Dieses Gefühl

Am 18. Juni diesen Jahres hatte ich bereits folgenden Text verfasst und seit dem in meinem Entwürfe-Ordner aufbewahrt (und heute leicht bearbeitet). Kurze Zeit nach dem Schreiben dieser Zeilen wurde ich sehr krank – unerklärlich krank – für eine ganze Woche war ich damals quasi komplett „außer Gefecht gesetzt“. Ich dachte, es könnte irgendein Infekt gewesen sein, bloß welcher, das war mir nicht klar. Da ich vor kurzem so ziemlich die gleichen Symptome hatte und diese auch noch in einer Panik-Attacke mit Hyperventilationstetanie endeten – und ich in der Notaufnahme des Krankenhauses – vermute ich einfach, dass mein Körper beide Male förmlich nach einer Pause, nach einer Auszeit gebettelt hat. Dabei war es doch in letzter Zeit gar nicht mehr so schlimm mit dem absoluten Stress und ich war sogar in vielen Alltagssituationen entspannter – dachte ich zumindest:

Immerzu gehetzt, nie zur Ruhe kommend. Tausend Sachen gleichzeitig erledigen (wollen). Pläne machen, die dann wieder über den Haufen geworfen werden (müssen). Eine Frustrationstoleranz, die permanent überschritten wird. So sieht mein Leben aus.

Es fühlt sich an, als würde ich immer mehr zerbröseln, bis von mir nichts mehr übrig bleibt. Und wenn es ganz schlimm kommt habe ich das Gefühl, jeden Moment in mindestens tausend Einzelteile zu zerspringen. Seit es mich selber kaum noch gibt, kenne ich dieses Gefühl der Wut im Bauch und den Wunsch, einfach nur davon zu rennen und vor allem und jeden zu flüchten.

Was macht ein Mensch, der immer so gerne alleine war und diese Momente für sich und seine Interessen so sehr genossen hat? Der stundenlang versinken konnte, sei es vor dem Fernsehgerät (Entspannung pur und aus heutiger Sicht natürlich die absolut größte Zeitverschwendung ever), in einem Buch oder mit einem Musikinstrument. Das Gefühl von Flow kann sich kaum mehr einstellen. Wenn ich übe, verfolgt mich der Gedanke, dass ich sehr bald wieder aufhören muss, um mich meinen Kindern oder anderen Aufgaben zu widmen. Das schlechte Gewissen verfolgt mich, wenn ich auch nur etwas länger arbeite als die Kollegen, obwohl ein früherer Dienstschluss ausgerufen wurde, der mich nicht sofort nach Hause eilen lässt. Wenn ich dann nach Hause stürme, erstelle ich während der Fahrt einen genauen Plan, wie ich die eine geschenkte (halbe) Stunde nutzen kann. Ich mache dann alles gleichzeitig, und das in einem „Affentempo“, dass meine Noch-Putzfrau* mit dem Gucken nicht hinterher käme. Während ich die Spülmaschine aus- und wieder einräume, räume ich gleichzeitig Wäsche in die Waschmaschine und mache mir quasi im selben Augenblick auch noch ein schnelles und selten gesundes Mittagessen, fege die Küche und den Flur und sammele sämtliche Gegenstände auf und versuche, sie an ihren Bestimmungsort zurück zu bringen. Im häuslichen Alltag gehe ich nie ohne mindestes 2 Dinge in einer Hand von einem Zimmer oder einer Etage in das / die nächste (während der Mann im Haus sämtliches, was sich meiner Meinung nach am vermeindlich falsche Ort befindet, auch über Tage ignorieren kann). Beim Spielzeug, das sich über das ganze Haus verteilt, habe ich allerdings inzwischen resigniert. Mein Aufräumen beschränkt sich hier auf das Allernötigste. Und dann werde ich wieder verfolgt vom schlechten Gewissen: statt sofort die Kinder abzuholen, liege ich jetzt ausnahmsweise mal auf dem Sofa herum, tippe und warte darauf, dass ich die Wäsche aus dem Schnellprogramm nehmen und aufhängen kann. Überhaupt Tätigkeiten, die ich nach Möglichkeit nur noch irgendwie zwischendurch mache, weil das einfacher ist als mit zwei Kleinkindern im Schlepptau. Sind sie dabei, wird alles zur Herausforderung.

Multitasking Deluxedas können nur Frauen ?!

Mir scheint es oft so. Aber ich merke, wie mich dieses nun schon jahrelang anhaltende Getriebensein so langsam zerfallen lässt. Und wenn es ganz „Dicke“ kommt und ich so wie zuletzt wieder einmal tagelang nicht einen einzigen Moment für mich ganz alleine hatte, sondern immer nur Menschen um mich herum, die reden, schreien, laut sind, etwas von mir wollen und mich meines gesunden Schlafes berauben, wenn ich so dauer-angespannt bin, dass die Rücken- und Nackenschmerzen überhaupt nicht mehr verschwinden, dann bin ich kurz vor dem Platzen und weiß: wenn ich jetzt nicht sofort eine klitzekleine Auszeit kriege, ein Stündchen im Internet, mit einem Buch oder einem meiner Instrumente oder besser noch, einfach mal kurz Augen und Ohren zumachen darf, dass ich dann sofort meinen Koffer nehmen und in die Klinik gehen kann. Hallo Burn-Out!

Einen Ausweg aus dem Dilemma gibt es nicht?

Es ist kein schönes Gefühl, wenn man total erschöpft ist und förmlich um eine Pause bettelt, wenn einen die Nerven verlassen, nur weil eines der Kinder schon wieder den Küchenboden mit Essen übersät, aber es kommt immer wieder und ich kann nichts dagegen tun. Ich bin nun mal nicht entspannter, ich kann nun mal nicht jeden Tag sagen, „jetzt ist das so, die Kinder sind noch klein, irgendwann wird es besser“ und hoffen, dass ich in 10 Jahren als alte Frau endlich mal wieder mehr Momente für mich haben werde. Totale Erschöpfung, bei der oft auch diese kleinen Momente des Innehaltens gar nicht mehr helfen – auf Dauer macht das richtig krank. Und ich merke das bereits seit einiger Zeit. Aber was soll ich tun? Ich nehme mir doch schon die Freiheit, meine Kinder nicht immer sofort abzuholen, sondern noch eine Stunde weiter zu machen, mit Arbeit, Üben, Haushalt, auch mal was essen, aber etwas für mich ganz alleine habe ich damit noch lange nicht getan. Ich habe angefangen, mir Hilfe zu suchen, aber es geht nur sehr, sehr langsam voran.

*die ich einen Monat später fristlos entlassen musste. Seit dem bin ich wieder mal ohne…