Am Strand des Lebens und des Todes

Fußspuren am Strand, im Hintergrund das Meer und der Himmel

Fußspuren am Omaha Beach in der Normandie (Bildrechte: dieverlorenenschuhe)

Ich laufe über den Strand, ziehe Schuhe und Strümpfe aus und laufe mit meinen nackten Füßen durch die Wasserstellen, welche das Meer zurückgelassenen hat. Das Wasser ist so kalt an diesem Tag Anfang Juni. Und der Wind peitscht mir den erneut eingesetzten Regen gegen meinen Körper. Meine hochgekrempelte Jeans ist binnen Sekunden völlig durchnässt und ich halte mir mühsam die Kapuze meiner Regenjacke fest über den Kopf gezogen und laufe, laufe bis nach vorne zu den Wellen des Atlantiks. Ich sehe den zwei Surfern zu, die den Wind ausnutzen und bin traurig, weil ich kein Foto von diesen Wellen machen kann, denn der Regen würde in genau diesem Moment mein Handy komplett hinweg spülen. Und der Wind weht den Regen gegen meine Brille, bis ich fast nichts mehr sehen kann. So viel Wasser von oben, von der Seite und von unten. Es ist einer der schönsten Momente, den ich mit mir ganz alleine seit langem verbringen darf. Ich bin unendlich glücklich in diesem einen Augenblick, ich spüre die Großartigkeit des Lebens, höre dem Wind zu und dem Rauschen der tosenden Wellen. Meeresrauschen! Freiheit! So wunderbar frei wie die Möwen über mir fühle ich mich jetzt gerade. Das hier ist mein Leben und gerade kann ich nicht anders als es einfach nur lieben.

Der Blick zurück

Und ich stehe an diesem Strand, wo vor genau 73 Jahren tausende meist sehr junger Männer gestorben sind. Und nicht nur an diesem Tag, sondern noch Wochen und Monate darauf. Bis heute gibt es so viel Leid und Elend, gibt es den sinnlosen Tod durch zu viele Kriege auf dieser Welt. Und hier stehe ich und versuche, das Leid und Chaos in meinem eigenen kleinen, bescheidenen Leben möglichst klein zu halten. Und da sind immer wieder all diese überwältigenden Gefühle. Sie kommen über mich wie die Wellen des Meeres über den Strand. Das macht mich oft hilflos und traurig. So traurig vor allem auch dann, wenn ich an all die Menschen denke, die nicht nur im Zweiten Weltkrieg ihr Leben verloren, ihre Träume, ihre Hoffnungen, sondern lange davor und es heute noch tun. Wie gut wir es doch haben, unglaublich gut. Und ich stehe hier, durchnässt und mit den Füßen im Sand versinkend und bin selber ganz klein und unbedeutend in Anbetracht der gewaltigen Geschichte dieses Ortes.

Der Blick nach vorn

Immer wieder wechseln sich Regen und Sonne an diesem Tag ab. Aber nach diesem starken Regenguss am Meer kommt mir alles ganz warm vor und die immer wiederkehrenden Sonnenstrahlen wärmen mich. Auch der Wind erscheint mir nun ganz warm und trocknet zumindest teilweise meine Hose. Ich setze mich ins Café und trinke chocolat chaud und bin dankbar. Einfach nur dankbar! Es wird schon alles gut werden, ich werde den passenden Weg finden und ihn gehen. Wir werden ihn gehen. Daran will ich einfach glauben.

 

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Die Welt in der wir leben

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Copyright: dieverlorenenschuhe

Die Welt in der wir leben empfinde ich als wunderschön und unsagbar schrecklich zugleich. Wunderschön wegen all ihrer unglaublich faszinierenden Landschaften, schrecklich, weil sich ihre Menschen seit jeher gegenseitig umbringen und sich ihren eigenen Lebensraums zerstören.

 

Trifft ein Planet einen anderen Planeten. Sagt der eine zum anderen: „Du siehst aber scheiße aus. Bist du  krank?“ Sagt der andere: „Ja, ich fühle mich echt mies. Ich habe Menschen!“ Daraufhin der eine wieder: „Ach, die hatte ich auch mal. Das geht vorbei!“

 

Meine Kindheit hätte idyllischer nicht sein können, denn sie fand weitestgehend draußen statt, im Kreise vieler gleichaltriger Mädchen und Jungen in unserem kleinen Dorf. Wir hatten alles, was das Kinderherz begehrt: Wiesen, Wälder und kaum befahrende Straßen. Vor allem hatten wir viel Zeit und kaum Druck von außen. Wir kamen zu den Mahlzeiten nach Hause, oder um abends diverse (Kinder-)Sendungen auf einem der 3 1/2 Sender zu sehen. Doch auch in den 80igern gab es negative Meldungen. So war vom „sauren Regen“ die Rede, dessen Folge das Waldsterben war. Mir taten die Bäume leid, die da so zahlreich sterben mussten. Auch das Abholzen des Tropischen Regenwaldes, vor allem in Südamerika, lies uns in den 80igern und 90igern aufhorchen. Was diesbezüglich seit damals verloren gegangen ist, sind unvorstellbare Größen.

Später fiel das allgemeine Augenmerk auf das Ozonloch. Ich habe damals nicht verstanden, wieso so etwas wie  FCKW verwendet werden durfe, obwohl  schon vorher bekannt gewesen sein soll, welche schädlichen Auswirkungen es hat.

Auch damals war das Leben nicht sicher

Vom Kalten Krieg habe ich als Kind wenig mitbekommen. Die Kuba-Krise hatte lange vor meiner Zeit stattgefunden. Erst mit dem Mauerfall verstand ich, was da vorher wohl los gewesen ist und welchen Gefahren wir teilweise ausgesetzt waren. Aber wir Kinder fuhren auch unangeschnallt im Auto mit, ohne Kindersitze. Und wir fuhren Rad und Rollschuhe, alles ohne Helm.

Und dann war da noch Tschernobyl. Da wurde mir zum ersten Mal wohl richtig bewußt, dass es da draußen echte Bedrohungen gab. Irgendwann anfang Mai 1986 war ich mit meiner damals besten Freundin den ganzen Tag draußen, stundenlang sind wir im Nachbardorf unterwegs gewesen, bis es zu regnen anfing. So viel hatte ich mitbekommen: draußen spielen, gar bei Regen, kommt derzeit gar nicht gut! Ich bin nach Hause gerannt und habe erst einmal lange und ausgiebig geduscht, in der Hoffnung, mir die unsichtbare Radioaktivität vom Körper zu waschen.

Bücher von Gudrun Pausewang aus den 80iger Jahren wie „Die letzten Kinder von Schewenborn“ und „Die Wolke“ haben mich geprägt. Der amerikanische Film „The Day After“, bei dem San Fransisco von einer Atombombe getroffen wird, habe ich als Teenager gesehen. Für mich fast unerträglich. Radioaktivität und ihre unsichtbare Bedrohung machen mir bis heute mit am meisten Angst. Im März 2011 habe ich tagelang die Geschehnisse in Japan und Fukushima vor dem Fernsehgerät verfolgt, mich erneut erinnert. Ich war gerade mit meinem ersten Kind schwanger und hatte Alpträume um eines Atomunfalls in unserer Nähe. Denn Atomkraftwerke gibt es hier genug, auch im benachbarten Ausland.

Das Leben ist und bleibt gefährlich

Natürlich gab es auch schon vor dem Terroranschlag in Paris zu Genüge Gefahren, denen wir und unsere Kinder täglich ausgesetzt sind. Doch empfinde ich die potentiellen Gefahren zum jetzigen Zeitpunkt stärker und sehe mein Leben, so wie ich es mir für uns, für meine Kinder vorgestellt habe, immer mehr gefährdet. Kann ich jetzt noch die Städte und Länder bereisen, die ich so gerne bereisen würde? Darf ich jetzt noch diese oder jene Großveranstaltung besuchen? Usw.

Lange Zeit habe ich nicht wahrhaben wollen, dass die Menschen nichts dazu gelernt haben, zumindest nicht alle. Ein neuer Kalter Krieg ist in meinen Augen nicht so unwahrscheinlich, zu dem gibt es in der Welt heute unglaublich viele Kriege und Krisenherde. Terrorismus hat es immer irgendwie gegeben, aber nie haben sich Millionen von Menschen aus vermutlich allen Teilen der Welt dazu zu einem ganzen Staat zusammen gefunden. Dazu kommt das Problem der Umweltverschmutzung, der Ausbeutung unserer Ressourcen, die damit verbundene Klimaerwärmung, die unsere Erde bereits verändert hat und in den nächsten Jahren und Jahrzehnten weiter drastisch verändern wird. Der Klimawandel, welcher immer deutlicher spürbar und nach wie vor schön geredet und uns und unsere Kinder vor neue Herausforderungen stellen wird. Kommen jetzt abertausende Flüchtlinge zu uns, um vor Krieg und Gewalt zu fliehen, werden es irgendwann auch Menschen sein, die vor unwirklichen Lebensbedingungen und aufgrund von Hunger und Durst in Mittel- oder Norddeuropa Schutz suchen.

„Fressen und gefressen werden“ heißt es über das Tierreich. Wir sind Menschen, und bringen uns doch gegenseitig um. Aus Hass, Rachsucht, Neid, Gier, Habsucht, aus Angst, aus dem Wissen heraus, dass der andere anders ist.Glaubenskriege, Töten einer Religions willen, erschließen sich mir am allerwenigsten, was sicher daran liegt, dass ich weder in irgendeiner Form (religiös) gläubig bin noch sonst besonders fanatisch oder extrem. Es fällt mir sehr schwer bis unmöglich, mich in diese Menschen und ihre Taten hineinzuversetzen.

Damals in den 80igern, als ich selber noch ein  Kind war, habe ich oft gesagt, dass ich in diese Welt keine Kinder setzen möchte. Nun habe ich es doch getan, und habe überhaupt keine Ahnung, wie ich meinen Kindern ein schönes, friedliches und freies Leben vermitteln soll, wenn gleichzeitig die Gefahr und die Einschläge immer näher kommen und vielleicht schon bald (weder Paris, noch Brüssel, noch Hannover sind hier wirklich weit weg) direkt vor unserer Haustür stehen. Ich möchte doch nur, dass sie ein glückliches, selbst bestimmtes und langes Leben führen können. Und dass ich ihnen noch etwas zeigen kann von der Schönheit dieser Welt, bevor sie sich selber aufmachen, diese zu entdecken. Was bleibt denn irgendwann noch zum Entdecken übrig?

Ich hatte wirklich lange Zeit die Illusion, dass wir inzwischen zumindest in Europa sicherer leben können als noch meine Großeltern. Und jetzt wird alles schlimmer und schlimmer und schlimmer. Und irgendwann entgleitet uns das Leben, so wie wir es uns vorgestellt hatten.

Das alles macht mich so unsagbar traurig! Meiner Kinder wegen.