Das Ende einer Kindheit

„Was ist Heimat?“ hatte ich vor einiger Zeit einmal gefragt. Meine Heimat ist zumindest nicht die Region, in der ich nun schon seit 7 bzw. 11 Jahren lebe.  Davor habe ich 8 Jahre in (m)einer Studentenstadt verbracht. Insgesamt bin ich seit 19 Jahren nicht mehr in meiner Heimatregion ansässig, sondern für Studium und Beruf einige Male umgezogen. Gleich nach dem Abitur zoges mich in eine 80 km entfernte Großstadt, aus der ich aber der Liebe wegen noch einmal kurz in meine Geburtstadt zurück kam.

Ich habe eine lange Phase des Heimwehs hinter mir. Ich habe lange geglaubt, ich müsse unbedingt an die Orte meiner Kindheit und Jugend zurück kehren, damit es mir endlich besser geht. In den letzten Monaten und Wochen hat sich aber in mir etwas verändert. Ich konnte Abschied nehmen von dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, als ich Ende April dort noch einmal spazieren gegangen und auch durch die Straßen gefahren bin. Vielleicht habe ich geahnt, dass es auch irgendwie ein Abschied für immer sein würde. Was nicht heißt, dass ich nie wieder dort verweilen kann. Im Gegenteil: irgendwann möchte ich mit meinen Kindern dort sein und ihnen zeigen, wo ich selber als Kind gelebt und gespielt habe. Allerdings wird mein Elternhaus nun für immer davon ausgeschlossen sein.

Ein Tag im Oktober

Ein Mittwoch Ende Oktober, Ende der 80iger Jahre. Ich war 13 Jahre alt, mein Bruder 21. Ich kam aus der Schule nach Hause, 8. Klasse Gymnasium. Es waren alle im Esszimmer versammelt und meine Mutter saß auf gepackten Koffern. An viele Einzelheiten kann ich mich nach fast 30 Jahren nicht mehr erinnern, aber es ging nicht ohne Tränen ab, das ist klar. Meine Mutter verließ an diesem Tag das Haus, welches sie keine 18 Jahre zuvor zusammen mit meinem Vater und mit ihren eigenen Händen erbaut hatte. Eine schwierige Ehe und eine schwierige Zeit für meine Mutter nahmen an diesem Tag ein Ende. Damit zerplatzen auch Träume und Hoffungen, Wünsche und Vorstellungen von einem Leben, das sie als gerade einmal 18jährige an diesen Ort gebracht hatte. Für meinen Vater hatte sie selbst einst ihre Heimat verlassen.

Nun war sie fort. Ich weinte eine ganze Woche nach ihr, dann wurde ich ruhiger. Ich sah sie 9 Monate nicht, obwohl sie anfangs nur ein paar Häuser weiter bei meiner Oma lebte. Dann gab es einen Versuch von ihr, zu unserem Vater und in dieses Haus zurück zu kehren. Der Versuch scheiterte. Ich konnte sie etwas besser verstehen, trotzdem sollte es noch ein Jahr dauern, bis über meinen Bruder wieder ein innigerer Kontakt zwischen meiner Mutter und mir entstand. Mit Narben, aber immerhin.

Von einem Tag auf den anderen musste ich damals erwachsen werden. Mein Vater war chronisch krank, mein Bruder „hauste“ (japp!) bei der Großfamilie seiner schwangeren Freundin, und ich versuchte weiterzuführen, was meine Mutter bis dahin gemacht hatte. Ich putze das Haus, wusch die Wäsche und bügelte sie und ernährte meinen Vater und mich. Die ein oder andere ungesunde Tütensuppe fand damals ihren Weg in meinen hungrigen Magen. Egal, ich war ohnehin dünn, da kam es darauf nicht mehr an. Am ersten Weihnachtsfest machte ich die Pizza, die meine Mutter immer gemacht hatte. Es war Tradition, und ist dies im Übrigen bis heute, sowohl bei meiner Mutter, wie auch in meinem eigenen Haus.

In der Schule folgte eine schwere Zeit, was am Ende des Schuljahres dazu führte, dass ich die 8. Klasse einfach noch mal machte. Immerhin habe ich dann 6 Jahre später erfolgreich mein Abitur in der Tasche gehabt. Und ich habe ohnehin in diese zweite Klassengemeinschaft viel besser gepasst und dort viel Spaß gehabt.

Die Wohngemeinschaft in Haus Nr. 20

Mancher wird sich fragen: wieso ist sie nicht einfach mit ihrer Mutter fortgegangen? Ja, ich hing damals zumindest mehr an ihr als an meinem Vater. Mein Vater war zwar da, aber richtig um mich gekümmert hatte sich eben immer nur meine Mutter. Ich aber wollte zu dem Zeitpunkt, gerade in der Pubertät und auch noch schwer verliebt, dieses Dorf nicht verlassen. Um keinen Preis der Welt! Also blieb ich dort. 7 Monate später wurde mein Bruder Vater und zog mit Frau und Tochter in das kleine Haus, wo beide ein Zimmer bewohnten. Wir waren eine Wohngemeinschaft, in der es den üblichen Streit um die Ordnungsverhalten und Hausarbeit gab. Aber es war auch schön für mich. Ich hatte mit meiner Schwägerin die nur wenige Jahre ältere Schwester, die ich mir immer gewünscht hatte. Das Haus war oft voll mit Leuten. Meine Schwägerin und ich gingen tanzen, während mein Bruder auf das Kind aufpasste. Wenn er fort war, redeten sie und ich stundenlang über Männer und ähnliche weltbewegende Themen in diesem Alter oder machten Gläserrücken, währen das Baby neben uns schlief. Als ich das erste Mal meine Tage bekam, relativ spät mit 14 Jahren, hatte ich meine „große Schwester“, die für mich zum Laden im Dorf ging und alles nötige besorgte. Das hat sie eine ganze Weile getan, bis ich mich selber traute. Und wir konnten Klamotten tauschen. Ja, in meiner Erinnerung war und ist das eine schöne Zeit.

Und dann kam sie

Sie war einfach da, von einem Tag auf den anderen irgendwann im Jahr der Deutschen Einheit. Sie brachte noch ihren Sohn mit, 3 Jahre älter als ich und ein unausstehlicher Typ. Ossis! Heute kann ich sagen: Erbschleicher. Meinem Bruder und mir war ziemlich schnell klar, was diese Frau wirklich wollte: einen chronisch kranken Mann mit Haus, den sie beerben konnte.

Dass unsere damalige Vermutung wahr geworden ist, darüber haben wir nun nach dem Tod unseres Vaters die traurige Gewissheit bekommen!!

Papa machte damals einen Fehler: er kündigte uns den Einzug seiner Freundin in unser Haus nicht mit einem Wort an. Und er, der nicht alleine sein wollte, ahnte vielleicht nicht, dass sie uns aus dem Haus ekeln würde. Es war eine schlimme Zeit für mich. Ich hörte sie mit der Dialysefrau über mich reden. Obwohl sie mich doch gar nicht kannte, erzählte sie Dinge, die einfach nicht stimmten. Und in einem kleinen Dorf machen auch Lügengeschichten schnell ihre Runden. Erst die Trennung meiner Eltern und das Gerede im Ort und die Verleumdung meiner Mutter und jetzt das. Ich solle doch dahin zurück gehen, wo ich hergekommen sei, zu meiner Mutter, sagte sie, während sie in dem Haus stand, in dem ich bis dahin mein ganzes Leben verbracht hatte.

Ich hatte genug! Mein Bruder zog irgendwann aus, und auch meine Mutter und ich suchten uns eine gemeinsame Wohnung in der wenige Kilometer entfernten  Stadt, in der ich geboren war und das Gymnasium besuchte.

Mit knapp 17 Jahren verließ ich mein über viele Jahre geliebtes Elternhaus. Zeitgleich wurde ich von einigen eifersüchtigen und neidischen „Damen“ aus meinem Musikverein gemobbt, weil ich mit dem Dirigenten, immerhin 12 Jahre älter als ich, eine Beziehung hatte und „ätsch, sie spielt ja 2 Instrumente und wird immer bevorzugt, heul, heul“ und ging in den besseren Musikverein in der besagten Kleinstadt. Mein Freund zog noch im selben Sommer mit in das Haus, in dem ich nun mit meiner Mutter und ihrem Partner lebte.

Endlich durfte ich Teenager sein, der nicht noch putzen und die Wäsche machen musste. Meine Mutter kochte wieder für mich und ich konnte zur Schule gehen und endlich auch Musikunterricht nehmen. Das wurde auch Zeit. Und natürlich die ein oder andere Geschichte mit dem männlichen Geschlecht, Liebeskummer ohne Ende, denn bald hatte ich mich von meinem Freund, dem Dirigenten aus meinem Dorf, getrennt und lies mir reihenweise das Herz brechen. Wie naiv… .

3 Jahre später machte ich mein Abi und zog erst einmal teilweise aus, weitere 2 Jahre später dann komplett mit allem, was ich hatte. 400 km entfernt lag die Stadt, in der ich nun weiter Musik studieren durfte. Der Zu-Dem-Zeitpunkt-Mein-Freund kam auch mit. Zumindest für ein halbes Jahr, dann hatte er keinen Bock mehr auf die Fremde und wollte wieder in den Kleinstadtmief zurück. Wir blieben noch 2 weitere Jahre zusammen, bis sich unsere Wege auf für mich sehr schmerzhafte Weise für immer trennten.

Es musste einmal so kommen

Nun ist mein Vater nicht mehr da und entgegen unseres Glaubens der letzten Jahre, verlieren mein älterer Bruder und ich damit auch unser Elternhaus. Nicht nur, dass wir unseren Vater viel schneller als erwartet an eine heimtückische Krankheit verloren haben, am Ende lässt er uns auch noch mit einem Erbstreit zurück. Nicht nur, dass sich seine 2. Ehefrau nicht an das Versprechen an seinem Totenbett gehalten hat, mit der Beerdigung zu warten, bis ich von meiner Dienstreise zurück bin, und am nächsten Tag schon den Termin angesetzt hat („Ich will es möglichst schnell hinter mich bringen, sonst zerbreche ich!“), nein, sie hat es geschafft, noch NACH der Diagnose Leukämie bei meinem Vater diesen dazu zu bringen, das seit Jahren bestehende Testament zurück zu ziehen und am Ende mit „Dies entspricht auch meinem Willen“ zu unterschreiben, was sie mit ihrer Handschrift irgendwo abgeschrieben oder vorgegeben bekommen hat. Aus einigen Quellen wissen wir, dass er noch wenige Wochen vor seiner Diagnosestellung einem Freund geklagt hatte, er würde sich am liebsten endlich von dieser Frau trennen. Und wir wissen, dass sie ihm – dem totgeweihten – täglich Stress wegen der Erbaufteilung gemacht hatte. Schon über 10 Jahre zuvor hatte sie über meinen Vater veranlasst, dass meine Mutter ihren Pflichtteil an dem Haus abtritt. Nach dem jetzigen Testament bekommen wir als leibliche Kinder des Verstorbenen gar nichts, und nach ihrem Tod müssen wir zwei alles zu je einem Drittel mit ihrem Sohn teilen – der mit dem Haus ja so gar nichts zu tun hatte. Sie aber darf das Testament noch abändern, sprich: mein Bruder und ich, die wir unsere Kindheit dort verbracht haben, bekommen am Ende gar nichts.

Wir wissen noch nicht, ob das Testament gültig ist und wie er ausgehen wird, der Rechtsstreit ums Erbe. Wir wissen nur, dass wir diese Person, die unseren Vater jahrelang schlecht behandelt hat und am Ende wie ein Stück Dreck verscharren ließ, ohne dass wir auch nur ein Wort über den Ablauf und die Art der Bestattung  oder gar den Zeitpunkt des Ganzen hätten mitreden dürfen, nicht so einfach davon kommen lassen. Wir wissen nur, dass wir unseren Vater vermissen und ungläubig dastehen und nicht fassen, dass er auch am Ende wieder dieses gutmütige Schaf war, das schon immer jedem Konflikt aus dem Weg gegangen ist. Gut, er wollte endlich seine Ruhe haben, und das kann ihm niemand verdenken.

Nach dem ich schon einmal mein Elternhaus verloren habe, weil ich dort ausziehen musste, habe ich das Gefühl, dass diese Geschichte, die im Jahr 1988 ihren Anfang nahm, nun zu einem echten Ende kommt. Loslassen, gehen lassen und nicht mehr zurückblicken ist sicher nicht immer die schlechteste Strategie, aber sie tut trotzdem gerade einfach weh.

Trauer wird vermischt mit Wut. Manchmal fehlen mir einfach die Worte.

 

Endlose Weiten der Erinnerungen

Orte der Vertrautheit. Gefühle der Geborgenheit. Orte, an denen Unbeschwertheit stattfand. Kinderlachen. Freude. Aber auch Trauer und Nachdenklichkeit. Eine andere Zeit mit anderen Menschen. Das ist meine Heimat – und wird es immer sein.

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Orte der Sehnsucht. Wie hier, ganz im Westen Kanadas. (Bildrechte: dieverlorenenschuhe)

 

Sie steht auf der Anhöhe, ihr Blick gleitet über die unendliche Weite dieser Landschaft und über das Dorf ihrer Kindheit. Es ist ein wunderschöner sonniger Frühlingstag. Ja, früher standen diese Häuser hier noch nicht. Es war das Feld von Landwirt W. Sie erinnert sich gut daran. Ihre Siedlung endete an diesem Feld. Nun stehen hier schöne Häuser neueren Baujahrs. Wie sie die Leute beneidet, die hier leben, direkt an Feld und Flur. Wunderschön und ruhig. Eine herrliche Landschaft. Felder, so weit das Auge reicht, durchzogen von einzelnen Feldwegen. Oben auf den Anhöhen der Wald, vorwiegend Laubbäume, die sich je nach Jahreszeit in den unterschiedlichen Farben zeigen. Jetzt herrscht das Gelb der Rapsfelder vor. Sie leuchten in der Sonne. Früher war hier weniger Raps. Aber der ist heutzutage recht rentabel für die Landwirte, vermutet sie. Von denen gibt es hier noch immer genug.

Was für ein schönes Dorf. Es wirkt etwas keiner als früher, etwas enger, aber übersichtlich. Die alten Höfe, meist aus Fachwerk oder rotem Backstein. Alles noch immer so vertraut. Früher kannte sie hier jeden Stein, jeden noch so kleinen Weg und jede Abkürzung. Sie geht über den Friedhof. Viele neue Gräber sind dazu gekommen, alte verschwunden. Die meisten Menschen werden hier recht alt, aber einige sterben auch früh, zu früh. Alles unter 80 ist zu früh, denkt sie. Sie liest die in dieser Region vorherrschenden Familiennamen, die sie so gut kennt. Ja, viele Alte von früher sind jetzt nicht mehr da. Wie oft sind sie als Kinder über den Friedhof geschlichen. Es war immer so spannend, die Grabsteine zu lesen.

Nur wenige Kilometer weiter, die kleine Stadt

Hier ist sie geboren und hat ihr Abitur gemacht. Die schönste Kleindstadt der Welt. Sie läuft vorbei an alten Fachwerkhäusern und Jugendstilvillen. Wie schön es hier ist. Die kleinen Gassen, so heimelig. Die vielen Cafés. Die alten Gemäuer, voller Geschichte. Gut, hier und da bröckelt der Putz, wie vielerorts. Alles so vertraut. Die Stadt ist durchzogen von Grünflächen und Wasser. So viel Natur. Immer wieder dieser Fluß und seine Nebenarme, die das Stadtbild prägen. Es ist so schön hier, denkt sie wieder. Warum nur bin ich jemals fortgegangen? Wieso kann ich jetzt nicht einfach zurück kommen? Vielleicht in 20 Jahren, sagt ihr Bruder. Ja, vielleicht. Aber jetzt geht es nicht. Doch die Sehnsucht bleibt. Nach damals, als sie jung war, und voller Hoffnung. Jetzt, wo ihr das Leben manchmal keinen Sinn mehr zu geben scheint. Bis auf ihre Kinder. Denen würde es hier auch gefallen, bestimmt. Aber ihr Job, es geht nicht. Und der Mann, den würde sie nicht mitnehmen. Er würde sie nicht gehen lassen, nicht mit den Kindern. Und wie gesagt, der Job. Ohne ihn ist kein Geld da, und die Altersarmut vorprogrammiert. Ein großer Lottogewinn müsste her, dann würde sie… . Sofort. Warum nur ist es hier so schön?

Damals.

 

 

 

Von Heimat und Heimweh – das komische Gefühl

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Der Weg der Sehnsucht. Wohin? (Bildrechte: dieverlorenenschuhe)

 

Was ist Heimat? Vor mehreren Jahren einmal habe ich bei einer Diskussionsrunde festgestellt, dass Heimat nicht für jeden Menschen das gleiche bedeutet. Was aber ist Heimat für mich und wie sehr hänge ich an ihr? (Am Ende des Beitrags möchte ich meine Leser zum Mitmachen einladen!)

Sie radelt mit dem Fahrrad über das Kopfsteinplaster des Marktplatztes. In ihrer frühen Kindheit war hier noch eine vielbefahrene Kreuzung. Sie schaut zum Dom, der eigentlich eine Stiftskirche ist. Auf dem Gepäckträger sitzt im Fahrradkindersitz ihre 2-jährige Tochter. Sie, die Mutter spürt ein Gefühl der Freiheit. Es ist Frühling, es ist so schön in dieser kleinen Stadt, in der sie Teile ihrer Kindheit, aber vor allem ihre Jugend und Gymnasialzeit verbracht hat, wo sie verliebt war, oft verliebt, glücklich verliebt und unglücklich verliebt und an die sie so viele Erinnerungen hat. Es ist ihre Heimat. Die Region drum herum ist ihr so vertraut.

Dann wacht sie auf. Mehr als 300 Kilometer von dem Ort ihrer nächtlichen Sehnsucht entfernt. Dieser Ort, nach dem sie sich schon seit vielen Jahren auch tagsüber immer wieder und immer mehr zurück sehnt. Warum? Sind es nur die Erinnerungen an eine Zeit, die so lange zurückliegt. Möchte sie die Zeit zurück, diese Zeit voller Unbeschwertheit und Abenteuer? Oder will sie wirklich einfach nur dort sein wo sie glaubt, hinzugehören? Ein bißchen mehr Vertrautheit, ein paar mehr vertraute Gesichter aus früheren Tagen. Einige Male im Jahr fährt sie noch dort hin, die Familie besuchen. Aber es ist nicht mehr das gleiche. Sie selber lebt dort nun schon seit fast 20 Jahren nicht mehr. Freundschaften von damals existieren längst nicht mehr. Sie haben die Zeit, die Entfernungen und auch die Veränderungen, welche das Leben mit sich bringen, einfach nicht überstanden. Diese Zeit kann man sowieso niemals zurückholen.

 

Heimat kann so vieles sein

Für manche Menschen bedeutet Heimat der Ort, an dem sie aktuell leben, Hauptsache, ihre „Liebsten“ sind bei ihnen. Für mich ist Heimat der Ort bzw. die Region, in der ich meine Kindheit verbracht habe. Immerhin 17 Jahre habe ich im selben Dorf und im selben Haus gewohnt, bevor ich 6 km weiter in die Kleinstadt zog, in der ich geboren wurde und das Gymnasium besuchte. Auch dieser Ort war mir seit frühester Kindheit vertraut. Noch heute leben verteilt in beiden Orten meine Eltern und mein Bruder. Mein Elternhaus existiert noch, ist mir aber über die vielen Jahre irgendwie fremd geworden. Nicht nur hat es sich in der Einrichtung rapide verändert, auch kommt es mir heute so unglaublich klein vor.

Zwangsläufig bringt die Zeit mit sich, dass sich manches verändert. Häuser kommen hinzu, wo wir in unserer Kindheit noch Wiesen und Felder  bespielt haben. Alte Häuser verfallen, werden abgerissen. Eine Umgehungsstraße verändert Wald und Flur und somit das Ortsbild. Kinder werden zu Erwachsenen. Menschen sterben, ziehen fort.

Die Erinnerung an eine wunderbare Kindheit

In meiner Erinnerung ist vieles von früher noch so lebendig, obwohl es heute nicht mehr existiert. Der kleine Tante-Emma-Laden um die Ecke und das Eis für 30 Pfennige. Die verrückten Süßigkeiten, die ich meinen Kindern heute aus gesundheitlichen Gründen lieber vorenthalte (wenn es sie denn überhaupt noch gibt). Wir haben immer draußen gespielt, bei Wind und Wetter, im Frühling, Sommer, Herbst und Winter – letzteres existierte damals noch. Wochenlang lag Schnee, auch auf den Straßen, welche zum Schlittenfahren einluden. Direkt an unserem Haus ging es dabei prima bergab. Oft haben wir unsere ganzen Davos-Holzschlitten aneinander gehängt. Der Wechsel der Jahreszeiten war immer etwas ganz besonderes. Endlich durfte man die Strumpfhosen gegen Strümpfe tauschen und die Sommerkleider aus dem Schrank holen.

Die Schule ging nur bis mittags und war eher Nebensache. Freies Spiel war unsere tägliche Beschäftigung. Spielkameraden gab es wie „Sand am Meer“. Wir probierten uns aus und erlangten soziale Kompetenz. Ob unsere Eltern sich Sorgen machten, wenn wir wieder viele Stunden unbeaufsichtigt unterwegs waren? Manchmal fuhren wir mit den Rädern in die Nachbarorte. Wir spielten an gefährlichen Orten. Ein Wunder, dass nie etwas schlimmeres passiert ist. Wir kamen  häufig  nur zu den Mahlzeiten nach Hause oder um abends etwas auf einem der drei Fernsehkanäle zu sehen.

Im großen Garten meiner Oma gab es alles, was nur so im Garten wachsen und verzehrt werden kann. Die Bauernhöfe des Dorfes ließen uns Bekanntschaft machen mit Ackerbau und Viehzucht. Ich werde nie die rauen Zungen der Baby-Katzen vergessen, wenn sie meine Finger abschleckten. Und dann dieser herrliche Gülle-Geruch, der von den nahen Feldern hinüber wehte.

In vielerlei Hinsicht hatte ich eine Bilderbuch-Kindheit. Sie endete leider sehr früh und ich musste früher als die viele andere erwachsen werden*. Meine Jugend war dann geprägt von der Schule und meinem großen Hobby, der Musik. Wir haben viele Partys gefeiert und dafür aufgrund der ländlichen Gegend viele Kilometer mit dem Auto zurückgelegt, um in Discos, zu Konzerten oder an interessante Partyorte zu kommen. Eine tolle Zeit voller Unbeschwertheit und Spaß.

Woher kommt mein Heimweh?

Heimweh ist für mich – genau so wie das Fernweh, welches ich auch gut kenne – die Sehnsucht nach einem bestimmten Ort, aber auch nach einer bestimmten Zeit. Von daher bin ich mir nicht sicher, ob das Heimweh aufhören würde, hätte ich die Möglichkeit, dauerhaft an diesen Ort zurück zu kehren. Denn die alten Zeiten kommen nicht wieder. Probleme, Sorgen, Nöte und Ängste würde ich vermutlich mitnehmen, auch wenn sich manches lösen könnte. Vielleicht wäre wieder mehr von dieser Vertrautheit und somit dem Gefühl einer gewissen Geborgenheit da. Noch leben meine Eltern. Mit ihrem Tod irgendwann könnte aber auch dieses enden. Von daher fürchte ich, ist es einfach ein Gefühl, welches ich aushalten muss. Entwurzelt, ja gerade zu entrissen. Am Ende war es meine Entscheidung. Erst aufgrund meiner Studienwahl und dann wegen des Jobs. Ein Zurück ist daher sehr schwierig. Ich müsste meinen Beruf aufgeben, den ich dort – zumindest an Ort und Stelle – so nicht ausüben kann.

Die Heimat meiner Kinder

Wie einst meine Kinder über (ihre) Heimat denken werden, kann ich jetzt noch nicht sagen. Fakt ist, dass sie in eine Region hineingeboren wurden und an einem Ort aufwachsen, der weder für ihre Mutter noch für ihren Vater Heimat bedeutet. Ihre Eltern stammen nicht von hier, sondern aus verschiedenen Regionen im Norden Deutschlands. Unsere Kindheitserinnerungen sind nicht an diesen Ort gebunden, nicht an diese Region, nicht an die Dialekte und die Mentalität der Menschen hier. Was wird das für unsere Kinder bedeuten? Im Laufe der Jahre möchte ich meinen Kindern zeigen, wo ich aufgewachsen bin. Meine Mutter war auch entwurzelt. Sie zog mit 18 Jahren in den Ort, aus dem mein Vater stammte. Er selber lebt seit nun 75 Jahren im selben Dorf, dem Ort meiner Kindheit. Dort ist er geboren, dort wird er einst auch sterben und begraben. Manchmal beneide ich ihn darum, niemals seine Heimat verlassen haben zu müssen (ausgenommen von 2 Jahren beim Militär. Während dieser Zeit lernte er auch meine Mutter kennen). Es ist etwas, was ich nicht kenne und nach dem ich mich sehne. Nach den alten, schönen Zeiten.

 

Mich würde brennend interessieren, was Heimat für Euch bedeutet. Vielleicht mögt Ihr mir direkt in den Kommentaren dazu antworten. Oder schreibt doch selber einen Blogbeitrag dazu und verlinkt ihn hier in den Kommentaren. Ich freue mich drauf!

 

*dazu in einem anderen Beitrag einmal mehr