Früher war alles besser oder: Die Zeiten ändern sich nun einmal

Verbessern sollten sie sich, also die Zeiten! Das war immer mein Anliegen. In letzter Zeit stelle ich öfter fest, dass sich vieles verschlechtert – in meinen Augen. Damit meine nicht nur den Zustand meines alternden Körpers, für den ich zugegebenermaßen zu wenig Gutes tue!

Ich bin Musikerin in einem Orchester. Seit zehn Jahren mache ich den Job. Davor habe ich zwei Studiengänge in Musik absolviert und als Musikschullehrerin gearbeitet. Letzteres auch schon parallel zum Studium, immerhin gab es Bafög nur für 8 Semester, danach war finanziell der Ofen aus. Viel verdient habe ich als Honorarkraft an verschiedenen Musikschulen nicht, und in der heutigen Zeit ist es auch ein Ausnahmefall, wenn man an einer Musikschule als Lehrkraft so viel verdient, dass man davon vernünftig leben oder gar eine Familie ernähren könnte. Festanstellungen in dem Bereich sind rar, und auch die sind nicht so üppig vergütet, wenn man bedenkt, dass man vorher jahrelang studiert und sein halbes Leben lang seine Instrumente geübt hat.

Ich bin froh, dass ich meine heutige Stelle bekommen habe. Zunächst als Zeitvertrag, nach ein paar Jahren als Festanstellung. Zum ersten Mal in meinem Leben verdiene ich Geld, wovon ich leben kann, ohne mir Gedanken darüber zu machen, ob ich im nächsten Monat noch genug Geld für Miete UND Essen habe. Urlaub war bei mir jahrelang als Studentin gar nicht drin. Also als junger Mensch die Welt bereisen eher Fehlanzeige.

Ich habe diesen Job immer gerne gemacht, trotz einiger „Unannehmlichkeiten“, die nebenbei damit verbunden waren. Dieser Job war mir immerhin so wichtig, dass ich 7 bzw. 9 Monate nach der Geburt meiner Kinder wieder eingestiegen bin. Wie so oft im Leben bleibt auch hier nicht immer alles so, wie es mal war. Generell kann ich mit Veränderungen gut leben, wenn sie nicht eine krasse, im Grunde nicht tragbare Verschlechterung der Bedingungen mit sich bringen. Das ist in den letzten Jahren allerdings passiert, von mir sicher auch so empfunden, weil ich als Mutter zweier kleiner Kinder sehen muss, wo ich selber überhaupt noch bleibe und vor mir selber rechtfertigen muss, dass ich meine Kinder stundenlang fremdbetreuen lasse, während ich diesen teilweise inzwischen für mich sinnlos erscheinenden Tätigkeiten nachgehe. Zwar stimmt nach wie vor der Betrag, der am Ende eines jeden Monats im Voraus auf meinem Konto landet – und mit Verlaub, wir brauchen auch einen Großteil der Summe dafür, unseren mit gewissen Ansprüchen* versehenden Lebensunterhalt zu bestreiten, aber an anderer Stelle frage ich mich immer öfter, ob es das alles noch Wert ist – so wie es gerade ist.

„Musik wird oft nicht schön gefunden,

Weil sie stets mit Geräusch verbunden.“

(Wilhelm Busch, aus: Dideldum! (1874) – Der Maulwurf)

So ist es! Seit meiner Jugend schlage ich mich herum mit „Zeiten, in denen man nicht üben darf“ (obwohl man gerade dann mal Zeit dafür hätte), bestimmte Stunden, die man täglich übend nicht überschreiten sollte, meckernden Mit-Mietern usw. Selbst an der Musikhochschule war es nicht immer einfach, einen Überaum zu ergattern, als MUSIKstudent wohlgemerkt. Häufig und zu bestimmten Stoßzeiten besonders extrem, musste man stundenlang warten, um den Raum dann für maximal 2 Stunden (was für einen Musikstudenten nun einmal nicht viel ist, (auch wenn ich mich heute über 2 Stunden tägliches Üben scheckig freuen würde!) übend nutzen zu dürfen – wenn nicht vorher ein Dozent des Weges kam, der dringend diese Örtlichkeit zum Popeln in der Nase Unterrichten seiner Studenten benötigte. Es war nicht immer einfach, Übelust und Übemöglichkeiten kompatibel zu halten. Sonntags war die Hochschule zumindest in den ersten Jahren meiner Zeit dort sowieso geschlossen, Samstags nur bis zum frühen Nachmittag geöffnet und unter der Woche  war abends um 20h „Zapfenstreich“.

„Los, arbeiten Sie. Seien Sie fleißig!“ –  „Ja, wie denn? Und vor allem, wo?“

Seit etwa 7 Jahren bewohne ich ein freistehendes Haus. Ok, die Fenster sind nicht besonders dicht, es dürfte viel meines Übegeräusches nach draußen dringen, aber es ist MEIN HAUS, und ich darf dort üben, wenn ich wollte auch nachts.

Ich habe das die ersten Jahre gut genutzt, also bis auf nachts. Aber dann kamen die Kinder. Das allabendliche Üben wurde abgelöst durch ein Sich-über-Stunden-hinziehendes Milchzähne putzen, mit dem Schlafanzug hinter Kindern herlaufen, Bücher ansehen und stundenlangem Hände halten. Und dann macht man auch keinen „Krach“ mehr, ganz abgesehen davon, dass ich es seit Langen noch nicht einmal mehr schaffe, mein E-Piano (Kopfhörer!) zu malträtieren. Ich wandere lieber sofort ins Bett vor lauter Müdigkeit und Erschöpfung.

Sprich: meine Übezeit hat sich enorm reduziert. Zu Hause übe ich fast gar nicht mehr, weil ich entweder meine Kinder betreue, die Wäsche wasche, aufräume oder sonstige ungeliebte Hausarbeiten übernehme. Ich bin gezwungen, meine Übezeit auch in meine Dienstzeit zu verlegen. Nun erscheint das sicherlich dem ein oder anderen als völlig selbstverständlich: sie ist Musikerin im Orchester, neben den gemeinsamen Proben des Klangkörpers sollte Zeit für das Einzelstudium sein. Räume dürften doch genügend vorhanden sein, die man sich notfalls in Absprache mit den Kollegen teilen kann.

Ätsch bätsch! Das war einmal. Vor langer Zeit, in einem anderen Universum oder so.

Inzwischen sind wir so viele Leute und haben so viele Aufgaben neben der eigentlichen Tätigkeit als Musiker zu verrichten, dass ein Üben kaum mehr möglich ist. Auch fehlen die Räume, da ehemalige Übezellen nun „bewohnt“ werden. Und außerdem ist das Üben aus arbeitsschutzrechtlichen Gründen inzwischen außer in den beiden Proberäumen schlichtweg untersagt!!! Man glaubt es kaum! Ich auch nicht!

60 Musikerinnen und Musiker sollen sich zwei Räume zum Üben teilen? Dazu noch diverse Gruppierungen, die dort meistens proben, wenn man selber gerade einmal Zeit hätte, ein Stündchen zu trällern?

Ich habe bis gestern trotzdem meine Zeit zum Üben dort genutzt so gut ich konnte. Dazu gehörte für mich auch die Mittagspause, in der ohnehin viele das Gebäude zum Essen verlassen. Bis gestern! Da störte das plötzlich zum ersten Mal einen Kollegen. Er müsse sich an einer Tätigkeit am PC konzentrieren. Ausgerechnet er, der nicht gerade für seinen Arbeitseifer bekannt ist… .

Auf eine eigene Nahrungsaufnahme habe ich häufig verzichtet, immerhin muss mal als Mutter, die zu Hause zu gar nichts kommt, was nicht unmittelbar mit Kinderaufzucht und Haushalt zu tun hat, eben sehen, wo man bleibt. Zwischen den Proben oder anderen zu erfüllenden Aufgaben hatte ich dieses Stündchen am Mittag – und das ist nun auch pfutsch.

„Sie sind noch motiviert? Suchen Sie sich besser einen anderen Job!“

Es ist mir unbegreiflich, wie man jemand, der noch immer so voller Liebe für sein Instrument steckt, noch immer so motiviert in dieser Hinsicht ist und für den das Üben quasi eine Art Lebenselixier darstellt, so derart demotivieren kann. Und das in diesem Beruf! Wenn die anderen nicht üben (die wenigsten tun das), auch nicht üben wollen, leidet insgesamt die Qualität des ganzen Orchesters darunter. Trotzdem ist das ein Stück weit deren Sache! Was mir aber, seit ich Mutter bin, am meisten fehlt, sind meine Instrumente und die ernsthafte Auseinandersetzung mit Musik.

Mir nützt auch nicht das vom Dienstherren gestattete Üben zu Hause, nach dem ich eine Anwesenheitspflicht im Dienstgebäude bis in den Nachmittag hinein, in der Regel so 15 Uhr, habe. Dann bin ich eine halbe Stunde später am Kindergarten und was dann zu Hause nicht mehr möglich ist, kann sich der aufmerksame Leser jetzt sicherlich denken.

Leider gibt es keine Jobalternative. Weder, um weniger zu arbeiten (und viel weniger zu verdienen), noch um wieder glücklicher im Job zu sein. Ich überlege hin und her und es gibt keine wirkliche Lösung. Ich muss das irgendwie aushalten, all das kommt auf den großen Frust-Berg einfach noch mit drauf! Vielleicht fällt mir doch noch was ein. Ich weiß es nicht. Aber es macht mich sauer, auch jetzt noch, eine Woche nach diesem Ereignis und nach dem ich gerade den Text noch einmal überarbeitet habe.

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