Eltern in Trennung – Teil 3

Was ich mir selber vorzuwerfen habe oder warum es überhaupt so weit kommen musste. Ein Erklärungsversuch.

Wieso habe ich das alles so lange mitgemacht? Wieso habe ich so lange mit einem Mann gelebt, der mir schon so lange nicht mehr das Gefühl gab, dass er sich (noch) ernsthaft für mich interessiert, also für mein tiefstes Inneres, meine innerste Gefühlswelt? Bei dem ich dadurch nicht mehr das Gefühl hatte, dass er mich überhaupt noch liebt? Der mir mit seinen Launen, mit seinem Gemeckere, seiner Engstirnigkeit, seiner Trägheit und seiner Ignoranz nicht nur mir, sondern so vielen Dingen gegenüber – darunter auch denen, die mir wichtig sind – einfach zugesetzt hat? Der mein inneres Chaos durch sein äußeres Chaos immer wieder verschlimmert hat, es noch immer tut, das aber bis heute nicht erkennt? Ich habe auch gemeckert, denn ich wollte Verbesserung erreichen. Ich habe kritisiert, nicht weil ich kritisieren wollte, sondern weil ich Denkanstöße zu geben versuchte. Und ja, ich war unzufrieden. Unzufrieden, weil ich so viel vermisst habe. Vielleicht neige ich zu der Eigenschaft, ein unzufriedener Mensch zu sein. Jemand, der sich nicht so schnell zufrieden gibt, jemand mit Ehrgeiz und einem gewissen Hang zur Perfektion. Ja, es ist besser geworden. Ich werde langsam ruhiger in meinem Streben. Ich erkenne mehr und mehr, was mir wirklich wichtig ist, was für mich wirklich zählt im Leben, in meinem Leben. Ich habe erkannt, dass ich mit manchen Kompromissen nicht weiterleben möchte. Ich habe erkannt, dass ich mit diesem Mann auf gar keinen Fall alt werden möchte. Nicht so. Dabei lasse ich seine guten Eigenschaften nicht außer Acht. Aber sie reichen für ein gemeinsames Leben für mich einfach nicht mehr aus.

Wendepunkte im Leben

Ich habe diese Erkenntnisse lange vor meinem Burnout gehabt. Und wenn ich mir eines vorwerfen kann, wirklich vorwerfen sollte, dann die Tatsache, dass ich all die Jahre mit ihm zusammen geblieben bin, ohne ihn ausreichend zu lieben. Das ist der Knackpunkt und der Moment, wo auch ich mich frage: wieso? Und was ist Liebe überhaupt? Warum ist aus der Verliebtheitsphase, die es zweifelsohne gab, keine Liebe geworden? Oder ist sie das doch, aber im Laufe der Jahre und durch zu viele Probleme nach und nach gestorben? Tatsache ist: es ist keine Liebe mehr da, und ich behaupte mal, das ist auf beiden Seiten der traurige Fall. Und ich habe für mich erkannt, dass Liebe die Grundvoraussetzung für alles ist. Nur dann ist Nähe – körperliche wie auch emotionale – und Beziehung überhaupt erst tiefgehend und befriedigend möglich. Alles andere führt mit der Zeit zu Rückzug und Distanz. Bedingungslose Liebe und den anderen so nehmen können, wie er ist, das ist es, was ich mir schon lange wünsche. Aber ich habe das einfach nicht gekonnt. Mag auch mit meiner Beziehung davor zu tun haben, die für mich sehr enttäuschend endete. Ich glaube, danach wollte ich mich – unbewusst – emotional nicht wieder so tief binden. Die Beziehung zu meinem Mann war daher ein Kompromiss. Es gab jemanden, aber durch weniger Liebe war ich weniger auf dieser Ebene verletzlich. Und das tut mir wirklich von Herzen leid.

Geschichte wiederholt sich

Das alles klingt verdammt hart, und das ist es auch. Zumindest ist es unendlich traurig. Warum also habe ich all das auf mich genommen, mich im Grunde selber belogen? Weil ich nicht alleine sein wollte? Weil nie jemand daher kam, der besser gepasst hätte? Weil ich im Grunde eine treue Seele bin (auch wenn man jetzt anderes behaupten könnte) und ich nicht so einfach aufgeben will, wenn es zu Schwierigkeiten kommt? Weil ich hoffte, es besser machen zu können als meine Eltern und dabei genau den gleichen Fehler beging? Denn auf eines hat mich meine Therapeutin gebracht: weil ich es nicht anders kannte. Weil meine Eltern mit ihrer eigenen gescheiterten Ehe nicht in der Lage waren, mir eine funktionierte Liebes- und Paarbeziehung vorzuleben. Eine, die auf den Werten Liebe, Achtung und Respekt basiert. Und auf gemeinsam gefundenen Kompromissen und Lösungen.

Ich bin mit der Einstellung „ich muss das aushalten – für die Kinder“ groß geworden. Meine Mutter hatte es mir quasi vorgelebt. Sie ging von einem auf den anderen Tag, als ich 13 Jahre alt war und sie einfach nicht mehr konnte.

Und ich selber hab diese Geschichte wiederholt, bin wegen der Kinder geblieben (und bleibe gerade noch). Wollte allen Ernstes durchhalten, bis sie groß genug sind, um auf eigenen Beinen zu stehen. Aber bitte, was bringt mir das? Ein unglückliches, von einer Grundstimmung aus Unzufriedenheit geprägtes Leben! Und die Erkenntnis, dass es in zwanzig Jahren aber zu spät ist für vieles andere. Ich will nicht warten, bis ich 60 oder noch älter bin und hoffen, dass ich dann noch mal eine Beziehung mit einem Mann führen kann, so wie ich sie mir wirklich von Herzen wünsche. Auch mit bedingungsloser Liebe, d. h. den anderen so annehmen zu können wie er ist, inklusive all seiner Marotten. Weil ich ihn im Grunde achte und respektiere. Weil er im Grunde genommen so ist, dass er zu mir passt. Das es eben passt. Und er mich sieht, wie ich bin. Und ihm ebenso gut gefällt wie ich bin. Und er eben mir.

Eine Trennung ist manchmal alternativlos

Was würde es meinen Kindern bringen, wenn nun alles beim Alten bliebe, Mama und Papa nur ihretwegen nach außen hin noch einen auf „Paar“ machen würden? Ich würde sagen, es brächte nur ein verdammt schlechtes Vorbild an Beziehung. Und weiterhin viel Spannung aufgrund ungelöste Konflikte.  Ich bin davon überzeugt, dass ich ihnen durch die Entscheidung zur Trennung nichts wegnehme, sondern ihnen etwas neues gebe. Vor allem hoffe ich, ihnen eine glücklichere Mutter sein zu können. Eine Mutter mit mehr innerer Balance. Wie sehr das gelingt, wird die Zeit zeigen. Hierbei spielen die Umstände, die eingeforderte Unterstützung und der Umgang der Eltern miteinander nach einer Trennung eine große Rolle.

Ich möchte nicht außer Acht lassen, dass auch der Vater meiner Kinder eine tiefe Unzufriedenheit ausstrahlt. Ich glaube, er weiß nur nicht genau, woher das rührt, da er sich mit Selbstreflektion (scheinbar) sehr schwer tut und lieber an etwas festhält, von dem er meint, es müsse auf alle Zeit so sein. Aus Bequemlichkeit, auch aus Angst, aber nicht aus Liebe zu mir. Denn das Gelebte der letzten Jahre kann keine Liebe gewesen sein.

Folgendes habe ich kürzlich gefunden.

5 Gründe für ein Beziehungsaus

  1. Zu viele Kompromisse bei der Partnerwahl. Emotionale Abhängigkeit, nicht alleine sein wollen. Bestätigung durch andere suchen.
  2. Wir wollen für immer verliebt sein. Denn Verliebtheit macht süchtig. Verliebtheit wird oft mit Liebe gleichgesetzt. Dabei ist Liebe die nächste Phase nach dem Verliebtsein.
  3. Nach der Bindungstheorie gibt es verschiedene Beziehungstypen. Und die müssen eben zusammen passen.
  4. Monogamie bzw. fehlende – soll nicht jederman(s)s Sache sein.
  5. Auseinanderleben durch unterschiedliche Entwicklungen im Laufe der Zeit.

Zu Punkt 1 kann ich sagen, dass ich hier meinen größten Fehler sehe. Ich bin zu viele Kompromisse eingegangen. Habe dies schon früh geahnt, schon ungefähr 1 Jahr nach dem Kennenlernen war mir klar, dass es nicht gut passen kann. Aus der anfänglichen Verliebheitsphase entwuchs nichts bedingungsloses. Und trotzdem habe ich die nächsten Schritte gemacht. Es war ja auch nicht alles schlecht, und ich war eben in alten Mustern gefangen. Und vielleicht einfach noch nicht so weit (jung, auf gewisse Art naiv), wollte eher nicht alleine sein, als dass ich mich gegen ein gemeinsames Leben mit jemandem entschieden hätte, mit dem ich vom Wesen und auch von den Werten auf Dauer eher weniger gut zusammen passe. Fakt ist: Dinge, die mich schon länger stören, störten mich im Laufe der Zeit immer mehr. Wurden wirklich gewichtig, als „Stressfaktoren“ wie die Kinder dazu kamen und das nötige „gemeinsam an einem Strang ziehen“ aufgrund unserer Unterschiede nicht erfolgen konnte.

Wir sind alle von unseren frühesten Erfahrungen geprägt

Altlasten gibt es auf beiden Seiten. Jeder Mensch ist geprägt durch das, was er in seiner Kindheit und Jugend, was er durch einschneidende Erlebnisse in seinem Leben erfahren hat. In schwierigen Zeiten zeigt sich dann, wie man damit umgehen kann. Es kann dann unter Umständen wichtig werden, sich fachkundige Hilfe zu suchen, z. B. psychotherapeutische Unterstützung oder Beratung durch die Lebenshilfe, durch Sozialpädagogen etc. Wer das nicht tut und nicht bereit ist, Schuld und Verantwortung auch bei sich zu suchen, sondern sie immer nur an den Partner abgibt, guckt am Ende eben in die Röhre. Wenn einer der Partner nach wiederholten „Warnschüssen“ eben nicht mehr so tun kann, als wäre alles in Butter, kann eine Trennung das beste für beide sein. Wenn auch nur einer der beiden sein eigenes Lebensglück zu sehr beeinträchtigt sieht, muss er sich nicht zwingen, weiterhin faule Kompromisse einzugehen. Kompromisse ja, die gehören zu einer guten Beziehung immer dazu, aber eben keine faulen. Und seien wir mal ehrlich: wofür ist ein Lebenspartner da? Nicht zum Wäsche machen, bügeln, putzen, Essen kochen, nicht zur finanziellen Absicherung oder für ein wenig Spaß zwischendurch. Es gehört schon mehr dazu, gut miteinander auszukommen. Der berühmte „Seelenpartner“ ist da keine so schlechte Idee. Das gemeinsame Leben sollte auf gemeinsamen Ideen (von mir aus auf Idealen) und Werten beruhen, und sei es nur, sich das Leben nicht so kompliziert zu machen und das Chaos zu minimieren. Ach, es gäbe so vieles… .

Was erwarte ich von der Zukunft? Was stelle ich mir besser vor?

Kann es besser werden? Es muss besser werden, so viel steht fest. Einen weiteren Zusammenbruch aufgrund von zu hoher psychischer Belastung kann ich auch meinen Kindern gegenüber nicht verantworten.

Aber sollte man sich gleich in eine neue „Beziehung“ stürzen? Jein. Es ergibt sich eben manchmal und ist nicht immer voll beabsichtigt. Oft ist es wichtig, erst einmal Abstand zu gewinnen, um aus den Mustern der alten Beziehung ausbrechen zu können. Das ist ein Prozess. Das kann mehr oder weniger lange dauern. Was also tut man, wenn die vermeintlich „große Liebe“ bereits um die Ecke gebogen ist, während man noch die Altlasten bekämpft? Schwierig. Mir jedenfalls geht es mit dieser ganzen Geschichte gerade gar nicht gut. Ich bin unheimlich verunsichert, weil ich sowieso ansich kein resoluter und entscheidungsfreudiger Mensch bin – aufgrund von Angst vor Fehlern. Kopf und Bauch führen da schon mal den ein oder anderen Kampf. Wenn es dann auch in der neuen Verbindung zu Problemen kommt, wenn nicht nur Kraft gespendet, sondern durch ungünstige Umstände diese auch entzogen wird, kann dies zu einer weiteren belastenden Situation führen. Wir sind – gerade in Trennungs- und Neufindungsphasen – nicht unendlich belastbar. Hier gilt es, vor allem bei sich selbst zu bleiben. Als erstes achten und lieben wir uns am besten selbst und überlassen das nicht einer anderen Person. Das ist alles einfacher gesagt als getan, denn je nach eigener Konstitution führt das schon mal zu einem echten Dilemma.

Ruhe und ein geregeltes Leben

Ich würde mir wünschen, (innerlich) zur Ruhe kommen zu können. Daher wünsche ich mir eine baldige räumliche Trennung von meinem Noch-Ehemann und somit das Ordnen meiner Lebensverhältnisse, das „Erkunden“ (m)eines neuen Lebensweges. Im Sinne der Kinder, aber auch im Sinne der Erwachsenen. Dass ich leider zeitgleich schon Sehnsucht nach jemand habe, der irgendwann plötzlich und wirklich unerwartet in mein Leben getreten ist, dafür kann ich nichts. Das ist eben das Herz. Dagegen hat der Verstand einen schweren Stand. Ganz wichtig ist hier immer wieder: Geduld! Ohne die geht es nicht, ist aber nicht ganz einfach in dieser wirklich komplizierten Situation. Denn wie gesagt, Altlasten und den berühmten Rucksack bringt jeder mit, irgendwie sind wir alle mit Ängsten und Zweifeln ausgestattet. Vor allem, wenn wir schon ein ganzes Stück Leben hinter uns haben.

 

In Teil 4 – Eltern in Trennung, möchte ich mich im besonderen auf das Wohl der Kinder und unterschiedliche Familienkonstellationen konzentrieren. Dazu gibt es auch ein paar Buchtipps.

Am Strand des Lebens und des Todes

Fußspuren am Strand, im Hintergrund das Meer und der Himmel

Fußspuren am Omaha Beach in der Normandie (Bildrechte: dieverlorenenschuhe)

Ich laufe über den Strand, ziehe Schuhe und Strümpfe aus und laufe mit meinen nackten Füßen durch die Wasserstellen, welche das Meer zurückgelassenen hat. Das Wasser ist so kalt an diesem Tag Anfang Juni. Und der Wind peitscht mir den erneut eingesetzten Regen gegen meinen Körper. Meine hochgekrempelte Jeans ist binnen Sekunden völlig durchnässt und ich halte mir mühsam die Kapuze meiner Regenjacke fest über den Kopf gezogen und laufe, laufe bis nach vorne zu den Wellen des Atlantiks. Ich sehe den zwei Surfern zu, die den Wind ausnutzen und bin traurig, weil ich kein Foto von diesen Wellen machen kann, denn der Regen würde in genau diesem Moment mein Handy komplett hinweg spülen. Und der Wind weht den Regen gegen meine Brille, bis ich fast nichts mehr sehen kann. So viel Wasser von oben, von der Seite und von unten. Es ist einer der schönsten Momente, den ich mit mir ganz alleine seit langem verbringen darf. Ich bin unendlich glücklich in diesem einen Augenblick, ich spüre die Großartigkeit des Lebens, höre dem Wind zu und dem Rauschen der tosenden Wellen. Meeresrauschen! Freiheit! So wunderbar frei wie die Möwen über mir fühle ich mich jetzt gerade. Das hier ist mein Leben und gerade kann ich nicht anders als es einfach nur lieben.

Der Blick zurück

Und ich stehe an diesem Strand, wo vor genau 73 Jahren tausende meist sehr junger Männer gestorben sind. Und nicht nur an diesem Tag, sondern noch Wochen und Monate darauf. Bis heute gibt es so viel Leid und Elend, gibt es den sinnlosen Tod durch zu viele Kriege auf dieser Welt. Und hier stehe ich und versuche, das Leid und Chaos in meinem eigenen kleinen, bescheidenen Leben möglichst klein zu halten. Und da sind immer wieder all diese überwältigenden Gefühle. Sie kommen über mich wie die Wellen des Meeres über den Strand. Das macht mich oft hilflos und traurig. So traurig vor allem auch dann, wenn ich an all die Menschen denke, die nicht nur im Zweiten Weltkrieg ihr Leben verloren, ihre Träume, ihre Hoffnungen, sondern lange davor und es heute noch tun. Wie gut wir es doch haben, unglaublich gut. Und ich stehe hier, durchnässt und mit den Füßen im Sand versinkend und bin selber ganz klein und unbedeutend in Anbetracht der gewaltigen Geschichte dieses Ortes.

Der Blick nach vorn

Immer wieder wechseln sich Regen und Sonne an diesem Tag ab. Aber nach diesem starken Regenguss am Meer kommt mir alles ganz warm vor und die immer wiederkehrenden Sonnenstrahlen wärmen mich. Auch der Wind erscheint mir nun ganz warm und trocknet zumindest teilweise meine Hose. Ich setze mich ins Café und trinke chocolat chaud und bin dankbar. Einfach nur dankbar! Es wird schon alles gut werden, ich werde den passenden Weg finden und ihn gehen. Wir werden ihn gehen. Daran will ich einfach glauben.

 

Auf der Achterbahn der Gefühle

Ihre Gefühle fahren Achterbahn, ihre Gedanken stehen Kopf, drehen sich im Kreis. Immerzu, ohne anzuhalten. Sie mochte Achterbahnen noch nie, wollte nie wieder damit fahren. Nun ist sie freiwillig eingestiegen und fährt und fährt. Mal glaubt sie sich oben, da ist sie auch schon wieder unten. Wohin geht diese Fahrt und wie lange noch? Wann endlich darf sie aussteigen? Torkelnd vermutlich,  kaum mehr den Boden unter ihren Füßen spürend. Und sie ist müde, unendlich müde. Nur schlafen kann sie einfach nicht. Immer zu tief, immer gleich zu viel Herz. Zu viel Verletzlichkeit. Immer. Das gehört bei ihr wohl dazu, wenn es echt sein soll. Ist es echt? Ihr Herz schreit. Sowas von echt. Gewartet hatte sie, nur auf ihn. Die Suche ist vorbei. Sie lebt und liebt – endlich unendlich. Welch ein seltenes Glück. Doch sie weint. Was werden soll, weiß sie nicht.

Seit Jahren dieses Grübeln, dieses Überlegen, was werden soll. Weil die Situation im Grunde unerträglich für sie ist, sie aber nicht rauskommt aus ihr. Bisher. Sie hat es einfach nie geschafft, nie die Schritte gewagt, die nötig gewesen wären. Sie ist immer geblieben, wegen der Kinder natürlich und wegen des Hauses. Dieses Haus, welches so zu ihr zu passen schien. Als sie es sah, wollte sie unbedingt nur das. Wie alt und renovierungsbedürftig es wirklich ist, sah sie erst auf den zweiten und dritten Blick. Alt und renovierungsbedürftig, unperfekt eben, so wie sie selbst. Und vieles kam erst später, weil sie (er!) sich zu wenig zu kümmern bereit war. Ursprünglich wollte sie keine Immobilie erwerben. Zu viel Bindung. Und schon damals, als er sie beim Tapezieren herumkommandierte, bereute sie den Kauf. Es war falsch. Aber falsch waren nie die Kinder. Doch, zugegeben, auch diese Gedanken hatte sie, als sie ganz unten und vom Burnout gezeichnet keine Kraft mehr hatte. Aber sie träumte. Alleine mit ihren Kindern in dem Haus, wie schön wäre das. Aber sie kann es nicht schaffen. Finanziell nicht, weil neben dem Bedienen des Kredites ja auch viele Nebenkosten anfallen. Schon gar nicht, die Bude in Schwung zu bringen und zu erhalten. Und dann die viele Arbeit. Putzen, großes Grundstück. Das ist jetzt schon zu viel, wo noch ein Mann da ist, der durchaus mal etwas übernimmt (gerne erst nach mehrfacher Einladung).

Damals betrat sie das Haus das erste Mal und da war sofort dieses Gefühl von JA, das ist es. Und der Geruch im Keller erinnerte sie an das Haus ihrer Oma, an das direkt ihr kleines Elternhaus gebaut war. Omas Haus war nur wenige Jahre älter als ihr Haus. Und der Geruch auf dem  Dachboden? Ihr Elternhaus, eindeutig. Und als Kind hatte sie so gerne Zeit dort oben verbracht und in alten Sachen gestöbert. Überhaupt, altes, antiquiertes hat sie schon immer besonders fasziniert. Deswegen wohl auch dieses Haus mit den höheren Decken, der großen breiten Eingangstür und dem alten hohen Fliesenspiegel in der Küche, die natürlich nach Norden ausgerichtet ist. So war das damals. Unten in der „Waschküche“ steht noch der alte Waschzuber, in dem früher angefeuert und Wäsche gekocht wurde.

Und jetzt ist sie im Begriff, alles zu verlieren. Zum zweiten Mal verliert sie ein Haus, ein ZUHAUSE, an dem sie wirklich hing. Dieses Mal freiwillig – mehr oder weniger freiwillig. Jahrelang hat sie nicht zuletzt wegen dieses Hauses nichts unternommen, um aus dieser Beziehung auszubrechen, die schon lange nicht mehr zu ihr passt. Sie wollte alles für die Kinder erhalten – so wie es einst ihre Mutter für sie versuchte – und für sie selbst. Die schönen Tage im Garten. Perdü. Die Besonderheiten dieses Gebäudes – wird sie nie wieder haben. Zu einer Zeit, wo sie auch ihr Elternhaus gerade (zum zweiten Mal!) verloren hat und ihr am Ende, wenn sie Glück hat, nur ein paar wenige Tausender von ihrem Pflichterbteil bleiben – und die Erinnerungen, die richtig weh tun können, wenn sie es zulässt.

Sie wollte damals dort nicht wirklich weg und sie will es auch jetzt hier nicht. Aber sie sieht einfach keinen anderen Weg mehr. Mit einem Menschen zusammen zu leben, der sie sukzessive mit in den totalen Zusammenbruch getrieben hat durch seine ganze Art, seine Kommentare und auch Nicht-Kommentare, seine Ignoranz, auch der Ignoranz ihrer Gefühle, empathielos und gleichzeitig fordernd. Sie, das Vöglein im goldenen Käfig, das zu singen hat, wenn Gesang erwünscht. Und ansonsten den Schnabel zu halten und runterzuschlucken hat, was sie quält. Geht nicht mehr! Jetzt erst Recht nicht mehr.

Aber es tut so unendlich weh, wegen der Kinder, wegen ihres Traumes von der heilen Familie, die sie selber damals als Teenager für immer verlor. Immer wieder hat sie ihm eine Chance gegeben – und selbst verdrängt, dass es einfach nicht der richtige Weg für sie sein konnte. Nicht alt werden mit ihm, sondern mit ihren Kindern. Sie wollte durchhalten, bis die Kinder groß sind. Dann hätte sie ihnen vermutlich zwar auch das Elternhaus genommen, aber bis dahin hätten sie dort eine schöne Zeit gehabt.Vielleicht können sie das auch immer noch… Aber wenn sie jetzt nicht geht – innerlich ist sie längst gegangen, wird es sie komplett zerstören. Sie muss es tun, und weint dabei bitterlich. Den eigenen Arsch retten, wie egoistisch. Ihre eigene Mutter hatte es auch lange Zeit versucht, wollte alles aufrecht erhalten. Sie selber hat genau das gleiche gemacht und ist ebenso gescheitert. Die Kinder werden es irgendwann verstehen, aber es wird Wunden reißen und Narben hinterlassen.

Und sie träumt davon, alles richtig gut und freundschaftlich zu meistern, die Trennung und irgendwann die Scheidung. Einvernehmlich, so nennt man das. Trotzdem für die Kinder gleichermaßen da sein, Vorbild sein für die Kinder und für andere Paare, das wünscht sie sich so sehr. Das macht sie eigentlich am meisten traurig, dass er behauptet er wolle, dass es den Kindern gut geht, aber so dagegen arbeitet. Nur weil er von der emotionalen Ebene nicht mal in die rationale Ebene schalten kann, weil es die bei ihm nicht gibt. Und emotional bedeutet hier, männliches Machtgehabe, Rachegelüste, Besitzdenken.

Das alles wird sie sehr viel kosten. Jetzt werden eben auch in diesem Bereich viele Federn gelassen werden müssen. So ist das. Strafe muss sein.

Und immer wieder schleichen sich die Zweifel ein. Nicht in ihr Herz, das weiß was es will. Aber der Verstand schüttelt mit dem Kopf und flüstert weiterhin, „Du bist geboren um Dich aufzuopfern. Du hast diese Entscheidungen einst gefällt, also stehe das jetzt auch durch. Auch wenn es Dich umbringt. Besser hast Du es nicht verdient! Eigenes Glück ist doch nichts gegen das Glück Deiner Kinder“.
Sich aufopfern für andere, das hallt irgendwie tief in ihr nach. Ist das das Leben, wovon sie geträumt hat? Sind sie wirklich glücklicher, wenn die Mama es nicht ist, weil sie mit ihrem Vater schon sehr, sehr lange nicht mehr klar kommt, ihn auch nicht mehr liebt und teilweise sogar Gefühle wie Hass empfindet? Ist das wirklich besser? Sie denkt Nein.

So ist das. Sie liebt und möchte lieben und geliebt werden und vor allem will sie leben, ihr eigenes Leben. Und nicht das von einer Frau, die sie gar nicht kennt. Denn das hier, das ist sie nicht.

Reblogged: „Ich will nicht brennen. Ich will glühen.“

Vor wenigen Wochen bin ich auf einen neuen Blog gestoßen. Nun, das ist ansich nichts ungewöhnliches, wenn man seine EntspannungsMomente u. a. gerne damit verbringt, sich durch diverse Blogs zu lesen. Allerdings hat nicht jeder das Potential, mich so zu fesseln, dass ich immer wieder rein schauen möchte. Bei meiner Neuentdeckung jedoch stimmen die Inhalte, und die Autorin – im übrigen 3-fache Mutter – hat einen, wie ich finde fantastischen Schreibstil. Sie schafft wunderbare Bilder (Metaphern) zu Themen, die interessieren. Ihr aktuellster Beitrag beschäftigt sich so auch mit dem „Ausbrennen“. Ihre Worte tun gut und ich habe beim Lesen die ganze Zeit zustimmend nicken können.

Ihr (Lebens-)Motto lautet dann auch, „Sei dir gut!“

Drei so einfach klingende Worte, die so viel bewirken, wenn wir uns nur täglich an sie erinnern und versuchen, danach zu leben.

Aber lest selbst! Hier findet ihr besagten Blogeintrag. Liebe Natalia, herzlichen Dank für deine Erlaubnis zum Rebloggen deines Textes zum Thema Burnout.

 

Das Chaos in meinem Kopf – und drum herum

Ich hasse (dieses) Chaos um mich herum, es macht mich schier wahnsinnig! Unordnung und Dreck zähle ich dazu, und das habe ich reichlich mit zwei Kleinkindern und einem Mann (diese Spezies ist ja nicht gerade berühmt für ihr Ordnungsverhalten). Ich lebe in einem renovierungsbedürftigen, fast 60 Jahre altem Haus und kriege hier fast nichts mehr auf die Reihe. Denn die Baustellen anzugehen bedeutet in der Regel: alles selber machen / organisieren.

Und so organisiere ich und mache so vieles, den lieben langen Tag! Aber ich kann nicht alles alleine anpacken, ich schaffe es nicht. Es ist zu viel,und das schon viel zu lange. Mit einem eher inaktivem, bezüglich mancher Themen gleichgültig erscheinenden Partner an meiner Seite und den zwei teilweise etwas arbeitshemmenden Kleinkindern trete ich in vielen Belangen auf der Stelle. Und so habe ich auch mich selber über Jahre sträflich vernachlässigt (ich meine jetzt nicht die tägliche Körperpflege, obwohl die Beinrasur oder gar Augenbrauenzupfen inzwischen eher einer mittelgroßen Herausforderung gleichen).

„Wir räumen das [Chaos] jetzt auf“

Dies sagte meine Therapeutin heute sinngemäß am Ende unserer zweiten „Sitzung“ zu mir. Da erzähle ich einem im Grunde genommen wildfremden Menschen mein Leben, lege meine Biografie offen dar, antworte auf Fragen, und es fällt mir erstaunlich leicht, dies zu tun. Irgendwie tut das gut. Ich bin sehr mitteilungsbedürftig. Die 50 Minuten vergehen wie im Fluge.

Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie nennt sich das. In der letzten Stunde habe ich den Unterschied gelernt zwischen Psychologen und Psychiater (letztere haben auch ein Medizinstudium absolviert und dürfen somit Medikamente verschreiben – und benutzten zur Analyse gerne auch noch mal die Couch á la S. Freud), Verhaltenstherapie (beschäftigt sich mehr im „Heute“) und eben dem, was ich jetzt mache. Und das kommt mir entgegen, denn ich brauche bewußt diese Reise in meine Vergangenheit, das Eintauchen in meine persönliche Biografie nicht nur durch mich selber, um auch im Hier und Jetzt vielleicht endlich einmal aufräumen zu können.

Anfangs war ich noch skeptisch, das Prozedere war mir fremd und ich habe nach dem ersten Treffen überlegt, ob es das Richtige für mich ist. Auch die letzten Tage habe ich das ein oder andere Mal darüber gegrübelt, wie beknackt ich jetzt eigentlich bin, dass ich so eine Psychotherapie mache, da sitze und einem fremden Menschen alles über mich preisgebe, selber über diese Person aber gar nichts erfahre. Doch ich bin froh, diesen Schritt endlich gewagt zu haben. Zu lange habe ich alles mit mir selber ausgemacht ohne mit jemand anderes ernsthaft darüber zu reden, was mich umtreibt und beschäftigt, nicht loslässt. Für manche wäre bin ich jetzt vermutlich trotzdem ein Psycho, krank im Kopf, bescheuert oder so. Ich finde mich eigentlich noch relativ normal, also so normal durchgeknallt, wie ich es schon immer war. Weder glaube ich, wirklich psychisch krank zu sein, noch leide ich für mich erkennbar an einer schweren Depression. Jedoch ist es nicht meine Aufgabe, das zu beurteilen. Bezahlt wird dafür die Frau Psychologin.

Wie wird es weitergehen?

Das kann ich heute auch noch nicht sagen, es wird eine Weile dauern, bis sich vielleicht erste „Erfolge“ einstellen. Noch sind die 5 „Testsitzungen“ auch nicht vorbei. Aber es macht mir Mut. Auch dahingehend, einmal den Schritt zu gehen, alles aufzuschreiben, also ernsthaft, und dabei ebenso chronologisch vorzugehen wie jetzt beim Erzählen. Ich habe erkannt, dass mein Leben nicht so rund läuft, wie ich es gerne hätte, und dass ich mir selber bei vielem im Wege stehe. Dass mir zu vieles im Alltag zu schwierig erscheint und das meine Erschöpfung von mir alleine nicht in den Griff zu bekommen ist. Mit 40 Jahren ist es sicherlich kein schlechter Zeitpunkt, eine erste Bilanz zu ziehen.