In Gedenken an Papa – Mittsommernacht

Lieber Papa,

vor genau einem Jahr schrieb ich Dir einen Abschiedsbrief, schrieb Dir, um Dich loslassen und Dich gehen lassen zu können. Danach war mir leichter ums Herz. Du wirst es vielleicht gespürt haben, denn wenige Stunden später schliefst Du für immer ein. Dass Du dafür die Mittsommernacht wähltest – oder sie Dich – passte irgendwie. Du weißt, ich bin im Herzen Skandinavierin und die Sommersonnenwende bedeutet mir viel.

Heute ist es also wieder so weit. Der längste Tag des Jahres geht zu Ende, die kürzeste Nacht steht bevor. Wie wahnsinnig schnell das Jahr vergangen ist, und doch ist so einiges passiert in diesem einen Jahr, seit Du nicht mehr bei uns bist. Es gibt so vieles, was ich Dir gerne erzählen würde. Die guten wie auch die schlimmen Dinge, die passiert sind während der letzten 12 Monate. Wie gerne würde ich Dir erzählen, dass Dein Haus inzwischen verkauft wurde und wir, Dein Sohn und Deine Tochter, nach einem ein Jahr währenden Rechtsstreit auf unseren Pflichtteil warten.

Wie gerne hätte ich Dir erzählt, dass ich nur gut einen Monat nach Deinem Tod etwas begonnen habe, was immer Dein Hobby gewesen ist: das Singen im Chor.   Ich könnte Dir erzählen, dass ich sogar mit dem Gesangsunterricht angefangen habe. Das alles hätte Dir gefallen, da bin ich mir sicher. Wenn ich in irgendeiner Form Talent zum Singen habe, dann habe ich es von Dir geerbt. Du warst ein guter Sänger und das ganz ohne Noten lesen zu können. Ich würde Dir auch erzählen, dass ich eine Entscheidung für mich und mein Leben getroffen habe, deren Auswirkung ich jetzt noch nicht in gänze abschätzen kann. Aber Du hättest es verstanden und Du hättest mich auch niemals deswegen verurteilt. Den „neuen“ Menschen in meinem Herzen würdest Du ohne viel zu Fragen begrüßen und auch hier niemals bewertend sein. Du hast mir immer vertraut bei dem, was ich tue. Dafür bin ich Dir sehr dankbar!

Am 19. Juni 2016 sagte ich Dir an Deinem Sterbebett zum Abschied leise „Ich hab Dich lieb, Papa“. Ich wußte nicht genau, ob ich Dich ein paar Tage später noch einmal lebend wiedersehen würde. An diesem 19. Juni habe ich Dich das letzte Mal gesehen. In dem Moment Deines endgültigen Abschieds wirst Du alleine gewesen sein, aber nur kurze Zeit später waren Dein Sohn bei Dir und Dein Lieblingscousin. Sie beweinten Dich, während Deine zweite Frau und Erbschleicher-Hexe laut mit ihrer Freundin beratschlagte, was am nächsten Morgen alles zu tun sei, ohne Trauer zu zeigen, kaum dass Deine Seele Deinen leblosen Körper verlassen hatte.

Das erste halbe Jahr nach Deinem Abschied war am schlimmsten für mich, bis zu Deinem Geburtstag. Erst dann begriff ich, dass Du wirklich nicht mehr da bist. Aber auch jetzt kommen mir noch so manches Mal die Tränen, wenn ich an Dich denke, vor allem, wenn ich mal über Dich spreche. Wenn ich erzähle, was ich alles von Dir habe, wie die schlanke Statur und die blonden Haare. Oder auch die ein oder andere Eigenschaft. Aber auch die etwas schlechteren Deiner Gene haben sich in mir verewigt. Das ist nicht schlimm, denn Du kannst ja nichts dafür.

Ich werde Dich nie vergessen, lieber Papa. Für mich bist Du immer noch da, bis auch ich irgendwann nicht mehr sein werde. So lange trage ich die Erinnerung an Dich in mir. Und Deine Gene, die sich auch in Deinen Enkelkindern wiederfinden.

Lass‘ es Dir weiter gut gehen da oben auf Deiner Wolke!

Deine Tochter

Herbstzeit – Abschiedszeit

Ein schöner Herbsttag wie man ihn sich wünscht. Die Sonne scheint auf die buntverfärbten Blätter. Sie  erleuchten in Gelb und Rot und Orange. Ihre Farben erscheinen mir in diesem Jahr besonders intensiv zu sein. Nicht mehr lange, dann werden alle zu Boden gefallen sein.

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Was auf dem Bild nur rosa daher kommt, leuchtet derzeit in einem strahlenden Rot: einer unserer Rotahornbäume

Und mit den fallenden Blätter neigt sich auch  dieses Jahr seinem Ende entgegen. Der viel zu erwachsenen Mensch fragt sich, „Wo ist das Jahr hin? Schon wieder Herbst, schon wieder Halloween (kann wech!), schon wieder Laternenbasteln, schon wieder das Weihnachtsfest vorbereiten. Habe ich nicht letzte Woche erst überlegt, was die Kinder in diesem Jahr Sinnvolles an Geschenken bekommen könnten? Haben wir nicht vorgestern erst Plätzchen gebacken? Habe ich nicht eben erst den Weihnachtsbaum geschmückt?“

Das geht mir alles viel zu schnell. Und in jedem Jahr schneller.

Ich schaue zurück auf dieses Jahr, in dem so viel passiert ist. Erinnere mich an mein ausgebranntes Selbst, an den nahenden und schließlich erfolgten totalen Zusammenbruch. Komplette körperliche und psychische Erschöpfung, als Mutter zweier kleiner Kinder. Auf dem Weg zur langsamen Genesung dann die Diagnose „Akute Leukämie“ bei meinem Papa. Ich hatte so etwas zu genau diesem Zeitpunkt geahnt und finde dieses bis heute irgendwie unheimlich. Dann der Abschied von ihm, meine Stunden an seinem Sterbebett. Das ist wirklich passiert, mitten im Sommer und zu einer Zeit, wo es mir zum ersten Mal seit langem endlich wieder besser ging.

In diesem Jahr – so schien es mir – fiel mir der Abschied vom warmen Sommer besonders schwer. Vielleicht, weil ich ihn zum ersten Mal seit 5 Jahren wieder wirklich wahr genommen habe und er nicht nur so eben an mir vorbeirauschte, weil ich endlich wieder bereit war, etwas davon zu spüren, was den Sommer ausmachen kann. Weil ich mich trotz oder gerade wegen Krankheit und Tod um mich herum endlich wieder auf das Leben einlassen konnte. Leben! Den Moment im Hier und Jetzt genießen. Ich hatte es fast verlernt. Die lauen Sommerabende, ein paar habe ich erlebt. Nicht wie früher, zu Zeiten der Unbeschwertheit, aber endlich wieder einen Hauch davon, eine ganz neue Ahnung, wie schön das Leben eigentlich doch ist.

Nicht zuletzt hat dabei geholfen, dass meine Kinder jetzt ein Alter erreicht haben, bei dem mir mal 5 Minuten in meiner Hängematte bleiben. Auch das gab mir ein Stück dieses Gefühls zurück.

Herbstzeit ist Abschiedszeit. Aber auch Erinnerungszeit. Erinnerungen an den ein oder anderen, lange zurückliegenden Herbst. Das ist mehr ein Gefühl. Man stellt da so rein emotionale Verbindungen her und kann gar nichts dagegen machen. Aber auch das fühlt sich in diesem Jahr irgendwie anders an.

Die Natur verabschiedet sich in die Winterpause. Ich schaue auf die schöne Natur vor meinem Fenster und denke und denke. Ich nehme Abschied und freue mich gleichzeitig auf den Neubeginn. Ich habe wieder zu mehr Gelassenheit gefunden, auch wenn manche Probleme geblieben sind. Die Me-Time ist nach wie vor eng bemessen (und somit auch meine Beiträge in diesem Blog, obwohl es an Ideen nicht mangelt). Der „Feierabend“, wenn die Kinder endlich schlafen, beginnt allzu oft erst um 21:30h. Selten früher, manchmal später. Und die Nächte sind durch KindNr. 2 gerade wieder antrengender. Man wird nachts mehrere Stunden von ihr wach gehalten oder die Nacht endet auch an Tagen, wo man 7 Uhr als Ausschlafzeit ins Auge gefasst hat, bereits wieder um kurz nach 5. (Nach der unnötigen Zeitumstellung dann also noch etwas früher!). So ist das eben!

Und ich denke an all die Momente, in denen mir mein Papa in den letzten 4 Monaten, die seit seinem Tod vergangen sind, dennoch begegnet ist. Ich habe ihn gesehen, ich habe seine Stimme gehört – in meinem Träumen, immer wieder. Ich vermisse ihn so! Es hat immer wieder Wochen und Monate der Funkstille zwischen uns gegeben, weil wir beide nicht gerade die Gerne-Telefonierer sind, und weil die Entfernung oft viel zu weit war, meine Kinder damals noch zu klein für das ewige Hin- und Hergefahre, oder ich zu beschäftigt. Wie blöd war das, im Nachhinein betrachtet.

Und manchmal bedeutet so ein Herbst auch Abschied nehmen von einer Liebe. Etwas, was nicht sein sollte, nur kurz erlebt werden durfte, und dies noch nicht einmal in voller Bandbreite – und nun durch einen ganz amtlichen Schritt für immer beendet wird. Ich bleibe bei der Diagnose „Torschlusspanik“ für den werten Herren und wünsche ihm viel Erfolg in seiner selbstgewählten Regierungs-Abhängigkeit. Mein innnerer Kampf hingegen wird vermutlich noch ein wenig vor sich hin schwelen. Die Feuerwehr war da bisher nicht gründlich genug, arbeitet aber hart an der Schadensminimierung.

Aber bei allem Abschied hat mir dieses Jahr auch etwas Neues gebracht. Die Erkenntnis, dass ich vielleicht doch singen kann, zumindest ein bißchen. Ich habe da etwas für mich gefunden, vielleicht. Das Singen ist auch noch mit besonderen Menschen verbunden. Der Seele tut das gut. Zumindest vorerst. Mein Papa hat auch gesungen, immer. Das war sein Hobby. Ein Mal in der Woche zum Singen und hier und da ein Sängerfest, ein Auftritt. Das ist schon merkwürdig, dass ich es ihm kurz nach seinem Tod gleich mache. Wie gerne würde ich ihm davon erzählen, „Papa, ich singe jetzt auch im Chor!“ Aber vielleicht weiß er es ja. Und ja, er wäre stolz auf mich! Auch darauf!

So geht auch dieses Jahr zu Ende. Bald spiele ich wieder Adventskonzerte in den Kirchen. Immer schneller dreht sich das Rad, immer schneller kommen die Immer-wieder-gleichen Dinge. Immer größer werden die Kinder und immer älter ihre Eltern. Es ist das Leben, zu dem auch der Abschied gehört. Immer wieder auf’s Neue!

„Wohlan denn Herz, nimm Abschied und gesunde!“

(aus dem Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse)

 

Der 6. Sinn

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Bildrechte: Dieverlorenenschuhe

Es gibt Menschen, die ahnen Dinge, bevor diese passieren. Oder sie wissen, was geschehen wird oder bereits geschehen ist, bevor sie es überhaupt wissen können. Man spricht hier gerne vom „6. Sinn“ (6th sense). Wieso passiert es mir immer wieder, dass ich etwas weiß, bevor ich es überhaupt wissen kann?

Als meine Lieblings-Oma, meine (ursprünglich) norddeutsche Omi, vor nun 9 Jahren starb, ahnte ich zwar an ihrem Sterbetag nichts, aber einige Tage später hatte ich eine Eingebung. Ich war gerade auf Hochzeitsreise in Skandinavien unterwegs und damals für meine Familie schwer erreichbar. Auch wollten sie mir während der Reise diese traurige Nachricht nicht überbringen. Ich saß also eines Tages vorne in unserem Miet-Wohnmobil und hatte eine Art Eingebung. „Omi ist tot, schon ein paar Tage. Nein, das ist kein Witz oder blöder Gedanke. Es ist wahr!“

Als wir von unserer Reise nach Hause kamen, waren zwei Anrufe meiner Mutter auf dem Anrufbeantworter. Sie bat mit leicht zittriger Stimme um einen Rückruf. Ich rief sie sofort an und sagte, „Ich weiß, was Du mir sagen willst: Omi ist tot!“ Und sie fragte erstaunt: „Woher weißt Du das!“ Tja, ich wußte es eben. Schon seit ein paar Tagen.

Sie wurde 82 Jahre alt und lag eines Sonntagsmorgens in diesem heißen Sommer tot in ihrer Küche, neben sich ein Glas.

Ahnungen und Gewissheiten

Ich habe von Schwangerschaften geahnt, von denen mir noch nicht offiziell berichtet wurde. Ich habe den Tod kommen sehen, wie zuletzt bei meinem Vater.

Seit Jahren habe ich mich mit dem Gedanken auseinandergesetzt, dass mein von Krankheiten geplagter Vater eben nicht für immer da sein kann. Immer wieder war ich froh, wenn eine erneute Erkrankung „gut ausgegangen“ war. Vor einigen Monaten wurde ich selbst richtig krank. Totale physische wie psychische Erschöpfung – Burn-Out. Mir ging es sehr schlecht und ich dachte bei mir, „Wenn jetzt auch noch mein Vater stürbe, wäre das für mich kaum mehr zu ertragen. Das wäre dann einfach wirklich zu viel!“

Nur wenige Wochen später bekam ich den Anruf, dass mein Vater wahrscheinlich an (akuter) Leukämie erkrankt sei. Vermutlich eine Folge der jahrzehntelang eingenommenen Immunsuppressiva. Ich  hatte doch geahnt, dass so etwas passieren würde. Es war nicht nur ein Gedanke, es ist eine Gewissheit gewesen, dass mein Vater noch in diesem Sommer sterben würde. Echt wahr! Ich wußte bereits bei seinem 75. Geburtstag, dass es sein letzter sein würde, obwohl es ihm damals so gut ging und wir alle sagten, er würde nun auch die 80 schaffen! Es war damals wie ein Blitz in meinen Gedanken, den ich sofort zu ignorieren versuchte und dann auch erst einmal erfolgreich verdrängte.

Er hat es nicht geschafft! Und ich wußte es! Oder ahnte ich es nur, so wie damals bei meiner dementen Großmutter, die ich das letzte Mal bei meiner Hochzeit gesehen hatte und die so unheimlich abgebaut hatte? Eine alte, klapprige Frau, für die das Leben nichts mehr bereit hielt?!

Übersinnliches vs. logische Gedankengänge

Ich glaube in all diesen Fällen nicht an so etwas wie Übersinnlichkeit. Aber ich glaube an meine hohe Sensibilität, an meine feinen Antennen für Stimmungen, Gefühle und Ereignisse. Ich nehme einfach sehr viel wahr, definitiv zu viel. Das macht meine Gefühle und mein Leben zwar intensiv, aber nicht immer einfach für mich.

Mein Papa ist nun seit einer Woche tot. Ja, ich habe die ersten Tage sehr viel geweint. Und dann wurde es besser, auch bei meinem Bruder. Und wir wurden aufgrund des (unerwarteten) Verhaltens unserer (definitiv bösen!) Stiefmutter vom eigentlichen Ereignis abgelenkt. Darüber möchte ich jedoch zurzeit nichts schreiben, zu tief sitzt die Ungläubigkeit über ihr Verhalten und die Wut auf sie. Das Begräbnis wird ohne mich stattfinden, da ich gerade für zwei Wochen auf Dienstreise bin, obwohl es möglich gewesen wäre, es noch aufzuschieben. Und ein Grab, das nicht so sein wird, wie mein Bruder und ich (und vermutlich auch unser Papa) es uns gewünscht hätten, macht den Abschied nicht unbedingt einfacher! Es ist schrecklich, einen geliebten Menschen zu verlieren, der so gut und herzlich war und einen ein ganzes Leben hindurch begleitet hat und an dem wir so hingen, aber das wir jetzt kein Mitspracherecht mehr haben, macht es noch schlimmer, in Ruhe Abschied zu nehmen.

Ich vermisse meinen Papa. Es tut im Moment nicht mehr ganz so weh (und ich bin derzeit aufgrund meiner dienstlichen Verpflichtungen etwas abgelenkt). Er hat sein Leben gelebt. Er konnte und wollte am Ende nicht mehr. Der Tod kam dann doch wie einer Erlösung für ihn. Die Niere, welche ihn jahrelang am Leben gehalten hat, hat ihm am Ende das Sterben erleichtert.

Da ist immer noch diese Ungläubigkeit, dass ich ihn nun nie wieder sehen kann. Ja, das kann ich nach wie vor nicht (er)fassen! Ich werde immer an ihn denken, mit ihm in Gedanken reden, und manchmal tue ich dies auch laut vor mich her.

Nachtrag: Ich finde es sehr interessant, dass mein Papa eingeschlafen war, nach dem ich diesen Bericht fertig gestellt hatte. Zuvor hatte ich immer noch überlegt, noch einmal die 300 km zu fahren, um mich erneut an sein Sterbebett zu setzen. Aufgrund meiner Abreise am nächsten Morgen wäre das sehr stressig für mich geworden – aber ich hätte es gemacht. Nach dem ich den Text veröffentlicht hatte, konnte ich loslassen und ihn irgendwie besser gehen lassen. Ja, therapeutisches Schreiben einerseits. Aber manchmal glaube ich, dass wir mit bestimmten Menschen in unserem Leben einfach so stark verbunden sind, dass solche Ahnungen und Gefühle, wie ich sie weiter oben zu beschreiben versucht habe, leicht ihren Weg zu uns finden. Vielleicht hat mein Papa gespürt, dass ich ihn losgelassen habe und konnte dann auch loslassen und gehen! Wer weiß das schon genau!