AlltagsAnekdote Nr. 1

Ich finde es bezeichnend, wenn eine Frau in Chefposition, die selbst während Studium und intensiver Berufsausübung Kinder groß zu ziehen hatte, mich in Bezug auf eine bald anstehende 2 1/2-wöchige Dienstreise fragt:

„Und, kriegt Ihr Mann das denn hin in der Zeit?“

Äh, bin ich im falschen Film oder was? Und wieder war ich in dem Moment nicht schlagfertig genug bzw. zu vergesslich. Hatte mir doch vorgenommen, bei dieser (fast zu erwartenden) Frage zu kontern, ob Sie das auch die vielen männlichen Kollegen fragen würde, die Väter kleiner Kinder sind.

Ich stelle mir gerade vor, wie all diese Väter im Chefzimmer antreten müssen, um sich folgenden Kommentar anzuhören:

„Wir gehen ja demnächst auf längere Dienstreise. (Und Sie sind ja dann in Monat x und y auch noch hier und dort auf Dienstreise). Kriegt Ihre Frau zu Hause das denn alles hin in der Zeit, mit den kleinen Kindern?“

Weinen könnt‘  ich. Weinen!

Muttertag – ist der sinnvoll oder kann der weg?

Mein allererster Muttertag vor 4 Jahren wurde von meinem Mann rigoros ignoriert. Mir ist dieser Tag an sich relativ schnuppe. Ich hätte mir damals trotzdem gewünscht, dass er die Tatsache, dass auch ich nun Mutter bin, einfach mal erwähnt. Nur mal so, ganz nebenbei und gerne auch etwas scherzhaft. Ja, da hätte ich nichts dagegen gehabt.

Dieses Jahr hat er dann mit KindNr. 1 im Kindergarten für den Muttertag gebastelt. Eine Bastelaktion nur für Väter und ihre Sprösslinge. Ich denke, mein Mann hat daran freiwillig teilgenommen, um einfach (Bastel-)Zeit mit seinem Sohn zu verbringen, als kleines besonderes Ereignis in der Vater-Sohn-Beziehung sozusagen. Herausgekommen ist ein wunderschöner Schmetterling, hergestellt aus einem Ast unseres Apfelbaums. KindNr. 1 wollte eigentlich lieber gerne damit (weiter) spielen statt ihn mir zu überlassen. Die eventuelle Bedeutung eines Muttertages hat er bestimmt noch nicht verstanden, und das muss er aus meiner Sicht auch nicht.

365 Tage im Jahr im Einsatz: Mütter und Väter

Und in diesem Jahr sogar einen Tag mehr. An genau so vielen Tagen sollte uns (und unserem Umfeld) bewusst sein, was Mütter (und auch immer mehr engagierte Väter) Tag ein und Tag aus leisten, um den Nachwuchs gesund und glücklich aufwachsen zu sehen. Wie oft wir dabei an unsere eigenen Grenzen und darüber hinaus kommen, muss ich den meisten Eltern nicht erklären. Leider ist das unseren kinderlosen Mitmenschen und selbst den Politikern nicht immer so ganz bewusst, daher finde ich die Aktion #muttertagswunsch #vatertagswunsch von mutterseelesonnig und mama-arbeitet sehr wichtig und es gefällt mir, wie die Berichte darüber durch sämtliche Medien gewandert sind. Sehr viele gute und sinnvolle Wünsche konnte ich in dem einen oder anderen Blog lesen, wollte mich aber nicht auch noch selber dazu äußern.

Müssen wir wirklich an diesem zweiten Sonntag im Mai an einem Muttertag festhalten, nur um Floristen oder die Schokoladenindustrie finanziell zu unterstützen? Um Geschenke und Bastelarbeiten der Kinder entgegen zu nehmen und vielleicht ein Frühstück serviert zu bekommen? Sollte das nicht auch an anderen Tagen des Jahres möglich sein, mal von der eigenen Familie in dieser Hinsicht „entlohnt“ zu werden? Auch zweifele ich die Wichtigkeit eines Vatertags an, der von den Männern quasi dem einst christlichen Feiertag Christi Himmelfahrt abgerungen wurde. Natürlich ist es schön, so einen freien Tag am Donnerstag zu haben, vor allem wenn noch die Möglichkeit auf ein langes Wochenende durch den Brücken-Freitag besteht. Aber wo steht der Sinn darin, wenn dabei vor allem Nicht-Väter torkelnd und mit Bollerwagen im Schlepptau durch die Gegend ziehen? Löblich, wenn die Väter diesen freien Tag nutzen, um ganz für ihre Familie da zu sein und mit den Kindern explizit Zeit zu verbringen.

Übrigens hat mein Mann an Himmelfahrt den ganzen Tag gearbeitet und ich war mit den Kindern alleine, wie so oft auch an anderen Feier- und Sonntagen.

So war mein Muttertag 2016

Kurz nach 6 Uhr beginnt der Tag, die Kinder werden wach. Moment: DAS Kind! Nr. 1 übernachtet nämlich bei OmaOpa und kommt erst nachmittags zurück. Ein entspannter Vormittag also, möchte man meinen. Aber warum steht KindNr. 2 heute so früh auf und schläft nicht wie sonst schon mal bis 7 Uhr? Grmpf. Der Papa kehrt kurze Zeit später aus der Nachtschicht zurück. Er übernimmt das Kind und geht mit ihr in die Küche, wo er Eier kocht, Brötchen aufbackt und den Frühstückstisch deckt, damit Mama währenddessen in Ruhe duschen kann. Das ist nichts ungewöhnliches, denn so etwas ist er auch an anderen Tagen zu leisten bereit. Auf Blumen, Schokolade oder eine Erwähnung dieses Tages im speziellen könnte ich lange warten. Dann überlässt er uns Damen zum Frühstücken das Feld und geht ins Bett.

Wir essen, ich räume danach die Küche auf. Es ist nett, wenn ich ausnahmsweise mal nur ein Kind bedienen muss. Anschließend wasche ich ab und putze in der Küche an Stellen Staub, die sehr lange keinen Lappen mehr gesehen haben. Aber nicht zu viel, wir wollen es ja nicht übertreiben. Nebenbei reiche ich der Tochter Malutensilien zum Tuschen und Filzstifte zum Anmalen von Papier und Händen. Anschließend verlangt sie nach Knete. Ich putze zwischendurch weiter. Außerdem wechsele ich noch ihre Windeln (mal wieder voll bis zum Hals, aber Baden ist ja derzeit nicht erwünscht *augenroll*), ziehe sie an, putze ihre und meine Zähne und käme mir selber mal die nassen Haare. Danach Staub wischen, Saugen… . Es ist Muttertag? Nein, es ist ein ganz normaler Tag und ich nutze die Ruhe mit nur einem Kind, endlich mal wieder etwas aufzuräumen. KindNr. 2 hilft kräftig mit, schmeißt alle Kissen vom Sofa, damit sie darauf besser saugen kann und spielt zwischendurch noch auf dem Klavier herum.

Zum Glück muss ich heute kein Mittagessen kochen, es ist noch genug vom Vortag da. Das Kind möchte jetzt aber lieber Schokolade. Auch die Erdbeeren locken sie nicht. Sie wird sauer, als ich ihren Wunsch vehement verneine. Ich gebe ihr stattdessen ihren Nuckel, denn ich kenne das schon. Solch schlechte Laune kurz vor 13 Uhr bedeutet, dass sie müde ist. Schon legt sie den Kopf auf den Tisch. Ich nehme sie hoch, trage sie etwas und lege das schlafende Kind dann aufs Sofa.

Mein Muttertagsgeschenk: KindNr. 2 macht heute Mittagsschlaf

Kommt zu Hause eher selten vor, im Kindergarten meistens. Mit allen Folgen für das abendliche Einschlafen. Heute ist es mir egal. Ich lag letzte Nacht wieder ein paar Stunden wach, ich bin einfach müde. Erst mal beende ich selber in Ruhe mein Mittagessen und lege dann die Füße hoch. Es ist immerhin Muttertag. Statt weiter zu putzen, Wäsche zu waschen oder sonst einer wenig geliebten Tätigkeit nachzugehen, liegen wir zwei Mädels auf dem Sofa, ich penne immer wieder auch mit weg. Schlafen tagsüber – eine absolute Rarität in meinem Mutterleben. Ich genieße und lasse die Tochter 2 1/2 Stunden schlummern und übergebe sie dann an den Vater, der inzwischen auch wieder wach ist.

Für eine Stunde ziehe ich mich in mein Zimmer zurück, Kraft schöpfen für den Abend. Derweil kommt der Sohn nach Hause. Als OmaOpa sich verabschieden, stehe ich auch wieder auf der Matte. Noch etwas (Mutter) spielen und das Abendbrot vorbereiten. Es ist 17.25 Uhr. Der Mann verabschiedet sich zur nächsten Nachtarbeit und die Kinder zeigen wenig Interesse am Abendmahl. Stattdessen wie so oft Rumgespiele und Chaos am Tisch, sie stacheln sich mal wieder gegenseitig an und denken gar nicht daran, auf mich zu hören. Ich bin genervt und beende das Essen, räume noch den Tisch auf, packe das halbe Käsebrötchen der Tochter, welches mal wieder umsonst geschmiert wurde, unter Frischhaltefolie und esse den Rest von Sohnemann Salamibrötchen auf. Während die Kinder noch etwas puzzeln, klimpere ich noch etwas auf dem Klavier herum. Danach stehen waschen, Zähne putzen, umziehen und das Sandmännchen auf dem Programm. Es zieht sich.

Abends grüßt das Murmeltier

Nach dem Sandmännchen geht es ins Bett, und zwar ins 1,40 m breite Ehebett, Mama sitzt eingequetscht zwischen beiden Kindern und gibt noch zwei Bücher zum Besten. Die Hoffnung darauf, dass die Kinder heute mal etwas schneller einschlafen, zerschlägt sich schnell. Dass es bei der Tochter aufgrund des ausgedehnten Mittagsschlafes nicht gut klappen würde, war absehbar, aber auch der Sohn hat heute keine Lust auf einschlafen. Es wird herumgezappelt, geredet und mit den Nachtlichtern gespielt. Ich verspreche dem Sohn Belohnungspunkte, wenn er ab morgen endlich mal alleine im eigenen Bett einschläft, denn diese Einschlafsituation, wenn ich mit den Kindern alleine bin, beginnt mich zu nerven. Ich will das so nicht mehr!

Endlich schlummert KindNr. 1 weg. Um 21:10 Uhr (!) verlasse ich das Schlafzimmer, nach dem ich KindNr. 2 in ihr Bettchen gehievt habe und mache es mir mit ein paar Chips, Schokolade und einem Glas Dornfelder auf meinem Schlafsofa bequem. Das habe ich mir jetzt einfach verdient. Ich habe noch Energie für ein Buch und lese etwas in Jesper Juuls „Elterncoaching“. Wie oft schlafe ich abends neben der Tochter ein, weil es oft sehr lange dauert, bis sie selbst eingeschlafen ist. Oder ich werde dabei so müde, dass nichts mehr geht. Meinem Mann geht es  ähnlich. Gemeinsame Abende, Paarbeziehung, Zeit für sich selbst oder zu erledigender Papierkram bleiben fast permanent auf der Strecke. Oder einer von uns arbeitet abends oder nachts.

Ich schlafe wie so oft schlecht. KindNr. 1 kommt in der Nacht zu mir. Ich kann neben dem schmatzenden, sich wälzenden Kind nicht gut schlafen und ziehe zurück ins Schlafzimmer. Hier findet er sich um 5 Uhr erneut ein. Ich muss ohnehin gleich aufstehen. Um 6:30 Uhr ist der Mann von seiner Nachtschicht zurück. Ich breche um 7 Uhr zum Dienst auf und er bringt trotz durchgemachter Nacht noch die Kinder in den Kindergarten.

Es ist ganz egal, ob Muttertag, Vatertag, Feiertag oder Sonntag – so ist eben unser Alltag.

Ich wäre dann gerne mal weg

Endlich mal wieder ein Beitrag auf „Babykram & Kinderkacke“, einer meiner Lieblingsbloggerinnen, nachzulesen hier.

Ich lese den Text spät abends, nach dem ich gerade meine Tochter in ihr Bett gelegt und selbst die Schlafstätte gewechselt habe. Wie so oft bin ich bei ihr eingeschlafen. Es kann schon mal eine gute Stunde dauern, bis sie eingeschlafen ist, vor allem, wenn sie im Kindergarten Mittagsschlaf gehalten hat. Und dann döse auch ich weg, schaffe es nicht mehr, mich zu erheben und noch das mit dem Abend anzufangen, was ich normalerweise vor hatte. Ein Stündchen nur für mich. Lese dann manchmal noch im Handy, das geht auch ohne Licht. Am liebsten hätte ich sofort selbst in die Tasten gehauen, so sehr trifft der Text wieder einen Nerv von mir, lese ich von meinen eigenen Gedanken und Gefühlen und all dem, was mich selber immer wieder und allzu oft beschäftigt.

Wie oft habe ich in den letzten Monaten oder gar Jahren darüber nachgedacht, einfach auszusteigen aus diesem (gehetzten) Leben! Ich meine jetzt nicht unbedingt diese Gedanken, Mann und Kinder zurück zu lassen und wieder mein eigenes Ding zu machen, frei und ohne diese teils bleibernde Belastung der Verantwortung für Menschen, die ich in diese Welt gesetzt habe. Auch diese Momente gibt es, das gebe ich zu. Aber mit meiner Familie (oder zumindest mit meinen zwei Kindern) ein neues Leben beginnen, abseits dieser Konsum-Gesellschaft mit ihrem Druck, der schon auf die Kleinsten und somit auch deren Eltern ausgeübt wird, erscheint mir immer wieder verlockend. Weg von diesem ständigen „Höher-Schneller-Weiter-Besser“, diesem Leistungsdenken und vor allem der Profit-Gier. Alles wird individualisiert, Gemeinschaft, wie ich sie in meiner eigenen Kindheit noch kennenlernen durfte, existiert immer weniger.

Irgendwo auf dem Lande, Bio und viel Selbstversorgung, und andere Menschen, die uns ähnlich sind. Andere Familien und somit andere Kinder. Freiheit, Unbekümmertheit, Handeln zum Wohle aller, gemeinsam sind wir stärker. Ein bißchen „heile Welt“. Aber das sind alles Fantasien, schöne Tagträume… .

Elternschaft anno 2016 – einfach war gestern

Längst ist das Leistungsdenken auch in der Elternschaft angekommen. Dies trifft vor allem die Mütter, aber auch immer mehr Väter. Abgesehen von der Tatsache, dass ein Gehalt heute in den seltensten Fällen reicht, um einen gewissen, durchaus nicht übertriebenen Lebensstandard zu finanzieren, fehlt vielen Eltern schlicht und einfach ein gut ausgebautes soziales Netz und somit der doppelte Boden. Gerade in meinem persönlichen Fall, die ich (und auch mein Mann) Heimat und bekannte Strukturen aufgrund von Studium und Job aufgegeben haben, um sich an einem Ort niederzulassen, der mitsamt seinen Menschen im Grunde so fremd ist, ist das noch immer eine Tücke des Alltags. Ich las es erst kürzlich irgendwo: anders als in vielen Naturvölkern wird uns Frauen hierzulande kurz nach der Geburt abverlangt, alles wieder zu schaffen wie zuvor, und zwar alleine (und eigentlich geht das schon in der Schwangerschaft los). Der Mann geht meist schnell wieder arbeiten, die umsorgende Verwandtschaft, Freunde, Bekannte und Nachbarn sind wenig bis gar nicht vorhanden. Da hat eine Frau / ein Paar ein (weiteres) Kind bekommen und soll  doch sehen, wie sie klar kommen! Geburtsverletzungen, Kaiserschnitt (also Bauch-OP)? Ach, die soll sich mal nicht so anstellen. Andere schaffen das doch auch!

Ich habe es selber erlebt. Schwiegereltern – zumindest bei der Geburt von Kind Nr. 2 vor Ort – was haben sie gemacht? Wie haben sie uns bzw. MICH unterstützt? Einmal Essen vorbei gebracht, nach dem mein Mann sie darum gebeten hatte. Und ja, mal Kind Nr. 1 genommen, aber eher selten, ging da ja schon in den Kindergarten. Spazierengehen mit Baby? Fehlanzeige. Kochen, Putzen für die frisch Entbundene oder einfach mal fragen, ob etwas benötigt wird? Nö. Ich hätte um alles bitten müssen, was für mich persönlich in solch einem (offensichtlichen) Fall einem Betteln gleich käme. Habe ich also nicht gemacht. Habe mich statt dessen mit dem Mann darum gestritten, dass seine Eltern so etwas von alleine sehen, kapieren und anbieten müssten.

Moody schreibt in ihrem Text:

„Wenn ich darüber nachdenke, wie die Verhältnisse sind, in denen wir leben, stelle ich fest: Wir leben in einer kinder- bzw. familienunfreundlichen Gesellschaft. Meiner Ansicht nach führt die Art unseres Zusammenlebens zu einer Überforderung der Eltern, die kaum auszuhalten ist. Wenn man annimmt, dass Menschen die meiste Zeit ihrer Existenz in überschaubaren Sozialzusammenhängen gelebt habenmit intensivem Kontakt zu den Mitmenschen; in Gemeinschaften, in denen Frauen etwa aller 3-4 Jahre ein Kind bekamen (so lange wurde das Kind getragen und gestillt), Kinder ab 4-5 Jahren mehr Zeit mit anderen Kindern in einer Art Kinderkultur verbracht haben als mit Erwachsenen, darüber hinaus außerdem viele der erwachsenen Gemeinschaftsmitglieder als Ansprechpartner und Bezugspersonen hatten […], Naturnähe, weitgehend freies Rumtollen, Begleitung der Erwachsenen bei ihren alltäglichen Tätigkeiten, viele andere Kinder… Wenn man nun diese Art des Gemeinschaftslebens dem heutigen gegenüberstellt: anonym, „zivilisiert“, individualisiert, Ich-bezogen, technisiert, geprägt von Lohnarbeit, rational, Grenzen, Zäune, Mauern, Straßen, Autos, in Städten kaum grün, separiert… dann stimmt mich das nachdenklich. […]

Das starke Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, nach Aktion von (insbesondere jungen) Kindern kann von einem Elternpaar meiner Meinung nach gar nicht adäquat befriedigt werden. Heranwachsende hatten (und haben in einigen Sozialzusammenhängen) immer eine Vielzahl an Bezugspersonen und Gefährten. Undenkbar, dass zwei Erwachsene allein mit ihren Kindern leben. Völlig unsinnig, dass Erwachsene Kinderspiele spielen. Ich wage mich mal noch weiter aus dem Fenster: In keiner der bekannten Jäger und Sammler-Clan-Kulturen sind Neurosen und psychische Krankheiten in der Art der Industrienationen bekannt. Woran liegt das? Wenn man hinschaut und darüber nachdenkt, kommt man vielleicht zu dem Schluss, dass Eltern uncool mit ihren Kindern umgehen, weil deren Eltern in ihrer Kindheit auch uncool mit ihnen umgegangen sind und deren Eltern wiederum… Und so weiter. Wenn es stimmt, dass Kinder (so wie es z.B. Renz-Polster behauptet) ziemlich „ursprünglich“ ticken, dann sind sie womöglich in Erwartung einer solchen Clan-mäßigen Gemeinschaft… also genau damit ausgestattet, was es für ein Leben mit Eltern, vielen Kindern, mit dabei sein beim Tun der Erwachsenen und unterschiedlichen Bezugspersone braucht. Ständige unkomplizierte Aufmerksamkeit garantiert. Man ist überall dabei und in älterem Alter ziemlich frei in seinem Tun, beim Erkunden der Welt. (Zumindest bis zur Pubertät, aber das ist ein anderes Thema.) […]

Nun werden diese ursprünglich tickenden Kinder geboren in ein Umfeld, das ganz anders tickt. Die Eltern sind die einzigen Bezugspersonen und müssen all das leisten/erfüllen, was in einem Clan viele verschiedene Erwachsene leisten. Außerdem haben sie eigentlich ständig etwas anderes zu tun und/oder im Kopf. Am Anfang wird die Mutter aus der Gemeinschaft gekickt und ist mit einem Säugling auf sich allein gestellt, um sich voll und ganz dem kleinen Bündel zu widmen. (Dass sie dabei einen Knall kriegt, weil man blöde wird, wenn man den ganzen Tag keine Erwachsenen sieht, interessiert nicht. In „ursprünglichen“ Sozialzusammenhängen käme das einer Verbannung gleich – so ziemlich das schlimmste, was dir passieren kann, denn ohne Clan bist du nichts, zum Beispiel nicht überlebensfähig.) Die etwas größeren, aber immernoch kleinen Kinder können beim Tun der Erwachsenen nicht dabei sein, sondern werden in Betreuungseinrichtungen gegeben. Das wäre eigentlich gar nicht mal so schlecht, wenn es nicht 1. so früh wäre und 2. wenn die Erwachsenen die Kinder nicht ständig kontrollieren, erziehen, maßregeln würden. Immerhin kommen sie hier mit vielen anderen Kindern zusammen und können mal andere Menschen als ihre Eltern sehen. Allerdings befinden sie sich in einem Schonraum und kriegen nichts von der „Erwachsenenwelt“ mit. Die Erwachsenen gehen 8 Stunden oft ziemlich stupiden und/oder kopflastigen Arbeiten nach, die sie wahlweise körperlich einseitig belasten (war schon bei Anbau und Ernte von Weizen der Fall) oder geistig derartig auslaugen, dass sie danach eigentlich zum Ausgleich 4 Stunden durch grüne Wälder laufen müssten. Können sie aber nicht, denn die Uhr tickt, der Nachwuchs muss abgeholt werden. Zu diesem Zeitpunkt sind die Erwachsenen eigentlich bereits völlig erschöpft und bräuchten dringend eine Pause von der Beanspruchung, müssen nun aber viele weitere Stunden in der „zweiten Schicht“ für ihre Kinder da und ansprechbar sein und verlangen sich – wie in jedem Bereich – alles ab. Dazwischen werden sie von Werbetafeln beballert und ihr Smartphone ruft nach ihnen. Wenn die Kinder abends schlafen, muss man sich noch um seine Selbstverwirklichung kümmern, man muss ja schließlich „was aus sich machen“. Der Kinder-„Schon“raum zieht sich dann 10-12 Jahre weiter in Institutionen, in denen Kinder sich stündlich wechselnd mit von Erwachsenen festgelegten Themen beschäftigen sollen, und zwar sitzend. 8-12 Stunden am Tag werden Informationen in sie hineingetrichtert und in regelmäßigen Abständen wird abgefragt, was sie sich merken konnten. Für die Eltern wird’s hier vielleicht etwas weniger stressig, weil die zweite Schicht quasi wegfällt. Die Kinder wollen gar nicht mehr so viel Aufmerksamkeit von ihren Eltern. Glotze, Smartphone und Zocken können das viel besser und ersetzen vom Action-Faktor vielleicht ein bisschen den Kick, den man sich eigentlich durch Stromern mit den anderen Clan-Kids in der Wildnis verschaffen würde. (In Jäger-Sammler-Gemeinschaften fangen „Kinder im Schulalter“ langsam an, die Erwachsenen bei der Jagd zu begleiten.)“

 

Ich denke, das trifft es einfach. Das hätte ich wahrlich nicht besser schreiben können.

 

Kinder haben ist anstrengend – heute mehr denn je

Haben sich meine Eltern jemals so viele Gedanken gemacht, machen müssen, wie sie mit uns Kindern interagieren? Heute werden Eltern viel schneller an den „Pranger“ gestellt.

Wenn das Kind nicht „funktioniert“, sind die falschen Erziehungsmethoden der Eltern Schuld.

Geht die Mutter arbeiten, ist sie eine Rabenmutter. Bleibt sie zu Hause, wird sie ebenso unverständlich angesehen.

Umsorgt man das Kind zu sehr, ist man ein Helikopter-Elter.

Lässt man ihnen zu viel Freiraum und alles durchgehen, ist man vernachlässigend und / oder gefährdet das Kindswohl.

usw. usf.

Ich bin in einer dörflichen Gemeinschaft groß geworden, meine Mutter blieb die ersten 6 Jahre meines Lebens zu Hause, obwohl das finanziell nicht gerade günstig für die Familie war. Aber sie wollte nicht schon wieder ein Kind täglich weinend bei der Oma lassen, wie es ihr mit meinem älteren Bruder erging. Immerhin gab es diese Oma, gleich nebenan, mit einem großen Grundstück und riesigem Nutz-Garten. Dazu viele Tanten, Onkels, Cousins und Cousinen, Nachbarn, die einander geholfen haben. Viele Kinder in meinem Alter. Wir stromerten herum, oft den ganzen Tag. Schon ab dem Alter von 4 Jahren waren wir alleine unterwegs. Da ging das damals noch. Das ganze Dorf war nicht nur unser Spielplatz, sondern zog uns quasi mit groß. Es war eine Idylle, aus heutiger Sicht, und zwar auch für meine Eltern. Sie mussten nicht mit uns auf den Spielplatz gehen, obwohl sie gerade keine Lust oder Zeit dazu hatten. Wir sind alleine gegangen. Sie hatten Zeit, ihr eigenes Ding zu machen – ganz ohne schlechtes Gewissen.

Die Grundschule war nicht besonders anspruchsvoll. Es gab nicht den Druck, unbedingt Abitur machen zu müssen (und ich bin einige von sehr wenigen aus der damaligen zahlreichen Kindergemeinschaft mit Abi und abgeschlossenem Studium). Heute ist eben vieles ganz anders.

„Eltern sind heute m.E. überfordert, weil sie im Kleinfamilien-Kontext dazu gezwungen werden, etwas zu leisten, das unmenschlich ist. Sie müssen leisten, was „eigentlich“ eine Vielzahl von Menschen gemeinsam leisten sollte/müsste. Zudem ist der Einfluss der Eltern auf die Kinder (und ihre Psyche) dadurch, dass es kaum andere ernsthafte Beziehungen und Vorbilder für Kinder gibt, immens. Wo viele Erwachsene sind, die Kinder ständig beeinflussen, ist ein cholerischer Vater weniger ein Problem für die Entwicklung des Kindes. (Das Kind kann ihm im Zweifelsfall einfach aus dem Weg gehen.) Ist „der Choleriker“, „die Depressive“, „die Unentspannte“, „die Gereizte“ usw. aber die wichtigste bzw. einzige intensive Bezugsperson, multipliziert sich die Abhängigkeit von den und damit auch die Verantwortung der Eltern. Das ist – im wahrsten Sinne des Wortes – eigentlich ziemlich unerträglich!

Erschwerend kommen hinzu: Individualismus, Selbstverwirklichungsdrängen, Biografiezwang. Wie soll man sich Kindern widmen, wenn man ständig den Zwang verspürt, das Beste aus sich herausholen zu müssen, um im Zweifelsfall auch zu erklären, wer man ist und was man macht? Die Kinder nehmen so viel Zeit weg, in der man etwas „sinnvolles“ tun könnte. Der Spruch oder Gedanke „Ich habe heute noch gar nichts geschafft“ am Abend eines Tages, den man „nur“ mit den Kindern verbracht hat, spricht Bände.

Dann wäre da noch: Eine rational eingerichtete Umwelt, die nicht zum „irrationalen“ Verhalten von Kindern passt: Funktionalität überall, bestimmte Arten und Weisen wie etwas „richtig“ zu gebrauchen ist und so so viel, was Kinder ständig falsch machen können. Und sie tun es ja auch ständig, etwas „falsch“ machen. Das geben wir ihnen auch ununterbrochen zu verstehen. Man könnte Kinder auch liebevoll in die Welt einführen, mit Verständnis dafür, dass sie xy nicht einfach so können und dass es Zeit braucht, bis das der Fall ist, so wie es in Jäger-Sammler-Kulturen. Aber dafür tickt hier und heute die Uhr zu laut, der Tag hat zu wenig Stunden für all das, was wir meinen, zu tun zu haben. Das viele, viele Andere. […]

So gesehen sind die Genervtheit, die Gereiztheit, die Überforderung, die Last, der Druck von Eltern völlig logische Konsequenzen. Und auch die zunehmende Anzahl von Kindern und Erwachsenen mit psychischen Problemen erscheint mir vor dem Hintergrund durchaus plausibel. Ebenso, dass immer weniger Menschen überhaupt Kinder bekommen (wollen). Wer kann das – in so einem Kontext – schon ernsthaft wollen? Eigentlich sind Kinder doch in einer rationalen, funktionalen, an Effizienz, Optimierung und Fortschritt ausgerichteten Industriegesellschaft überall im Weg. Ein einziges Ärgernis. Neue Menschen braucht aber auch diese Gesellschaft dummerweise. Können die nicht irgendwie als fertige, als „richtige“, als vernünftige Menschen zur Welt kommen? Dann wäre alles so viel einfacher. Die Genforschung wird dafür bestimmt bald eine Lösung haben.“

Ja!

 

Es braucht 2 Arme pro Kind – mindestens

Das ist meine Meinung. Ich habe 2 Kinder, aber nicht 4 Arme. So geht es vielen Alleinerziehenden und mir und meinem Mann immerhin zeitweise, weil der andere (hier vor allem der Mann) beruflich weg ist, auch an Feiertagen und dem Wochenende. Dann steht man mit allem oft völlig alleine da, weil eben das Auffangnetz sehr dünn ist. Und beim Lesen des Blogbeitrages wurde mir nicht zum ersten Mal klar, was wir hier in der heutigen Zeit leisten. Und das es anstrengend ist und sein darf und wir verdammt noch mal auch darüber sprechen dürfen und sollten!

„Also fing ich an, darüber zu schreiben. Und relativ bald zeigten andere Eltern ihre Erleichterung. Vermutlich, weil ich (und andere) zeigten, dass sie nicht allein sind, dass es anderen auch so geht wie ihnen, dass wir ähnliche Probleme teilen. Und auch meine Leserinnen gaben mir ein gutes Gefühl, weil es kurz – ganz kurz – meine Schuldgefühle reduzierte. Das fühlte sich gut und richtig an, nach einer eingeschworenen Gemeinschaft von desillusionierten Eltern wider der Romantisierung von Elternschaft.

[…] in denen sich Menschen über die „jammernden“ neuen Eltern beschwerten oder lustig machten, ließen mich zuweilen stark an „meinem Projekt“ zweifeln. Ist das öffentliche Äußern der eigenen Überforderung eine scheiß Idee? Sollte man das lieber für sich behalten und weiter die Zähne zusammenbeißen? […]

Warum kriege ich es nicht hin, meine Kinder zu genießen? Nett, verständnisvoll, geduldig zu sein? Ich habe den Fehler bei mir gesucht, dazu neige ich. Habe in mir gegraben, einiges gefunden und darunter gelitten, meinen Kindern keine „besser Mutter“ sein zu können. Ich fühlte mich mal egoistisch, mal egozentrisch, mal faul, mal schwach und unbelastbar, ständig unsicher und andauernd überfordert.“

Ich kenne das nur allzu gut mit den Schuldgefühlen, den Selbstzweifeln an der Mutterrolle und wie man sie ausübt, der Angst vor (weitreichenden) Fehlern im Umgang mit den lieben Kleinen, auch die Genervtheit und die Überforderung. Das alles ist eben nicht unsere Schuld alleine und schon gar nicht die der Kinder. Sie können am allerwenigsten dafür. Es ist das Land, diese Gesellschaft, diese schier nicht zu erreichenden Ansprüche. Auch wenn man versucht, sich davon zu befreien (immer mehr, und nach einem Burnout bleibt einem auch nichts anderes übrig), es ist allgegenwärtig und nicht immer leicht zu ignorieren. Ja, das Kind kommt bald in die Schule und muss dort „funktionieren“, was also tun? Was tun, wenn schon im Kindergarten „Druck“ gemacht wird, weil das Kind sich anders verhält, negativ auffällt? Wohin soll das noch alles führen? Sicher nicht zu einer gesünderen Gesellschaft und einem besseren Leben, davon bin ich überzeugt. „Früher war alles besser!“ An dieser Aussage ist doch manchmal etwas dran.

Wenn Mama nicht mehr kann #burnout

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Mal geht es rauf und mal geht es wieder runter. (Bildrechte: dieverlorenenschuhe)

Wir müssen aber können, wir Mütter. Immer und überall, jederzeit. Ob wir krank sind oder nicht. Welche Mutter kennt das nicht: sie sollte eigentlich das Bett hüten, doch sie hat keine Wahl. Es ist niemand da, der sich um die Kinder und den Haushalt kümmert. Oder der Partner hat die Männergrippe und liegt selber mit Schnupfen halbtot danieder. Da haben wir Mütter einfach Pech gehabt. Und wenn nicht nur wir über der Kloschüssel hängen, sondern auch noch die Kinder, dann ist „Holland in Not“. Es hilft nichts, wir müssen ran!

Und dann gibt es da noch die anderen Sachen, die, welche nicht so schnell wieder verschwinden. Wir sind erschöpft, dauermüde, der Körper streikt. Erst nur ein bißchen und nur ab und zu, dann immer öfter und immer länger. Es wird schlimmer, wir wissen, wir brauchen eine Auszeit. Das eine Stündchen am Abend reicht nicht mehr, wird sowieso verschlafen (zum Glück! Schlaf!),  auch nicht die Stunde unter der Woche, wenn der Partner oder die Großeltern mal die Kinder nehmen. Es reicht irgendwann nicht mehr. Wir sind nur noch alle, kaputt, leer. Ausgebrannt. Verzweifelt dazu. Das Burnout-Syndrom hat zugeschlagen.

Erst schleichend, dann radikal

So fing es auch bei mir an. Jahrelang viel, viel (!) zu wenig Schlaf. Keine wirkliche Auszeiten mehr, im Alltag sowieso nicht. Urlaube, die zwar einen Ortswechsel beinhalteten, aber den Beinamen „Erholung“ nicht verdient hätten. Genauso wenig die Wochenenden, die man früher genutzt hatte, um mal was zu erleben, etwas für sich zu tun und außerdem dazu, sich vom Job auszuruhen. Einfach mal wieder zu sich selber finden. Nichts (zu) machen! Jetzt sind da die Kinder, welche einen brauchen. Häufig und gerade in den ersten Jahren rund um die Uhr. „Sie wollen immer noch alles!“ sagte man zu mir. Achja? Ich wollte einfach nur eine Familie und einen Job, der Spaß macht und das Geld bringt, welches wir zum Leben brauchen (und mir ein wenig Rente sichert). Alles andere hatte ich aufgegeben. Hobbys und Interessen? Fehlanzeige. Ein Heim nach meinen Vorstellungen? Hier regiert schon lange das Chaos und die To-Do-Liste reicht mindestens einmal um den Erdball. Tolle Urlaubsreisen? Ja, ein Mal im Jahr an die Nordsee (wobei das auch schön ist, ich bin da sehr gerne). Selbstverwirklichung als Musikerin, Musizieren auf höchsten Niveau in diversen Orchestern und Kammermusikformationen? Habe ich längst aufgegeben. Keine Zeit, keine Kraft. Was also bitte will ich immer noch alles, wenn ich schon so vieles hergegeben habe?

Ich schob meinen Zustand auf die jahrelange Ausbeute meiner eigenen Person. Zwei Kinder mit kleinem Altersabstand, immer wieder schnell zurück in den Job. Schichtdienste. Ich bin zudem nicht mehr die Jüngste. Nur noch erschöpft. Manchmal fing ich einfach an zu weinen, aus dem Nichts und aus purer Erschöpfung und Verzweifelung. Ich wurde auch aggressiv und gereizt, lies meine Wut schreiend heraus und rannte sogar mal davon. Ich holte mir Hilfe, das war vor einem Jahr, ging zum Arzt, wurde krank geschrieben. Ging wieder arbeiten. Spürte nach einigen harten Wochen, dass ich dringend eine Pause bräuchte. Aber es war Sonntag, mein Mann und ich mussten arbeiten. In der Nacht davor fing es an. Es ging mir so mies. Ich hatte Atemaussetzer, Durchfall und konnte kaum schlafen. Irgendwas fühlte sich komisch an, und ich wusste nicht, was es ist. Eine „komische Erkrankung“, sagte ich noch hinterher, eine Woche später, als ich wieder auf den Beinen war.

An dem Sonntag schaffte ich es noch bis an den Fernsehkameras vorbei. Es war heiß. Ich schwitzte. Mir war schwindelig. Ich bekam kaum Luft. Diese innere Unruhe in meinem Körper machte mich wahnsinnig. Dann holte mich das DRK ab.

Immer weiter – höher und schneller is‘ längst nicht mehr

Der Arzt sagte, ich sei erst mal durch und bevor es zum Burn-Out käme, schrieb er mich noch mal krank. Außerdem fand ich eine Psychotherapeutin. „Suchen Sie sich Inseln im Alltag!“ Ja, wie denn?! Ich musste weitermachen. Job, ständig streitende Kinder, massive Eheprobleme, ein fehlendes soziales Netz und (somit) emotional ohne jegliche Unterstützung, gefühlt also wie total alleine. Dazu Schuldgefühle (ich bin immer Schuld, an allem!), Selbstzweifel und Zweifel an allem, an meiner ganzen Lebenssituation und vielen Entscheidungen in der Vergangenheit. Ich war frustriert, meine Frustrationstoleranz lange überschritten. Meine Gedanken drehten sich im Kreis, Monatelang. Eigentlich schon Jahrelang. Manchmal waren da diese Momente der absoluten Leere. Ich hatte das Gefühl, dass die Zukunft im Dunkeln lag, völlig sinnentleert. Dann waren da wieder die Kinder. Für sie musste ich durchhalten! Für wen sonst? Dann immer wieder diese Atemprobleme und diese Erschöpfung. Das Gefühl, schwer krank zu sein! Damit kam ich dann per Hyperventilationstetanie in die Notaufnahme. Mein ganzer Körper kribbelte und hatte sich teilweise verkrampft. Ich sollte eigentlich gerade meine Tochter im Kindergarten eingewöhnen (der Mann hatte den Anfang gemacht) und nun ging erst mal ein paar Tage gar nichts mehr. Statt die Zeit für mich zu nutzen, lag ich da und starte die Decke an. Selbst Lesen war zu anstrengend. Ich schloss die Augen und wartete darauf, dass mein Körper mir wieder gehorchte.

Das tat er – mehr oder weniger. Ich war dauernervös, dieses Zittern war viel zu oft da. Ich hatte morgens im Auto schon Atemnot und oft hörte das stundenlang nicht auf oder kam immer wieder. Da ist kein Sauerstoff für mich! Und automatisches Atmen ging dann nicht mehr, ich musste mich darauf konzentrieren, sonst hörte ich einfach auf. Später, als es richtig schlimm war, wachte ich nachts immer wieder auf, weil ich zu Atmen aufgehört hatte. Jedenfalls kam es mir so vor.

Leichte Panikattacken bestimmten meinen Alltag. Der Körper zitterte, ich wurde so unglaublich müde und wollte nur noch meine Ruhe. Aber ich biss mich durch und dann ging es mir besser. Wochenlang war ich fit. Also war es doch der Eisenmangel, den man festgestellt hatte. Ich nahm Eisentabletten und vielleicht hatte das einen gewissen Placebo-Effekt.

Ätschbätsch – zu früh gefreut

Anfang des Jahres merkte ich bald, dass ich mal wieder ein Päuschen gebrauchen könnte. Ich sehnte mich nach einem ganzen Tag nur für mich alleine. Ruhe! Doch ich nahm ihn mir nicht. Ich spürte, wie die innere Gereiztheit zurück kam. Dann verlangte man im Kindergarten ein Gespräch. Kind Nr. 1, so ginge es nicht weiter, eine Lösung müsse her. Ich hatte eine Kinderpsychotherapeutin angerufen, trotzdem ging ich aus dem Gespräch mit den Erzieherinnen raus und konnte nicht mehr. Zumal ich nicht wußte, wie ich mit meinem Mann, mit dem es zu dem Zeitpunkt katastrophal lief und sich meine Gedanken nun schon so lange um das Thema Trennung drehten, bezüglich dieses „Problems“ auf einen gemeinsamen Nenner kommen sollte. Mit  ihm zu kommunizieren war nicht mehr möglich. Es fühlte sich an diesem Nachmittag an, als hätte man mir gerade komplett jeglicher Energie aus dem  Körper gesaugt.

Einige Tage später fing es an. Mein „Körpertinnitus“, wie ich ihn lange nannte. Mein Körper zitterte innerlich, nein, er vibrierte und bebte, laut. Nachts war ich wie gewohnt oft wach und mein Körper bebte und brummte wie verrückt. Es wurde nach einiger Zeit wieder leicht besser und ich nahm mir meine „Mama-Auszeit“, aber das reichte nicht mehr. Sobald ich zurück kehrte zu meiner Familie und auf meinen wie immer griesgrämigen Mann stieß, fing es wieder an. Und dann ging gar nichts mehr.

Der totale Zusammenbruch – Ausgebrannt

Mein Körper streikte, komplett. Und damit auch mein Geist. Ich hatte Orchesterprobe, aber ich fühlte, dass ich total erschöpft war, zu erschöpft, um mit meinem Instrument noch die anstrengenden und anspruchsvollen Stücke zu bewältigen. Mir war schwindelig, ich sah die Ferne verschwommen und fühlte diese Hitze hinter der Stirn. Ich holte meine Kinder vom Kindergarten ab und schleppte mich mit ihnen nach Hause. Mein Mann kam dazu. Ich lag den Rest des Nachmittags auf dem Sofa und kam nicht mehr hoch. Auch am nächsten und übernächsten Morgen nicht mehr. Ich rief meinen Chef an und meldete mich krank, ging am nächsten morgen zum Arzt. Der half mir nicht so, wie ich es mir gewünscht hätte. Ich konnte mich nicht mehr richtig um die Kinder kümmern. Ich war ein Häufchen Elend. Wenn ich aufstand, wurde mir schwindelig, heiß, ich zitterte, bekam wieder diese Kribbelgefühle. Und dann dieser Druck hinter der Stirn, die Sehstörungen und diese totale Schwäche und bleiernde Müdigkeit. Mein Herz hämmerte in meinem Oberkörper. Ich dachte immer wieder, ich müsse jeden Augenblich zusammenbrechen.  Ich bat meinen Mann, eher von der Arbeit nach Hause zu kommen, und er kam. Zwar waren meine Schwiegereltern im Haus und betreuten die Kinder, ich versuchte noch etwas zu helfen, aber ich hatte Angst und brauchte jemanden, der nun emotional für mich da war. Das Wochenende stand vor der Tür und bedeutete in diesem Fall, dass mein Mann an beiden Tagen komplett arbeiten musste. Er ging zwar am Samstag später, aber es half nichts. Ich konnte nicht mehr. Ich rief mir einen Krankenwagen und lies mich in mein Krankenhaus in die Notaufnahme bringen. Ich hatte mich von meinen Kindern verabschiedet und ihnen versichert, dass ich bald wieder käme. Beide sahen, wie der Krankenwagen mit mir davon fuhr.

Der Arzt war nett, lustig und schien mich ernst zu nehmen. Er verschrieb mir ein Antidepressivum und erklärte mir, woher mein Zustand käme. Wer jahrelang versuchte zu funktionieren, und sich dabei ständig über seine Kräfte hinaus verausgabt, der wird eben irgendwann krank. Das mit dem Serotonin in meinem Gehirn funktioniere eben nicht mehr richtig. Wenn ich das Medikament ein Jahr lang, vielleicht auch zwei, nehmen würde und weiterhin eine Therapie machte, würde ich wieder gesund werden. Angststörung / Depressive Störung (gemischt), so lautet die Diagnose auf dem Arztbrief. Endlich passiert etwas, denke ich. Lange habe ich für mich ausgeschlossen, Chemie in meinen Körper zu schütten. Jetzt bin ich einfach nur froh. Es wird eine Weile dauern, bis es wirkt, sagte der Arzt. Außerdem soll ich die Dosis nur sehr behutsam steigern.

Darf ich jetzt nicht mehr funktionieren?

Eine Woche lang liege ich fast nur, selbst Lesen ist mir meistens zu anstrengend. Schlafen kann ich nicht, essen mag ich nicht, ich habe einfach keinen Appetit. Selbst Schokolade, die sonst zu meinen Hauptnahrungsmitteln gehört, verschmähe ich. Ich trinke Wasser und warte. Warte darauf, dass es mir besser geht, das Zittern und Brummen weniger wird und ich wieder auf irgendetwas Lust habe. Oder die Kraft. Mein Mann ist zu Hause, er kümmert sich um die Kinder und auch – mehr oder weniger – um den Haushalt und um mich. Er sagt, wir würden das schon schaffen, gemeinsam. Und ich frage ihn was ist, wenn es mir niemals mehr besser geht.

Aber dann irgendwann wird es besser, es gibt bessere Momente. Ich kann wieder öfter aufstehen und auch mal für die Kinder da sein. Ich bin zu Hause. Wenn die Kinder nicht da sind, liege ich meistens auf meinem Bett. Manchmal setze ich mich in meinen alten Ikea-Sessel und schaue nach draußen. Oder ich sitze auf meinem Sitzsack und blicke in den Garten. Die Sonne scheint, das tut so gut. Ich bin einfach da und hoffe. Eines Tages wird alles wieder gut, bestimmt.

Nachts habe ich gerade in der ersten Zeit starke Angst-/ Panikattacken. Es ist grausam. Aus dem Nichts wache ich auf und ringe nach Luft. Habe wohl mal wieder aufgehört gehabt zu atmen. Oder es gibt einen Rums, der durch meinen Körper ruckt und bin wach. Stundenlang oder immer wieder. Es ist so anstrengend. Nur tagsüber schlafen kann ich nie.

„Ich kann nicht mehr!“

Darf ich das sagen? Als berufstätige Mutter zweier kleiner Kinder, die Unterstützung in Form eines Mannes und einem Großelternpaares hat? Ist es nicht einzig und alleine den Alleinerziehenden vorbehalten, irgendwann vor Erschöpfung zusammen zu brechen? Ganz schlimm ist es bei den Frauen, die weder vom Vater ihrer Kinder noch von anderen Anverwandten Unterstützung bekommen und zudem finanziell nicht gerade gut dastehen? Also, durfte ich überhaupt so krank werden? Ich weiß es nicht. Es ist passiert. Ich bin ein perfektionistisch veranlagerter Mensch und zudem hochsensibel. Ich habe in meinem Leben bei weitem nicht nur Schönes erlebt. Ich bringe also einige Voraussetzungen mit, die solche Erkrankungen begünstigen können.

Das Ganze ist jetzt gute 2 Monate her. Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Artikel schreiben und veröffentlichen sollte. Es ist sehr persönlich. Aber vielleicht hilft es. Hilft anderen, die Symptome zu erkennen und sie ernst zu nehmen. Mir geht es teilweise besser, aber leider nicht immer. Gerade sind – trotz des herrlichen Frühlingswetters – wieder schlechte Tage. Ich bin sehr müde und kriege schlecht Luft, bin kurzatmig und schlapp. Mir ist oft schwindelig. Ich habe immer wieder dieses Engegefühl in der Brust und mein ganzer Körper fühlt sich oft unheimlich schwer an. Er zittert nach wie vor, wenn auch nicht mehr so stark. Und manchmal habe ich das Gefühl, er kribbelt einfach komplett.

Die Nächte sind bescheiden. Ein Teil meiner Angst dreht sich um die Angst, schwer krank zu sein oder zu werden. Daher werde ich auch hier immer noch einiges ärztlich abklären müssen. Manchmal weiß ich nicht, wie es weitergeht, ob es irgendwann wieder richtig gut wird oder ob ich mit diesem Zustand leben muss. Ich habe einen tollen Ergotherapeuten gefunden (auf Empfehlung meines Hausarztes), der mit Burnout-Betroffenen arbeitet und sich auf die psychische Schiene spezialisiert (hat). Außerdem habe ich eine neue Psychotherapeutin kontaktiert, die eventuell besser zu mir passt. Ich freue mich darauf, wenn sie endlich anruft um mir zu verkünden, dass sie nun Zeit für mich hat. Das ist ja in diesem Bereich immer nicht so einfach. Man wartet schon mal mehrere Monate auf einen Therapieplatz.

Im Krankenhaus werde ich immer wieder ambulant betreut, vor allem wegen der Mediaktion. Ich versuche, an mir zu arbeiten. Meine Erwartungen und Ansprüche in vielen Bereichen habe ich enorm nach unten geschraubt. Höher, schneller, weiter brauche ich nicht mehr unbedingt, trotzdem sind einige Dinge wichtig, um glücklich sein zu können. Eine funktionierende Paarbeziehung stellt dabei das größte Problem bzw. Herausforderung für mich dar. Jeder kleine Streit führt – so scheint es mir – zu einer erneuten Verschlechterung meines Zustandes. Eine Lösung ist nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick erscheint… .

Bleibt gesund! Es ist das Wichtigste im Leben!