Mütter auf Dienstreise

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Flying over the Ocean (Bildrechte: DieverlorenenSchuhe)

 

Dürfen die das, die Mütter? Womöglich noch Mütter kleiner Kinder? Machen das nicht nur die Väter und die Frauen bleiben gefälligst zu Hause? „Schafft Ihr Mann das?“ fragte mich sogar meine ChefIN. „Und wie ist es so für die Kinder, ohne Mama?“, fragte mich eine KollegIN (ohne Kinder). Seufz! Es ist doch immer das gleiche. Väter (kleiner Kinder) dürfen mal eben 2 Wochen Dienstreise machen, die werden eher selten bis gar nicht gefragt, wie es für sie ist oder für ihre Kinder oder gar für ihre Frauen daheim. Mütter müssen sich unter Umständen der Kritik von außen stellen. Der Kritik die da lautet: geht alles gar nicht!

Es gehört zu meinem Job, auf Dienstreise zu gehen. Ich bin dann mit meinem Orchester unterwegs, um irgendwo in der Welt Musik zu machen. Mal ist es nur eine Nacht oder ein ganzes Wochenende. Aber es kommt auch schon mal eine Woche zusammen. Oder eben zwei, so wie dieses Mal. Meine längste Dienstreise, seit ich in diesem Klangkörper Mitglied bin, und die längste Abwesenheit von zu Hause, seit ich Kinder habe.

Die Väter tun es doch auch

Seit über einem Jahrzehnt mache ich das nun. Ich mag diese Seite meines Berufs. Nicht alle der zu bereisenden Länder liegen auch auf meiner persönlichen Wunschliste der Länder, die ich gerne bereise. Doch das Land, in dem ich mich gerade befinde, steht für mich ziemlich weit oben. Ich bin das 5. Mal hier, das dritte Mal mit dem Orchester, das erste Mal an diesem bestimmten Ort und bei diesem Event, an dem ich schon so lange einmal teilnehmen wollte. Davon habe ich 10 Jahre geträumt. Und nun ist es endlich wahr geworden.  Trotz meines Erschöpfungssyndroms habe ich mich bis zum Tag des Abflugs soweit wieder hochgerappelt, dass ich den Flieger besteigen konnte ohne Angst zu haben, dass ich schlapp mache. Ok, ich mache gerade ein wenig schlapp – wirklich nur ein wenig. Die letzten Tage waren anstrengend. Nicht nur die Zeitverschiebung sitzt mir „in den Knochen“, sondern auch mehrere 12-13-Stunden-Arbeitstage. Und zu viel ungesundes Essen… . Ich muss auf mich achten, ich brauche Pausen und ausreichend Schlaf. Heute ist der erste Tag, wo ich nur abends arbeiten muss. Das Wetter macht es mir leicht, mich in meinem Zimmer zurück zu ziehen und mir etwas Ruhe zu gönnen. Ich muss nicht mehr ständig unterwegs sein und etwas erleben. Auch wenn man sich an diesem Ort noch einiges angucken könnte und müsste (ich  habe mir gerade ein Museum herausgesucht, wo ich in der verbleibenden Woche noch einkehren will). Aber ich gehöre nicht mehr zu denen, die noch spät abends nach der Show einen Trinken gehen und die kanadische Nacht zum Tage machen müssen. Aus dem Alter bin ich raus – mir fehlt die Kraft dazu und auch immer weniger das Bedürftnis. Statt dessen genieße ich die Ruhe.

Mal keine zwei kleinen fordernden und geräuschintensiven Kinder um mich herum (dafür gefühlte zwölftrillionen Dudelsäcke – die sind auch laut).

Mal kein Essen machen, zig mal am Tag die Küche fegen, saugen und den Tisch abwischen.

Mal keine Wäscheberge so hoch wie der Mount Everest verarbeiten und aufräumenaufräumen und nochmals aufräumen, sondern einfach auch mal Ruhe und Zeit für mich, zum Schlafen, Lesen, Schreiben. Im Park auf der Wiese liegen. Essen gehen und nochmals Essen gehen! Herrlich! Ein Gefühl von Freiheit.

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Auch auf Dienstreise braucht Mutti eine Auszeit (Bildrechte: DieverlorenenSchuhe)

 

Jedes Ding hat seine zwei Seiten

Ja, ich vermisse meine Kinder. Skypen alleine reicht nicht, ist aber eine tolle Erfindung. (Genauso wie WhatsApp, das ich neuerdings benutze und über das ich telefonieren kann. Wow). Ich möchte meine Kinder kuscheln und drücken. Ich vermisse den Geruch meiner Tochter, möchte an ihrem verschwitzten Köpfchen schnuppern und mir Hände und Arme von ihr knubbeln lassen (eine Angewohnheit von ihr, seit sie greifen kann). Ich möchte meinen Sohn fest in den Arm nehmen und mit ihm über das Erlebte quatschen. Und dann ist da immer noch der Innere Kritiker – recht leise inzwischen, denn ich habe dazu gelernt. Aber er ist nach wie vor da und flüstert aus dem Hintergrund.

Eine Mutter tut das nicht, ihre Kinder 15 Tage nicht zu sehen, nur um die Welt zu bereisen. Das gehört sich nicht, denn die Mutter gehört zu den Kindern! Ja, die Väter unter meinen Kollegen, die dürfen das. Du nicht! Dein Mann schafft das zu Hause. Aber er ist auch kaputt und erschöpft. Darfst Du ihm das antun? Er arbeitet zwar oft abends und am Wochenende und fährt mit den Kollegen auf Spaßreise, aber nie so lange wie Du. Darfst Du von ihm verlangen, so lange für alles alleine zuständig zu sein? Der arme Kerl… .

Ich versuche, mich  zu rechtfertigen:

Ach, sei ruhig! Halt doch den Mund! Es ist mein Beruf und ich habe es mir verdient, etwas zu machen, wovon ich so lange geträumt habe. Ich nehme diese Erinnerung mit für den Rest meines Lebens. Ja, meine Kinder brauchen mich. Aber da ist auch noch ihr Papa, und der teilt sich auch sonst mit mir die „Care-Arbeit“. Ja, es gab genug Gründe, zu Hause zu bleiben. (Fast) jeder hätte das verstanden. Ich bin Mutter. Die andere Mama hat auch ihren Mann ziehen lassen und ist daheim geblieben. Ja, ich war sehr krank und bin immer noch anfällig für Erschöpfungszustände und damit verbundenen Angstattacken (Angst vor der Angst, es nicht zu schaffen). Ja, nur 3 Tage vor Abflug ist mein Vater verstorben. Ich bin trotzdem geflogen. Er hätte es gewollt, ich habe es gewollt und mein Mann „hält mir den Rücken frei“, wie es sonst oft nur die Frauen bei ihren Männern tun. Nie hätte er gesagt, ich solle besser zu Hause bleiben. Ich bin ihm dankbar dafür! Ich bin jetzt hier und habe Spaß an meiner Arbeit.

Werden meine Kinder Schaden nehmen, weil ich 1 -2 Mal im Jahr für mehrere Tage nicht da bin? Oder können wir die gemeinsame Zeit nach meiner Rückkehr umso mehr genießen? Gehört es zu ihrem Alltag, dass Mama verreisen muss, oder werden sie das später nur in negativer Erinnerung behalten. Ja, 15 Tage sind lang. So eine lange Abwesenheit ist aber auch eine Ausnahme.

Ich vermisse meine Kinder. Noch immer 10 Tage, bis ich wieder bei ihnen bin. Aber auch diese werden vergehen und ich freue mich so, wenn ich sie am Flughafen wieder in die Arme schließen kann. Vielleicht werde ich ihnen kurz etwas fremd sein, aber wir werden wieder zueinander finden. Das glaube ich ganz fest!

 

 

 

AlltagsAnekdote Nr. 1

Ich finde es bezeichnend, wenn eine Frau in Chefposition, die selbst während Studium und intensiver Berufsausübung Kinder groß zu ziehen hatte, mich in Bezug auf eine bald anstehende 2 1/2-wöchige Dienstreise fragt:

„Und, kriegt Ihr Mann das denn hin in der Zeit?“

Äh, bin ich im falschen Film oder was? Und wieder war ich in dem Moment nicht schlagfertig genug bzw. zu vergesslich. Hatte mir doch vorgenommen, bei dieser (fast zu erwartenden) Frage zu kontern, ob Sie das auch die vielen männlichen Kollegen fragen würde, die Väter kleiner Kinder sind.

Ich stelle mir gerade vor, wie all diese Väter im Chefzimmer antreten müssen, um sich folgenden Kommentar anzuhören:

„Wir gehen ja demnächst auf längere Dienstreise. (Und Sie sind ja dann in Monat x und y auch noch hier und dort auf Dienstreise). Kriegt Ihre Frau zu Hause das denn alles hin in der Zeit, mit den kleinen Kindern?“

Weinen könnt‘  ich. Weinen!