Alter schützt vor Torheit nicht – ein Liebesdrama in mehreren Akten

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Sie hat die magische 40 längst überschritten, auch wenn sie sich vom Kopf her nicht so alt fühlt. In den Augen vieler ist sie es sicherlich. Kinder und Jugendliche werden sie als solch eine alte Frau wahrnehmen, wie sie selber in jungen Jahren die Ü30- oder Ü40-Leute um sich herum wahrgenommen hat. Alt und die beste Zeit hinter-sich-habend.

Doch jetzt kommt es ihr fast so vor, als sei sie wieder 20. Wenn überhaupt. Wann hatte sie dieses Gefühl das letzte Mal erlebt? Verliebtheit! Verrückt, in ihrem Alter…  und vor allem in ihrer Lebenssituation. Verheiratet, wenn auch nicht ganz so glücklich wie einst erträumt, zwei Kinder, einen Hauskredit in schwindelerregender Höhe und neuerdings zwei nagelneuen Autos vor der Tür. Verbeamtet ist sie quasi auch. Ein richtig spießiges Leben also. Da fehlt eigentlich nur noch ein Lover, am besten natürlich ein U30. Man gönnt sich ja sonst nichts…

Frau wird doch wohl noch träumen dürfen

Nur wenige Wochen ist es her, als sie nach ihrem Burn-Out-Zusammenbruch erkannte, dass das Leben eben doch zu kurz ist, um alles auf später oder auf ein Nimmer-Wiedersehen zu verschieben. Sie hat nach wie vor Wünsche. Und ja, sie hat nach wie vor Bedürfnisse. Jahrelang hatte sie sich quasi nicht mehr selbst gespürt. Lange Zeit hatte sie das, was sie ausmachte, total verdrängt. Schon immer ein eher nachdenklicher, tiefsinniger und melancholischer Mensch, hatte sie doch auch immer das Leben geliebt, ja, geliebt, gefeiert und getanzt. Und mehr als ein Mal zu oft ihr Herz verschenkt. Verliebt, so oft verliebt, immer auf der Suche nach Liebe und Gesehen-werden um ihrer selbst Willen, das hatte sie sich gewünscht, und so ein ums andere Mal ihr Herz an den Falschen vergeben.

Und von dem einen, da kam sie auch ewig lange nicht mehr richtig los. Sie waren fast 5 Jahre ein Paar. Er sah sie auf einer Party und liebte ihr Lächeln (damals noch mit zahnspangenbegradigten Zähnen, was sich im Laufe der Jahre wieder gegeben hat). Sie wollte nichts von ihm. Sie war gerade noch in einen anderen Typen verknallt, der sich im alkoholisierten Zustand gerne nach Hause fahren und verführen ließ.

Doch die Wochen in diesem denkwürdigen Herbst vergingen und mit der Vehemenz dieses Verehrers kam die Liebe. Er sah sie – zumindest damals. Stürmische 1 1/2 Jahre folgten, aber nach ihrem Umzug in ihren Studienort kam die Ernüchterung. Die Wochenendbeziehung bröckelte, ihr mangelndes Selbstbewusstsein und ihre Eifersucht ließen ihn kapitulieren. Er suchte sich eine andere und machte selber offiziell nicht Schluss. Dafür musste sie schon seine Mutter anrufen. Dieser Feigling.

Single sein und genießen?

Das konnte sie damals noch nicht so gut, einfach alleine auch glücklich sein. Sie brauchte immer jemanden. Heute wünscht sie sich oft, ungebunden zu sein. Damals aber kam ein knappes Jahr nach dieser großen Enttäuschung ihr Mann in ihr Leben. Sie lernte ihn zufällig über das Internet kennen. 15 Jahre ist das her. Es war für sie nie die große Liebe aus dem Märchenbuch. Und dazu fühlte sie sich auch nicht mehr im Stande. Es sollte etwas sein, was Sicherheit gab nach all den Enttäuschungen zuvor.

Verliebtsein, Liebeskummer, jemanden vermissen, sich so sehr wünschen, mit diesem jemand zusammen zu sein, sei es körperlich wie auch das Leben mit ihm zu teilen, diese Gefühle kannte sie schon lange nicht mehr. Und jetzt überwältigt es sie. Sie hofft, es dauert nur kurz. Immerhin ist sie erwachsen, eine Frau in der Mitte ihres Lebens. Da gehört sich so etwas nicht mehr! Da geht man anders damit um als damals, als man noch hormongesteuert und mit Bauchgefühl durch die Gegend stolperte. Heute stellt man sich doch der Realität, dass sich nach einer langen Beziehung mit vielen Up’s and Down’s eben nicht mehr immer Schmetterlinge im Bauch befinden.

Vielleicht ist es einfach der Wunsch, noch einmal wieder gesehen zu werden. Sie möchte endlich einmal wieder angenommen werden wie sie ist, ohne ständig für jede Kleinigkeit kritisiert zu werden. Sie kann das  Gemeckere oft einfach nicht mehr hören. Und dieses Gefühl, immer an jedem noch so kleinem Sch*** Schuld zu sein, die Schuld zugeschoben zu bekommen, möchte sie einfach endlich ablegen. Immer sie, nie der andere! Auf Dauer und unter dem Stress des alltäglichen Lebens ist das einfach nur zermürbend.

Träumen für  Fortgeschrittene

Mit ihm, so ist sie sich sicher, gäbe es das nicht. Nicht HEUTE, nicht nach all den Lektionen, die sie in den vergangenen Jahren gelernt hat. Und vorher? Sie weiß es nicht. Es ist müßig, darüber nachzudenken, „was wäre gewesen, wenn…“ oder „was könnte sein, wenn…“. Sie weiß nur, dass sie nicht aufhören kann, an die gemeinsame Zeit zu denken. Sie sollte sich zwingen dazu, aber es geht nicht. Sie hat die Freiheit gespürt und das glückliche Leben erahnt. Sie möchte noch nicht so schnell aus diesem Traum erwachen!

Diese „Liebesgeschichte“ hat  eine längere Vorgeschichte. Und deswegen kann sich diese einer gewissen Tragik nicht verwehren. Sie hat nicht einfach jemanden neues kennengelernt. Er war schon lange da. Auch hat sie ihn in all den Jahren nicht übersehen, sondern ihre Gefühle für ihn regelmäßig verdrängt, gar unterdrückt. Zur Seite geschoben und sich gesagt, „is‘ halt Pech, vielleicht im nächsten Leben. Ihr hattet Eure Chance – oder eben auch nicht“. Zumindest hatte sie nie jemand von beiden genutzt. Wieso also dann jetzt all das? Wieso kommt er erst jetzt mit dieser Deutlichkeit „um die Ecke“? Das hätte er doch damals schon tun können. Zum Beispiel vor 7 Jahren während dieser anderen großen Dienstreise, bei der sie beide dabei gewesen sind. Was soll das also nun, zu einem Zeitpunkt, wo keine andere Entscheidung mehr möglich zu sein scheint?!

Happy Ending… gibt es nur im Film

Und sie vermutet es ganz stark: wenn auch er tatsächlich all die Jahre etwas für sie empfunden hat, und dieses Gefühl jetzt – aus welchen Gründen auch immer – weiteren Nährboden erhielt, dann kann das nur Torschlußpanik sein! Ja, so nennt man das, wenn ein Mann im Begriff ist, einen nicht mehr rückgängig zu machenden Schritt zu tun. Ebenfalls in der Lebensmitte, kurz vor der 40. Ein magisches Alter. The Point Of No Return!

Er hat das Haus für die andere gebaut. Er wird vielleicht auch noch einen Baum pflanzen. Und in nicht allzu ferner Zeit wird er wissen, ob er dieses Zimmer in Rosa oder doch Himmelblau streichen soll (die Autorin empfiehlt im übrigen ein neutrales Gelb oder Beige!). Endgültig zu spät. Sie schüttelt den Kopf. Wieso macht sie sich überhaupt Gedanken darüber? Jetzt ist es nun einmal zu spät. Wenn man nicht zu den total Mutigen gehört. Die gibt es auch. Die setzen tatsächlich alles aufs Spiel, wenn die Gefühle sie übermannen. Die Feiglinge erstarren und harren aus in der Situation, in der sie sich schon so lange befinden. Sie gehört nicht zu den Mutigen. Er auch nicht.

Das Heute – auch immer eine Reise in die eigene Vergangenheit

Sie denkt an all das, was war und an alle, die da waren, und an ihre Gefühlsduseleien von damals. Sie denkt an die kurzen Ausflüge, die andere in ihr Herz machten. Irgendwelche bekloppten Musiker in irgend welchen Orchestern. Der norwegische Klarinettist gefolgt vom norwegischen Schlagzeuger. Die Norweger haben eben etwas magisches an sich, sie strahlen so viel Ruhe und Gelassenheit aus, findet sie. Dazwischen der Dirigierstudent aus W. Nie wieder kann sie Le Sacre du Printemps oder den ersten Teil der Filmmusik zu Harry Potter hören, ohne wehmütig an ihn zu denken. All das war nur einseitig. Vergessen hat sie es trotzdem nicht.

Das hier ist nicht neu. Das war doch so ähnlich alles schon mal da, denkt sie. Nur dieses Mal betrifft es sie wirklich. Irgendwann im Leben kann man nicht mehr so oft neu anfangen. Irgendwann ist es eben alles vorbei. Er berührt eben etwas in ihr. Das war irgendwie schon immer so, und sie kann sich nicht erklären, woher das kommt. Einfach da, einfach schön. Sie hatten eine schöne Zeit. Harmlos fing sie an, so wie immer. Miteinander verbrachte Zeit. Nicht im Traum hätte sie daran gedacht, dass er dieses Mal mehr daraus entstehen lassen würde. Jetzt ist es so. Sie hat vom Kuchen gekostet, sich erinnert, dass da in ihrem Herzen schon immer so viel Platz für ihn war.

Sie siniert darüber, was sie hätte haben können. Immer wieder hatte sie es geahnt, die ganzen vielen Jahre über. Jetzt hat sie für sich persönlich die Gewissheit geschaffen. Und diese Gewissheit hat etwas schmerzliches. Ein Zurück, ein nachträgliches Zurechtrücken des eigenen Lebensweges käme einem schweren Erdbeben gleich. Und doch träumt sie sich manchmal in diese Möglichkeiten hinein, ganz still und heimlich. Andere tun es doch auch. Und sie denkt an ihre Freundin gleichen Alters. Ihr Lover ist wirklich nur ganz knapp U30, und darf man einem solchen Mann den eigenen Kinderwunsch verwehren, wenn Frau eigentlich schon eher aus dem Alter heraus ist? Und wie verrückt ist das denn? Wie kann sie überhaupt nur einen Moment an so etwas denken?

Es sind nur die Hormone, sagt sie sich, und die Sehnsucht nach etwas, was sie eigentlich schon seit ihrer Trennung von diesem Ex bewegt. Mehr als 15 Jahre hat sie gebraucht, um ihn gänzlich loszulassen. Die Sehnsucht nach etwas, das man nicht (mehr) haben kann. Da ist irgend etwas, was nur schwer zu erklären ist. Es hat etwas von Schicksal. Fate – wie man im Englischen sagen würde. Negativ besetztes Schicksal. Und sie denkt hin und her, aber sie findet keine Lösung. Sie merkt nur, dass es weh tut, und das sie immer noch mehr will, aber auch, dass sie zur Ruhe kommen kann, wenn sie sich nur genug Mühe gibt. Ein Teil von ihr ist noch dort, in diesem großen Land. Doch nach und nach kehrt sie zurück in ihre Alltagspersönlichkeit, beladen mit Frust und Resignation.

„Ein Liebhaber muss her, eine schöne Affaire, um sich etwas abzulenken“, dachte sie also vor ein paar Wochen. Das Universum erhörte ihren Wunsch, verhörte sich dabei und lässt sie nun am langen Arm zappeln. „Dann eben nicht! Werde ich eben ohne Lover alt und faltig und komplett unansehnlich. Schwelge ich weiter in Erinnerungen an längst vergangene Zeiten“.

Das Leben ist eben kein Wunschkonzert!

 

Das Ende einer Kindheit

„Was ist Heimat?“ hatte ich vor einiger Zeit einmal gefragt. Meine Heimat ist zumindest nicht die Region, in der ich nun schon seit 7 bzw. 11 Jahren lebe.  Davor habe ich 8 Jahre in (m)einer Studentenstadt verbracht. Insgesamt bin ich seit 19 Jahren nicht mehr in meiner Heimatregion ansässig, sondern für Studium und Beruf einige Male umgezogen. Gleich nach dem Abitur zoges mich in eine 80 km entfernte Großstadt, aus der ich aber der Liebe wegen noch einmal kurz in meine Geburtstadt zurück kam.

Ich habe eine lange Phase des Heimwehs hinter mir. Ich habe lange geglaubt, ich müsse unbedingt an die Orte meiner Kindheit und Jugend zurück kehren, damit es mir endlich besser geht. In den letzten Monaten und Wochen hat sich aber in mir etwas verändert. Ich konnte Abschied nehmen von dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, als ich Ende April dort noch einmal spazieren gegangen und auch durch die Straßen gefahren bin. Vielleicht habe ich geahnt, dass es auch irgendwie ein Abschied für immer sein würde. Was nicht heißt, dass ich nie wieder dort verweilen kann. Im Gegenteil: irgendwann möchte ich mit meinen Kindern dort sein und ihnen zeigen, wo ich selber als Kind gelebt und gespielt habe. Allerdings wird mein Elternhaus nun für immer davon ausgeschlossen sein.

Ein Tag im Oktober

Ein Mittwoch Ende Oktober, Ende der 80iger Jahre. Ich war 13 Jahre alt, mein Bruder 21. Ich kam aus der Schule nach Hause, 8. Klasse Gymnasium. Es waren alle im Esszimmer versammelt und meine Mutter saß auf gepackten Koffern. An viele Einzelheiten kann ich mich nach fast 30 Jahren nicht mehr erinnern, aber es ging nicht ohne Tränen ab, das ist klar. Meine Mutter verließ an diesem Tag das Haus, welches sie keine 18 Jahre zuvor zusammen mit meinem Vater und mit ihren eigenen Händen erbaut hatte. Eine schwierige Ehe und eine schwierige Zeit für meine Mutter nahmen an diesem Tag ein Ende. Damit zerplatzen auch Träume und Hoffungen, Wünsche und Vorstellungen von einem Leben, das sie als gerade einmal 18jährige an diesen Ort gebracht hatte. Für meinen Vater hatte sie selbst einst ihre Heimat verlassen.

Nun war sie fort. Ich weinte eine ganze Woche nach ihr, dann wurde ich ruhiger. Ich sah sie 9 Monate nicht, obwohl sie anfangs nur ein paar Häuser weiter bei meiner Oma lebte. Dann gab es einen Versuch von ihr, zu unserem Vater und in dieses Haus zurück zu kehren. Der Versuch scheiterte. Ich konnte sie etwas besser verstehen, trotzdem sollte es noch ein Jahr dauern, bis über meinen Bruder wieder ein innigerer Kontakt zwischen meiner Mutter und mir entstand. Mit Narben, aber immerhin.

Von einem Tag auf den anderen musste ich damals erwachsen werden. Mein Vater war chronisch krank, mein Bruder „hauste“ (japp!) bei der Großfamilie seiner schwangeren Freundin, und ich versuchte weiterzuführen, was meine Mutter bis dahin gemacht hatte. Ich putze das Haus, wusch die Wäsche und bügelte sie und ernährte meinen Vater und mich. Die ein oder andere ungesunde Tütensuppe fand damals ihren Weg in meinen hungrigen Magen. Egal, ich war ohnehin dünn, da kam es darauf nicht mehr an. Am ersten Weihnachtsfest machte ich die Pizza, die meine Mutter immer gemacht hatte. Es war Tradition, und ist dies im Übrigen bis heute, sowohl bei meiner Mutter, wie auch in meinem eigenen Haus.

In der Schule folgte eine schwere Zeit, was am Ende des Schuljahres dazu führte, dass ich die 8. Klasse einfach noch mal machte. Immerhin habe ich dann 6 Jahre später erfolgreich mein Abitur in der Tasche gehabt. Und ich habe ohnehin in diese zweite Klassengemeinschaft viel besser gepasst und dort viel Spaß gehabt.

Die Wohngemeinschaft in Haus Nr. 20

Mancher wird sich fragen: wieso ist sie nicht einfach mit ihrer Mutter fortgegangen? Ja, ich hing damals zumindest mehr an ihr als an meinem Vater. Mein Vater war zwar da, aber richtig um mich gekümmert hatte sich eben immer nur meine Mutter. Ich aber wollte zu dem Zeitpunkt, gerade in der Pubertät und auch noch schwer verliebt, dieses Dorf nicht verlassen. Um keinen Preis der Welt! Also blieb ich dort. 7 Monate später wurde mein Bruder Vater und zog mit Frau und Tochter in das kleine Haus, wo beide ein Zimmer bewohnten. Wir waren eine Wohngemeinschaft, in der es den üblichen Streit um die Ordnungsverhalten und Hausarbeit gab. Aber es war auch schön für mich. Ich hatte mit meiner Schwägerin die nur wenige Jahre ältere Schwester, die ich mir immer gewünscht hatte. Das Haus war oft voll mit Leuten. Meine Schwägerin und ich gingen tanzen, während mein Bruder auf das Kind aufpasste. Wenn er fort war, redeten sie und ich stundenlang über Männer und ähnliche weltbewegende Themen in diesem Alter oder machten Gläserrücken, währen das Baby neben uns schlief. Als ich das erste Mal meine Tage bekam, relativ spät mit 14 Jahren, hatte ich meine „große Schwester“, die für mich zum Laden im Dorf ging und alles nötige besorgte. Das hat sie eine ganze Weile getan, bis ich mich selber traute. Und wir konnten Klamotten tauschen. Ja, in meiner Erinnerung war und ist das eine schöne Zeit.

Und dann kam sie

Sie war einfach da, von einem Tag auf den anderen irgendwann im Jahr der Deutschen Einheit. Sie brachte noch ihren Sohn mit, 3 Jahre älter als ich und ein unausstehlicher Typ. Ossis! Heute kann ich sagen: Erbschleicher. Meinem Bruder und mir war ziemlich schnell klar, was diese Frau wirklich wollte: einen chronisch kranken Mann mit Haus, den sie beerben konnte.

Dass unsere damalige Vermutung wahr geworden ist, darüber haben wir nun nach dem Tod unseres Vaters die traurige Gewissheit bekommen!!

Papa machte damals einen Fehler: er kündigte uns den Einzug seiner Freundin in unser Haus nicht mit einem Wort an. Und er, der nicht alleine sein wollte, ahnte vielleicht nicht, dass sie uns aus dem Haus ekeln würde. Es war eine schlimme Zeit für mich. Ich hörte sie mit der Dialysefrau über mich reden. Obwohl sie mich doch gar nicht kannte, erzählte sie Dinge, die einfach nicht stimmten. Und in einem kleinen Dorf machen auch Lügengeschichten schnell ihre Runden. Erst die Trennung meiner Eltern und das Gerede im Ort und die Verleumdung meiner Mutter und jetzt das. Ich solle doch dahin zurück gehen, wo ich hergekommen sei, zu meiner Mutter, sagte sie, während sie in dem Haus stand, in dem ich bis dahin mein ganzes Leben verbracht hatte.

Ich hatte genug! Mein Bruder zog irgendwann aus, und auch meine Mutter und ich suchten uns eine gemeinsame Wohnung in der wenige Kilometer entfernten  Stadt, in der ich geboren war und das Gymnasium besuchte.

Mit knapp 17 Jahren verließ ich mein über viele Jahre geliebtes Elternhaus. Zeitgleich wurde ich von einigen eifersüchtigen und neidischen „Damen“ aus meinem Musikverein gemobbt, weil ich mit dem Dirigenten, immerhin 12 Jahre älter als ich, eine Beziehung hatte und „ätsch, sie spielt ja 2 Instrumente und wird immer bevorzugt, heul, heul“ und ging in den besseren Musikverein in der besagten Kleinstadt. Mein Freund zog noch im selben Sommer mit in das Haus, in dem ich nun mit meiner Mutter und ihrem Partner lebte.

Endlich durfte ich Teenager sein, der nicht noch putzen und die Wäsche machen musste. Meine Mutter kochte wieder für mich und ich konnte zur Schule gehen und endlich auch Musikunterricht nehmen. Das wurde auch Zeit. Und natürlich die ein oder andere Geschichte mit dem männlichen Geschlecht, Liebeskummer ohne Ende, denn bald hatte ich mich von meinem Freund, dem Dirigenten aus meinem Dorf, getrennt und lies mir reihenweise das Herz brechen. Wie naiv… .

3 Jahre später machte ich mein Abi und zog erst einmal teilweise aus, weitere 2 Jahre später dann komplett mit allem, was ich hatte. 400 km entfernt lag die Stadt, in der ich nun weiter Musik studieren durfte. Der Zu-Dem-Zeitpunkt-Mein-Freund kam auch mit. Zumindest für ein halbes Jahr, dann hatte er keinen Bock mehr auf die Fremde und wollte wieder in den Kleinstadtmief zurück. Wir blieben noch 2 weitere Jahre zusammen, bis sich unsere Wege auf für mich sehr schmerzhafte Weise für immer trennten.

Es musste einmal so kommen

Nun ist mein Vater nicht mehr da und entgegen unseres Glaubens der letzten Jahre, verlieren mein älterer Bruder und ich damit auch unser Elternhaus. Nicht nur, dass wir unseren Vater viel schneller als erwartet an eine heimtückische Krankheit verloren haben, am Ende lässt er uns auch noch mit einem Erbstreit zurück. Nicht nur, dass sich seine 2. Ehefrau nicht an das Versprechen an seinem Totenbett gehalten hat, mit der Beerdigung zu warten, bis ich von meiner Dienstreise zurück bin, und am nächsten Tag schon den Termin angesetzt hat („Ich will es möglichst schnell hinter mich bringen, sonst zerbreche ich!“), nein, sie hat es geschafft, noch NACH der Diagnose Leukämie bei meinem Vater diesen dazu zu bringen, das seit Jahren bestehende Testament zurück zu ziehen und am Ende mit „Dies entspricht auch meinem Willen“ zu unterschreiben, was sie mit ihrer Handschrift irgendwo abgeschrieben oder vorgegeben bekommen hat. Aus einigen Quellen wissen wir, dass er noch wenige Wochen vor seiner Diagnosestellung einem Freund geklagt hatte, er würde sich am liebsten endlich von dieser Frau trennen. Und wir wissen, dass sie ihm – dem totgeweihten – täglich Stress wegen der Erbaufteilung gemacht hatte. Schon über 10 Jahre zuvor hatte sie über meinen Vater veranlasst, dass meine Mutter ihren Pflichtteil an dem Haus abtritt. Nach dem jetzigen Testament bekommen wir als leibliche Kinder des Verstorbenen gar nichts, und nach ihrem Tod müssen wir zwei alles zu je einem Drittel mit ihrem Sohn teilen – der mit dem Haus ja so gar nichts zu tun hatte. Sie aber darf das Testament noch abändern, sprich: mein Bruder und ich, die wir unsere Kindheit dort verbracht haben, bekommen am Ende gar nichts.

Wir wissen noch nicht, ob das Testament gültig ist und wie er ausgehen wird, der Rechtsstreit ums Erbe. Wir wissen nur, dass wir diese Person, die unseren Vater jahrelang schlecht behandelt hat und am Ende wie ein Stück Dreck verscharren ließ, ohne dass wir auch nur ein Wort über den Ablauf und die Art der Bestattung  oder gar den Zeitpunkt des Ganzen hätten mitreden dürfen, nicht so einfach davon kommen lassen. Wir wissen nur, dass wir unseren Vater vermissen und ungläubig dastehen und nicht fassen, dass er auch am Ende wieder dieses gutmütige Schaf war, das schon immer jedem Konflikt aus dem Weg gegangen ist. Gut, er wollte endlich seine Ruhe haben, und das kann ihm niemand verdenken.

Nach dem ich schon einmal mein Elternhaus verloren habe, weil ich dort ausziehen musste, habe ich das Gefühl, dass diese Geschichte, die im Jahr 1988 ihren Anfang nahm, nun zu einem echten Ende kommt. Loslassen, gehen lassen und nicht mehr zurückblicken ist sicher nicht immer die schlechteste Strategie, aber sie tut trotzdem gerade einfach weh.

Trauer wird vermischt mit Wut. Manchmal fehlen mir einfach die Worte.

 

A lovestory it could have been

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Das Leben schreibt verrückte Geschichten, manche kann man sich nicht ausdenken und manche stellt man sich einfach vor. Was wäre gewesen, wenn…

 

„Was will der Idiot von mir?“, dachte sie über ihren neuen Kollegen. So ein Kotzbrocken, ein Angeber, ein Schwätzer, ein Arschloch… .  Das war vor fast 10 Jahren.

„Ich heirate in Kürze!“ Hatte sie ihm das damals gesagt, als er neu bei ihnen war und er sie auf der Party so blöd anmachte, immer diese Sprüche in ihre Richtung? Sie weiß das nicht mehr so genau. Vielleicht hatte es ihm auch jemand anderes gesagt.

Wann hatte das Blatt sich gedreht? An welchem Punkt hatte sie angenfangen, ihn zu mögen, sich ein paar Jahre später gar über den Icq-Chat mit ihm zu unterhalten? Einer ihrer Lieblingskollegen. Nein, DER Lieblingskollege, das war er ab einem bestimmten Zeitpunkt. Mit phasenweisen Ausnahmen, immer dann, wenn er wieder zu viele blöde Sprüche in ihre Richtung ab ließ. Aber sie verstanden sich doch, saßen eine Zeitlang nebeneinander, spielten ihre Instrumente. Das funktionierte gut. Er war gut und irgendwie waren sie sich ähnlich. Und die Sprüche eines anderen Kollegen, das ist schon Jahre her, aber sie weiß es noch, „Ihr habt doch bestimmt irgendwann was miteinander!“ oder so ähnlich. Das war Quatsch, denn das hatten sie nie.

Sie bekam mit, dass er jetzt eine Freundin hatte. Wieso fühlte sich das für sie so komisch an? Sie schob das Gefühl schnell beseite, doch es tauchte immer wieder auf, wenn sie beide zusammen sah, sogar, wenn sie erwähnt wurde.

Auch wenn er ihr durch seine Launenhaftigkeit negativ auffiel und durch seine Dummschwätzerei, so konnte sie es doch gut: hinter die Fassade blicken. Ein intelligenter Mensch, für den sie ihn hielt, der verhält sich nicht einfach nur so. Es hat einen tieferen Grund. Aber sie sah auch die vielen kleinen „Versprechen“, die er dann doch nie wahr machte. Und dass sie sich nie sicher sein konnte, was er wirklich über sie dachte oder wie er gar über sie sprach, wenn sie nicht dabei war.

Vor vielen Jahren im Chat kamen sie irgendwann mal drauf, dass es mit ihnen vielleicht was hätte werden können, also auch von seiner Seite aus. Danach sprachen sie nie wieder davon.

„Ich möchte einfach nur, dass es Dir gut geht. Wenn es Dir gut geht, geht es mir auch gut!“ Das war auf der letzten Flugreise, damals im Herbst. Das hatte er wirklich gesagt.

Sie aber träumte. Keine Tagträume, aber die Träume, welche so real wirken konnten, kamen immer wieder des Nachts bei ihr zu Besuch. Dagegen konnte sie gar nichts machen, aber für einen kurzen Moment hatten diese Träume die Macht, sie zu verwirren. Und in den Momenten, wo sie sich trotz Ehemann und irgendwann auch trotz ihrer Kinder so verdammt einsam und unverstanden fühlte und sich endlich mal wieder nach Liebe und Bestätigung sehnte, nach jemandem, der sich wirklich für sie interessierte und ihr zuhörte, da fiel ihr immer niemand ein – außer er. Wenn nochmal irgendwer anderes, dann er. Jemand anderes, der diese diffuse (!) Anziehungskraft auf sie ausübte, lief ihr einfach nicht über den Weg. Doch, da waren mal welche, aber die waren ja noch weiter weg. Das war alles noch viel länger her. Und jemand neues erschien ihr nur in ihren Träumen, gewollt oder unbewußt. Die waren nicht real. Mit denen konnte man nicht sprechen oder sie gar anfassen.

Keiner da

Sie hatte es nicht kommen sehen. Sie hatte das Gefühlschaos nicht erkannt, bevor es nicht direkt vor ihr stand. Was war bloß geschehen? „1000 Mal berührt…“, dachte sie. Er war einfach da. Zum Essen gehen, in der Pause zum chillen, zum Spazieren gehen, zum Einkaufen. Essen, Kino, gemeinsam durch die unbekannte Stadt laufen, die immer vertrauter wurde. So wie sie beide. Komisch war das. Sie hatten einfach eine gute Zeit. Erst die Bilderrätsel, dann die ersten kleinen Bemerkungen. Und wie er öfter auf sie wartete, damit sie wieder gemeinsam gehen oder die Pausen miteinander verbringen konnten. Es war nicht unüblich, sie hatten das bestimmt schon öfter zuvor getan. Gerade auf längeren Touren wurden sie gerne zu einer Art Verbündeter. Verbündete gegen den Trubel und den Dummschwatz der anderen.

Aber wann hatte es bei ihm begonnen? War das erst hier geschehen oder schon vor längerer Zeit? Wieso aber war er ausgerechnet jetzt bereit, einen Schritt weiter zu gehen und nicht schon (lange) zuvor? „Es ist angenehm mit Dir!“ Ja, das konnte sie nachempfinden, das fand sie genau so. Ob beim Sich-Unterhalten oder auch Nebeneinander-Schweigen, es war immer schön irgendwie. Aber das war auch kein Alltag, sondern Dienst gepaart mit ein bißchen Urlaubsfeeling. Gutes Essen und das Meer vor der und den Wind um die Nase.

Und dann, der letzte Abend nahte, und sie war später als er zurück. Es war sehr spät, und sie lief nicht gerne alleine durch die große Stadt. Aber der letzte Bus war schon weg. Und da kam er ihr entgegen. Sie war fast am Ziel, aber er lief ihr entgegen. Sie erkannte ihn schon von weitem. Sie erkannt ihn an seinem Gang und sie erkannte ihn, weil sie nur ein paar Straßen zuvor diesen verrückten Gedanken gehabt hatte: „Was, wenn er mir jetzt entgegenliefe, damit ich nicht alleine mitten in der Nacht durch die Stadt rennen muss? Aber das geht nicht, er weiß ja gar nicht, wo ich lang gehe!“

Aber da war er, und eigentlich hätte sie jetzt etwas sagen müssen, etwas richtig liebes. Seine Hände nehmen und verstehen müssen, denn in dem Moment war es doch klar. Aber sie wollte nicht verstehen. Seit Tagen hatte sie gegrübelt und es nicht geglaubt. Warum auch? Jetzt, nach so langer Zeit? Und sie konnte jetzt nicht bleiben, verwirrt, irritiert, sie wußte einfach nicht, wie sie sich jetzt verhalten sollte. Das Herz sagte ja, und die Angst sagte nein.

Unter anderen Umständen und/ oder vor langer Zeit, da wären sie ein gutes Team geworden. Das hatte sie schon lange irgendwie gespürt, aber sie war sich nicht sicher gewesen, ob er das nur annährend auch so empfand. Doch, sie werden ein gutes Team sein, gemeinsam nebeneinander an ihren Instrumenten. Sie werden hoffentlich für lange Zeit nicht nur gute Kollegen, sondern auch Freunde sein. Mehr geht nicht mehr, dafür ist es längst zu spät!

(„Es ist nie zu spät!“)
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Aber für einen kurzen Moment durfte sie erahnen, wie es hätte sein können. Für einen kurzen Moment hat sie die Tränen um den Verlust in ihrer Familie mit den Tränen um den Verlust dieser Möglichkeit getauscht. Aber da ist auch diese Dankbarkeit, dass es doch noch geht, woran sie nicht mehr geglaubt hatte. Das sie dieses Gefühl noch einmal kurz spüren durfte, nur für zwei Tage. Dieses Gefühl, dass da doch noch mal jemand sein könnte, der sich für sie interessiert und sie annimmt, wie sie ist und sie versucht zu verstehen. Und sie einfach nur mal halten kann. Und bei dem sie sich ganz hingeben könnte… Das tat so gut! In diesem Moment.

Und das sie – und vielleicht auch er – sich am Ende noch einmal alles schönreden. Dass es ja doch nie hätte funktionieren können, in der Praxis. Das ist alles nur Makulatur. Und sie fragt sich, ob er das aushalten kann, wenn er jetzt so viel mehr über sie erfährt. Und sie fragt sich, ob sie es aushalten kann, dass sie ihn hergibt, diesen Traum. Und dass sie niemals weiter denken darf, das verbietet sie sich, dass sie und er es niemals wagen würden, das aufgebaute aufzugeben. So verrückt sind sie dann doch nicht. Dafür ist sie zu sehr ein Mensch der Beständigkeit und dafür denkt sie zu sehr an das Glück der anderen statt an ihr eigenes… .

Aber es hat etwas verändert. Was genau? Es wird sich vielleicht zurückverändern können, mit der Zeit. Ja, ganz bestimmt!

Und ein paar Tage nach ihrer Rückkehr kneift sie sich und denkt, was für ein schöner Traum. Das ist alles gar nicht wirklich gewesen, das war alles nur geträumt!

A lovestory it could have been

under other circumstances

 

 

 

Denkt auch an Euch selbst

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Ich möchte gerne einen Blogbeitrag von phoenix-frauen  mit Euch teilen. Dieser Artikel bestätigt mich einmal mehr darin, dass auch die Erfüllung meiner ganz persönlichen Bedürftnisse neben meinen vielfältigen und fordernden Aufgaben als Mutter, Arbeitnehmerin, Hausfrau, Partnerin und Freundin (und so weiter) quasi überlebenswichtig für mich sind. Der Text richtet sich dabei sicher nicht nur an Alleinerziehende, zu denen auch die Autorin gehört, sondern stellt sicherlich eine wichtige Gedankenanregung für uns Mütter mit Partner im Hintergrund dar. Nur wenn wir auch auf uns selber achten und unsere eigenen Bedürfnisse wirklich ernst nehmen, können wir einem drohenden Burn-Out entgegenwirken!

Aber lest selbst!