür kann, dass das so ist und ich daran sehr wenig ändern kann.

„Sie müssen Prioritäten setzen!“

Ach was. Ich mache seit langem nichts anderes als Prioritäten zu setzen. Meine To-Do-Liste ist so unglaublich lang, dass sie mindestens einmal um den Erdball reicht.

Erst ist der Mann vier Tage auf einem Lehrgang und somit so gut wie nicht zu Hause. Ich habe Dienst und ein paar Konzerte und bereite außerdem meine Dienstreise in die Vereinigten Staaten von Amerika vor. Das bedeutet nicht nur, dass ich meinen Koffer packen muss, sondern vorweg den Haushalt einigermaßen auf Vordermann bringe, Wäsche wasche und bügele. Ich erwarte trotzdem, dass der Mann während meiner Abwesenheit anfallende Aufgaben übernimmt, also einiges über das übliche Geschirrspülmaschinengedöns und Krümel unterm Tisch wegfegen hinaus. Immerhin hat er eine Woche Urlaub und die Kinder sind jeden Tag mehrere Stunden im Kindergarten.

Also fliege ich in die USA, in der Nacht davor schlafe ich kaum vier Stunden. Im Flieger kann ich nicht schlafen, weder auf dem Hin- noch auf dem Rückflug. Ich kenne das schon, so ist das eben bei mir. Die Hinreise bedeutet 24 Stunden wach zu sein, denn nach Mitteleuropäischer Zeit (MEZ) spielen wir noch nachts um 2 Uhr ein kleines Ständchen, fahren dann fast eine Stunde zurück zu unserem Hotel. 24 Stunden nach dem ich am Montagmorgen in Deutschland aufgestanden bin, gehe ich ins Bett. Zum Glück habe ich ein Zimmer (äh, eine ganze Suite!) für mich alleine.

Wach bin ich nach 6 Stunden Schlaf, also so um 4:30 h morgens, ohne eine Chance, wieder einschlafen zu können. So geht es die Woche weiter. Ich bin um 3:30 h oder 4 h wach, nach 4 oder 5 Stunden Schlaf. Nichts geht mehr. Ich drehe Däumchen. Um die Woche und die anstehenden Dienste zu überstehen, mache ich abends nichts mehr (bis auf ein Mal, mein Highlight, treffe ich eine alte Schulfreundin…). Ich gehe weder ins Kino noch mit Kollegen einen Burger essen, so wie ich es mir vorgenommen hatte. Es geht mir mittendrin nicht gut. Aber ich schaffe alles, und schaue mir das Wichtigste der Stadt an.

Nach dem Rückflug und 23 1/2 Stunden ohne Schlaf falle ich für drei Stunden zu Hause ins Koma und schlafe. Dann stehe ich auf, damit der Mann für seine Nachtschicht schlafen kann und die Kinder mich endlich einmal wieder sehen. Die nächste Nacht ist bescheiden. Abends bin ich todmüde, kann aber nicht einschlafen. Bzw. als ich so gegen Mitternacht gerade wegschlummere, will mein Sohn nicht mehr in seinem Bett schlafen. Ich liege mit zwei Kindern im Bett, meine Tochter ist zwei Stunden wach und liegt mit 14 kg auf mir und so weiter. Ich bin am Ende. Mein Mann muss am Sonntagfrüh nach seiner Nachtschicht schlafen, ich muss es auch. Die Großeltern springen ein. Ich schlafe noch einmal bis um 11h.

So ähnlich sind auch die nächsten Nächte. Ich kann erst nicht einschlafen, als ich wegdämmere, ruft mich ein Kind und braucht mich. Vormittags mache ich nichts, der nach meiner Ankunft nicht gerade glänzende Haushalt liegt weiter brach, das Chaos wird größer. Ich habe zwei Konzerte, was bedeutet, dass ich nach dem Konzert um 1:30 h im Bett bin, aber ab morgens 5 oder bestenfalls 6 Uhr wieder für die Kinder da bin, der Mann ist erneut auf einer Lehrgangswoche. Vormittags ruhe ich mich aus, schlafe am zweiten Tag eine geschlagene Stunde und breche beim Konzert abends fast zusammen. Komisch, wie man dann immer noch seine Leistung einigermaßen bringt, aber es saugt alle Energie aus mir heraus.

Ich bitte meinen Chef um einen Tag Verschnaufpause und nehme einen Tag Urlaub, was zum Glück gerade machbar ist. Ich kann nicht mehr. Die Kinder sind im Kindergarten und ich schlafe 3 Stunden, damit es mir etwas besser geht.

Es ist Wochenende und mein Mann arbeitet die ganze Zeit. Ich kann mich weder ausruhen noch Schlaf nachholen. Ich staubsauge oben mit den Kindern zusammen und wasche ein paar Maschinen Wäsche. Mehr ist nicht drin.

Ich bin total alle, aber die nächste Woche beginnt. Ich komme selbst im Dienst nicht zu dem, was ich mir vorgenommen habe, nämlich Üben und Schreiben. Ich habe Proben und muss mich ansonsten um andere Dinge kümmern.* Nachmittags bin ich diese Woche nicht vor 15:30 oder 16 h zu Hause. Der Haushalt wartet. Ich lasse ihn warten. Wasche etwas Wäsche, mehr nicht. Bin irgendwie da, die Kinder sehen mich, aber ich bin so unglaublich müde.

Und dafür muss ich mich entschuldigen? Bei einer Psychologin?

„Wie fühlen Sie sich denn, wenn sie mal drei Tage hintereinander 8-9 Stunden geschlafen haben?“

Wie neugeboren.

Ich freue mich aufs Wochenende. Ich werde mal etwas ausschlafen. Also so bis um 7 Uhr 30… . Ich solle besser abends eher ins Bett gehen, sagt sie.

DAS MACHE ICH BEREITS, seit Jahren. Nicht jeden Abend, manchmal wird es doch 22 h oder gar 23 h. Denn oh Wunder, ich kann nicht immer sofort einschlafen!!! Ich liege dann rum und drehe Däumchen und Ich bin traurig und wütend, weil ich schon wieder nicht schlafen kann. Oder ich wache bereits nachts wieder auf und schlafe nicht mehr ein, so wie letzte Nacht. 3 Uhr und zack, schon wieder vorbei. Oder ich kümmere mich um meine Kinder, wenn sie wach sind, wenn mein Sohn wieder zappelnd und zähneknirschend neben mir liegt, oder dazwischen noch meine Tochter, und ich versuche, auf 20 cm verbleibender Liegefläche klar zu kommen. Zum Glück bin ich schlank! Oder ich wandere ins andere Zimmer, und wenn sie mich rufen, wieder zurück. Samt Bettzeug.

Nikolaustag, ich überarbeite den Text und füge ein: die letzten Tage bin ich dann abends immer sehr früh eingeschlafen. Der Versuch, ein Buch zu lesen oder eine Film (ich versuche mich jetzt schon seit 2 Tagen an einer Documentary über Woody Allen) scheiterten an übergroßer Müdigkeit.

Ich bin erschöpft, denn ich bin Mutter, und habe einen zeitaufwendigen Job, der Konzentration und spätes Zu-Bett-gehen verlangt, außerdem bin ich noch Putzfrau und Haushälterin… .

Dadurch, dass ich abends früh ins Bett gehe oder oft bei meiner Tochter mit einschlafe, erhalte ich mich zwar einigermaßen am Leben, so rein körperlich. Aber sonst passiert nicht viel. Ich erledige nichts, und vor allem tue ich nichts für mich. Selten schaue ich mal einen Film, meist etwas aus der Mediathek oder eine DVD, da kann man splitten. Fernsehen sehe ich fast nie. Ich lese etwas, im Internet, selten ein Buch. Ich spiele kaum mehr Klavier oder telefoniere abends mit Freunden. Ich lebe also einfach nicht mehr, sondern arbeite nur noch! Damit ich einigermaßen schlafen kann, denn ich weiß nie, wie die Nächte werden. 

Ich bin traurig und wütend, weil ich mich für meine Schlafstörungen rechtfertigen muss. Weil ich müde und kaputt bin. Weil für mich nichts bleibt außer einen haufen zu erledigender Aufgaben – und weil ich Prioritäten setze, bleiben die meisten eben unerledigt.

Und dann kommt das nächste. Was soll ich dagegen tun? Es gibt derzeit keinen Ausweg.

Ich bin traurig und wütend, weil es in den allermeisten Fällen die Frau ist, die nach der Geburt von Kindern so dermaßen zurückstecken muss. Von ihr wird einfach alles verlangt. Alles zu 100 %.

Und ich bin traurig und wütend, weil kinderlose Kollegen meinten, sie könnten alles von mir verlangen, z. B. auch, mein Instrument weiterhin im Dienst an zweite Stelle zu setzen.* Damit ist jetzt Schluß! Wenn ich schon keinen Teilzeitjob haben kann, dann werde ich nach meinen Bedingungen arbeiten.

 

*Dazu im nächsten Beitrag mehr