Erst Karrierefrau, dann Mutter

Bin ich eine Karrierefrau? Zumindest war ich immer sehr ehrgeizig, leider aber auch zu faul und zu bequem, um eine Hardcore-Karriere zu verfolgen. Oft fehlte mir auch der nötige Durchblick, den man in meiner Branche schon in sehr jungen Jahren braucht. Und das „Vitamin-B“ (B = Beziehungen). Und doch, ich habe einige Ziele verfolgt und versucht, mich möglichst nach meinen Fähigkeiten zu positionieren. Es hätte mehr sein können… und als es gerade ganz gut lief, wurde ich Mutter!

Synonyme zu Karriere

Bedeutungen, Beispiele und Wendungen

  1. erfolgreicher Aufstieg im Beruf

    Beispiele

    • eine steile Karriere
    • seine Karriere verfolgen, aufgeben
    • am Anfang einer großen Karriere stehen

    Wendungen, Redensarten, Sprichwörter

    Karriere machen ([rasch] zu beruflichem Erfolg, Ehre und Anerkennung gelangen)

  2. schnellste Gangart des Pferdes, gestreckter Galopp

(Quelle: http://www.duden.de)

Was bedeutet dieses Karriere-Dings für mich persönlich? Dass man in seinem Beruf, der einem Spaß und Freude bringt, immer noch ein Stückchen besser wird und nicht stagniert. Also trifft es der Aufstieg ganz gut. Und wenn man dann für das, was man erreicht hat oder leistet, Lob und Anerkennung erhält, ist das natürlich ein schönes Gefühl. Jeder wird da in seinem Bereich seine eigene Messlatte haben.
Ich musste meine im Laufe der Jahre immer weiter herunter schrauben. Nicht nur, weil ich für manche Leistungen einfach nicht geeignet bin, sondern weil mir mein Muttersein eben auch einen gewissen Riegel vorschiebt, was den Aufstieg anbelangt. Sei es von ganz offizieller Seite, sei es von mir selber.

Männer und Frauen sind nicht gleich

Als mein erstes Kind gerade ein halbes Jahr alt war, fuhren wir zu einem runden Geburtstag der Oma meines Mannes in seine Heimatstadt. Damals war ich noch etwas naiv hinsichtlich der zukünftigen „Fremdbetreuung“ unseres Nachwuchses. Nur wenige Wochen, bevor mein Mann in Elternzeit gehen sollte, glaubte ich, es würde sich schon alles finden. Eine Tagesmutter musste her, was sich aber als recht schwierig erwies, da in unserem ländlichen Raum nicht so viele Tagesmütter zu finden sind. Und unser Problem der Betreuung in den Abendstunden würde damit ebenfalls nicht gelöst sein. Ich liebäugelte noch mit einem Au-Pair, wohl das einzige, was aus meiner heutigen Sicht funktioniert hätte. Mit Ablauf seines 14. Lebensmonats brauchte der Junge eine Betreuung, wenn wir Eltern beide arbeiten gingen. Eine Alternative wäre es gewesen, dass ich ein weiteres Jahr „zu Hause“ bliebe, mit allen finanziellen Verlusten und dem Vernichten meiner bescheidenen Ersparnisse.

Monate später fragten wir meine Schwiegereltern, ob sie zu uns ziehen wollten. Da sie ohnehin vorhatten, vorzeitig aus dem Erwerbsleben auszusteigen, erschien uns das als Ideallösung. Jeder würde davon profitieren: wir als arbeitende Eltern, das Kind, weil es einen großen Bezug zu seinen Großeltern haben konnte und diese wiederum davon, viel Zeit mit ihrem Enkel verbringen zu dürfen.

Aber an diesem Abend ging es noch darum, wie die Zukunft aussehen könnte. Die Tante meines Mannes hatte eine zündende Idee! Sie, die selber in einem Land sozialisiert worden war, in dem bereits Babys wie ganz selbstverständlich in die Ganztagesbetreuung „gesteckt“ wurden, damit die Frauen diesen sozialistischen Staat bei seiner – in meinen Augen fragwürdigen – Produktivität durch ihre Arbeitskräfte unterstützen konnten und nicht als „Mutti am Herd“ verloren gingen: Ich solle doch ganz einfach die Konzerttätigkeiten fallen lassen, so für die nächsten Jahre, wo die Kinder mich am meisten bräuchten und nicht alleine zu Hause sein könnten…

Also so mindestens 10 Jahre lang, rechnete ich mal grob nach. Ich war gelinde gesagt geschockt! Denn das würde bedeuten, FÜR IMMER aus meinem Beruf als Orchestermusikerin in der Versenkung zu verschwinden, denn nach 10 Jahren Abstinenz von sämtlichen Konzertbühnen würde ich NIE WIEDER als Orchestermusikerin Fuß fassen, so viel steht fest. Ich würde also meinen Beruf aufgeben müssen, für den ich so hart gearbeitet hatte, für den ich auf so vieles andere verzichtet hatte, weil ich nie etwas anderes hatte machen wollen als Musik.

Ihren Neffen, also meinen Mann, hatte sie allerdings nicht gefragt, ob er sich nicht vorstellen könne, aus dem Schichtdienst in den Tagdienst zu wechseln und somit jeden Abend bei den Kindern sein zu können. Und da liegt für mich der Hase im Pfeffer begraben: in erster Linie kommt niemand auf die Idee, dass doch der Mann beruflich kürzer treten oder größere Abstriche an seine berufliche Zukunft machen könnte, damit die Kinderbetreuung gewuppt ist und die Frau ihre Karriere verfolgen kann. Ich sagte das auch, und lies es dann sein, weiter über das Thema zu sprechen. Ich wollte keinen Streit auf dieser Familienfeierlichkeit vom Zaun brechen.

„Draußen vor der Tür“

Weg vom Fenster trifft es auch ganz gut. Wenn Du erst mal einige Angebote nicht mehr annimmst, dann kräht irgendwann auch kein Hahn mehr nach Dir. In meinem Beruf, in dem man so viel nebenbei machen kann und es viele Be(s)tätigungsfelder außerhalb des Hauptjobs gibt, kann man eben nicht mehr alles machen, wenn man weniger Zeit wegen anderer Verpflichtungen hat. In meinem Fall bedeutet dies: nichts mehr machen, was über meinen Hauptjob hinaus gehen würde! Dadurch kommt finanziell nichts mehr extra in die Kasse, was aber nicht das Schlimmste ist, denn der Hauptjob wirft genug ab, um klar zu kommen. Aber man kommt auch sonst nicht weiter. Und auf Dauer kann das schon sehr unbefriedigend sein. Auch wenn man seine Kinder liebt und sich bewußt für ein Leben mit ihnen entschieden hat, tut es manchmal weh, dass alles, was davor jahrzehntelang so wichtig war, einfach vorbei ist! Und immer wieder trifft man auf männliche Kollegen, die eben so gut wie gar nichts aufgeben, aufzugeben scheinen, wenn sie Vater sind.

Als erstes gab ich die Schüler auf. Kein großer Verlust für mich, denn es machte mir ohnehin nicht mehr so viel Freude. Dass ich ursprünglich gerne mal als Dozentin an der Uni gearbeitet hätte, verdränge ich bis heute. Den Job hatte damals jemand anders bekommen. Da ich nicht aus dieser Region stamme, ist klar, dass die „Ureinwohner“ immer einen Vorteil bei der Verteilung attraktiver Jobs haben.

Was macht man sonst noch so als Musiker?

  1. man tingelt von Mugge zu Mugge*
  2. man unterrichtet bei Musikvereinen oder muggt dort mit, wenn Not am Mann ist
  3. man tingelt von Orchester zu Orchester, eben weil die so interessante Projekte machen
  4. man nimmt an Workshops teil, um sich weiterzubilden
  5. man verschreibt sich der Kammermusik oder macht nebenbei eben mindestens ein festes Projekt, weil es einfach Spaß macht, vor allem, wenn man damit noch Konzerte gestalten kann
  6. man arbeitet häufiger solistisch
  7. man nimmt mal wieder Unterricht bei Professor xy, weil besser is‘ das
  8. man kümmert sich um das ideale Material, also gute Instrumente, hervorragende Mundstücke (bei Bläsern) etc. pp
  9. man bewirbt sich auf die Stelle in yz, weil die viel besser ist. Wenn die aber mit der Familie nicht vereinbar ist, lässt man es eben und bleibt in Orchester xy und frustet hier und da schon mal vor sich hin

Ich habe das aufgegeben. Es ist keine Zeit und keine Kraft mehr vorhanden! Ich bin jetzt Mutter – wohlgemerkt nicht Vater, denn sonst könnte ich das ein oder andere noch machen, denn: inzwischen bin ich nicht mehr gefragt, selbst bei Leuten, die sonst noch angefragt haben. Ich spüre es deutlich, dass man mit mir einfach nicht mehr rechnet!!!

So ist das! Frau kann eben nicht alles haben!

Nachtrag:  Mir ist noch eingefallen, dass ich in meiner ersten Schwangerschaft sogar von einem Kollegen den Vorschlag bekommen habe, doch auf die Konzerte zu verzichten. Immerhin gäbe es noch genug anderes in unserem Dienst zu tun, und so wäre ich abends nicht so oft weg. Dass die Konzerte noch die Highlights in meiner Tätigkeit darstellen, möchte ich an dieser Stelle erneut betonen. Gleicher Kollege ist übrigens selber Vater zweier noch kleinerer Kinder. Aber er hat keine „Papamonate“ genommen, weil die sich ja „negativ auf seine Pension ausgewirkt hätten“! Noch Fragen?

*Musik gegen Geld