Der Generationenvertrag – warum wir auch Kinder bekommen oder warum auch nicht

Warum bekommt man in der heutigen Zeit überhaupt noch Kinder? Brauchen wir die wirklich noch? Immerhin haben wir bereits über 7 Milliarden Menschen auf diesem Planeten. Die sind zwar nicht ganz optimal verteilt, aber es sind irgendwie ziemlich viele. Zu viele mit zu hohen Ansprüchen.

Kinder kosten uns Eltern einen riesigen Haufen Geld. Im Laufe der Jahre kommt da schon mal locker ein sechsstelliger Geldbetrag (ich las erst kürzlich in diesem Zusammenhang wieder die Zahl 120.000 €) zusammen, bis der Nachwuchs endlich alt genug ist, um für sich selber zu sorgen. Wenn. Denn das schaffen nicht alle. Belohnt werden wir Eltern kaum dafür, dass wir zukünftige Steuerzahler und Rentenkasseneinzahler groß ziehen, dafür, dass wir jahrelang investieren und uns selbst zurück nehmen. Dafür, dass ein großer Teil der Mütter der Altersarmut entgegensteuert (oder sich bereits in ihr befindet) und die Wahrscheinlichkeit auch noch mit jedem Kind (dabei sind mehr Kinder = mehr zukünftige Steuerzahler) steigt. Wozu also bekommen wir Kinder? In diesem Land ist das einfach viel zu sehr ein „Privatvergnügen“, Eltern bleiben auf ihren Kosten sitzen. Sie haben die Kinder ja gewollt. Von einem Generationenvertrag keine Spur.

Was tun wir nicht alles für die lieben Kleinen in all den vielen Jahren, in denen sie bei uns wohnen. Und selbstverständlich auch noch darüber hinaus. Und das nicht nur finanziell. Wir verzichten auf vieles. Ausreichend Schlaf ist dabei nur eine Sache. Wir reiben uns auf an der verflixten Unvereinbarkeit von Familie und Beruf. Letzteres aber brauchen wir aus deshalb, um den Kindern in der heutigen, teuren Zeit etwas bieten  zukönnen. Und ich spreche hier noch nicht von teuren Konsumgütern. Auch Bildung kostet. Ja, und bei manchen gehts schlicht um das nackte Überleben.

Ich finde nicht, dass wir es leichter haben als die Elterngeneration vor uns. Uns fehlt oft qualitativ hochwertige Zeit mit unseren Kinder – und auch für uns selbst, denn meist müssen beide Elternteile irgendwie malochen gehen, um die Kinder zu ernähren. Wir haben auch kein ganzes Dorf mehr, das unsere Kinder mit groß zieht. Ehrlich gesagt sind wir ziemlich oft ziemlich alleine mit dieser Mammutaufgabe. Und dennoch bekommen wir Kinder. Zumindest eines, meistens eher zwei. Manche auch schon mal drei.

Was also erhoffen wir uns davon? Ist es einfach ein Instinkt in uns, der uns sagt: vögelt und mehret Euch, die Natur hat’s so gewollt? Lieben wir Kinder so sehr, dass wir uns – meist blauäugig und romantisch-verklärt – in dieses Abenteuer stürzen, welches uns unerwartet viel abverlangt?

Früher war vieles anders

Damals, noch zu Uromas und Omas Zeiten, da kamen die Kinder einfach so wie sie eben kamen. Man hatte einen Partner oder eine Partnerin (und musste natürlich nicht zwangsläufig mit ihm oder ihr verheiratet sein, was aber einem großen Skandal gleich kam) und hatte eben Sex. Frau wurde schwanger. Kind wurde geboren. Frau wurde irgendwann wieder schwanger. Noch ein Kind wurde geboren. Manchmal starb Frau auch bei der Geburt. Dann suchte der Mann eine andere Frau. Für die Kinder und den Haushalt und vielleicht auch ein bißchen für sich. Weitere Kinder wurde geboren. Bis das Haus voll war. Mindestens. Und alle mussten mit anpacken. So war das eben damals.

Dann gab’s so politische Bewegungen und auch medizinische Errungenschaften. Sie machten uns Frauen immer unabhängiger, zunächst von der Tatsache, bei jedem Mal Geschlechtsverkehr eine Schwangerschaft befürchten zu müssen, weil der Typ sich mal wieder gegen das Kondom gewehrt hatte (die es in der heutigen Form ja auch nicht immer gab. Ich frag mich manchmal, wie es wohl mit so manchem Ur-Kondom… aber lassen wir das, würde an dieser Stelle zu weit führen). Die Pille also. Super Sache. Nicht ganz ohne Nebenwirkungen, aber durch ihre Erfindung gab es nach sehr geburtenstarken Jahrgängen in den 60iger Jahren des letzten Jahrhunderts (vermutliche auch zurückzuführen auf die „fetten Jahre“ nach dem 2. Weltkrieg) erst mal den sog. Pillenknick. Weniger Kinder wurde geboren. Man überlegte sich genauer, mit wie vielen Kindern man überhaupt sein Familienleben bereichern wollte. Und man brauchte ja auch nicht mehr Scharen von Kindern als Altersabsicherung. Denn inzwischen konnte man im Alter auf etwas Rente hoffen. Der ein oder andere sogar auf Pension. (Der Herr mit dem aufgerollten Hering, also Fürst Otto von Bismarck, hatte sich da an sich etwas Gutes ausgedacht, wenn politisch gesehen vielleicht auch etwas zum Selbstzweck. Aber das soll hier nicht Thema sein). Und in den Siebzigern und auch den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts glaubte man auch noch daran, dass man im Alter ausreichend Rente bekäme, von welcher man gut leben könnte. Selbst dann, wenn die eigenen Kinder sich nicht die Bohne um einen scherten oder als mittellose Straßen-Junkies Karriere machten.

Frauen opfern sich (auf), wenn sie Mütter werden

In früheren Jahrzehnten waren die Rollen der Geschlechter klarer verteilt als heute. Das machte es einerseits einfacher, führte aber vermutlich auch schon damals zu Unzufriedenheit, vor allem bei den Frauen, die diese aber sicher nicht so offen zeigen durften. Es galt der Glaubenssatz: eine Frau hat zu heiraten, Kinder zu bekommen und sich gefälligst um diese wie auch um einen perfekt geführten Haushalt zu kümmern. Der Mann hingegen sorgt hingegen für das nötige Geld – und für seinen eigenen Spaß. In den meisten Fällen wird das ganz gut funktioniert haben – zumindest nach außen. Aber die Zeiten änderten sich. Frauen wollten auch mal was sein, also außerhalb von selbstgestampftem Babybrei und Stoffwindeln, die täglich ausgekocht werden wollten – ohne Waschmaschine. Und es gab sie immer mehr, die Frauen, die auch Karriere machen wollten und es auch konnten. Trotzdem wurden noch Kinder geboren. Und spätestens beim zweiten stellte sich auch vor 30 oder 40 Jahren die Frage: wat nu? Also gab, wie auch meist heute noch, die Frau ihre Karriere auf. Eine Karriere, die unter Umständen wirklich diesen Namen verdient hatte und nicht nur aus einem Bürojob als Tippse oder Empfangsdame bestand. Und muss es denn so sein, dass jede Frau in ihrer Mutterrolle vollends aufgeht? Ich behaupte sogar, das war noch nie so, selbst in der Zeit nicht, als niemand etwas anderes von den zu Müttern gewordenen Frauen erwartete. Klar, Kinder sind toll. Manchmal anstrengend und nervenaufreibend und zum an-die-Wand-klatschen, aber generell schon toll. Dennoch darf eine Frau die Karriere oder die Möglichkeiten, die sie hatte, bevor die Kinder da waren, doch vermissen, denke ich. Und mitunter darunter leiden. Die meisten allerdings tun dies still und heimlich. Zu groß ist das in der Gesellschaft verankerte Schuldgefühl.

Spätestens wenn so manches (feinfühlige) Kind größer wird, erkennt es vielleicht, was die Mutter (oder eben auch der Vater) da für Opfer gebracht hat. Und sieht sich in der Schuld. Dieses Phänomen passiert vermutlich häufig ganz unbewusst, oder zumindest nur teilweise kann das betreffende „Kind“ (in Anführungszeichen, denn es wird zu dem Zeitpunkt der Erkenntnis häufig schon erwachsen sein oder zumindest auf dem besten Wege dahin) sich vollends bewußt machen, was da geschieht.

Kinder als Altersversorgung

In früheren Zeiten war das so. Man bekam Kinder. Man brauchte Kinder, um im Alter gut versorgt zu sein. Und heute? Auch heute werden die Kinder mit herangezogen, wenn die oft recht spärliche Rente der eigenen Eltern nicht ausreicht, aber hohe Kosten für Alters- und Pflegeheime anfallen. In einer alternden Gesellschaft mit immer höherer Lebenserwartung kann das schon mal vorkommen. Und seien wir ehrlich, nicht jedes Eltern-Kind-Verhältnis gestaltete sich immer so gut, dass die Kinder am Ende gerne den Eltern das zurück geben, was sie einst von ihnen bekommen haben. Wurzeln und Flügel. Oder eben auch: Liebe und finanzielle Unterstützung.

Aber es gibt sie noch, die Kinder, welche für ihre Eltern da sind oder da sein wollen, und zwar in vielerlei Hinsicht. Es sind Kinder, die sich mitunter schuldig fühlen. Und aus diesem Schuldgefühl heraus und weil sie ihre Eltern eben lieben, fühlen sie sich verantwortlich, im Gegenzug nun für ihre Eltern da zu sein. Manche sind dafür bereit, ihr eigenes Leben, vielleicht ihre Träume nach einer eigenen, selbst gegründeten Familie und somit auch nach eigenen Nachkommen, nicht wirklich zu verfolgen. Sie sehen all die Opfer, die ihre Eltern einst für sie brachten. Was sie auf sich genommen oder gar zurück gelassen haben, damit es ihren Kindern einst besser gehen sollte. Die Eltern haben sich selbst ein großes Stück weit aufgeopfert und ihre Kinder meinen nun, gleiches für sie tun zu müssen. Wie bereits erwähnt, ich glaube, dies geschieht oft ganz unbewusst. Und keiner der Beteiligten würde diese Erwartungen offen aussprechen. Gerade wir Kinder der Kriegs- und Nachkriegskinder sind mitunter besonders betroffen. Denn unsere Eltern mussten häufig mit sehr vielen Entbehrungen groß werden, wurden vielleicht vertrieben oder gingen freiwillig, haben dabei alles verloren, auch geliebte Menschen. Sie wurden auch noch anders „erzogen“. Leid und Traurigkeit über diese Ereignisse durften nicht gezeigt werden. Es wurde über vieles schlicht geschwiegen. Was Frauen während und nach dem Krieg leisteten, aber auch ertragen mussten, fasziniert mich immer wieder. Sie waren in großen Teilen das, was wir heute als „Alleinerziehende“ bezeichnen. Und ich bin mir sicher, dass sie sich darüber eben nicht öffentlich beklagt haben. Es war eben so. Auch der Staat hat das nicht auffangen können, was viele Alleinerziehende heute fordern. Vielleicht gab es teilweise ein besseres soziales Netz, also andere Frauen und das in mehreren Generationen, die sich gegenseitig unterstützten. Aber ansonsten muss das eine sehr schwierige Zeit gewesen sein, um Kinder groß zu ziehen oder selber Kind gewesen zu sein. Alles das kann uns Kindern dieser Eltern eine besondere Last aufbürden.

Aber rechtfertigt all das von mir erwähnte eine Aufopferung der Kinder für ihre Eltern?  Verlangen Eltern sogar danach? Sind sie damit vielleicht sogar einverstanden?

Müssen Kinder für ihre alternden Eltern da sein – um jeden Preis?

Jein. Können sie, sollten sie versuchen. Aber nicht um den Preis des eigenen Glücks und der eigenen Vorstellung von einem zufrieden stellenden, eigenen Leben.

Ich selber habe meine Kinder unter anderem auch aus der Idee heraus bekommen, als alte Frau im Lehnstuhl noch jemanden um mich zu haben, der zur Familie gehört. Im Idealfall. Ob dies einst so sein wird, kann heute niemand mit Gewissheit sagen. Ich habe aber niemals daran gedacht Kinder zu bekommen, um im Alter einmal finanziell abgesichert zu sein, wenn der alte Sparstrumpf leer ist. Naiv wie ich bin, hoffe ich da immer noch auf staatliche Unterstützung durch meine jahrelange Berufstätigkeit (die ich bisher für meine Kinder eben nicht an den Nagel gehängt habe). (Allerdings bin ich erst spät in meinen Beruf gestartet und habe somit auch dadurch Abstriche zu machen). Ich dürfte also viele Jahre gearbeitet und – quasi nebenbei – Kinder groß gezogen haben. Was mir einiges an Opfern abverlangt, wie ich eingangs schon erwähnte. Was ich aber vielmehr hoffe ist, dass ich meinen Kindern genug mitgeben kann, damit sie ihren ganz ureigenen Weg finden und gehen können. Und Zufriedenheit und Freude erlangen. Ich hoffe, dass sie einen Beruf ergreifen können, der ihnen Spaß und Erfüllung bringt und dennoch dazu ausreicht, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Als Musikerin weiß ich, dass es nicht immer einfach ist, den Studiengang nach eigener Gesinnung zu wählen und damit dann später ein ausreichendes Einkommen zum auskommen zu haben. Als Mutter, so nehme ich es mir zumindest vor, würde ich meinen Kindern aber nie in ihre Entscheidungen reinreden. So haben es auch meine Eltern gehandhabt. Und kein Kind sollte sich meiner Meinung nach später grämen, wenn es nicht schafft, seine Eltern im Alter zu unterstützen oder ihnen gar ein eigenes Haus zu finanzieren. So wie wir Eltern es nicht immer schaffen, unseren Kindern ein üppiges Erbe zu hinterlassen. Wir alle bringen unsere ganz persönlichen, kleineren oder auch größeren Opfer, allerdings haben wir unsere Kinder auch nicht gefragt, ob sie Teil dieser Welt werden wollen. Wir haben über ihre Köpfe hinweg entschieden, als wir ihnen das Leben schenkten. Niemals würde ich erwarten, dass sie für mich ihre Träume zurückstellen, nur um mich im Alter aufzufangen. Ich finde, als Eltern darf man das nicht von seinen Kindern erwarten oder gar einfordern. Man darf hoffen, dass sie vielleicht Sonntags mal zum Essen vorbei kommen oder einen Weihnachtsfeiertag mit einem verbringen – und die Enkelkinder mitbringen. Aber alles andere, Aufopferung der Kinder für die eigenen Eltern, das sehe ich persönlich nicht. Und würde es nicht zulassen wollen. So zumindest meine Meinung zum jetzigen Erfahrungsstand.

Nun, über 20 Jahre vor der Rente hab ich noch leicht Reden. Aber es sind Gedanken, die man sich ruhig einmal machen darf, wenn man Kinder in diese Welt setzen möchte. Wer kann heute schon mit Gewissheit sagen, was einmal sein wird? Das wäre wohl zu einfach. Es ist und bleibt spannend, gerade in den heutigen Zeiten! Lasst uns einfach so viel wie möglich tun, damit Träume wahr werden. Auch die eigenen. Und das dürfen auch Träume von einem ruhigen Leben mit eigenen Kindern und Enkelkindern sein. Ohne Verpflichtungen, Schuldgefühle und übergroßem Verantwortungsgefühl. Einfach nur mit Liebe, Respekt und Anerkennung dessen, was geleistet wurde und wird.

 

 

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In Gedenken an Papa – Mittsommernacht

Lieber Papa,

vor genau einem Jahr schrieb ich Dir einen Abschiedsbrief, schrieb Dir, um Dich loslassen und Dich gehen lassen zu können. Danach war mir leichter ums Herz. Du wirst es vielleicht gespürt haben, denn wenige Stunden später schliefst Du für immer ein. Dass Du dafür die Mittsommernacht wähltest – oder sie Dich – passte irgendwie. Du weißt, ich bin im Herzen Skandinavierin und die Sommersonnenwende bedeutet mir viel.

Heute ist es also wieder so weit. Der längste Tag des Jahres geht zu Ende, die kürzeste Nacht steht bevor. Wie wahnsinnig schnell das Jahr vergangen ist, und doch ist so einiges passiert in diesem einen Jahr, seit Du nicht mehr bei uns bist. Es gibt so vieles, was ich Dir gerne erzählen würde. Die guten wie auch die schlimmen Dinge, die passiert sind während der letzten 12 Monate. Wie gerne würde ich Dir erzählen, dass Dein Haus inzwischen verkauft wurde und wir, Dein Sohn und Deine Tochter, nach einem ein Jahr währenden Rechtsstreit auf unseren Pflichtteil warten.

Wie gerne hätte ich Dir erzählt, dass ich nur gut einen Monat nach Deinem Tod etwas begonnen habe, was immer Dein Hobby gewesen ist: das Singen im Chor.   Ich könnte Dir erzählen, dass ich sogar mit dem Gesangsunterricht angefangen habe. Das alles hätte Dir gefallen, da bin ich mir sicher. Wenn ich in irgendeiner Form Talent zum Singen habe, dann habe ich es von Dir geerbt. Du warst ein guter Sänger und das ganz ohne Noten lesen zu können. Ich würde Dir auch erzählen, dass ich eine Entscheidung für mich und mein Leben getroffen habe, deren Auswirkung ich jetzt noch nicht in gänze abschätzen kann. Aber Du hättest es verstanden und Du hättest mich auch niemals deswegen verurteilt. Den „neuen“ Menschen in meinem Herzen würdest Du ohne viel zu Fragen begrüßen und auch hier niemals bewertend sein. Du hast mir immer vertraut bei dem, was ich tue. Dafür bin ich Dir sehr dankbar!

Am 19. Juni 2016 sagte ich Dir an Deinem Sterbebett zum Abschied leise „Ich hab Dich lieb, Papa“. Ich wußte nicht genau, ob ich Dich ein paar Tage später noch einmal lebend wiedersehen würde. An diesem 19. Juni habe ich Dich das letzte Mal gesehen. In dem Moment Deines endgültigen Abschieds wirst Du alleine gewesen sein, aber nur kurze Zeit später waren Dein Sohn bei Dir und Dein Lieblingscousin. Sie beweinten Dich, während Deine zweite Frau und Erbschleicher-Hexe laut mit ihrer Freundin beratschlagte, was am nächsten Morgen alles zu tun sei, ohne Trauer zu zeigen, kaum dass Deine Seele Deinen leblosen Körper verlassen hatte.

Das erste halbe Jahr nach Deinem Abschied war am schlimmsten für mich, bis zu Deinem Geburtstag. Erst dann begriff ich, dass Du wirklich nicht mehr da bist. Aber auch jetzt kommen mir noch so manches Mal die Tränen, wenn ich an Dich denke, vor allem, wenn ich mal über Dich spreche. Wenn ich erzähle, was ich alles von Dir habe, wie die schlanke Statur und die blonden Haare. Oder auch die ein oder andere Eigenschaft. Aber auch die etwas schlechteren Deiner Gene haben sich in mir verewigt. Das ist nicht schlimm, denn Du kannst ja nichts dafür.

Ich werde Dich nie vergessen, lieber Papa. Für mich bist Du immer noch da, bis auch ich irgendwann nicht mehr sein werde. So lange trage ich die Erinnerung an Dich in mir. Und Deine Gene, die sich auch in Deinen Enkelkindern wiederfinden.

Lass‘ es Dir weiter gut gehen da oben auf Deiner Wolke!

Deine Tochter

Die Traumdeutung – leichtgemacht für Anfänger

Blick auf dem Flugzeug auf verklüfftete Landschaft mit Wasser und Wolken

Im Traumland (Bildrechte: dieverlorenenschuhe)

Vor etwas über einem Jahr schrieb ich ein paar Träume auf. Träume, die des nachts meinen Weg kreuzten, die aus mir kamen. Träume sind oft wirr und können doch so klar sein. Und sie können viel erkennen lassen aus den Tiefen meiner Seele, meiner Gefühle, meines Empfindens und Denkens.

Heute schreibe ich sie aus meinem Büchlein ab und veröffentliche sie hier – unrevidiert, jedoch kommentiert.

15. April 2016:

Schon lange will ich wieder schreiben. Es wird Zeit! Wenn nicht jetzt, wann dann? Dies ist die bisher schlimmste Krise meines Lebens. Nie ging es mir so schlecht wie in den letzten Wochen. Es ging mir schon häufiger schlecht, aber nie hatte es so meinen ganzen Körper erfasst und mein Leben so dermaßen beeinträchtigt. Ich weiß nicht, ob es jemals besser wird, erträglicher, oder ob das nun immer so weiter geht.

Ich träume viel und lebhaft. Manche Inhalte kehren immer wieder, gerade auch in letzter Zeit. Ich träume oft von R. Es tut nicht mehr so weh wie früher – jetzt, 16 Jahre danach. Aber es ist bezeichnend. Den Traum der letzten Nacht sehe ich fast symbolisch. Er war da, so wie auch JPH und Mel (von beiden träume ich auch sehr oft, und sie sind dann immer wieder oder häufig ein Paar).

R. hing die ganze Zeit an mir, Alkohol war bei ihm auch im Spiel (also alles so wie früher). Dann haben wir beobachtet, wie er mit ’ner anderen ‚rumknutscht. Hat sich versucht zu verstecken. Ich kannte die nicht, kurze, dunkle Haare. Dann kam er zu mir und ich sagte, „Geh‘ nur. Ich wünsch‘ Dir noch ein schönes Leben!“

Und es war mir so egal. Kein Schmerz, keine Wehmut, nur Gleichgültigkeit. Genial! So muss es sein!

Erläuterung:

In diesem Traum verarbeite ich eine fast 5 Jahre dauernde Beziehung zu einem Mann, den ich, trotz anfänglicher Zweifel und eines Gefühls des „eigentlich-will-ich-ihn-gar-nicht“ letztendlich sehr geliebt habe, was mir die Trennung sehr schwer machte. Er verließ mich also 5 Jahre nach unserem ersten Kennenlernen, als er eine neue Freundin gefunden hatte (das war im Sommer 2000), konnte aber nicht offiziell mit mir Schluß machen. Erfahren habe ich es damals auf einer Party, auf der er auch zugegen war und einem Freund laut genug von der Neuen erzählte. Und von seiner Mutter, die es mir am Telefon sagte, nach dem er sich an selbigem verleugnen ließ. (Handys hatten wir damals noch keine, sonst hätte er es vielleicht per sms Schluß gemacht).

Ich habe viele Jahre schlimmste Albträume gehabt, in denen er mir erschien, als stünde er in echt vor mir. In diesen Träumen habe ich den ganzen Schmerz um diesen „Verlust“ jedesmal erneut gespürt, richtig körperlich  gespürt, und meist habe ich den halben Tag gebraucht, um dieses fürchterliche Gefühl wieder loszuwerden, welches durch den Traum in mir verursacht wurde. Mit dem oben Niedergeschriebenen von vor gut einem Jahr konnte ich spüren, dass ich einen endgültigen Schlußstrich gezogen hatte. Hatte ja auch lang‘  genug gedauert! Seit dem tut es nicht mehr weh! Da sind zwar – logisch – noch die Erinnerungen, aber sie schmerzen nicht mehr!

23. April 2016:

Ein Traum kommt häufig wieder, in abgewandelter Form, aber der Inhalt, der Kern ist immer derselbe: ich bin in Zeitnot. Ich muss noch meine Sachen packen. Schnell, schnell, alles in den Koffer. Chaos. Nichts vergessen dürfen. Es ist zuviel. Wieso bin ich so spät dran? Ist das wirklich meine Art? Ich darf die Abfahrt nicht verpassen. Meist sind es die Orchester-Busse. Sie müssen auf mich warten. Ich bin immer die letzte. Letzte Nacht sollte ich sogar den Bus fahren. Davor habe ich Angst, kann das doch gar nicht, habe das noch nie gemacht. Was also soll das Ganze?

Erläuterung:

Glasklar, oder? Ich bin ein gehetztes Tier, ich bin überfordert, es ist mir alles zu viel. Ich habe Angst vor immer neuen Aufgaben und Forderungen, die an mich gestellt werden (hier in Form von „Bus fahren“, welches ich nie gelernt habe).

Ich bin in der Tat oft auf Dienstreise und mit Bussen unterwegs. Ich habe noch nie eine Abfahrt verpasst, aber schon oft davon geträumt, dass ich es tue.

4. Mai 2016:

Ich träume viel, vieles wiederholt sich. Dinge, die mich nicht loslassen. Träume von ehemaligen Freundschaften (weiblich, aber auch von den männlichen Ex-Lovern). Ich kriege es nicht verarbeitet.

Der Traum der letzten Nacht ist bezeichnend. Die Suche nach einer Lösung. Wo könnte ich hinziehen, mit den Kindern? Ich habe mich für eines der schwarz-weißen Reihenhäuschen entschieden, die gegenüber vom Golfplatz. Alles schon eingerichtet, klein und urig. Hatte ich vorbereitet. Dann bin ich mit den Kindern hin, habe ihnen alles gezeigt, es ihnen schmackhaft gemacht. Hatte nur ihre Kleidung eingepackt, alles andere, auch von mir, erstmal im Haus zurück gelassen. Und so waren wir einfach weg, ohne dass der Mann etwas davon vorher wußte. Und dann war ich noch mal da (plötzlich Wohnzimmer S.) [in meinem Elternhaus, Anmerk. d. Redaktion] und er stellte fest, dass die Kinder weg sind. Ich habe ihm gesagt, dass sie in der Nähe sind und ich nun zu ihnen gehe.

Wollte nicht dass er weiß, wo wir sind. Aber natürlich hat er spioniert. Und dann die Vermischung mit R. Plötzlich war er R. Und Gewalt, verbal, aber auch körperlich. Und meine Trauer, die Traurigkeit um mein Haus, mein Zuhause und das der Kinder, welches ich nun doch aufgegeben hatte.

Und dann ein neuer Partner. Und mit ihm die Reise nach Cux. Alles durcheinander, verworren, so wie Träume eben sind.

Es geht so nicht, aber es ist ein durchaus interessanter Lösungsansatz für mein größtes bzw. belastendes Problem.

Erläuterung:

Der wohl wichtigste Traum von den drei genannten, vor allem, wenn man meine derzeitige Lebenssituation beachtet. Ich hatte mich schon lange mit einer Trennung auseinander gesetzt, sogar lange vor diesem Traum. Der letzte Satz ist hierbei der wichtigste für mich. Ich hatte nämlich auch schon früh für mich erkannt, dass mich meine Ehe ungemein belastet und ich so nicht glücklich oder zumindest nicht zufrieden sein kann. Schlimmer noch, mir wurde schnell klar, dass sie mit Grund war für meine Erkrankung. Also suchte ich träumend nach einer Lösung. Und finde mich schließlich in der Vermischung mit der Vergangenheit in Form von Ex- Freund und verlorenem Elternhaus und einer möglichen Zukunft mit einer neuen Liebe, nach der ich mich insgeheim sehnte (ebenfalls ein nächticher Traum, der einige Zeit immer wiederkehrte).

Fazit:

Das Leben ist verrückt, vor allem, wenn wir es sind! Und Träume können uns vieles aufzeigen, das wir uns im Alltag nicht immer eingestehen wollen. Also schenken wir ihnen doch ab und zu etwas mehr Aufmerksamkeit! Wenn man sie dann noch aufschreiben kann, hat man noch Jahre später etwas davon. Kann sehr spannend sein, finde ich!

 

Am Strand des Lebens und des Todes

Fußspuren am Strand, im Hintergrund das Meer und der Himmel

Fußspuren am Omaha Beach in der Normandie (Bildrechte: dieverlorenenschuhe)

Ich laufe über den Strand, ziehe Schuhe und Strümpfe aus und laufe mit meinen nackten Füßen durch die Wasserstellen, welche das Meer zurückgelassenen hat. Das Wasser ist so kalt an diesem Tag Anfang Juni. Und der Wind peitscht mir den erneut eingesetzten Regen gegen meinen Körper. Meine hochgekrempelte Jeans ist binnen Sekunden völlig durchnässt und ich halte mir mühsam die Kapuze meiner Regenjacke fest über den Kopf gezogen und laufe, laufe bis nach vorne zu den Wellen des Atlantiks. Ich sehe den zwei Surfern zu, die den Wind ausnutzen und bin traurig, weil ich kein Foto von diesen Wellen machen kann, denn der Regen würde in genau diesem Moment mein Handy komplett hinweg spülen. Und der Wind weht den Regen gegen meine Brille, bis ich fast nichts mehr sehen kann. So viel Wasser von oben, von der Seite und von unten. Es ist einer der schönsten Momente, den ich mit mir ganz alleine seit langem verbringen darf. Ich bin unendlich glücklich in diesem einen Augenblick, ich spüre die Großartigkeit des Lebens, höre dem Wind zu und dem Rauschen der tosenden Wellen. Meeresrauschen! Freiheit! So wunderbar frei wie die Möwen über mir fühle ich mich jetzt gerade. Das hier ist mein Leben und gerade kann ich nicht anders als es einfach nur lieben.

Der Blick zurück

Und ich stehe an diesem Strand, wo vor genau 73 Jahren tausende meist sehr junger Männer gestorben sind. Und nicht nur an diesem Tag, sondern noch Wochen und Monate darauf. Bis heute gibt es so viel Leid und Elend, gibt es den sinnlosen Tod durch zu viele Kriege auf dieser Welt. Und hier stehe ich und versuche, das Leid und Chaos in meinem eigenen kleinen, bescheidenen Leben möglichst klein zu halten. Und da sind immer wieder all diese überwältigenden Gefühle. Sie kommen über mich wie die Wellen des Meeres über den Strand. Das macht mich oft hilflos und traurig. So traurig vor allem auch dann, wenn ich an all die Menschen denke, die nicht nur im Zweiten Weltkrieg ihr Leben verloren, ihre Träume, ihre Hoffnungen, sondern lange davor und es heute noch tun. Wie gut wir es doch haben, unglaublich gut. Und ich stehe hier, durchnässt und mit den Füßen im Sand versinkend und bin selber ganz klein und unbedeutend in Anbetracht der gewaltigen Geschichte dieses Ortes.

Der Blick nach vorn

Immer wieder wechseln sich Regen und Sonne an diesem Tag ab. Aber nach diesem starken Regenguss am Meer kommt mir alles ganz warm vor und die immer wiederkehrenden Sonnenstrahlen wärmen mich. Auch der Wind erscheint mir nun ganz warm und trocknet zumindest teilweise meine Hose. Ich setze mich ins Café und trinke chocolat chaud und bin dankbar. Einfach nur dankbar! Es wird schon alles gut werden, ich werde den passenden Weg finden und ihn gehen. Wir werden ihn gehen. Daran will ich einfach glauben.

 

Träume sind Schäume

Sie träumt viel des Nachts. Manche Träume kehren – zumindest thematisch – immer wieder. Manche Träume sind einfach nur komisch, aber erklärbar. Und manche tun richtig weh, als wäre das gerade alles wirklich passiert.

Eine ganze lange Zeit lang hat sie noch von ihrer Schulzeit geträumt, obwohl diese inzwischen über 20 Jahre zurück liegt. Sie wollte noch einmal (also ein weiteres Mal) Abitur machen und fragte sich immer wieder mal während der häufigen Träumerei, wie sie jeden Tag den weiten Weg von ihrem jetzigen Wohnort in ihre alte Schule schaffen und das auch noch mit ihrem Job vereinbaren sollte. Und wie sollte sie das Abi am Ende überhaupt bekommen, wo sie doch immer den verhassten Sport- und Matheunterricht schwänzte. Mathe, so ein Graus. In ihren Träumen sitzt sie noch immer vor den Klausuren und hat nichts gelernt, weil sowieso nichts kapiert, oder muss wochenlang versäumten Unterricht nacharbeiten. Zum Lernen fehlen ihr schlichtweg die Unterlagen, von der Motivation ganz abgesehen. Und dann ist sie ja schon so alt unter all denen, die inzwischen ihre Kinder sein könnten und keine Ahnung davon haben, wie ein Schulleben aussah in den frühen Neunzigern, so ganz ohne Internet.

Menschen sind nicht mehr Teil ihres realen Lebens

In ihren Träumen trifft sie Menschen wieder, die sie teilweise sehr lange nicht gesehen hat. Sie sind noch immer da. Da sind auch die Träume vom / von den Ex  (gewesen). Oft richtig schmerzhafte Träume, die sie den halben Tag traurig zurück ließen. Auch die einst besten Freundinnen kommen darin vor, die heute kaum mehr einen (gütigen) Gedanken an sie verschwenden. Verarbeitung nennt man das wohl. Dafür sind Träume da. Um Geschehenes zu verarbeiten oder Dinge gedanklich weiter zu führen, die noch nicht zu Ende sind, obwohl man glaubte, im realen Leben endlich damit abgeschlossen zu haben. Vor allem Gefühle, die im Alltag keinen Platz finden und nicht zu Ende gelebt oder gedacht werden können, findet sie in ihren regelmäßig wieder.

Da sind die Träume, in denen ihr Papa ihr begegnet. Ja, er ist immer noch da. Sie glaubt gar nicht, dass er wirklich tot und für immer entschwunden ist. Denn in ihren Träumen, da sieht sie ihn noch, da hört sie noch seine Stimme, als wäre er wirklich gerade neben ihr. In einem dieser vielen Träume kam er zu ihr, wissend, dass er nun bald sterben würde, und sie haben beide gemeinsam ganz doll geweint und sich voneinander verabschiedet.

Letzte Nacht war es wieder so weit

Sie träumt auch viel von ihrer Arbeit. Dass sie den Bus verpassen könnte, dass sie mit dem Bus wer-weiß-wohin fährt und noch so einen Blödsinn. Gut, eigentlich ist es kein Blödsinn. Es ist Verarbeiten. Träume sind nicht immer logisch, aber wirken trotzdem oft sehr realistisch. Vor allem von den Gefühlen her. Die erlebt sie in ihren Träumen sehr realistisch, und es nimmt sie noch eine Zeit lang mit, nach dem Aufwachen, wenn sie sich noch erinnert. Es dauert dann etwas, bis die Emotionen wieder zur Ruhe kommen, tief in ihr drin.

Er ist Teil ihrer Arbeit. Sie hat schon immer viel von ihm geträumt. Ja, auch intimes. Aber er geht ihr inzwischen am Ar*** vorbei, denn er hat sie bitter enttäuscht, und zwar privat wie auch in dienstlichen Belangen. Nach dem vergangenen Sommer, als er ihr zwischen den ersten Küssen sagte, „Mit Dir hätte ich mir das auch sehr gut vorstellen können“ und den Geschehnissen einige Monate später, als sie zufällig von seiner anstehenden Hochzeit erfuhr, hatte sie Zeit zum Verarbeiten. „Ich wollte Dir das nicht auf dem Flur erzählen!“ – „Wie lange hast Du denn von dem Termin im Voraus gewußt?“ – „4 Wochen!“ Klar, da blieb keine Zeit. Typischer Anfall von Feigeritis. Und die Wochen im Sommer ein Indiz für Torschlußpanikus.

Sie mag ihn eigentlich gar nicht so besonders, also menschlich betrachtet, sie ist genervt von seiner launischen Art, seiner negativen Sichtweise und dem daraus resultierenden Gemeckere, der demonstrierten Lustlosigkeit auf den Job und das Verfallen in Extreme. Vieles davon hat sie hier zu Hause schon. Und trotzdem war da immer diese Anziehungskraft – bis heute. Warum auch immer. Das hat vermutlich etwas mit Chemie zu tun. Und weil er eben auch nett sein kann. Nach dem letzten Rhabarbar-Gelaber, sinnlos, nach wie vor nicht wirklich offen und letztendlich um den lauwarmen Brei herum, hatte sie gehofft, von derartigen Träumen verschont zu bleiben. Träume, in denen er sagt, „Es ist besser, wenn Du Dich von mir fern hälst, denn das ist auch besser für mich!“ (Was er real nie sagen würde oder müsste, weil er vermutlich längst abgeschlossen hat) und Antworten von ihr wie, „Du fehlst mir so!“

Humbug. Aus solchen Träumen entstehen schnulzige Liebesschmanzotten. Die braucht kein Mensch. Sie bräuchte einfach nur ehrlich gemeinte, aufrichtige Liebe, um ihrer selbst willen und mit viel Verständnis und Nähe, die von ihr aus geht. Was nicht mehr geht, wenn zu viel Negatives den Weg gekreuzt hat.

Träume, die auch in 2017 weiter ihre Sehnsucht leben werden! Sch*** drauf!

 

Herbstzeit – Abschiedszeit

Ein schöner Herbsttag wie man ihn sich wünscht. Die Sonne scheint auf die buntverfärbten Blätter. Sie  erleuchten in Gelb und Rot und Orange. Ihre Farben erscheinen mir in diesem Jahr besonders intensiv zu sein. Nicht mehr lange, dann werden alle zu Boden gefallen sein.

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Was auf dem Bild nur rosa daher kommt, leuchtet derzeit in einem strahlenden Rot: einer unserer Rotahornbäume

Und mit den fallenden Blätter neigt sich auch  dieses Jahr seinem Ende entgegen. Der viel zu erwachsenen Mensch fragt sich, „Wo ist das Jahr hin? Schon wieder Herbst, schon wieder Halloween (kann wech!), schon wieder Laternenbasteln, schon wieder das Weihnachtsfest vorbereiten. Habe ich nicht letzte Woche erst überlegt, was die Kinder in diesem Jahr Sinnvolles an Geschenken bekommen könnten? Haben wir nicht vorgestern erst Plätzchen gebacken? Habe ich nicht eben erst den Weihnachtsbaum geschmückt?“

Das geht mir alles viel zu schnell. Und in jedem Jahr schneller.

Ich schaue zurück auf dieses Jahr, in dem so viel passiert ist. Erinnere mich an mein ausgebranntes Selbst, an den nahenden und schließlich erfolgten totalen Zusammenbruch. Komplette körperliche und psychische Erschöpfung, als Mutter zweier kleiner Kinder. Auf dem Weg zur langsamen Genesung dann die Diagnose „Akute Leukämie“ bei meinem Papa. Ich hatte so etwas zu genau diesem Zeitpunkt geahnt und finde dieses bis heute irgendwie unheimlich. Dann der Abschied von ihm, meine Stunden an seinem Sterbebett. Das ist wirklich passiert, mitten im Sommer und zu einer Zeit, wo es mir zum ersten Mal seit langem endlich wieder besser ging.

In diesem Jahr – so schien es mir – fiel mir der Abschied vom warmen Sommer besonders schwer. Vielleicht, weil ich ihn zum ersten Mal seit 5 Jahren wieder wirklich wahr genommen habe und er nicht nur so eben an mir vorbeirauschte, weil ich endlich wieder bereit war, etwas davon zu spüren, was den Sommer ausmachen kann. Weil ich mich trotz oder gerade wegen Krankheit und Tod um mich herum endlich wieder auf das Leben einlassen konnte. Leben! Den Moment im Hier und Jetzt genießen. Ich hatte es fast verlernt. Die lauen Sommerabende, ein paar habe ich erlebt. Nicht wie früher, zu Zeiten der Unbeschwertheit, aber endlich wieder einen Hauch davon, eine ganz neue Ahnung, wie schön das Leben eigentlich doch ist.

Nicht zuletzt hat dabei geholfen, dass meine Kinder jetzt ein Alter erreicht haben, bei dem mir mal 5 Minuten in meiner Hängematte bleiben. Auch das gab mir ein Stück dieses Gefühls zurück.

Herbstzeit ist Abschiedszeit. Aber auch Erinnerungszeit. Erinnerungen an den ein oder anderen, lange zurückliegenden Herbst. Das ist mehr ein Gefühl. Man stellt da so rein emotionale Verbindungen her und kann gar nichts dagegen machen. Aber auch das fühlt sich in diesem Jahr irgendwie anders an.

Die Natur verabschiedet sich in die Winterpause. Ich schaue auf die schöne Natur vor meinem Fenster und denke und denke. Ich nehme Abschied und freue mich gleichzeitig auf den Neubeginn. Ich habe wieder zu mehr Gelassenheit gefunden, auch wenn manche Probleme geblieben sind. Die Me-Time ist nach wie vor eng bemessen (und somit auch meine Beiträge in diesem Blog, obwohl es an Ideen nicht mangelt). Der „Feierabend“, wenn die Kinder endlich schlafen, beginnt allzu oft erst um 21:30h. Selten früher, manchmal später. Und die Nächte sind durch KindNr. 2 gerade wieder antrengender. Man wird nachts mehrere Stunden von ihr wach gehalten oder die Nacht endet auch an Tagen, wo man 7 Uhr als Ausschlafzeit ins Auge gefasst hat, bereits wieder um kurz nach 5. (Nach der unnötigen Zeitumstellung dann also noch etwas früher!). So ist das eben!

Und ich denke an all die Momente, in denen mir mein Papa in den letzten 4 Monaten, die seit seinem Tod vergangen sind, dennoch begegnet ist. Ich habe ihn gesehen, ich habe seine Stimme gehört – in meinem Träumen, immer wieder. Ich vermisse ihn so! Es hat immer wieder Wochen und Monate der Funkstille zwischen uns gegeben, weil wir beide nicht gerade die Gerne-Telefonierer sind, und weil die Entfernung oft viel zu weit war, meine Kinder damals noch zu klein für das ewige Hin- und Hergefahre, oder ich zu beschäftigt. Wie blöd war das, im Nachhinein betrachtet.

Und manchmal bedeutet so ein Herbst auch Abschied nehmen von einer Liebe. Etwas, was nicht sein sollte, nur kurz erlebt werden durfte, und dies noch nicht einmal in voller Bandbreite – und nun durch einen ganz amtlichen Schritt für immer beendet wird. Ich bleibe bei der Diagnose „Torschlusspanik“ für den werten Herren und wünsche ihm viel Erfolg in seiner selbstgewählten Regierungs-Abhängigkeit. Mein innnerer Kampf hingegen wird vermutlich noch ein wenig vor sich hin schwelen. Die Feuerwehr war da bisher nicht gründlich genug, arbeitet aber hart an der Schadensminimierung.

Aber bei allem Abschied hat mir dieses Jahr auch etwas Neues gebracht. Die Erkenntnis, dass ich vielleicht doch singen kann, zumindest ein bißchen. Ich habe da etwas für mich gefunden, vielleicht. Das Singen ist auch noch mit besonderen Menschen verbunden. Der Seele tut das gut. Zumindest vorerst. Mein Papa hat auch gesungen, immer. Das war sein Hobby. Ein Mal in der Woche zum Singen und hier und da ein Sängerfest, ein Auftritt. Das ist schon merkwürdig, dass ich es ihm kurz nach seinem Tod gleich mache. Wie gerne würde ich ihm davon erzählen, „Papa, ich singe jetzt auch im Chor!“ Aber vielleicht weiß er es ja. Und ja, er wäre stolz auf mich! Auch darauf!

So geht auch dieses Jahr zu Ende. Bald spiele ich wieder Adventskonzerte in den Kirchen. Immer schneller dreht sich das Rad, immer schneller kommen die Immer-wieder-gleichen Dinge. Immer größer werden die Kinder und immer älter ihre Eltern. Es ist das Leben, zu dem auch der Abschied gehört. Immer wieder auf’s Neue!

„Wohlan denn Herz, nimm Abschied und gesunde!“

(aus dem Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse)

 

Woran wir erkennen, dass wir alt sind

Ab wann gilt man in der heutigen Zeit als alt? Sind wir es bereits mit 30? Oder doch erst mit 40? Als ich die 30 überschritten hatte, dachte ich mit Grausen an die 40. Nun denke ich mit Grausen an die 50. Und wenn ich sehe, wie schnell – gefühlt – die letzten 10 und sogar 20 Jahre vergangen sind, dann wird es mir Bange. Die Hälfte ist um – mindestens.

Über das Älterwerden (von Wilhelm Busch)

Das große Glück, noch klein zu sein,
sieht mancher Mensch als Kind nicht ein
und möchte, dass er ungefähr
so 16 oder 17 wär‘.

Doch schon mit 18 denkt er: „Halt!
Wer über 20 ist, ist alt.“
Warum? Die 20 sind vergnüglich –
auch sind die 30 noch vorzüglich.

Zwar in den 40 – welche Wende –
da gilt die 50 fast als Ende.
Doch in den 50, peu à peu,
schraubt man das Ende in die Höh‘!

Die 60 scheinen noch passabel
und erst die 70 miserabel.
Mit 70 aber hofft man still:
„Ich schaff‘ die 80, so Gott will.“

Wer dann die 80 biblisch überlebt,
zielsicher auf die 90 strebt.
Dort angelangt, sucht er geschwind
nach Freunden, die noch älter sind.

Doch hat die Mitte 90 man erreicht
– die Jahre, wo einen nichts mehr wundert -,
denkt man mitunter: „Na – vielleicht
schaffst du mit Gottes Hilfe auch die 100!“

Ich denke, Wilhelm Busch, einer meiner Lieblingsautoren und -aphoristiker, hat es ganz gut getroffen, was die meisten von uns bewegt, wenn es um das Thema Alter geht.

Wir befinden uns jetzt also in der Mitte des Lebens, also ich und viele der Menschen, mit denen ich meine Kindheit verbracht und gemeinsam die Schulbank gedrückt habe. 20 Jahre sind nichts, das konnte ich auch an diesem Wochenende wieder feststellen, als ich einem Zusammentreffen mit Menschen, die ich 20 Jahre und teilweise noch länger nicht mehr gesehen, geschweige denn gesprochen habe, beiwohnen durfte.

Auch bei meinem Abi-Treffen im vergangenen Jahr erlebte ich das Phänomen des „als-wäre-es-erst-gestern-gewesen“, obwohl irre viel Zeit dazwischen lag. Wie kann es sein, dass das Abitur schon so lange her ist wie das Alter, das man beim Bestehen dieses überaus gefragten Schulabschlusses überhaupt erst inne hatte? (Wenn überhaupt).

Es gibt ab einem bestimmten Alter durchaus noch anderen Gründe, um ein Treffen mit alten, äh also früheren Weggefährten zu veranstalten bzw. zu besuchen. Die Silberne Konfirmation ist ein solcher.

Damals vor unendlich langer Zeit

Im Frühjahr 1992 habe ich mein Elternhaus und Heimatdorf verlassen. Nur 3 Jahre zuvor hatte ich dort noch meine Konfirmation erlebt. Man machte das halt so. Wir Dorfkinder (und Kinder der 70iger Jahre) waren in der Regel alle getauft – in einer vorwiegend protestantischen Gegend. Die Konfirmation war nur eine logische Weiterführung und somit ein Brauchtum, dem der ein oder andere auch wegen der zu erwartenden Geldgeschenke gerne nachkam. Hinterfragt wurde das „weil-es-alle-machen“ häufig erst viel später. Also latschte auch ich zwei Jahre lang jeden Donnerstagnachmittag in das dorfeigene Pfarrhaus zum Konfirmandenunterricht und erlebte dabei gleich zwei Pfarrer, wie sie unterschiedlicher nicht hätten sein können. Der dazugehörige sonntägliche Besuch des Gottesdienstes in der Dorfkirche wurde für mich dabei zur Farce. Zur gleichen Zeit probte nämlich der Musikzug des Dorfes, wo ich schon damals gerne in mein Instrument blies – lieber jedenfalls, als mit Dorfmitgliedern jenseits der 70 das Vaterunser zu beten. Das gab Ärger.

Aber im Frühjahr 1989 hatte ich es doch geschafft und wurde als vollwertiges Mitglied in die evangelisch-lutherische Kirche aufgenommen. Im Jahr zuvor hatten sich meine Eltern getrennt, meine Konfirmationsfeier war daher eines bestimmten Zaubers beraubt worden. Und auch geldmäßig kam ich wesentlich schlechter weg als so mancher Mitkonfirmand mit vermögenden Großeltern. Sei’s drum, für ein neues und überhaupt eigenes Instrument reichte es. Das habe ich zwar heute nicht mehr, dafür aber noch einige meist schlicht weiß gehaltene Handtücher im Schrank, die damals auch an mich überreicht wurden.

Sie haben Post!

Und dann kam im Frühjahr ein Brief eines ehemaligen Mitschülers und eben Mitkonfirmanden in meinem heutigen Zuhause an. Die Einladung zur Silbernen Konfirmation umfasste gleich sechs Jahrgänge. Ich überlegte, ob ich hingehen sollte. Immerhin lebe ich schon lange nicht mehr in diesem Dorf und war damals nicht gerade freudig dort verabschiedet worden. Im Gegenteil. Im Musikverein hatte man mich „rausgemobbt“, genau wie aus meinem Elternhaus. Aber ich war neugierig auf die Leute von früher.

 

Das Bild zeigt ein Abbild Jesus Christus, darüber steht Silberne Konfirmation

Das Bild auf der Urkunde, die jedem silbernen Konfirmanden überreicht wurde (Bildrechte: DieverlorenenSchuhe)

Dieses Wochenende war es also soweit. Und es war schön. Neben einem gemeinsamen Samstagabend im Wirtshaus gehörte ein Gottesdienst in der altvertrauten Kirche zum Programm. Und diese Kirche, welche ich seit eben dieser Konfirmation im Alter von knapp 14 Jahren nicht mehr betreten hatte (zumindest erinnere ich mich nicht an weitere Besuche) hat sich im Grunde nicht verändert. Gut, es gibt neue Gesangsbücher, und der Schriftzug auf dem Bogen vor dem Alter steht nun in moderneren Buchstaben dort, aber sonst alles ist gleich geblieben. Selbst der Wandteppich ist noch da, den ich während so mancher langweiliger Stunde dort angeschaut hatte.

Back to the roots

In dieser Kirche wurde ich getauft, hier fand mein Einschulungsgottensdienst statt und natürlich die Konfirmation meines acht Jahre älteren Bruders. Hier besuchte ich zumindest zur Zeit des Konfirmandenunterrichts den Gottesdienst am Heiligen Abend (meine Jungspuppe war beim Krippenspiel das Jesuskind!) und hier spielte ich unzählige Male das Blumenmädchen für heiratende Verwandtschaft und auch Nicht-Verwandtschaft (manche davon inzwischen wieder geschieden). Diese kleine Dorfkirche ist mir vertraut. Ebenso wie viele der inzwischen gealterten Gesichter von damals. Als hätte es diese lange Zeit dazwischen nie gegeben.

Erstaunlich viele der Anwesenden wohnen noch in diesem Dorf oder in einem der Dörfer drum herum. Ich hatte, so wurde immer wieder betont, von allen Anwesenden mit meinem über 300 Kilometern die weiteste Anreise. Und mein absolutes, persönliches Highlight: ich habe meine ehemals beste Freundin nach 20 Jahren wieder getroffen. Mit ihr hatte ich gar nicht gerechnet (und auf meine allererste beste Freundin gehofft, die aber nicht kommen konnte). Ach, was war und ist das schön! Ich bin so froh. So oft habe ich an sie gedacht und mir gewünscht, dass wir wieder in Kontakt treten. Sie immerhin wohnt seit über 20 Jahren in der 50 km entfernten Universitätsstadt. Was haben wir doch früher viel Zeit miteinander verbracht. Sie war mein Anker in schwierigen Zeiten und sie war mein Vorbild. Und sie ist noch immer diese überaus tolle Person – und redet und gestikuliert noch wie damals.

Ein Wochenende, das gut tat

Ja, als wäre die Zeit dazwischen nicht gewesen, mehrere Jahrzehnte, die wie im Fluge vergingen, aber viele gemeinsame Erinnerungen, die nach wie vor präsent sind oder wieder im Gespräch hervorgeholt wurden. Und für mich schön, bei dem ein oder anderen den dorfeigenen „Slang“ herauszuhören, den ich auch von meinem Vater kannte.

Wir sind alt geworden, aber noch nicht zu alt, um gemeinsam Spaß zu haben und wir spüren noch ein wenig von dem Zauber unserer Kindheit in diesem kleinen, beschaulichen Ort. Die Kinder der meisten sind bereits im konfirmationsfähigem Alter. Verrückt! An den Kindern, da merkt man auch sehr gut, wie die Jahre dahin rasen.

Auf das man den ein oder anderen wiedersieht – noch bevor die Goldene Konfirmation ansteht. Ich bin froh, dabei gewesen zu sein, so als „weiteste Konfirmandin von damals“! 😉

P. S. Ich habe sicher ein gutes Gedächtnis für Gesichter, aber mit Namen – erst recht nach so langer Zeit, habe ich es einfach nicht so.