Die kleine Schnecke – eine Art Metapher

Es war einmal eine kleine Schnecke, die oft traurig war, weil niemand sie zu verstehen schien. Die Welt um sie herum erschien ihr oft viel zu groß und zu laut und sie fand sich nur schwer darin zurecht.

Schneckenhaus, Schnecke

(Bild: pixabay.com)

Wieder einmal saß sie in ihrem Häuschen, die kleine Schnecke. Ganz alleine und einsam. So oft schon streckte sie ihre zarten Schneckenfühler nach draußen, ganz zaghaft und vorsichtig, um nur erneut einen auf ihre empfindlichen Antennen zu bekommen. Sie konnte es nicht leiden, wie sich manche einen Spaß daraus machten, ihr auf die Äuglein zu tippen. Das tat so weh, aber keiner schien das zu verstehen. Dazu dann diese unsäglichen Schneckenrennen, da wollte sie einfach nicht mehr mitmachen. Was dachten sich die Kinder eigentlich bei diesem blöden Spiel? Und erst die anderen Schnecken mit ihrem Gehabe, wollten immer die schnellsten und besten Schnecken sein und anderen ihren Willen aufzwingen. Was immer die kleine Schnecke auch tat, in den Augen vieler Schnecken machte sie doch bloß immer alles falsch. Selten hörte sie ein liebes, wohlgesonnenes Wort oder gar ein Wort des Lobes und der Anerkennung. Dabei wollte sie nur ein klein wenig Verständnis dafür, dass sie eben nicht alles genauso machte wie die anderen. Ein bißchen kleiner, ein bißchen empfindsamer zu sein als diese Rennschnecken, war das wirklich so verkehrt? Sie wollte die Dinge endlich auch mal auf ihre Weise tun, ohne dafür nur kritisiert zu werden.

Irgendwann hatte sie einfach genug von all dem Schmerz und der Enttäuschung. „Ich bleibe jetzt für immer in meinem Haus und komme nicht mehr raus!“ sagt sie sich. Und so saß sie da und hatte es ganz dunkel um sich herum, gemütlich und warm. Nach einiger Zeit spürte sie auch den Hunger nicht mehr so sehr. So war es gut. Niemand da, der sie ärgern oder wütend machen konnte. Niemand, der ihre Bedürfnisse abtat, als dürfte es diese nicht geben. Und niemand, der sie beobachtete und ihren Weg zu kontrollieren versuchte. Hier in ihrem Schneckenhaus konnte sie ganz sie selbst sein. Hier fühlte sie sich geborgen und sicher.

Und was konnte sie dafür, dass sie so eine verletzliche Seite hatte und so eine sensible Schnecke war? All die Verletzungen in ihrem Leben hatten sich angehäuft, aufgetürmt zu schier unüberwindbaren Bergen und taten zu oft weh. Es war ja auch niemand da, der sie verstand oder gar fühlte wie sie. Das gab ihr immer wieder das Gefühl, anders zu sein, falsch und verkehrt in dieser viel zu großen, schnellen Welt. Sie konnte und wollte da nicht mithalten oder werden wie die anderen.

Schnecken, Liebe, Tier, Fühler

(Bild: pixabay.com)

Doch eines Tages hatte die kleine Schnecke genug von all der Dunkelheit und dem Eingegrabensein in sich selbst. Vorsichtig lugte sie aus ihrem Haus hervor, erst mit dem einen Auge, dann mit dem anderen. Schließlich zog sie mutig ihren ganzen Körper nach draußen und blinzelte in die Sonne. Was für ein herrlicher Frühlingstag sie da erwartete, der Duft war betörend und erinnerte sie an frühere Zeiten, als sie noch eine junge, hoffnungsvoll gestimmte Schnecke war. Sie schaute sich ein wenig um und sah plötzlich, nur wenige Schneckenmeter von sich entfernt, eine andere Schnecke. Die sah ihr sogar ähnlich, wirkte so erstaunlich vertraut. Die kleine Schnecke gab sich einen Ruck, doch dann zögerte sie. Die andere Schnecke hatte sie gesehen, schaute zu ihr herüber und lächelte. Was für ein unglaubliches Schneckenlächeln! Die Fühler in die Richtung der kleinen Schnecke gestreckt, bewegte sich diese Schnecke ein winziges Stück weiter. „Hab keine Angst“, sagte die kleine Schnecke zu sich, „sie scheint Dir ganz ähnlich zu sein. Sie ist eine von Dir!“ Beide Schnecken rutschten nun langsam und vorsichtig aufeinander zu. Die kleine Schnecke zögerte immer wieder, aber das Lächeln der anderen animierte sie, weiterzuziehen, es schien ihr so vertraut. Und dann, nach einer kleinen Ewigkeit, standen sie direkt voreinander.

„Wir kennen uns doch von irgendwo her“, sagte die anderen Schnecke und lächelte wieder. – „Ich…ich w..weiß nicht“, antwortete die kleine Schnecke zögerlich. – „Doch, ich hab Dich schon mal gesehen! In meinem Traum. Das warst genau Du. Und Du sahst so anmutig aus mit Deinen langen großen Augen und dem Häuschen auf Deinem Rücken. Ist es sehr schwer?“„Es geht, gerade kommt es mir irgendwie leicht vor. Mh, Du kommst mir auch bekannt vor.“ 

„Sag, wo warst du so lange?“, fragte die andere Schnecke. – „Ich war in meinem Haus, traurig und verunsichert.“ – „Oh, das tut mir leid. Aber jetzt, wo wir uns endlich gefunden haben, könnten wir doch den Weg gemeinsam fortsetzen. Schau, da hinten sind die schönsten Salatblättet, die Du Dir nur vorstellen kannst.“ – „Ok. Ähm, warte!“ – „Ja?“ Die andere Schnecke schaute die kleine Schnecke liebevoll an. – „Ich habe etwas Angst. Man hat mir oft weh getan.“ – „Ja, ich weiß. Ich kenne das Gefühl zu gut. Und viele andere Gefühle auch. Bitte glaube und vertrau‘ mir, ich will Dir nichts Böses. Jetzt sind wir doch zu zweit und können uns gegenseitig Halt geben. Hab keine Angst mehr.“

Nun lächelte auch die kleine Schnecke immer mehr, aber dann fiel ihr noch etwas ein: „Es könnte sein, dass ich von Zeit zu Zeit wieder mehr Angst bekomme und mich dann in mein Schneckenhaus zurückziehe. Manchmal fühle ich mich vielleicht verletzt, obwohl Du mir ja gar nichts Böses wolltest. Ich bin einfach oft traurig, weißt Du.“ –

„Bitte mach‘ Dir nicht so viele Gedanken darüber. Du bist so eine unglaublich tolle Schnecke und ich passe von nun an auf Dich auf! Alles wird gut und wir werden auch die schweren Zeiten gemeinsam überstehen“, antwortete die andere Schnecke. Dass sie selber manchmal ein wenig Angst hatte, erwähnte sie lieber nicht.

Und so zogen beide Schnecken glücklich miteinander durch das Gras und erzählten sich aus ihrem Leben, erzählten von ihren Träumen und Hoffnungen und stellten immer wieder fest, wie ähnlich sie sich doch waren. Und das war gut so!

Und dann war die kleine Schnecke plötzlich ganz mutig und sagte, „Du, ich würde gern mal ans Meer. Meinst Du, wir könnten vielleicht zusammen…?“

Schnecken Schneckenhaus Schneckenhäuser Sc

(Bild: pixabay.com)
Advertisements