Eltern in Trennung – Teil 1

„Das Leben ist kein „Ponyschlecken“, wir gehen durch unsere kleineren und größeren Krisen und wissen manchmal nicht, wo der Weg uns hinführt. Wir streben nach Glück und Zufriedenheit und das ist gut so. Viel schlimmer wäre es wohl, wenn jegliches Streben eingestellt und nur noch kampflos hingenommen werden würde.

Nach einigen Jahren der größeren Krise in meinem eigenen Leben, nach Erschöpfung und Zusammenbruch, nach stark gespürter Unzufriedenheit und vielen Zweifeln, habe ich mich in ein neues Leben aufgemacht, unter anderem mit psychotherapeutischer Unterstützung, aber auch durch viel Selbstreflektion. Nach dem ich jahrelang eigene Bedürfnisse und Gefühle ignoriert habe, ignorieren musste, habe ich durch meine Erkrankung und die Zeit danach erkannt, dass es so nicht weitergehen kann, nicht weitergehen darf und die unzufriedene Mutter und Frau niemandem nützt. Und das mein eigenes Leben etwas wert ist, MIR etwas wert sein sollte. Und in der berühmten Lebensmitte, also so um die 40, gehen so einige Menschen in sich, ziehen Bilanz und sortieren ihr Leben noch einmal neu.

Manchmal muss sich einfach etwas ändern

Nach dem ich in beruflicher Hinsicht wenig ändern konnte und wollte (außer zu mehr Gelassenheit zu gelangen), war es mein Privatleben, meine Beziehung zu Menschen und zu meinem Mann, wo ich ansetzen musste. Dass meine Ehe seit Jahren schon für mich wenig Glück bedeutete, war hierbei keine neue Erkenntnis, aber dazu später mehr.

Viele Jahre fühlte ich mich – heimatfern und entwurzelt – sozial ziemlich abgeschnitten und einsam. Dann fand ich eine inzwischen gute Freundin hier im Ort und durch ein neues Hobby tolle Menschen in der Nähe. Und endlich konnte ich das auch wieder zulassen, dieses Zwischenmenschliche, was mir in meinem Leben so sehr gefehlt hatte.

Bloggen als Lebenshilfe

Aber es sind nicht immer nur die Menschen von nebenan. Mir bleibt wenig Zeit, andere Blogs mit größerer Aufmerksamkeit zu verfolgen. Ich habe es aber zu schätzen gelernt, auf diese Weise in die Gedanken anderer einzutauchen. Ich schätze es sehr, wenn die fleißigen Blogger da draußen uns auf diese Weise an ihrem teilweise tiefsten Gefühlsleben und ihrer Gedankenwelt teilhaben lassen. Gerade als geforderte Mutter mit Beruf und Haushalt, mit Problemen und Sorgen tut es immer wieder gut, durch dieses Medium zu sehen: ich bin nicht alleine mit dem ganzen Mist! Da sind andere. Und zu lesen, wie sie damit umgehen, kann mir helfen, meinen eigenen Weg zu gestalten.

Minusch ist eine von den wenigen, bei denen ich regelmäßig mitlese. Und ihre Offenheit fasziniert mich und tut mir immer wieder gut. Daher möchte ich einen ihrer aktuellsten Beiträge hier mit Euch teilen. Sie beschreibt darin so wunderbar die verschiedenen Phasen rund um die Trennung von ihrem Mann, dem Vater ihrer Kinder, die Schwierigkeiten drum herum. Sie lässt uns teilhaben an ihrem Leben alleine mit zwei Kindern, alleine in dieser großen Verantwortung ohne nennenswerte Unterstützung und mit finanziellen Problemen. Dabei sich und die eigenen Bedürfnisse nicht ganz aus den Augen zu verlieren, ist eine weitere Herausforderung nach einer Trennung. Um eben weiterhin durchzukommen, klar zu kommen und unter der riesigen Last möglichst nicht zusammenzubrechen, bedarf es der Mobilisierung oft letzter Kraftreserven. Immerhin ist das Aufziehen von Nachwuchs schon mit Partner ein echter Kraftakt.

Warum überhaupt Trennung?

Minusch ist nur eine von vielen Alleinerziehenden, meist ja Frauen, hierzulande. Und die Zahl steigt. Woran kann das liegen? Gehen Paare, die auch Eltern sind, heute wirklich leichtfertigen auseinander? Ich sage: jein! Manche tun das vielleicht, aber viele hadern ewig lange, grübeln und wägen ab.Aber wenn es einfach nicht mehr geht, dann geht es eben nicht mehr!

Meine Mutter sagte vor einigen Wochen zu mir, dass Männer oft an einer eigentlich unbefriedigenden Situation / Paarbeziehung festhalten, während Frauen die Unzufriedenheit deutlicher spüren (und eher seltener mit einer simplen Sex-Affäre außerhalb zu kompensieren suchen) und ihre Konsequenzen daraus ziehen. Und das kann ich auch beobachten. Immer öfter geht die Trennung von der Frau aus, und das, obwohl sie sich dann mit größeren Schwierigkeiten konfrontiert sieht als zuvor. Oftmals bringt es neben dem ganzen Schmerz rund ums Scheitern der Beziehung auch finanzielle Probleme mit sich. Das Männergehalt fällt weg, Frauen verdienen im Schnitt aber weniger, können wegen der Kinder vielleicht nur in Teilzeit arbeiten und ähnliche Aspekte spielen hier eine Rolle. Wenn frau Glück hat, gibts zumindest Unterhalt für die Kinder und im besten Fall einen Vater, der sich sowieso kümmert. Aber das ist nicht immer so.

Gründe für eine Trennung sind vielfältig

Frauen, die eine Trennung initiieren, werden triftige Gründe haben, und das sind nicht immer ein „wir haben uns halt über die Kinder auseinander gelebt“, „die Liebe ist entschwunden“, „Ich hab mich in eine(n) andere(n) verguckt“ oder ähnlich banal erscheinende Gründe. Nein, ich spreche hier von häuslicher Gewalt, vom schlagenden und drohenden Mann, von psychischer Gewalt, von Unterdrückung und Machtausübung von Seiten des Mannes. Damit gebe ich nicht per se Männern die Schuld an einer Trennung oder schließe die Schuld auf Seiten der Frau generell aus. Aber es ist erschreckend, was hinter den Fassaden noch immer vor sich geht. Da kann eine Trennung ein echter Befreiungschlag und sogar im Sinne der Kinder sein. Ein „wir müssen aber wegen der Kinder zusamnenbleiben“, halte ich nicht für die ideale Lösung, wenn Spannungen und Streitereien den Alltag bestimmen und aggressives Verhalten, verbal oder gar körperlich, sogar im Beisein der Kinder ausgetragen wird.

Ich bin selber gerade in diesem Prozess, bin mittendrin. Meine Ehe ist gescheitert. Eine Trennung ist unausweichlich nach jahrelanger Unzufriedenheit und psychischer Überforderung meinerseits in einer Lebenssituation, die mich mit in den Burnout trieb. Davon aber mehr in der Fortsetzung zu diesem Thema.

 

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Auf der Achterbahn der Gefühle

Ihre Gefühle fahren Achterbahn, ihre Gedanken stehen Kopf, drehen sich im Kreis. Immerzu, ohne anzuhalten. Sie mochte Achterbahnen noch nie, wollte nie wieder damit fahren. Nun ist sie freiwillig eingestiegen und fährt und fährt. Mal glaubt sie sich oben, da ist sie auch schon wieder unten. Wohin geht diese Fahrt und wie lange noch? Wann endlich darf sie aussteigen? Torkelnd vermutlich,  kaum mehr den Boden unter ihren Füßen spürend. Und sie ist müde, unendlich müde. Nur schlafen kann sie einfach nicht. Immer zu tief, immer gleich zu viel Herz. Zu viel Verletzlichkeit. Immer. Das gehört bei ihr wohl dazu, wenn es echt sein soll. Ist es echt? Ihr Herz schreit. Sowas von echt. Gewartet hatte sie, nur auf ihn. Die Suche ist vorbei. Sie lebt und liebt – endlich unendlich. Welch ein seltenes Glück. Doch sie weint. Was werden soll, weiß sie nicht.

Seit Jahren dieses Grübeln, dieses Überlegen, was werden soll. Weil die Situation im Grunde unerträglich für sie ist, sie aber nicht rauskommt aus ihr. Bisher. Sie hat es einfach nie geschafft, nie die Schritte gewagt, die nötig gewesen wären. Sie ist immer geblieben, wegen der Kinder natürlich und wegen des Hauses. Dieses Haus, welches so zu ihr zu passen schien. Als sie es sah, wollte sie unbedingt nur das. Wie alt und renovierungsbedürftig es wirklich ist, sah sie erst auf den zweiten und dritten Blick. Alt und renovierungsbedürftig, unperfekt eben, so wie sie selbst. Und vieles kam erst später, weil sie (er!) sich zu wenig zu kümmern bereit war. Ursprünglich wollte sie keine Immobilie erwerben. Zu viel Bindung. Und schon damals, als er sie beim Tapezieren herumkommandierte, bereute sie den Kauf. Es war falsch. Aber falsch waren nie die Kinder. Doch, zugegeben, auch diese Gedanken hatte sie, als sie ganz unten und vom Burnout gezeichnet keine Kraft mehr hatte. Aber sie träumte. Alleine mit ihren Kindern in dem Haus, wie schön wäre das. Aber sie kann es nicht schaffen. Finanziell nicht, weil neben dem Bedienen des Kredites ja auch viele Nebenkosten anfallen. Schon gar nicht, die Bude in Schwung zu bringen und zu erhalten. Und dann die viele Arbeit. Putzen, großes Grundstück. Das ist jetzt schon zu viel, wo noch ein Mann da ist, der durchaus mal etwas übernimmt (gerne erst nach mehrfacher Einladung).

Damals betrat sie das Haus das erste Mal und da war sofort dieses Gefühl von JA, das ist es. Und der Geruch im Keller erinnerte sie an das Haus ihrer Oma, an das direkt ihr kleines Elternhaus gebaut war. Omas Haus war nur wenige Jahre älter als ihr Haus. Und der Geruch auf dem  Dachboden? Ihr Elternhaus, eindeutig. Und als Kind hatte sie so gerne Zeit dort oben verbracht und in alten Sachen gestöbert. Überhaupt, altes, antiquiertes hat sie schon immer besonders fasziniert. Deswegen wohl auch dieses Haus mit den höheren Decken, der großen breiten Eingangstür und dem alten hohen Fliesenspiegel in der Küche, die natürlich nach Norden ausgerichtet ist. So war das damals. Unten in der „Waschküche“ steht noch der alte Waschzuber, in dem früher angefeuert und Wäsche gekocht wurde.

Und jetzt ist sie im Begriff, alles zu verlieren. Zum zweiten Mal verliert sie ein Haus, ein ZUHAUSE, an dem sie wirklich hing. Dieses Mal freiwillig – mehr oder weniger freiwillig. Jahrelang hat sie nicht zuletzt wegen dieses Hauses nichts unternommen, um aus dieser Beziehung auszubrechen, die schon lange nicht mehr zu ihr passt. Sie wollte alles für die Kinder erhalten – so wie es einst ihre Mutter für sie versuchte – und für sie selbst. Die schönen Tage im Garten. Perdü. Die Besonderheiten dieses Gebäudes – wird sie nie wieder haben. Zu einer Zeit, wo sie auch ihr Elternhaus gerade (zum zweiten Mal!) verloren hat und ihr am Ende, wenn sie Glück hat, nur ein paar wenige Tausender von ihrem Pflichterbteil bleiben – und die Erinnerungen, die richtig weh tun können, wenn sie es zulässt.

Sie wollte damals dort nicht wirklich weg und sie will es auch jetzt hier nicht. Aber sie sieht einfach keinen anderen Weg mehr. Mit einem Menschen zusammen zu leben, der sie sukzessive mit in den totalen Zusammenbruch getrieben hat durch seine ganze Art, seine Kommentare und auch Nicht-Kommentare, seine Ignoranz, auch der Ignoranz ihrer Gefühle, empathielos und gleichzeitig fordernd. Sie, das Vöglein im goldenen Käfig, das zu singen hat, wenn Gesang erwünscht. Und ansonsten den Schnabel zu halten und runterzuschlucken hat, was sie quält. Geht nicht mehr! Jetzt erst Recht nicht mehr.

Aber es tut so unendlich weh, wegen der Kinder, wegen ihres Traumes von der heilen Familie, die sie selber damals als Teenager für immer verlor. Immer wieder hat sie ihm eine Chance gegeben – und selbst verdrängt, dass es einfach nicht der richtige Weg für sie sein konnte. Nicht alt werden mit ihm, sondern mit ihren Kindern. Sie wollte durchhalten, bis die Kinder groß sind. Dann hätte sie ihnen vermutlich zwar auch das Elternhaus genommen, aber bis dahin hätten sie dort eine schöne Zeit gehabt.Vielleicht können sie das auch immer noch… Aber wenn sie jetzt nicht geht – innerlich ist sie längst gegangen, wird es sie komplett zerstören. Sie muss es tun, und weint dabei bitterlich. Den eigenen Arsch retten, wie egoistisch. Ihre eigene Mutter hatte es auch lange Zeit versucht, wollte alles aufrecht erhalten. Sie selber hat genau das gleiche gemacht und ist ebenso gescheitert. Die Kinder werden es irgendwann verstehen, aber es wird Wunden reißen und Narben hinterlassen.

Und sie träumt davon, alles richtig gut und freundschaftlich zu meistern, die Trennung und irgendwann die Scheidung. Einvernehmlich, so nennt man das. Trotzdem für die Kinder gleichermaßen da sein, Vorbild sein für die Kinder und für andere Paare, das wünscht sie sich so sehr. Das macht sie eigentlich am meisten traurig, dass er behauptet er wolle, dass es den Kindern gut geht, aber so dagegen arbeitet. Nur weil er von der emotionalen Ebene nicht mal in die rationale Ebene schalten kann, weil es die bei ihm nicht gibt. Und emotional bedeutet hier, männliches Machtgehabe, Rachegelüste, Besitzdenken.

Das alles wird sie sehr viel kosten. Jetzt werden eben auch in diesem Bereich viele Federn gelassen werden müssen. So ist das. Strafe muss sein.

Und immer wieder schleichen sich die Zweifel ein. Nicht in ihr Herz, das weiß was es will. Aber der Verstand schüttelt mit dem Kopf und flüstert weiterhin, „Du bist geboren um Dich aufzuopfern. Du hast diese Entscheidungen einst gefällt, also stehe das jetzt auch durch. Auch wenn es Dich umbringt. Besser hast Du es nicht verdient! Eigenes Glück ist doch nichts gegen das Glück Deiner Kinder“.
Sich aufopfern für andere, das hallt irgendwie tief in ihr nach. Ist das das Leben, wovon sie geträumt hat? Sind sie wirklich glücklicher, wenn die Mama es nicht ist, weil sie mit ihrem Vater schon sehr, sehr lange nicht mehr klar kommt, ihn auch nicht mehr liebt und teilweise sogar Gefühle wie Hass empfindet? Ist das wirklich besser? Sie denkt Nein.

So ist das. Sie liebt und möchte lieben und geliebt werden und vor allem will sie leben, ihr eigenes Leben. Und nicht das von einer Frau, die sie gar nicht kennt. Denn das hier, das ist sie nicht.

Alter schützt vor Torheit nicht – ein Liebesdrama in mehreren Akten

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Bildrechte: Dieverlorenenschuhe

Sie hat die magische 40 längst überschritten, auch wenn sie sich vom Kopf her nicht so alt fühlt. In den Augen vieler ist sie es sicherlich. Kinder und Jugendliche werden sie als solch eine alte Frau wahrnehmen, wie sie selber in jungen Jahren die Ü30- oder Ü40-Leute um sich herum wahrgenommen hat. Alt und die beste Zeit hinter-sich-habend.

Doch jetzt kommt es ihr fast so vor, als sei sie wieder 20. Wenn überhaupt. Wann hatte sie dieses Gefühl das letzte Mal erlebt? Verliebtheit! Verrückt, in ihrem Alter…  und vor allem in ihrer Lebenssituation. Verheiratet, wenn auch nicht ganz so glücklich wie einst erträumt, zwei Kinder, einen Hauskredit in schwindelerregender Höhe und neuerdings zwei nagelneuen Autos vor der Tür. Verbeamtet ist sie quasi auch. Ein richtig spießiges Leben also. Da fehlt eigentlich nur noch ein Lover, am besten natürlich ein U30. Man gönnt sich ja sonst nichts…

Frau wird doch wohl noch träumen dürfen

Nur wenige Wochen ist es her, als sie nach ihrem Burn-Out-Zusammenbruch erkannte, dass das Leben eben doch zu kurz ist, um alles auf später oder auf ein Nimmer-Wiedersehen zu verschieben. Sie hat nach wie vor Wünsche. Und ja, sie hat nach wie vor Bedürfnisse. Jahrelang hatte sie sich quasi nicht mehr selbst gespürt. Lange Zeit hatte sie das, was sie ausmachte, total verdrängt. Schon immer ein eher nachdenklicher, tiefsinniger und melancholischer Mensch, hatte sie doch auch immer das Leben geliebt, ja, geliebt, gefeiert und getanzt. Und mehr als ein Mal zu oft ihr Herz verschenkt. Verliebt, so oft verliebt, immer auf der Suche nach Liebe und Gesehen-werden um ihrer selbst Willen, das hatte sie sich gewünscht, und so ein ums andere Mal ihr Herz an den Falschen vergeben.

Und von dem einen, da kam sie auch ewig lange nicht mehr richtig los. Sie waren fast 5 Jahre ein Paar. Er sah sie auf einer Party und liebte ihr Lächeln (damals noch mit zahnspangenbegradigten Zähnen, was sich im Laufe der Jahre wieder gegeben hat). Sie wollte nichts von ihm. Sie war gerade noch in einen anderen Typen verknallt, der sich im alkoholisierten Zustand gerne nach Hause fahren und verführen ließ.

Doch die Wochen in diesem denkwürdigen Herbst vergingen und mit der Vehemenz dieses Verehrers kam die Liebe. Er sah sie – zumindest damals. Stürmische 1 1/2 Jahre folgten, aber nach ihrem Umzug in ihren Studienort kam die Ernüchterung. Die Wochenendbeziehung bröckelte, ihr mangelndes Selbstbewusstsein und ihre Eifersucht ließen ihn kapitulieren. Er suchte sich eine andere und machte selber offiziell nicht Schluss. Dafür musste sie schon seine Mutter anrufen. Dieser Feigling.

Single sein und genießen?

Das konnte sie damals noch nicht so gut, einfach alleine auch glücklich sein. Sie brauchte immer jemanden. Heute wünscht sie sich oft, ungebunden zu sein. Damals aber kam ein knappes Jahr nach dieser großen Enttäuschung ihr Mann in ihr Leben. Sie lernte ihn zufällig über das Internet kennen. 15 Jahre ist das her. Es war für sie nie die große Liebe aus dem Märchenbuch. Und dazu fühlte sie sich auch nicht mehr im Stande. Es sollte etwas sein, was Sicherheit gab nach all den Enttäuschungen zuvor.

Verliebtsein, Liebeskummer, jemanden vermissen, sich so sehr wünschen, mit diesem jemand zusammen zu sein, sei es körperlich wie auch das Leben mit ihm zu teilen, diese Gefühle kannte sie schon lange nicht mehr. Und jetzt überwältigt es sie. Sie hofft, es dauert nur kurz. Immerhin ist sie erwachsen, eine Frau in der Mitte ihres Lebens. Da gehört sich so etwas nicht mehr! Da geht man anders damit um als damals, als man noch hormongesteuert und mit Bauchgefühl durch die Gegend stolperte. Heute stellt man sich doch der Realität, dass sich nach einer langen Beziehung mit vielen Up’s and Down’s eben nicht mehr immer Schmetterlinge im Bauch befinden.

Vielleicht ist es einfach der Wunsch, noch einmal wieder gesehen zu werden. Sie möchte endlich einmal wieder angenommen werden wie sie ist, ohne ständig für jede Kleinigkeit kritisiert zu werden. Sie kann das  Gemeckere oft einfach nicht mehr hören. Und dieses Gefühl, immer an jedem noch so kleinem Sch*** Schuld zu sein, die Schuld zugeschoben zu bekommen, möchte sie einfach endlich ablegen. Immer sie, nie der andere! Auf Dauer und unter dem Stress des alltäglichen Lebens ist das einfach nur zermürbend.

Träumen für  Fortgeschrittene

Mit ihm, so ist sie sich sicher, gäbe es das nicht. Nicht HEUTE, nicht nach all den Lektionen, die sie in den vergangenen Jahren gelernt hat. Und vorher? Sie weiß es nicht. Es ist müßig, darüber nachzudenken, „was wäre gewesen, wenn…“ oder „was könnte sein, wenn…“. Sie weiß nur, dass sie nicht aufhören kann, an die gemeinsame Zeit zu denken. Sie sollte sich zwingen dazu, aber es geht nicht. Sie hat die Freiheit gespürt und das glückliche Leben erahnt. Sie möchte noch nicht so schnell aus diesem Traum erwachen!

Diese „Liebesgeschichte“ hat  eine längere Vorgeschichte. Und deswegen kann sich diese einer gewissen Tragik nicht verwehren. Sie hat nicht einfach jemanden neues kennengelernt. Er war schon lange da. Auch hat sie ihn in all den Jahren nicht übersehen, sondern ihre Gefühle für ihn regelmäßig verdrängt, gar unterdrückt. Zur Seite geschoben und sich gesagt, „is‘ halt Pech, vielleicht im nächsten Leben. Ihr hattet Eure Chance – oder eben auch nicht“. Zumindest hatte sie nie jemand von beiden genutzt. Wieso also dann jetzt all das? Wieso kommt er erst jetzt mit dieser Deutlichkeit „um die Ecke“? Das hätte er doch damals schon tun können. Zum Beispiel vor 7 Jahren während dieser anderen großen Dienstreise, bei der sie beide dabei gewesen sind. Was soll das also nun, zu einem Zeitpunkt, wo keine andere Entscheidung mehr möglich zu sein scheint?!

Happy Ending… gibt es nur im Film

Und sie vermutet es ganz stark: wenn auch er tatsächlich all die Jahre etwas für sie empfunden hat, und dieses Gefühl jetzt – aus welchen Gründen auch immer – weiteren Nährboden erhielt, dann kann das nur Torschlußpanik sein! Ja, so nennt man das, wenn ein Mann im Begriff ist, einen nicht mehr rückgängig zu machenden Schritt zu tun. Ebenfalls in der Lebensmitte, kurz vor der 40. Ein magisches Alter. The Point Of No Return!

Er hat das Haus für die andere gebaut. Er wird vielleicht auch noch einen Baum pflanzen. Und in nicht allzu ferner Zeit wird er wissen, ob er dieses Zimmer in Rosa oder doch Himmelblau streichen soll (die Autorin empfiehlt im übrigen ein neutrales Gelb oder Beige!). Endgültig zu spät. Sie schüttelt den Kopf. Wieso macht sie sich überhaupt Gedanken darüber? Jetzt ist es nun einmal zu spät. Wenn man nicht zu den total Mutigen gehört. Die gibt es auch. Die setzen tatsächlich alles aufs Spiel, wenn die Gefühle sie übermannen. Die Feiglinge erstarren und harren aus in der Situation, in der sie sich schon so lange befinden. Sie gehört nicht zu den Mutigen. Er auch nicht.

Das Heute – auch immer eine Reise in die eigene Vergangenheit

Sie denkt an all das, was war und an alle, die da waren, und an ihre Gefühlsduseleien von damals. Sie denkt an die kurzen Ausflüge, die andere in ihr Herz machten. Irgendwelche bekloppten Musiker in irgend welchen Orchestern. Der norwegische Klarinettist gefolgt vom norwegischen Schlagzeuger. Die Norweger haben eben etwas magisches an sich, sie strahlen so viel Ruhe und Gelassenheit aus, findet sie. Dazwischen der Dirigierstudent aus W. Nie wieder kann sie Le Sacre du Printemps oder den ersten Teil der Filmmusik zu Harry Potter hören, ohne wehmütig an ihn zu denken. All das war nur einseitig. Vergessen hat sie es trotzdem nicht.

Das hier ist nicht neu. Das war doch so ähnlich alles schon mal da, denkt sie. Nur dieses Mal betrifft es sie wirklich. Irgendwann im Leben kann man nicht mehr so oft neu anfangen. Irgendwann ist es eben alles vorbei. Er berührt eben etwas in ihr. Das war irgendwie schon immer so, und sie kann sich nicht erklären, woher das kommt. Einfach da, einfach schön. Sie hatten eine schöne Zeit. Harmlos fing sie an, so wie immer. Miteinander verbrachte Zeit. Nicht im Traum hätte sie daran gedacht, dass er dieses Mal mehr daraus entstehen lassen würde. Jetzt ist es so. Sie hat vom Kuchen gekostet, sich erinnert, dass da in ihrem Herzen schon immer so viel Platz für ihn war.

Sie siniert darüber, was sie hätte haben können. Immer wieder hatte sie es geahnt, die ganzen vielen Jahre über. Jetzt hat sie für sich persönlich die Gewissheit geschaffen. Und diese Gewissheit hat etwas schmerzliches. Ein Zurück, ein nachträgliches Zurechtrücken des eigenen Lebensweges käme einem schweren Erdbeben gleich. Und doch träumt sie sich manchmal in diese Möglichkeiten hinein, ganz still und heimlich. Andere tun es doch auch. Und sie denkt an ihre Freundin gleichen Alters. Ihr Lover ist wirklich nur ganz knapp U30, und darf man einem solchen Mann den eigenen Kinderwunsch verwehren, wenn Frau eigentlich schon eher aus dem Alter heraus ist? Und wie verrückt ist das denn? Wie kann sie überhaupt nur einen Moment an so etwas denken?

Es sind nur die Hormone, sagt sie sich, und die Sehnsucht nach etwas, was sie eigentlich schon seit ihrer Trennung von diesem Ex bewegt. Mehr als 15 Jahre hat sie gebraucht, um ihn gänzlich loszulassen. Die Sehnsucht nach etwas, das man nicht (mehr) haben kann. Da ist irgend etwas, was nur schwer zu erklären ist. Es hat etwas von Schicksal. Fate – wie man im Englischen sagen würde. Negativ besetztes Schicksal. Und sie denkt hin und her, aber sie findet keine Lösung. Sie merkt nur, dass es weh tut, und das sie immer noch mehr will, aber auch, dass sie zur Ruhe kommen kann, wenn sie sich nur genug Mühe gibt. Ein Teil von ihr ist noch dort, in diesem großen Land. Doch nach und nach kehrt sie zurück in ihre Alltagspersönlichkeit, beladen mit Frust und Resignation.

„Ein Liebhaber muss her, eine schöne Affaire, um sich etwas abzulenken“, dachte sie also vor ein paar Wochen. Das Universum erhörte ihren Wunsch, verhörte sich dabei und lässt sie nun am langen Arm zappeln. „Dann eben nicht! Werde ich eben ohne Lover alt und faltig und komplett unansehnlich. Schwelge ich weiter in Erinnerungen an längst vergangene Zeiten“.

Das Leben ist eben kein Wunschkonzert!