Von Heimat und Heimweh – das komische Gefühl

P1000338

Der Weg der Sehnsucht. Wohin? (Bildrechte: dieverlorenenschuhe)

 

Was ist Heimat? Vor mehreren Jahren einmal habe ich bei einer Diskussionsrunde festgestellt, dass Heimat nicht für jeden Menschen das gleiche bedeutet. Was aber ist Heimat für mich und wie sehr hänge ich an ihr? (Am Ende des Beitrags möchte ich meine Leser zum Mitmachen einladen!)

Sie radelt mit dem Fahrrad über das Kopfsteinplaster des Marktplatztes. In ihrer frühen Kindheit war hier noch eine vielbefahrene Kreuzung. Sie schaut zum Dom, der eigentlich eine Stiftskirche ist. Auf dem Gepäckträger sitzt im Fahrradkindersitz ihre 2-jährige Tochter. Sie, die Mutter spürt ein Gefühl der Freiheit. Es ist Frühling, es ist so schön in dieser kleinen Stadt, in der sie Teile ihrer Kindheit, aber vor allem ihre Jugend und Gymnasialzeit verbracht hat, wo sie verliebt war, oft verliebt, glücklich verliebt und unglücklich verliebt und an die sie so viele Erinnerungen hat. Es ist ihre Heimat. Die Region drum herum ist ihr so vertraut.

Dann wacht sie auf. Mehr als 300 Kilometer von dem Ort ihrer nächtlichen Sehnsucht entfernt. Dieser Ort, nach dem sie sich schon seit vielen Jahren auch tagsüber immer wieder und immer mehr zurück sehnt. Warum? Sind es nur die Erinnerungen an eine Zeit, die so lange zurückliegt. Möchte sie die Zeit zurück, diese Zeit voller Unbeschwertheit und Abenteuer? Oder will sie wirklich einfach nur dort sein wo sie glaubt, hinzugehören? Ein bißchen mehr Vertrautheit, ein paar mehr vertraute Gesichter aus früheren Tagen. Einige Male im Jahr fährt sie noch dort hin, die Familie besuchen. Aber es ist nicht mehr das gleiche. Sie selber lebt dort nun schon seit fast 20 Jahren nicht mehr. Freundschaften von damals existieren längst nicht mehr. Sie haben die Zeit, die Entfernungen und auch die Veränderungen, welche das Leben mit sich bringen, einfach nicht überstanden. Diese Zeit kann man sowieso niemals zurückholen.

 

Heimat kann so vieles sein

Für manche Menschen bedeutet Heimat der Ort, an dem sie aktuell leben, Hauptsache, ihre „Liebsten“ sind bei ihnen. Für mich ist Heimat der Ort bzw. die Region, in der ich meine Kindheit verbracht habe. Immerhin 17 Jahre habe ich im selben Dorf und im selben Haus gewohnt, bevor ich 6 km weiter in die Kleinstadt zog, in der ich geboren wurde und das Gymnasium besuchte. Auch dieser Ort war mir seit frühester Kindheit vertraut. Noch heute leben verteilt in beiden Orten meine Eltern und mein Bruder. Mein Elternhaus existiert noch, ist mir aber über die vielen Jahre irgendwie fremd geworden. Nicht nur hat es sich in der Einrichtung rapide verändert, auch kommt es mir heute so unglaublich klein vor.

Zwangsläufig bringt die Zeit mit sich, dass sich manches verändert. Häuser kommen hinzu, wo wir in unserer Kindheit noch Wiesen und Felder  bespielt haben. Alte Häuser verfallen, werden abgerissen. Eine Umgehungsstraße verändert Wald und Flur und somit das Ortsbild. Kinder werden zu Erwachsenen. Menschen sterben, ziehen fort.

Die Erinnerung an eine wunderbare Kindheit

In meiner Erinnerung ist vieles von früher noch so lebendig, obwohl es heute nicht mehr existiert. Der kleine Tante-Emma-Laden um die Ecke und das Eis für 30 Pfennige. Die verrückten Süßigkeiten, die ich meinen Kindern heute aus gesundheitlichen Gründen lieber vorenthalte (wenn es sie denn überhaupt noch gibt). Wir haben immer draußen gespielt, bei Wind und Wetter, im Frühling, Sommer, Herbst und Winter – letzteres existierte damals noch. Wochenlang lag Schnee, auch auf den Straßen, welche zum Schlittenfahren einluden. Direkt an unserem Haus ging es dabei prima bergab. Oft haben wir unsere ganzen Davos-Holzschlitten aneinander gehängt. Der Wechsel der Jahreszeiten war immer etwas ganz besonderes. Endlich durfte man die Strumpfhosen gegen Strümpfe tauschen und die Sommerkleider aus dem Schrank holen.

Die Schule ging nur bis mittags und war eher Nebensache. Freies Spiel war unsere tägliche Beschäftigung. Spielkameraden gab es wie „Sand am Meer“. Wir probierten uns aus und erlangten soziale Kompetenz. Ob unsere Eltern sich Sorgen machten, wenn wir wieder viele Stunden unbeaufsichtigt unterwegs waren? Manchmal fuhren wir mit den Rädern in die Nachbarorte. Wir spielten an gefährlichen Orten. Ein Wunder, dass nie etwas schlimmeres passiert ist. Wir kamen  häufig  nur zu den Mahlzeiten nach Hause oder um abends etwas auf einem der drei Fernsehkanäle zu sehen.

Im großen Garten meiner Oma gab es alles, was nur so im Garten wachsen und verzehrt werden kann. Die Bauernhöfe des Dorfes ließen uns Bekanntschaft machen mit Ackerbau und Viehzucht. Ich werde nie die rauen Zungen der Baby-Katzen vergessen, wenn sie meine Finger abschleckten. Und dann dieser herrliche Gülle-Geruch, der von den nahen Feldern hinüber wehte.

In vielerlei Hinsicht hatte ich eine Bilderbuch-Kindheit. Sie endete leider sehr früh und ich musste früher als die viele andere erwachsen werden*. Meine Jugend war dann geprägt von der Schule und meinem großen Hobby, der Musik. Wir haben viele Partys gefeiert und dafür aufgrund der ländlichen Gegend viele Kilometer mit dem Auto zurückgelegt, um in Discos, zu Konzerten oder an interessante Partyorte zu kommen. Eine tolle Zeit voller Unbeschwertheit und Spaß.

Woher kommt mein Heimweh?

Heimweh ist für mich – genau so wie das Fernweh, welches ich auch gut kenne – die Sehnsucht nach einem bestimmten Ort, aber auch nach einer bestimmten Zeit. Von daher bin ich mir nicht sicher, ob das Heimweh aufhören würde, hätte ich die Möglichkeit, dauerhaft an diesen Ort zurück zu kehren. Denn die alten Zeiten kommen nicht wieder. Probleme, Sorgen, Nöte und Ängste würde ich vermutlich mitnehmen, auch wenn sich manches lösen könnte. Vielleicht wäre wieder mehr von dieser Vertrautheit und somit dem Gefühl einer gewissen Geborgenheit da. Noch leben meine Eltern. Mit ihrem Tod irgendwann könnte aber auch dieses enden. Von daher fürchte ich, ist es einfach ein Gefühl, welches ich aushalten muss. Entwurzelt, ja gerade zu entrissen. Am Ende war es meine Entscheidung. Erst aufgrund meiner Studienwahl und dann wegen des Jobs. Ein Zurück ist daher sehr schwierig. Ich müsste meinen Beruf aufgeben, den ich dort – zumindest an Ort und Stelle – so nicht ausüben kann.

Die Heimat meiner Kinder

Wie einst meine Kinder über (ihre) Heimat denken werden, kann ich jetzt noch nicht sagen. Fakt ist, dass sie in eine Region hineingeboren wurden und an einem Ort aufwachsen, der weder für ihre Mutter noch für ihren Vater Heimat bedeutet. Ihre Eltern stammen nicht von hier, sondern aus verschiedenen Regionen im Norden Deutschlands. Unsere Kindheitserinnerungen sind nicht an diesen Ort gebunden, nicht an diese Region, nicht an die Dialekte und die Mentalität der Menschen hier. Was wird das für unsere Kinder bedeuten? Im Laufe der Jahre möchte ich meinen Kindern zeigen, wo ich aufgewachsen bin. Meine Mutter war auch entwurzelt. Sie zog mit 18 Jahren in den Ort, aus dem mein Vater stammte. Er selber lebt seit nun 75 Jahren im selben Dorf, dem Ort meiner Kindheit. Dort ist er geboren, dort wird er einst auch sterben und begraben. Manchmal beneide ich ihn darum, niemals seine Heimat verlassen haben zu müssen (ausgenommen von 2 Jahren beim Militär. Während dieser Zeit lernte er auch meine Mutter kennen). Es ist etwas, was ich nicht kenne und nach dem ich mich sehne. Nach den alten, schönen Zeiten.

 

Mich würde brennend interessieren, was Heimat für Euch bedeutet. Vielleicht mögt Ihr mir direkt in den Kommentaren dazu antworten. Oder schreibt doch selber einen Blogbeitrag dazu und verlinkt ihn hier in den Kommentaren. Ich freue mich drauf!

 

*dazu in einem anderen Beitrag einmal mehr

Advertisements