Dieses komische Gefühl

Man nennt es „Loslassen“, „Abschied nehmen“. Eine Phase des Lebens ist zu Ende und eine neue beginnt. Dies kann einhergehen mit „komischen Gefühlen“, die schwer zu benennen sind. Sie sind einfach da.

Seit gestern bringe ich beide Kinder gemeinsam in den Kindergarten. Gut, ich bin oft mit beiden dorthin gefahren, doch habe ich morgens meine kleine Tochter immer wieder mit nach Hause nehmen dürfen – oder, wenn ich arbeiten musste, zu den Großeltern gebracht. Nun ist sie zwei Jahre alt. Und so wie ihr großer Bruder darf sie nun auch in den Kindergarten gehen. Morgens macht sie sein Ritual mit: erst einmal in den Frühstücksgarten gehen, wo alle Kinder vormittags ab 8 Uhr frühstücken können, wenn und wann sie das möchten. Obwohl meine Kinder fast immer vorher zu Hause schon gefrühstückt haben, setzen sie sich sofort nach dem Ausziehen von Jacke und Co. und Anziehen der Hausschuhe an einen der kleinen Tische. Jetzt also Brüderchen & Schwesterchen nebeneinander. Ich sage dem Großen, er möge auf die Kleine aufpassen, sie danach in ihren Gruppenraum bringen und verabschiede mich dann. Die Kleine schaut mir hinterher, lächelt… .

Sie kommt gut klar im Kindergarten und Mama fährt Gedanken-Karrussell

Sie ist doch erst 2 Jahre alt! Noch so klein, eigentlich zu klein, um so viele Stunden ohne Mama (oder Papa!) zu sein. Das behaupten zumindest viele Stimmen. Kinder unter 3 (oder sogar 4) Jahren hätten in einer Fremdbetreuung nichts zu suchen, sondern gehören zu Mama (Väter werden in dem Zusammenhang seltener erwähnt) und die Mama gehört natürlich nach Hause, zu Kind(ern), Küche, Herd… . Wir kennen das! Nein, ich kann finanziell nicht auf meinen Job verzichten. Vielleicht auf einen Teil meines Gehaltes, mit den entsprechenden Einschränkungen, wie so gut wie nicht mehr in den Urlaub fahren (wir fahren nur ein Mal pro Jahr), jeden Cent umdrehen, sich selber nichts mehr gönnen (neue Klamotten für die Mama? Bücher? Haha…). Mein Mann verdient nicht genug, um uns alleine so durchzubringen, dass es total eng wird. Und ich mag es finanziell nicht total eng, denn genau so bin ich aufgewachsen! Ich höre sie, die Stimmen, die meinen, die ständige Nähe der Eltern sei wichtiger als ein paar Euros im Monat, die man großzügiger ausgeben kann, um mit den Kindern auch außerhalb der eigenen vier Wände mal was bieten zu können, oder gar etwas zu sparen, für später, für das neue Familienauto, für Renovierungsarbeiten am Haus. Außerdem habe ich keinen Bock auf totale Altersarmut, also kaum Rente! Sorry, ein sehr wichtiger Punkt für mich bezüglich meiner heutigen Erwerbstätigkeit. (Immerhin habe ich bis zu meinem 29. Lebensjahr studiert und gehe in meiner Branche auch nicht erst mit 67 in Rente).

Aber ich schweife ab.

Auch mein Sohn ist mit genau 2 Jahren in den Kindergarten eingewöhnt worden. Das war lange so geplant, noch vor meiner 2. Schwangerschaft. Bis dahin war auch er erst von mir, dann vom Vater, später von den Großeltern betreut worden. Letztere kommen hauptsächlich dann ins Spiel, wenn beide Elternteile gleichzeitig arbeiten müssen, was nicht immer der Fall ist. Denn wir haben beide Schichtdienst, allerdings in unterschiedlichen Branchen. Dadurch waren auch beide Kinder jeweils frühzeitig (also mit knapp 14 Monaten) daran gewöhnt, auch einmal ohne uns Eltern zu sein. Und das hat immer gut funktioniert – und daher, so vermute ich, auch die Kindergarteneingewöhnung.

Meine Tochter scheint sich wirklich wohl zu fühlen, sie kennt den Kindergarten ja im Prinzip auch bereits seit ihrer Geburt. Sie ist so offen und scheint keine Angst zu haben. Heute Morgen ist sie auch ohne ihren Bruder in den Frühstücksgarten gestratzt, der kam dann nach.

Ich versuche mich zu beruhigen: die Kinder brauchen andere Kinder, und nicht nur ihre Eltern

Für den Sohn war es damals dann doch etwas doof. Denn noch während seiner Eingewöhnungszeit wurde die kleine Schwester geboren. Aus meinem ruhigen, zurückhaltenden Jungen wurde in der Folgezeit im Kindergarten ein teilweise aufmüpfiges Kind, der mit aggressivem Verhalten und Kraftausdrücke nach Hause kam. Und ich rätsele bis heute, ob das a) nur mit der Geburt des Babys zu tun hatte oder b) mit den teilweise nicht gerade tollen Vorbildern im Kindergarten (manche, vor allem Jungs, sind da echt heftig) oder c) es eine ganz normale Entwicklung ist, die auch so gekommen wäre. Nun, ich werde wohl nie eine Antwort darauf finden, da ich das „Experiment“ nicht erneut und anders starten kann.

Wie wird sich nun also die Kleine verändern? Sie, die nie Einzelkind war, durch ihren Bruder viel ertragen musste. Ist sie gerade deswegen härter, resistenter? Sie ist doch sowieso anders, oder nicht? Selbstbewußt, offen, wenig ängstlich.

Ich persönlich finde tatsächlich, dass Kinder unter 2 Jahren nicht in so einem großen und offenen Kindergarten wie den unseren gehören bzw. dass es je nach Kindertyp Probleme geben kann. Es gibt hier eine Raupengruppe für Kinder ab 1 Jahr, aber gerade nachmittags sind diese ‚Winzlinge bei den großen dabei, die 2jährigen sowieso immer, denn Nestgruppen gibt es nicht. Letzteres war für mich damals ein großer Punkt für Überlegungen, denn im Katholischen Kindergarten hier um die Ecke gibt es die. Ich habe mich dagegen entschieden, auch weil mir der Kommunale Kindergarten in anderer Hinsicht mehr zugesagt hat. Nachmittags, wenn ich das Kind (jetzt: die Kinder) abhole, treffe ich öfter auf einen 1jährigen Jungen, und sehe ihn immer nur weinen. Und leider wird er auch nur wenig getröstet, wie es mir scheint. Vielleicht haben die Erzieherinnen etwas resigniert. Auf jeden Fall ist das für mich immer etwas befremdlich… .

Mein Sohn ging in den ersten 14 Monaten seiner Kindergartenlaufbahn nur bis 12 Uhr dorthin, dann holte ich ihn zum Mittagessen nach Hause. Mit Baby (und dessen Bedürfnissen) war das eine echt stressige Zeit, von der mein Mann mich nach 9 Monaten ablöste. Ich hatte schon so ein schlechtes Gewissen genug, dass ich – gerade in Elternzeit – meinen Erstgeborenen überhaupt in eine „Einrichtung“ schickte. Aber ich dachte, so 3 am Tag mit anderen Kindern wären auch gut für ihn. Von unserem Ganztagesplatz bin ich damals also zurück getreten und habe ihn dann wieder aufleben lassen, als auch mein Mann seine Elternzeit beendete.

Was dieses Mal anders ist

Meine Tochter allerdings wird von Anfang an als Ganztageskind eingewöhnt, d. h. sie isst dort bereits zu Mittag und wird ab nächster Woche auch dort anschließend ruhen / Mittagsschlaf halten. Sie ist mit ihren gerade 2 Jahren also durchaus länger im Kindergarten als damals ihr Bruder, allerdings mit dem Vorteil, dass noch ein Familienmitglied in ihrer Nähe ist. Für mich bedeutet das: noch mehr Loslassen, vertrauen. Und beide Kinder doch eher nach Hause holen, wenn es meine beruflichen Verpflichtungen zulassen – Ihretwegen!

Was mir bei ihr einfach mehr Sorgen macht ist, dass sie insgesamt ein größerer Draufgänger ist. Mehr Klettern, Rumturnen und sich dabei überschätzen (oder das Gewicht des Köpfchens), ihr „Talent“, schnell über ihre eigenen Füße zu stolpern, weil sie oft nicht guckt, was im Wege lieget, oder sich am Kopf zu stoßen. Aber da muss ich durch und einfach hoffen, dass ich nie in die Situation komme, dass etwas schlimmeres passiert.

Wie man es macht, macht man es sowieso falsch

Zumindest in den Augen anderer. Ich habe versucht, einen „goldenen Mittelweg“ zu finden, was die Betreuung meiner Kinder angeht, um eben trotz dem Geld verdienen und meinem Beruf nachgehen zu können. Dass mich gerade letzteres zusehends nicht mehr so zufrieden macht wie früher, das ist einen extra Blogbeitrag wert (und in Arbeit).

Die ersten 9 Monate ihrer Geburt war ich Tag UND Nacht für sie da, fast nur ich. Ich konnte das genießen, es war anstrengend, aber ihre Nähe so wichtig für mich. Der erste Abschied kam, als mein Mann nach dieser Zeit auch die Nachtschichten übernahm (zu die Nachtschichten beim Sohn, wohlbemerkt). Ich ging wieder arbeiten, stillte die Kleine noch am Morgen und dann nach und nach gar nicht mehr. Denn als sie 10 Monate war, flog ich für eine Woche nach Finnland auf Dienstreise. Und das war dann total komisch. Davor hatte ich bereits ein Wochenende in Österreich Dienst gemacht, aber jetzt kam ich mir vor wie ein Junkie auf Entzug. Auch ohne meine Kinder konnte ich nicht durch- bzw. ausschlafen. Das ist bei mir nicht mehr drin. Sie fehlten mir so, vor allem die körperliche Nähe zu meinem Baby. Und so ging es weiter mit dem Abschied auf Raten. Die Nächte verbringe ich meist alleine, obwohl unsere Tochter noch immer im Schlafzimmer schläft. Wenn ich nachts bei ihr bin, schläft sie oft besonders schlecht, beim Vater meist gut. Sie scheint meine Nähe zu spüren und „knubbelt“ dann oft stundenlang wach an mir rum. Das ist einfach kein Ideal-Zustand.

Ehrlich gesagt habe ich mich auch auf diesen Tag gefreut, wo auch meine Tochter mit in den Kindergarten geht. Und nun sitze ich hier, habe Zeit für mich, kann mal wieder üben (oder bügeln, haha!) und natürlich fühlt sich das komisch an, wenn man gerade frei hat und die Kinder trotzdem nicht da sind. Das wird es öfter mal geben! Es ist sicher einfacher, wenn sie in der Schule sind, denn immerhin müssen sie in die Schule, brauchen aber nicht gezwungenermaßen einen Kindergarten besuchen. Und ja, bei meinem Beruf wird es vorkommen, dass wir uns dann tagsüber gar nicht sehen, weil ich eben erst mittags oder nachmittags zum Job muss. Früher hatte ich mir immer vorgenommen, sie dann vormittags aus dem Kindergarten zu lassen, aber sehe das auch als falsches Signal, denn in Schulzeiten wird das dann auch nicht mehr gehen. Ich muss da abwägen, von Fall zu Fall entscheiden und vor allem eines nicht vergessen: ich war nicht umsonst so lange Zeit so total erschöpft, dass ich sogar ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen musste! Nach 4 Jahren als Mutter wird es Zeit, selbige hin und wieder auch mal nur für mich zur Verfügung zu haben. Es wird nach wie vor nicht viel sein, aber es tut gut! Und damit versuche ich mich zu beruhigen! Loslassen und Durchatmen!

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