48 Stunden im Leben einer berufstätigen Mutter

Der Blogbeitrag von mutterseelesonnig hat mich auf die Idee gebracht, einen Text von mir an ihren Text über die 48 Stunden im Leben einer Alleinerziehenden anzulehnen und etwas aus meinem Alltag zu erzählen, auch aus dem Bereich meines Jobs als Musikerin und wie man den vereinbaren kann mit Kindern. Nein, ich gehöre nicht zu der Gruppe der Alleinerziehenden. Noch nicht. Und selbst nach einer von mir angestrebten Trennung gehöre ich vermutlich eher zur Kategorie „getrennt erziehend“.

Wie dem auch sei, bei mir ist wahrlich nicht jeder Tag gleich. Das finde ich ansich sehr gut, ich brauche die Abwechslung. Aber die Vereinbarkeit, der Alltag mit Kindern wird dadurch nicht gerade leichter und es braucht ein gewisses Organisationstalent und auch viel Kraft.

Tag 1:

Es ist Dienstag, kurz vor 7 Uhr. Eigentlich habe ich endlich mal wieder lange genug geschlafen. Mal kein Weckerklingeln um kurz nach 6. Allerdings war meine Nacht sehr unruhig. Lag mal nicht an den Kindern, eher an den vielen Dingen, die mich beschäftigen. Habe mich den Großteil der Nacht nur rumgewälzt.
Wundere mich, dass mich noch kein Kind geweckt hat. Greife zum Handy. Lesen in der Früh, wie ungewöhnlich.
7:33h: K1 kommt zu mir, wir kuscheln und erzählen.
8:15h: Komisch, K2 schläft immer noch. Ich schleppe mich unter die Dusche. K1 verkleidet sich derweil als Pirat.
8:35h: Ich gehe in die Küche, räume die Spülmaschine aus, beseitige einen Teil des Chaos von gestern abend und decke den Tisch für ein Müsli-Frühstück. Bereite das KiGa-Frühstück für die Tochter und verstaue es in ihren Rucksack. Heute geht nur sie in den Kindergarten.
8:45h: beide Kinder trudeln in der Küche ein, im Schlafanzug. Ich koordiniere die Mahlzeit und achte darauf, dass kein Kakao umfällt oder eine Müslischüssel überläuft. Der Mann geht derweil duschen.
9:15h: ich will erst mal mich und die Kinder fertig machen, werde mich dem Chaos in der Küche später widmen. In einer halben Stunde müssen wir das Haus verlassen. Habe mit dem Sohn einen Arzttermin. Wie immer ist kein Kind bereit, sich anzuziehen.
9:20h: gebe auf und gehe ins Bad, Zähne putzen, Haare kämen und anföhnen, schminken.
9:30h: kein Kind will sich fertig machen lassen. Doch, K2 zieht sich mit meiner Hilfe um. Der Mann putzt ihr die Zähne. Zuvor hatte er noch mal eben seine Diensthemden gebügelt. Wann auch sonst. Haha.
9:35h: ich sage K1, dass wir gleich zum Termin müssen. Versuche immer wieder, ihn anzuziehen. Mache nebenher sein Bett ordentlich und Räume etwas auf.
9:55h: später als geplant sitzen wir endlich im Auto. In der Küche sieht es noch immer aus wie Sau. Später!
10:25h: wir sind 10 Minuten zu spät beim Termin. Hatte auch noch die ungünstigere Strecke gewählt. Müssen aber sowieso wie immer warten. Erst mal aufs Klo. Dann: Kind wird gewogen, gemessen etc. Dann Wartezimmer, spielen. Termin geht gut rum.
11:35h: stehen wieder auf der Strasse. Seit einer halben Stunde ist mein Parkschein abgelaufen. Puh, alles gut. Ich biete dem Kind an, entweder nach Hause zu fahren, wo ich ganz viel aufräumen  müsste, wir endlich mal Ostereier anmalen könnten und es später wie gewünscht Nudeln gibt oder: nach Schulranzen gucken und danach Pommes beim Fastfoodladen essen. Kind wählt zweiteres.
12:05h: Ankommen am empfohlenen Laden. 20 Minuten später hat eine Mitarbeiterin Zeit für uns. Bin ja nicht die einzige mit baldigem Schulkind, die ausgerechnet in den Ferien diesen Laden stürmt. Gute Beratung, Entscheidung.
13:05h: mit gekauftem Schulranzen und 225 Euro weniger auf dem Konto sitzen wir wieder im Auto. Fahrt zum Wohnort.
13:25h: Fastfood für Kind und Mutter. Merke den Zeitdruck. In spätestens 45 Minuten muss ich zum Dienst fahren.
13:50h: Verlassen des Fastfoodladens Richtung Grosseltern. Sie kümmern sich heute um die Kinder, holen später noch die Kleine vom Kindergarten ab und bringen dann beide nach Hause. Mann kommt erst 21:30 vom Dienst. Im Radio läuft „Supergirl“. Fange kurz zu heulen an.
14:05h: bin zu hause. Mache mich frisch, befülle meinen Rucksack mit dem, was ich noch brauche (Wasser und Schokoriegel nicht vergessen), Räume das Frühstücksgeschirr in die Spülmaschine, Tisch abwischen, Boden fegen. Briefkasten leeren.
14:20h: im Auto zur Dienststelle. Kleine Entspannung.
14:45h: Ankunft. Umziehen in Dienstkleidung für das heutige Konzert. Instrument, Noten, Jacke nicht vergessen. Alles in den Bus bringen. Noch mal aufs Klo.
15:07h: sitze im Bus. Noch 8 Minuten bis zur Abfahrt. Meine Augen brennen, ich fühle mich schon seit Tagen urlaubsreif. Träume von einem Wochenende ohne Kinder. Mein Akku ist leer. Jetzt im Bus versuche ich etwas zur Ruhe zu kommen. Beginne diesen Text. Mache die Augen zu, nachdenken. Dösen.
16:50h: Ankunft am heutigen Auftrittsort. Es gibt schönere! LKW wird entladen. Ich baue Notenpulte auf, schleppe sie an ihren Bestimmungsort, rücke Stühle, lege Noten. Baue mein Instrument zusammen. Die ersten Töne des Tages. Welches Blatt? Wie ist die Akkustik?
17:30h: die Anspielprobe des Orchesters beginnt.

Konzentration aufs Wesentliche

Die Halle hält, was sie verspricht, nämlich nichts. Die Akustik ist Mist,  ich höre mich selber kaum. Das wird ein Konzert mit weniger Spielfreude. Zum Kratzen im Hals gesellt sich sich ein Grummeln im Gedärm. Mir ist leicht übel. Hab ich schon erwähnt, dass ich recht müde bin? Ob ich krank werde?
17:30h: Probenende und Essen. Das mit Abstand schlechteste der letzten Zeit. Ich bin leicht frustriert. Zum Glück beginnt das Konzert heut schon um
19:30h: durch das die Halle füllende Publikum geht es jetzt mit der Akustik. Ich gebe mir Mühe. Immerhin liebe ich mein Instrument. Ich denke an die Kinder, die jetzt so langsam ins Bett gehen, heute begleitet von den Großeltern. Wird schon klappen. Mit etwas Glück bin ich noch kurz vor 1 Uhr in meinem Bettchen.
20:50h: die 2. Konzerthälfte beginnt. Das 2. Stück davon ist mein Lieblingsstück des aktuellen Programms, hier darf ich viele schnelle Töne spielen. Ich reisse mich zusammen, bin heute aber nicht so zufrieden. Nach diesem Stück verlässt mich wie immer so langsam die Kraft und Konzentration. Der Tag war immerhin schon lang.
21:50h: das Konzert ist zu Ende. Wir müssen noch abbauen. Ab dem Zeitpunkt wo die Busse rollen, dauert es noch 2 Stunden bis zu meinem Bett.
22:25h: wir sind schnell heute. Die Fahrzeuge rollen. Der Vollmond strahlt mich an. Ich setze meine Schlamassel auf und döse. Tief schlafen kann ich in Bus und Flugzeug leider nie.
23:45h: Ankunft am Dienstort. Torkele schlaftrunken aus dem Bus. Umziehen, Auto fahren. Immer wieder eine Herausforderung mit der nächtlichen Müdigkeit.
00:20h: bin zu Hause. Früher als erwartet. Wenn Konzerte weiter weg sind und zudem später beginnen, wird es auch schon mal 1:30h.
Dadele noch etwas auf dem Handy. Gegen 1 Uhr schlafe ich ein.

Was ich heute nicht geschafft habe: wichtige Termine machen. Vom Bus aus mag ich nicht telefonieren.

Tag 2:
Irgendwas zwischen 5:30 und 6 h: bin wach. Scheiß innere Uhr. Der Mann musste um 5:30h zur Frühschicht. Dösen.
6:27h: K1 kommt zu mir ins Zimmer. Warum reden Kinder schon morgens so laut? Er darf sich auf YouTube Videos über Playmobil Spielzeug ansehen. Unpädagogisch, aber meine Rettung. Döse weiter, höre die Stimmen von den Videos.
Schätzungsweise 7:30h: K2 kommt dazu. Ich höre alles, döse aber noch. Bin einfach zu müde. Könnte jetzt wieder einschlafen.
8:00h: Handywecker klingelt. K2 verlangt nach Peppa Wutz auf meinem Laptop. Mache ihr alles an. Schleppe mich unter die Dusche. In Ruhe duschen und anziehen ist den Medienkonsum der Kinder allemal wert.
8:30h: verkünde den Kindern, dass ich nun in die Küche gehe. Ob sie frühstücken wollen? Schmeisse Toast in den Toaster. Bereite mir ein Müsli für unterwegs. Wird mein Mittag sein.
8:36h: frage die ganze Kinder erneut, ob sie Frühstück wünschen.
8:41h: K1 kommt mit meinem Handy in die Küche. Er durfte es haben, wir sind ja unter uns.
K2 schlurft hinterher. Ich tische Müsli auf. Erfülle Sonderwünsche, schlichte Streit, renne in die Speisekammer im Keller. Bereite die Brotdosen für den KiGa. Versuche irgendwann, selber zu frühstücken.
9:10h: Räume den Tisch ab. Kinder sind fertig. Stelle die von ihnen kaum angerührten Müslis in den Kühlschrank. Spülmaschine einräumen, Tisch abwischen, fegen.
9:17h: bin im Bad. Was man so macht, Zähne putzen, schminken, Haare kämen. Kinder spielen derweil.
9:35h: Die Zeit drängt. K2 kriege ich angezogen. Sogar gewaschen und Zähne geputzt. K1 ignoriert mein Flehen und meine Drohung, ihn im Schlafanzug zu bringen.
9:45h: langsam werde ich nervös. Müssen um 10 h im Kiga sein.
Ich ziehe ihn um. Gesicht waschen. Haare kämen.
9:55h: alle noch mal Pipi. Nach mehrfacher Aufforderung ziehen die Kinder selbstständig ihre Schuhe an. Ich räume unsere Rucksäcke in den Kofferraum und prokele den Kindersitz, den der Opa gestern brauchte, ins Isofix.
9:58h: losfahren
10:03: endlich im Kindergarten. Dort herrscht Tumult. Vor dem Garderobenplatz der Tochter werden Osterzöpfe geformt.
10:10h: sitze wieder im Auto. Seufze ganz tief. Geschafft. Im doppelten Sinne. Während der Fahrt merke ich, wie müde ich eigentlich bin. Augen auf behalten kann hohe Kunst sein.
10:40h: Ankunft am Dienstort. Sachen von letzter Nacht aufräumen. Nichts für heute vergessen und alles in den Bus räumen.
11:19h: sitze im Bus.
11:30: Bus rollt.
13:30h: verspätete Ankunft am Auftrittsort. Hatten Stau. Schnell rein in die Klamotten, Instrument aufbauen, noch mal aufs Klo.
15:00h: Bus rollt wieder und direkt in den Stau auf der Autobahn.
16:40h: zurück am Dienstort. Trotz Einnickens im Bus gerädert. Bräuchte mal einen freien Tag, zumindest ab jetzt.
17:32h: endlich zu hause nach Stau und Umweg. Bin zu nicht mehr viel zu gebrauchen. Habe heute den Luxus, mit den Kindern nicht alleine zu sein. Abendbrot für alle. Danach ziehe ich mich etwas zurück. Mit schlechtem Gewissen zwar, aber nach einem Burnout lernt man dazu. Kann einfach nicht nehr, kann aber leider nicht schlafen.

Kinder ins Bett bringen – die allabendlichen Terrorhölle

21:00h: endlich kehrt Ruhe für heute ein. Ich habe Erschöpfungsanzeichen. Beine tun weh und ich bin verdächtig kurzatmig. Da ich aber über den Einschlaf-Punkt erst mal drüber bin, klappt es mit dem Runterfahren nicht. Schlafe erst ca. 23h ein. Bin ab grob halb 3 wach. Schlafe erst gegen 6h wieder ein. Was ich heute wieder nicht geschafft habe: wichtige Termine vereinbaren. Mal üben. Haushalt.

Am 3. Tag:

Werde um 7:03h von K1 geweckt. Benommenheit. Verzichte heute entgegen meiner Gewohnheit auf die Dusche und komme so nur eine halbe Stunde zu spät zu Dienst. Der Tag wird sich schrecklich ziehen und ich werde nachmittags wieder verzweifelt und erfolglos versuchen, etwas Schlaf nachzuholen. Und im haushältlichen Chaos versinken.

 

Die Mama und ihr Arschlochkind

Diese Mama, das bin ich. Ein (längst überfälliges) Outing.

Ich bin die Mutter eines inzwischen 5-jährigen Jungen. Er war dieses supersüße, blondgelockte Baby und Kleinkind, das so schlecht geschlafen, das viel geschrien und mich immer wieder in die Verzweiflung getrieben hat. Mein erstes Kind – und ich eine unerfahrene Mutter, die von 100 auf 0 ihr eigenes Leben abbremsen – ja, erst einmal komplett runterfahren musste. Und die viele Monate nicht mehr wirklich schlafen durfte. Es war die Hölle!

Ich traute mich kaum mit diesem Kind nach draußen. Spazieren gehen? Vergiss es, er schrie. Wurde zwar besser mit der Zeit, aber so hatte ich das nicht erwartet. Ich war gefesselt an mein Haus. Ich traute mich nicht in Gruppen mit anderen Müttern und deren (pflegeleichten) Kindern. Wir machten Babyschwimmen, das war ok. Dort traf ich eine Bekannte aus meinem Wochenend-Geburtsvorbereitungskurs wieder. Wir besuchen uns bis heute gegenseitig.  Als die beiden Jungs klein waren, griff ihrer den meinigen gerne mal körperlich an, Haare ziehen und so. Meiner war ein ruhiges, liebes Kind. Er machte nichts.

Bis er in den Kindergarten kam. Das war mit 25 Monaten und leider zeitgleich mit der Geburt seiner Schwester. Er wurde vom Thron geschuppst und war dann auch noch plötzlich täglich ca. 3 1/2 Stunden unter so vielen Kindern, in einer so lauten Umgebung, fort von MamaPapa und OmaOpa. Und da waren Kinder, die ich nicht gerne als Vorbilder gesehen habe. Die gibt es bis heute. Jetzt befindet er sich selbst im letzten Kindergartenjahr und gehört zu den großen Vorschulkindern.

Sein Verhalten gegenüber seiner Schwester war problematisch, obwohl ich versucht hatte, ihn vorzubereiten und einzubinden. Hinzu kam, dass ich selber völlig erschöpft war. Ich funktionierte irgendwie für beide kleinen Kinder, war auch nicht unbedingt unglücklich dabei, aber es wart hart! Einfach hart und sauanstrengend – jeden  einzelnenTag! Und ich war überfordert, diesem anspruchsvollen 2-jährigen gerecht zu werden, während ich noch ein Baby zu versorgen hatte und viel zu wenig Schlaf bekam.

Heute ist er nicht mehr der liebe, ruhige Junge

Zumindest ist er das nicht immer.

Ich habe mir oft die Schuld gegeben, dass ich in der Zeit, als ich eben die völlig überforderte Mutter war, viel bei ihm kaputt gemacht habe, oder in ihm. Dass ich sein problematisches soziales, also sein oppositionelles Verhalten, seine Wutausbrüche und seine Aggressivität, sein lautes Herumschreien, seine körperlichen Attacken gegenüber anderen Kindern und den Erzieherinnen zu verantworten habe. Nur ich! Weil ich die Mutter bin. Wenn jemand Schuld ist, dann die Mutter.

Ich bin die Mutter eines Jungen, der nicht so funktioniert wir er sollte, also wie unsere Gesellschaft sich das wünscht. Der in dieser braven Mädchen-ErzieherINNEN-Welt nicht vorkommen darf. Ein Junge, der viel Aufmerksamkeit braucht und Einzelbetreuung einfordert. Der ständig gesehen werden will und der lange gebraucht hat, sich auch mal alleine beschäftigen zu können. Das kann er inzwischen. Ein Junge mit auffälligem Sozialverhalten, der Neins schwer akzeptieren kann und selber Nein sagt. Der sich seine eigenen Regeln macht so wie es ihm gerade passt, damit er im Vorteil ist. Er, der immer der erste und beste sein will, der Willensstärke beweist und so fordernd ist. Der als anstrengend empfunden wird, auch von mir.

Aber er ist auch der Junge, der ein unheimlich gutes Gedächtnis hat und daher bereits jetzt einen großen Wissensschatz besitzt – und sich damit gerne zeigt. Er ist ein Kind mit Phantasie und Entdeckerfreude. Er kann seinen Namen schreiben und Zahlen, er kann rechnen und er interessiert sich für Englisch. Und für Autos – und manchmal möchte er eben kämpfen und jagen. Und dann ist er wieder so sanft und auch verständnisvoll, auch hilfsbereit kann er sein, wenn er es möchte.

„Was für ein fürchterliches Kind“

Bevor ich selber Mutter wurde bzw. bevor mein Kind sich so gezeigt hat, hatte auch ich Vorurteile gegenüber „schwierigen“ Kindern. Wie oft, wie schnell macht man dafür die Eltern verantwortlich. Heute weiß ich es besser, oder rede es mir zumindest ein. ICH BIN NICHT SCHULD! Es gab sicherlich ungünstige Umstände, es gab etliche Fehler meinerseits, aber er bringt dieses Wesen, diesen impulsiven Charakter auch ein Stück weit mit. Also auch die Gene dürften hier eine Rolle spielen.

Heute vor-verurteile ich keine Eltern mehr. Ich hinterfrage zwar, aber ich weiß, dass es immer mehrere Seiten der Geschichte gibt.

Verflucht sei der Kindergarten

Erst hieß es, er würde seine Grenzen austesten. Zu sehr. Immer wieder. Erste kleine Krisengespräche. Erste und dann wiederholte Empfehlungen an uns Eltern, einen  KESS-Kurs oder ähnliches zu besuchen, empfinde ich heute inzwischen geradezu als unverschämt. Ein Kindergarten, welcher also per se davon ausgeht, dass wir nicht mit unseren Kindern umzugehen wissen. Der gleiche Kindergarten, welcher erst vor wenigen Monaten mutmaßte, unser Sohn hätte eine Bindungsstörung zu uns Eltern und würde unter Trennungsängsten leiden– weil er mit seinen 5 Jahren äußerte,  er wolle lieber zu Mama und Papa. Der gleiche Kindergarten, welcher laut der selbstbewußten KiTa-Leitern über achsosuperausgebildete Pädagoginnen verfügt, die aber nicht mehr wussten, wie sie diesen Jungen in den Griff bekommen sollten (vor allem nicht unter krankheitsbedingtem Personalmangel in der Einrichtung) und statt dessen lieber uns Eltern baten, das Kind abzuholen. Klar, dass mein schlauer Sohn schon beim zweiten mal wusste,  was er tun muss, um früher nach Hause abgeholt zu werden. Diese tolle Einrichtung, die allerweltbeste in der ganzen weiten Umgebung – zumindest hört man das heraus, wenn man der Leiterin genau folgt, kommt mit meinem Kind nicht klar.

Vor einem Jahr bin ich nach dem damaligen Gespräch mit den Erzieherinnen komplett zusammen gebrochen. Zwei Tage später fing mein Körper zu zittern und zu brummen an, was den nahenden völligen Zusammenbruch ankündigte. Ich vermute, es war der Tropfen, der das Faß bei mir damals zum Überlaufen brachte.

In letzter Zeit gab es einige längere Gespräche mit mir / uns im Kindergarten, und es nimmt kein Ende. Ein mir total unsymphatischer Pädagoge der Stadt (Träger der Einrichtung) oder what the fuck bohrte, was denn bei uns daheim bei uns nicht in Ordnung sei, dieses Verhalten müsse doch seinen Ursprung haben. Eine Leitung,  die sich so gut aus allem rausreden kann, die betont, wie toll sie doch alles machen und immer wieder versuchen würden. Und dazwischen ich, die versucht, stark und selbstbewusst zu sein. Und deren gute Erziehung sie davon abhält, einfach mal auf den Tisch zu hauen!

Ich, die Rabenmutter, die selber nach Antworten und Lösungen sucht. Verzweifelt. Oftmals getriggert von ihrem eigenen Kind. Die sich als Mutter erst finden musste und die irgendwann in der zunehmenden Erschöpfung nur noch versuchte zu funktionieren, weinend inmitten ihrer Familie sitzend, gereizt vor lauter Müdigkeit und Unterdrückung jeglicher eigener Bedürfnisse. Eine Mutter, nein eine Frau,  die nicht mehr lebte, sondern das Leben lediglich an sich vorbei ziehen sah, als wäre sie ihr eigener Zuschauer.

Die Hilfe, die ich hol(t)e

Neben dem ganzen Nachdenken, Reflektieren, Lesen von Literatur und dem Zerfleischen durch Selbstvorwürfe holte ich mir auch Hilfe von außen. Seit fast einem Jahr arbeiten wir mit einer Kinderpsychologin zusammen. Und ich spreche viel mit meiner eigenen Psychologin, die auch gelernte Erzieherin ist und in diesem Beruf auch mehrere gearbeitet hat. Vielleicht helfen mir diese Gespräche irgendwann dabei, das Gefühl von Schuld in mir zu besänftigen, dass NICHT ICH Schuld habe an diesem anspruchsvollen Kind, das uns alle so sehr fordert. Dass diese Momente, wo ich ihn an die Wand klatschen oder ihn zur Adoption frei geben möchte, neben meiner großen Liebe für ihn ganz normal sind. Ich muss mich dessen nicht schuldig fühlen. Und dass ich mit der Frage, „Warum gerade ich, warum hier? Warum MEIN KIND?“ nicht alleine bin. Ich schwanke zwischen Verzweiflung, wohin das führen soll und Zuversicht, wenn ich mit den Psychologen spreche. Er kommt bald in die Schule, dieses intelligente Kind. Wohin wird sein Weg ihn führen? Und werde ich dem auf Dauer gewachsen sein? Den Weg weiter mit ihm gehen, damit es gut wird?

Es gibt so viele gute Momente mit ihm

Und die Gedanken, es müsste doch irgendwann mal besser werden, ich gebe mir doch Mühe. Aber gebe mir wohl nicht genug Mühe, wenn sich nichts ändert. Und spüre die Schuldabladung der Einrichtung bei uns Eltern. Denn eines erkennt man bei den Gesprächen nie: dass der Kindergarten, sein (teilweise überfordertes und in Kur gehörendes) Personal, die vielleicht ungünstige Gruppenzusammenstellung (zu viele Raufbolde in der Gruppe meines Sohnes) und ganz speziell der Umgang mit meinem Sohn in den bestimmten Situationen auch nur irgendwie zur Verstärkung des „Problems“ beigetragen haben könnten. Nope!

Die Rolle des Kindergartens (Fortsetzung)

Oder: wir hetzen Ihnen mal eben ohne Vorankündigung bzw. unter Vortäuschung falscher Tatsachen das  Jugendamt auf den Hals

Da sitze ich nun. Es sollte eigentlich darum gehen, eine weitere Kraft in den Kindergarten zu holen, um die Betreuung unseres Sohnes zu unterstützen. Plötzlich ist da die junge Dame vom Jugendamt. Nein, es wird beschwichtigt, es geht ja nur darum uns zu helfen, nichts weiter. Aber es ist herauszuhören, dass die sich weiter aufzudrängen wünschen. Am liebsten hätten alle, also das Personal vom Jugendamt und die Erzieherinnen sowie in erster Linie vermutlich der Träger der KiTa, dass Leute vom Jugendamt zu uns nach Hause kommen. Alle, außer mir.  Und meine Wut auf die Einrichtung, seinen Träger und die KiTa-Leiterin steigt, je mehr und je länger ich darüber nachdenke, was hier eigentlich passiert. Aber ich bin auch wütend auf mich, weil ich mir das alles habe gefallen lassen / gefallen lasse und bei dem Gespräch natürlich wieder handzahm und höflich bleibe.

Wollen die uns wirklich für dumm verkaufen? Worum geht es hier eigentlich? Darum, dass wir als Eltern scheinbar total versagt haben und jetzt kontrolliert und neu angelernt werden müssen? Habe ich nicht schon genug unternommen? Dreht sich nicht mein Leben nur noch hauptsächlich um dieses eine Thema? Habe ich nicht schon seit einem Jahr therapeutische Hilfe an der Hand? Die Kinderpsychologin war auch bei uns zu Hause (und hatte im übrigen auch den Kindergarten und die Gruppe meines Sohnes besucht).

Was wollen die? 24 Stunden Überwachung? Das wäre nämlich nötig, um die schlechten Momente mit dem Sohn auch wirklich immer mit zu erleben. Oder unsere schlechten Momente als Eltern, die wir zweifelsohne haben, so wie vermutlich auch sehr viele der anderen Eltern der über 100 Kinder in dem Haus. Erwarten die vielleicht sogar, dass ich vor deren Augen mein Kind misshandele, damit sie es aus der Familie holen und sagen können, „Haben wir es doch gewußt!“ ? Glauben sie nicht daran, dass sie hier eine relativ normale Familie erwartet, wo vor allem der Streit der Geschwister zu Unmut führt? Sie wollen uns kontrollieren? Kontrollieren Sie bitte erst einmal ihre überforderten Erzieherinnen, vor allem die eine Haupterzieherin in der Gruppe meines Sohnes, die ich schon seit Jahren als „ausgebrannt“ bezeichnen würde.

Der Träger möchte, dass unser Sohn weiterhin aus dem Kindergarten abgeholt wird, wenn er aufmuckt. Diese Woche war er drei Tage dort, zwei Tage krank. An zwei der drei Tagen musste er um die Mittagszeit abgeholt werden. Einmal habe ich dafür den Großvater aus dem Mittagsschlaf geklingelt. Jeden Tag habe ich Angst, dass ich meine Arbeit stehen und liegen lassen muss, um dort hin zu eilen.

Mein Kind ist toll

Es weiß nur nicht, wohin mit seiner Wut. Die Wut, die ich nachvollziehen kann. Wut auf ungerechte Behandlung durch das pädagogische Personal seiner KiTa. Wut auf Fremdbestimmung. Wut auf seine Schwester, weil sie einfach da ist. Wut auf seine Eltern, die ihn nicht immer den großen Bestimmer, also den Boss markieren lassen, obwohl ihm das so wichtig ist.

Er hat ein ungemein großes Wissen, er saugt alles förmlich auf. Er ist ansonsten absolut schulreif, kann Buchstaben und Zahlen schreiben und rechnen. Er kann schon jetzt um die Ecke denken und sich auf vieles seinen eigenen Reim machen. Er hat Phantasie und beweist Kreativität im Spiel. Er ist mein Kind und ich liebe ihn. Immer wieder aber muss ich mir gut zureden, dass ich ihn so annehme, wie er ist. Weil mir von außen suggeriert wird, dass er nicht normal ist. Vielleicht ist er tatsächlich nicht normal, vielleicht ist aber auch das System heute nicht normal. Sicher habe ich Fehler gemacht und ich kämpfe gegen Schuldgefühle und schlechtes Gewissen an. Ich zermartere mir das Gehirn darüber. Und ich habe inzwischen diese StinkeWUT in mir auf diesen Kindergarten.

Noch ein halbes Jahr bis zur Einschulung. Was wird dann und was können wir bis dahin an positiver Entwicklung erreichen? Wir werden sehen.

Ich gebe nicht auf und kämpfe. Immer weiter – wenn es sein muss, bis zum nächsten Burnout.

Lesetipp: http://elternmorphose.de/du-hast-deine-kinder-nicht-im-griff-ueber-perfekte-eltern-und-kinder/