Mein liebes inneres Kind,

ich schreibe Dir heute diese Geschichte. Ich muss Dich loslassen, aber es gelingt mir nicht. Bitte verzeih mir all den Schmerz, den Du meinetwegen ertragen musstest und noch immer musst. Lies meine Worte bitte aufmerksam und versuche, zu verstehen:

Ihr inneres Kind möchte gestreichelt werden, es möchte doch einfach nur mal gestreichelt und verstanden werden. Möchte, dass ihm jemand sanft über den Kopf streichelt, übers Haar streicht und sagt, „Ich verstehe Dich!“ und „Alles wird gut!“ Sie sehnt sich so sehr nach innerer Ruhe und innerem Frieden, zusammen mit dem Kind in ihr, das  einst so viele Verletzungen davon getragen haben muss.

Er kam ihrem inneren Kind so nah wie kein anderer zuvor. Er hat ihre Seele gestreichelt wie es niemand zuvor vermochte. Und doch blieb vieles unerreicht.

Ihr inneres Kind sehnt sich nach Liebe, so wie es Kinder nun einmal tun. Bedingungslose Liebe. Sie selber hat sich nach bedingungsloser Liebe gesehnt, auch danach, diese geben zu können.  Ihr inneres Kind sehnt sich wie alle Kinder danach, angenommen zu werden ganz so, wie es nun einmal ist. Immer wieder weint ihr inneres Kind bitterlich. Es ruft, doch niemand hört es, niemand kommt zu ihm. Es schreit vor lauter tief empfundenem Schmerz und manchmal schlägt es um sich, weil es sich hilflos fühlt und einfach nicht weiter weiß in all dem Schmerz. Wohin damit? Wohin mit sich? Aber es bleibt allein, unbeachtet. Es möchte doch einfach nur gesehen werden, auch etwas Aufmerksamkeit bekommen. Echte, die nur ihm gilt. Möchte den Schmerz darüber abschütteln können, nicht zu genügen. Immer wieder dieses, „Ich bin nicht gut genug. Ich genüge nicht!“ Es fühlt sich selbst all der Liebe nicht wert, die es zuletzt erfahren durfte. Wertlos, nicht liebenswert, innerlich hässlich. Es soll immer nur funktionieren, aber es funktioniert nicht, denn es lebt in seiner eigenen Welt. Und diese Welt ist noch immer voller Schmerz.

Er, der neue Mann in ihrem Leben, war nah dran an ihrem inneren Kind. Er hat selber so ein inneres Kind, das manchmal weint und tieftraurig ist. Das so voller Gefühl, vor allem aber von so viel Sensibilität und Verletzlichkeit geprägt ist. Sein inneres Kind sucht ebenso nach Liebe, Geborgengeit und Halt im Leben. Da sind auch tief verborgene Schuldgefühle, die auch ihr inneres Kind mit sich herum trägt. Er empfindet Schuldgefühle gegenüber denen, die so viel für ihn aufgaben und opferten, damit er es besser hat. Nun opfert er sich, um alles wieder gut zu machen. Und sie schaut zu, ist alleine und weint, rollt sich zusammen und sagt zu ihm, „Geh weg, Du erkennst mich auch nicht! Du willst mich auch nicht wirklich, bedingungslos.“

Sie kann nicht erwarten, dass der andere, der Mensch, mit dem sie nun fast auf den Monat genau 17 Jahre zusammen gelebt hat, nur einen Hauch von Mitgefühl mit ihr hätte, auch wenn er das selbst für sich einfordert. Er hatte dies in den ganzen letzten Jahren nicht. Er versteht bis heute nicht, dass er sie mit all dem, was er tat bzw. nicht tat, mit all dem, was er sagte bzw. auch nicht sagte, zutiefst verletzte. Immer wieder. Er konnte nie auch nur ein Fünkchen Verantwortung für die Situation bei sich selber suchen, er konnte nie „Entschuldigung“ sagen oder es von Herzen so meinen. Er konnte sie auch nicht wertschätzen für all das, was sie getan hat und was sie immer wieder weit über ihre Kräfte forderte. Da fehlten Worte, da fehlten Gesten. Da fehlte einfach die emotionale Unterstützung und das Verständnis, dass sie und ihr inneres Kind in den anstrengenden Zeiten gebraucht hätten. Und nicht nur in diesen. Und somit konnte auch sie immer weniger geben von all dem, was sie so gerne gegeben hätte. Er hat sie und ihr inneres Kind gar nicht beachtet. Dabei hat auch er so ein inneres Kind, doch schafft er es nicht, diesem aufmerksam zuzuhören. Wie also könnte er sich in einen anderen Menschen so weit hineinfühlen, wenn er es schon bei sich selber nicht schafft? Sie hatte ihn immer wieder drum gebeten, aber er konnte es nicht. Es war schlicht von ihr zu viel verlangt. Mühsam, darüber noch weiter nachzudenken. Sie tut es trotzdem immer wieder.

Sie hat ja in seinen Augen auch immer ausreichend funktioniert, hat zwei Kinder innerhalb von 25 Monaten auf die Welt kommen lassen. Hat heftige Schwangerschaftsbegleiterscheinungen und viel Schlafmangel weggesteckt. Sie hat immer schnell wieder den Job gemacht wie zuvor, fast wie zuvor. Sie hat versucht (!), alles mit so viel Perfektionismus anzugehen wie bisher, nur dass da nun auch noch zwei Kinder und die schier erdrückende Verantwortung für diese kleinen Menschlein hinzukam. Ihr inneres Kind hat lauter gerufen als je zuvor. Und noch weniger als je zuvor konnte es gesehen werden. Wenn da jemand gewesen wäre. Wenn er damals schon da gewesen wäre, dann… Vielleicht.

Und jetzt weiß sie nicht, was sie tun soll. Es wird nicht so werden wie es ihr inneres Kind und wie auch sie es bräuchte. Niemand da, der ihr über den Kopf streichelt und sagt, „Alles wird gut!“ und „Wir schaffen das gemeinsam, zusammen sind wir stark genug gegen den Rest der Welt!“ Sie weiß, dass auch ihm das gerade schwer fällt und ihm die Kraft dazu fehlt. Im Moment. Aber vielleicht auch für immer. Auch wenn er sie gesehen hat, mehr, als je ein Mensch zuvor sie sehen konnte. Weil er sich die Mühe machte, immerhin das. Sie wollte auch sein inneres Kind behutsam in den Arm nehmen, immer wieder. Sie wollte so vieles und will es noch immer. Zu viel. Das Herz war laut, ist es noch immer. Sie wollte viel zu viel, viel zu sehr. Sie hat diese Träume und muss sie nun endlich begraben, viel zu lange hat sie sich dagegen gewehrt, sie endlich zu begraben. Für immer. Und sie weiß nicht weiter. Wenn er doch nur käme, ihr über den Kopf zu streicheln und sagte, „Alles wird gut. Ich bin da und wir schaffen das gemeinsam! Einfach, weil wir uns lieben. Weil diese Liebe groß genug ist, um Berge zu versetzen. Wir werden allem trotzen, was sich uns in den Weg stellt. Gemeinsam.“ Aber das ist viel zu viel verlangt und das weiß sie, auch wenn sie selber schon lange bereit dazu ist.

– „Ihr seid ein echtes Dreamteam“, sagte der unwissende Freund gestern noch. Er meinte wohl nur das gemeinsame Mischen der Spielkarten.

 

(Dieser Text entstand nach drei extrem schlaflosen Nächten (2, 3 und 4 Stunden) und sehr viel emotionalem Kummer. Völlig fertig, sie wird versuchen, weiter zu funkionieren, weil sie es muss. Die Hoffnung stirbt immer noch zuletzt).

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Keine Gefühle ist auch keine Lösung. Über die Liebe

Oder: Warum wir die Liebe brauchen und die Liebe uns.

Manchmal, wenn der Schmerz der Sehnsucht und des Vermissens zu unerträglich wird, weiß ich einfach nicht mehr, wovon ich noch träumen soll. Dabei habe ich lange nicht alles erreicht. Viel zwar schon, für manchen Außenstehenden sogar scheinbar alles, aber wer weiß schon, wie es wirklich in mir drinnen aussieht? Da ist diese immer wiederkehrende Leere, manchmal sogar Hoffnungslosigkeit, obwohl ich doch vieles positiv zu sehen versuche. An manchen Tagen liegt die Zukunft nur wage im Nebel.

Wenn der Schmerz mich wieder zu sehr übermannt, versuche ich einfach, gar nichts mehr zu fühlen – nur für den Moment. Und versage mir in diesem einen Moment, alle meine Träume zu träumen. Einfach von nichts mehr zu träumen, was mich umtreibt, beschäftigt, was ich zu gerne Wirklichkeit werden lassen würde, aber was nicht sein kann. Noch nicht. Vielleicht nie. Träumen verboten! Hoffen auch! Das große Glück zum Greifen nah und im nächsten Moment wieder unerreichbar fern. Was ist Glück überhaupt? Und wieviel darf man davon für sich selbst beanspruchen, was darf man erwarten, was sich gar nehmen? Muss es alles sein, oder reicht das kleine Glück. Bin ich einfach nur nicht bescheiden genug, dass ich immer (gleich) alles will?

Dieses eine Leben, das wir nur haben, es muss gut sein. Das erzeugt Druck. Auch Ungeduld, vor allem, wenn man sich bereits in der Mitte des Lebens befindet und die Sehnsucht riesengroß ist. Weil man nun sieht, wie es überhaupt richtig gut sein kann. Zum ersten Mal diese Ahnung davon, wie schön das Leben sein könnte, wenn… . Wie schön das Leben hätte sein können!

Erwarte ich also zu viel, verlange ich gar Unmögliches von meinem Schicksal? Sind meine Wünsche an das Universum zu unrealistisch? Dabei ist das Schicksal erst in jüngster Zeit so unglaublich gut zu mir gewesen. Es hat mir in einer Zeit der Hoffnungslosigkeit und Aussichtslosigkeit ein Zeichen gesandt. Und ich las es erst heute auf einem anderen Blog, diesen einen Satz, „Pfeiff‘ auf die erste große Liebe….Auf die letzte große Liebe kommt es an!“ (Nachzulesen in einem tollen Beitrag über die Liebe hier). Das ist so wahr, genauso wie die Aussage, dass man zur Liebe bereit sein und sich nicht aus Einsamkeit dazu verleiten lassen sollte. Das sind Fehler meiner Vergangenheit, die nur schwer wieder gerade biegen zu sind. Die Wunden sind groß und Narben werden bleiben, so oder so. Und doch muss ich lernen, das Vergangene vom Heute zu trennen – und (m)einen neuen Weg völlig unbedarft zu gehen. Das ist so schwer.

Ich bin bereit, bereit für die letzte große Liebe, für ein „für immer“. Endlich fühle ich dieses „Das ist der, mit dem ich alt werden will“. Zum allerersten Mal in meinem Leben. Ein erhabenes Gefühl. Ich bin dankbar für Engel und Schicksal. Ich bin dankbar. Dankbar für zwei gesunde Kinder und für meine gut bezahlte, feste Stelle. Das schöne (renovierungsbedürftige) alte Haus. Für vieles in meinem Leben habe ich hart gearbeitet und dafür auf anderes verzichtet. Denn natürlich ist mir bewusst, dass ich nicht alles haben kann. Was mehr darf ich also noch erwarten? Das alles so bleibt, schwere Schicksalsschläge ausbleiben, sollte mir doch gefälligst genügen. Bescheidenheit ist angesagt. Aber ich wollte schon immer ein klein wenig mehr. Und niemals Stillstand, gar Rückschritt akzeptieren.

Eine gute Partnerschaft, ein harmonisches Familienleben, danach sehne ich mich schon so lange. Denn ich war jahrelang schlicht „zweisam einsam“! Diese Sehnsucht nach Geborgenheit, nach Verständnis, gegenseitiger Wertschätzung, dieses „Ein-Team-Sein“, gemeinsame Ziele verfolgen und reden können und noch so einiges mehr, alles basierend auf einer tiefen, innigen und aufrichtigen Liebe füreinander – den starken Wunsch danach hatte ich letzten Endes aufgegeben und verdrängt. Bis er wieder spürbar wurde, weil ich wieder etwas spüren konnte. Weil ich wieder Gefühle zulassen konnte. Weil ich es mir wieder Wert bin. Und damit wurde so vieles in mir wieder zu neuem Leben erweckt. Nicht zuletzt auch die Hoffnung. Und die mag ich einfach nicht begraben. Nein, nein, nein!

Manchmal braucht es den totalen Zusammenbruch , damit sich wirklich etwas ändern kann. Auch das vermeintlich Schlimme hat seine guten Seiten. Also schaue ich nach vorne, nicht mehr zurück. Ich gehe gestärkt, ja, so stark wie seit vielen Jahren nicht mehr meinen Weg! Ich bin wachsam und gewappnet. Und ich bin dankbar!

Über Mut im Leben

„Mut ist manchmal pure Unwissenheit“, sagt der Kommissar aus dem schweizer Tatort, den ich gestern zu später Stunde noch auf dem Fernsehsender One (früher Einsfestival) gesehen hatte, als er mit einem Koffer voller Klamotten die Wohnung seiner Freundin betritt. Beide, so hatte ich im Laufe des Tatorts gelernt, hatten gerade ihr 1-jähriges Beziehungsjubiläum gefeiert, sie ist zudem die Mutter zweier Kindern. In einer früheren Szene schlich er sich des Abends auf Socken in die gleiche Wohnung, sie fragte ihn, warum er das täte, und er antwortete so etwas wie, „Ich dachte, die Kinder schlafen schon“. Sie sagte daraufhin, „Die zwei sind bei ihrem Vater!“

Abgesehen von der Rahmengeschichte, in der es um Tod, Mord und Posttraumatische Belastungsstörung geht, hat mich diese Liebesgeschichte um den nicht mehr so ganz jungen Kommissar und seine ebenfalls lebenserfahren wirkende Geliebte sehr beeindruckt. Ich gucke eigentlich nie Tatort, vielleicht einen im Jahr. Denn ich gucke nur noch äußerst selten Fernsehen(*).Und obwohl ich schon zu so später Stunde am liebsten in den Schlafmodus gefallen wäre, musste ich unbedingt wissen, wer der Mörder ist (es war die Psychologin, nicht der Gärtner) und wurde durch diesen allerletzten Satz des Films belohnt:

„Mut ist manchmal pure Unwissenheit!“

Die erste Szene des Films zeigt das noch relativ frisch verliebte Paar, als es bei einem Lagerfeuer auf ihr 1-Jähriges anstößt. Sie sagt so etwas wie, „Heute sind wir seit einem Jahr zusammen“ und er sagt, „Ich dachte, das wäre erst in 3 Wochen. Unsere erste Nacht im Hotel…“, und sie sagt daraufhin, „Der erste Kuss zählt, nicht die erste Nacht im Hotel!“

Später, nach dem er sich wie oben erwähnt, in Socken über das  Parkett schlich und beide Sex gehabt haben (nur so eine Vermutung!), steht er aus ihrem Bett auf, sie bleibt liegen, sagt aber, „Bitte bleib!“ und er antwortet, „Gib mir noch Zeit!“ Daraufhin sagt sie nichts, beide lächeln sich an (glaube ich zumindest. Also, ich hätte das getan), er geht und sie kuschelt ihr Gesicht ins Kissen. In dem Moment hatte ich fast so etwas wie ein Déjà-Vu… .

Am Ende beweist der Mann also Mut, Mut aus Unwissenheit. Sein Fall ist gelöst, er zieht quasi bei ihr ein, zeigt ihr, dass er nun bereit ist, die Nächte bei ihr zu verbringen – und vielleicht auch mehr. Denn irgendwo sind ja auch noch ihre zwei Kinder, die vermutlich nicht immer bei deren Vater sein werden. Er kann nicht wissen, wie das Leben mit zwei Kindern ist, denn scheinbar hatte er zuvor auf dem Gebiet keine Erfahrung. Hatte noch zu seinem früheren Kumpel vom Militär, in diesem Fall das PTBS-Opfer im Film gesagt, nach dem dieser zu ihm meinte, er hätte Familie, zwei Kinder (aber getrennt, wie sich kurz darauf herausstellt), er selber hätte dies noch nicht „geschafft“.

Das mit dem Mut im Leben ist nicht immer ganz einfach. Ich selber würde mich als wenig mutig bezeichnen. Ich war schon als Kind nicht so der Draufgänger-Typ, eher ängstlicher Natur. Und dennoch habe ich in meinem Leben ein ums andere Mal Mut bewiesen.

Sehr mutig war ich vor 13 Jahren, als ich meine alten Jobs kündigte, um einen neuen Traumjob, relativ sicher und gut bezahlt, zu ergattern. Noch bevor ich also Probespiel und andere Einstellungstests erfolgreich absolviert hatte, setzte ich alles auf eine Karte, kündigte meine Honorarstellen an drei Musikschulen in meiner Studienstadt und nutzte die gewonnene Zeit, um mich intensiv auf die anstehenden Prüfungen vorzubereiten. Um weiter die Miete zahlen zu können, musste ich Sozialhilfe (war noch vor Hartz 4) beantragen, was finanziell übrigens auf das gleiche rauskam wie mit den Honorarstellen. Ich fühlte mich nur nicht unbedingt besser dabei, so als Bittsteller beim Staat.

Wieso machte ich das so? Ich wollte einen geraden Schnitt, wollte meine SchülerInnen nicht mitten im Schuljahr im Stich lassen, und so trat meine Kündigung zu Beginn der Sommerferien in Kraft. Ein bißchen Schuld hatte ich daran, dass ich danach nicht sofort die neue Stelle antreten konnte, weil mir zuvor der Mut gefehlt hatte, mich endlich darauf zu bewerben. Und wie gesagt, so hatte ich viel Zeit. Die brauchte ich vielleicht auch, denn am Ende schaffte ich es, mein Mut wurde belohnt. Den Job mache ich nun seit fast 13 Jahren und bin sehr dankbar dafür und froh über meinen Mut.

Ganz unwissend war ich damals vielleicht nicht, ich hatte zumindest eine wage Vorstellung, was mich erwarten würde, kannte andere, die mir davon erzählt hatten. Aber wie es wirklich sein würde, sich für mich und mein Leben anfühlen würde, wusste ich erst, als ich mittendrin steckte.

Ähnlich erging es mir dann 7 Jahre später, als ich Mutter wurde. Die Aussage, „Das hast Du doch vorher gewusst“, habe ich zwar einige Male gehört, doch kann ich dazu inzwischen nur noch mit dem Kopf schütteln. Sie kommt in den allermeisten Fällen von Unwissenden, also Kinderlosen.

Kinder zu bekommen erfordert Mut, viel Mut. In unserer heutigen Zeit und Gesellschaft mehr denn je. Ein Mann, der sich für eine Frau entscheidet, die Kinder mit in in die Verbindung bringt, braucht es Mut, Vetrauen in sich und sie, Zuversicht und viel Liebe.  Umgekehrt übrigens auch. Es gibt ja auch Väter, die neue Beziehungen eingehen. Ich glaube daran. Ich glaube auch an das Funktionieren von Patchwork-„Systemen“. Es erfordert nur viel Gefühl, Menschenverstand und eben Mut. Ich selber bin mutig, bin dieses Jahr bereits sehr mutig gewesen und froh und auch stolz auf mich. Endlich springen. Das Seil wird halten, der Fallschirm schon aufgehen. Urvertrauen und Mut!

 

(*)Abgesehen davon gucke ich meistens auf meinem Laptop per Livestream, so wie gestern, oder suche mir etwas in der Mediathek. Gestern wollte ich sogar richtig fernsehen, aber leider hatte wohl nach „Die Sendung mit der Maus“ irgendetwas (oder irgendwer?) unseren Receiver geschrottet.

Auf der Achterbahn der Gefühle

Ihre Gefühle fahren Achterbahn, ihre Gedanken stehen Kopf, drehen sich im Kreis. Immerzu, ohne anzuhalten. Sie mochte Achterbahnen noch nie, wollte nie wieder damit fahren. Nun ist sie freiwillig eingestiegen und fährt und fährt. Mal glaubt sie sich oben, da ist sie auch schon wieder unten. Wohin geht diese Fahrt und wie lange noch? Wann endlich darf sie aussteigen? Torkelnd vermutlich,  kaum mehr den Boden unter ihren Füßen spürend. Und sie ist müde, unendlich müde. Nur schlafen kann sie einfach nicht. Immer zu tief, immer gleich zu viel Herz. Zu viel Verletzlichkeit. Immer. Das gehört bei ihr wohl dazu, wenn es echt sein soll. Ist es echt? Ihr Herz schreit. Sowas von echt. Gewartet hatte sie, nur auf ihn. Die Suche ist vorbei. Sie lebt und liebt – endlich unendlich. Welch ein seltenes Glück. Doch sie weint. Was werden soll, weiß sie nicht.

Seit Jahren dieses Grübeln, dieses Überlegen, was werden soll. Weil die Situation im Grunde unerträglich für sie ist, sie aber nicht rauskommt aus ihr. Bisher. Sie hat es einfach nie geschafft, nie die Schritte gewagt, die nötig gewesen wären. Sie ist immer geblieben, wegen der Kinder natürlich und wegen des Hauses. Dieses Haus, welches so zu ihr zu passen schien. Als sie es sah, wollte sie unbedingt nur das. Wie alt und renovierungsbedürftig es wirklich ist, sah sie erst auf den zweiten und dritten Blick. Alt und renovierungsbedürftig, unperfekt eben, so wie sie selbst. Und vieles kam erst später, weil sie (er!) sich zu wenig zu kümmern bereit war. Ursprünglich wollte sie keine Immobilie erwerben. Zu viel Bindung. Und schon damals, als er sie beim Tapezieren herumkommandierte, bereute sie den Kauf. Es war falsch. Aber falsch waren nie die Kinder. Doch, zugegeben, auch diese Gedanken hatte sie, als sie ganz unten und vom Burnout gezeichnet keine Kraft mehr hatte. Aber sie träumte. Alleine mit ihren Kindern in dem Haus, wie schön wäre das. Aber sie kann es nicht schaffen. Finanziell nicht, weil neben dem Bedienen des Kredites ja auch viele Nebenkosten anfallen. Schon gar nicht, die Bude in Schwung zu bringen und zu erhalten. Und dann die viele Arbeit. Putzen, großes Grundstück. Das ist jetzt schon zu viel, wo noch ein Mann da ist, der durchaus mal etwas übernimmt (gerne erst nach mehrfacher Einladung).

Damals betrat sie das Haus das erste Mal und da war sofort dieses Gefühl von JA, das ist es. Und der Geruch im Keller erinnerte sie an das Haus ihrer Oma, an das direkt ihr kleines Elternhaus gebaut war. Omas Haus war nur wenige Jahre älter als ihr Haus. Und der Geruch auf dem  Dachboden? Ihr Elternhaus, eindeutig. Und als Kind hatte sie so gerne Zeit dort oben verbracht und in alten Sachen gestöbert. Überhaupt, altes, antiquiertes hat sie schon immer besonders fasziniert. Deswegen wohl auch dieses Haus mit den höheren Decken, der großen breiten Eingangstür und dem alten hohen Fliesenspiegel in der Küche, die natürlich nach Norden ausgerichtet ist. So war das damals. Unten in der „Waschküche“ steht noch der alte Waschzuber, in dem früher angefeuert und Wäsche gekocht wurde.

Und jetzt ist sie im Begriff, alles zu verlieren. Zum zweiten Mal verliert sie ein Haus, ein ZUHAUSE, an dem sie wirklich hing. Dieses Mal freiwillig – mehr oder weniger freiwillig. Jahrelang hat sie nicht zuletzt wegen dieses Hauses nichts unternommen, um aus dieser Beziehung auszubrechen, die schon lange nicht mehr zu ihr passt. Sie wollte alles für die Kinder erhalten – so wie es einst ihre Mutter für sie versuchte – und für sie selbst. Die schönen Tage im Garten. Perdü. Die Besonderheiten dieses Gebäudes – wird sie nie wieder haben. Zu einer Zeit, wo sie auch ihr Elternhaus gerade (zum zweiten Mal!) verloren hat und ihr am Ende, wenn sie Glück hat, nur ein paar wenige Tausender von ihrem Pflichterbteil bleiben – und die Erinnerungen, die richtig weh tun können, wenn sie es zulässt.

Sie wollte damals dort nicht wirklich weg und sie will es auch jetzt hier nicht. Aber sie sieht einfach keinen anderen Weg mehr. Mit einem Menschen zusammen zu leben, der sie sukzessive mit in den totalen Zusammenbruch getrieben hat durch seine ganze Art, seine Kommentare und auch Nicht-Kommentare, seine Ignoranz, auch der Ignoranz ihrer Gefühle, empathielos und gleichzeitig fordernd. Sie, das Vöglein im goldenen Käfig, das zu singen hat, wenn Gesang erwünscht. Und ansonsten den Schnabel zu halten und runterzuschlucken hat, was sie quält. Geht nicht mehr! Jetzt erst Recht nicht mehr.

Aber es tut so unendlich weh, wegen der Kinder, wegen ihres Traumes von der heilen Familie, die sie selber damals als Teenager für immer verlor. Immer wieder hat sie ihm eine Chance gegeben – und selbst verdrängt, dass es einfach nicht der richtige Weg für sie sein konnte. Nicht alt werden mit ihm, sondern mit ihren Kindern. Sie wollte durchhalten, bis die Kinder groß sind. Dann hätte sie ihnen vermutlich zwar auch das Elternhaus genommen, aber bis dahin hätten sie dort eine schöne Zeit gehabt.Vielleicht können sie das auch immer noch… Aber wenn sie jetzt nicht geht – innerlich ist sie längst gegangen, wird es sie komplett zerstören. Sie muss es tun, und weint dabei bitterlich. Den eigenen Arsch retten, wie egoistisch. Ihre eigene Mutter hatte es auch lange Zeit versucht, wollte alles aufrecht erhalten. Sie selber hat genau das gleiche gemacht und ist ebenso gescheitert. Die Kinder werden es irgendwann verstehen, aber es wird Wunden reißen und Narben hinterlassen.

Und sie träumt davon, alles richtig gut und freundschaftlich zu meistern, die Trennung und irgendwann die Scheidung. Einvernehmlich, so nennt man das. Trotzdem für die Kinder gleichermaßen da sein, Vorbild sein für die Kinder und für andere Paare, das wünscht sie sich so sehr. Das macht sie eigentlich am meisten traurig, dass er behauptet er wolle, dass es den Kindern gut geht, aber so dagegen arbeitet. Nur weil er von der emotionalen Ebene nicht mal in die rationale Ebene schalten kann, weil es die bei ihm nicht gibt. Und emotional bedeutet hier, männliches Machtgehabe, Rachegelüste, Besitzdenken.

Das alles wird sie sehr viel kosten. Jetzt werden eben auch in diesem Bereich viele Federn gelassen werden müssen. So ist das. Strafe muss sein.

Und immer wieder schleichen sich die Zweifel ein. Nicht in ihr Herz, das weiß was es will. Aber der Verstand schüttelt mit dem Kopf und flüstert weiterhin, „Du bist geboren um Dich aufzuopfern. Du hast diese Entscheidungen einst gefällt, also stehe das jetzt auch durch. Auch wenn es Dich umbringt. Besser hast Du es nicht verdient! Eigenes Glück ist doch nichts gegen das Glück Deiner Kinder“.
Sich aufopfern für andere, das hallt irgendwie tief in ihr nach. Ist das das Leben, wovon sie geträumt hat? Sind sie wirklich glücklicher, wenn die Mama es nicht ist, weil sie mit ihrem Vater schon sehr, sehr lange nicht mehr klar kommt, ihn auch nicht mehr liebt und teilweise sogar Gefühle wie Hass empfindet? Ist das wirklich besser? Sie denkt Nein.

So ist das. Sie liebt und möchte lieben und geliebt werden und vor allem will sie leben, ihr eigenes Leben. Und nicht das von einer Frau, die sie gar nicht kennt. Denn das hier, das ist sie nicht.

Ja

Ich liebe dieses Lied. Ich habe es seit dem letzten Sommer schon sehr, sehr oft gehört. Der Text spricht für sich – denn aus ihm spricht so viel Hoffnung.

JA (von Silbermond)

Ich bin verlor’n in deiner Mitte
Machst mich zum Kämpfer ohne Visier
Alles gedreht, die Sinne wie benebelt
Ich bin so heillos betrunken von dir 

Du wärmst mich auf mit deinem Wesen
Und lässt nicht einen Zentimeter unverschont
Du flutest alle meine Decks mit Hoffnung
auf ein echtes Leben vor dem Tod

Und Ja ich atme dich
Ja ich brenn‘ für dich
Und Ja ich leb‘ für dich…jeden Tag
Und Ja du spiegelst mich
Und Ja ich schwör‘ auf dich und jede meiner Fasern sagt Ja

Es ist noch immer so schwer zu glauben
Wie du die meisten meiner Fehler übersiehst
Du erdest jeden meiner Gedanken
verleihst Flügel, wenn Zweifel überwiegt

Und Ja ich atme dich
Ja ich brenn‘ für dich
Und Ja ich leb‘ für dich…jeden Tag
Und Ja du spiegelst mich
Und Ja ich schwör‘ auf dich und jede meiner Fasern sagt Ja

Ja zu jedem Tag mit dir
Ja zu jedem deiner Fehler
Asche und Gold, ich trag‘ alles mit dir
Denn ich bin und bleib verlor’n in deiner Mitte
In deiner Mitte, bis der Vorhang fällt

Und Ja ich atme dich
Ja ich brenn‘ für dich
Und Ja ich leb‘ für dich…jeden Tag
Und Ja ich liebe dich
Und Ja ich schwör‘ auf dich und jede meiner Fasern sagt Ja

Träume sind Schäume

Sie träumt viel des Nachts. Manche Träume kehren – zumindest thematisch – immer wieder. Manche Träume sind einfach nur komisch, aber erklärbar. Und manche tun richtig weh, als wäre das gerade alles wirklich passiert.

Eine ganze lange Zeit lang hat sie noch von ihrer Schulzeit geträumt, obwohl diese inzwischen über 20 Jahre zurück liegt. Sie wollte noch einmal (also ein weiteres Mal) Abitur machen und fragte sich immer wieder mal während der häufigen Träumerei, wie sie jeden Tag den weiten Weg von ihrem jetzigen Wohnort in ihre alte Schule schaffen und das auch noch mit ihrem Job vereinbaren sollte. Und wie sollte sie das Abi am Ende überhaupt bekommen, wo sie doch immer den verhassten Sport- und Matheunterricht schwänzte. Mathe, so ein Graus. In ihren Träumen sitzt sie noch immer vor den Klausuren und hat nichts gelernt, weil sowieso nichts kapiert, oder muss wochenlang versäumten Unterricht nacharbeiten. Zum Lernen fehlen ihr schlichtweg die Unterlagen, von der Motivation ganz abgesehen. Und dann ist sie ja schon so alt unter all denen, die inzwischen ihre Kinder sein könnten und keine Ahnung davon haben, wie ein Schulleben aussah in den frühen Neunzigern, so ganz ohne Internet.

Menschen sind nicht mehr Teil ihres realen Lebens

In ihren Träumen trifft sie Menschen wieder, die sie teilweise sehr lange nicht gesehen hat. Sie sind noch immer da. Da sind auch die Träume vom / von den Ex  (gewesen). Oft richtig schmerzhafte Träume, die sie den halben Tag traurig zurück ließen. Auch die einst besten Freundinnen kommen darin vor, die heute kaum mehr einen (gütigen) Gedanken an sie verschwenden. Verarbeitung nennt man das wohl. Dafür sind Träume da. Um Geschehenes zu verarbeiten oder Dinge gedanklich weiter zu führen, die noch nicht zu Ende sind, obwohl man glaubte, im realen Leben endlich damit abgeschlossen zu haben. Vor allem Gefühle, die im Alltag keinen Platz finden und nicht zu Ende gelebt oder gedacht werden können, findet sie in ihren regelmäßig wieder.

Da sind die Träume, in denen ihr Papa ihr begegnet. Ja, er ist immer noch da. Sie glaubt gar nicht, dass er wirklich tot und für immer entschwunden ist. Denn in ihren Träumen, da sieht sie ihn noch, da hört sie noch seine Stimme, als wäre er wirklich gerade neben ihr. In einem dieser vielen Träume kam er zu ihr, wissend, dass er nun bald sterben würde, und sie haben beide gemeinsam ganz doll geweint und sich voneinander verabschiedet.

Letzte Nacht war es wieder so weit

Sie träumt auch viel von ihrer Arbeit. Dass sie den Bus verpassen könnte, dass sie mit dem Bus wer-weiß-wohin fährt und noch so einen Blödsinn. Gut, eigentlich ist es kein Blödsinn. Es ist Verarbeiten. Träume sind nicht immer logisch, aber wirken trotzdem oft sehr realistisch. Vor allem von den Gefühlen her. Die erlebt sie in ihren Träumen sehr realistisch, und es nimmt sie noch eine Zeit lang mit, nach dem Aufwachen, wenn sie sich noch erinnert. Es dauert dann etwas, bis die Emotionen wieder zur Ruhe kommen, tief in ihr drin.

Er ist Teil ihrer Arbeit. Sie hat schon immer viel von ihm geträumt. Ja, auch intimes. Aber er geht ihr inzwischen am Ar*** vorbei, denn er hat sie bitter enttäuscht, und zwar privat wie auch in dienstlichen Belangen. Nach dem vergangenen Sommer, als er ihr zwischen den ersten Küssen sagte, „Mit Dir hätte ich mir das auch sehr gut vorstellen können“ und den Geschehnissen einige Monate später, als sie zufällig von seiner anstehenden Hochzeit erfuhr, hatte sie Zeit zum Verarbeiten. „Ich wollte Dir das nicht auf dem Flur erzählen!“ – „Wie lange hast Du denn von dem Termin im Voraus gewußt?“ – „4 Wochen!“ Klar, da blieb keine Zeit. Typischer Anfall von Feigeritis. Und die Wochen im Sommer ein Indiz für Torschlußpanikus.

Sie mag ihn eigentlich gar nicht so besonders, also menschlich betrachtet, sie ist genervt von seiner launischen Art, seiner negativen Sichtweise und dem daraus resultierenden Gemeckere, der demonstrierten Lustlosigkeit auf den Job und das Verfallen in Extreme. Vieles davon hat sie hier zu Hause schon. Und trotzdem war da immer diese Anziehungskraft – bis heute. Warum auch immer. Das hat vermutlich etwas mit Chemie zu tun. Und weil er eben auch nett sein kann. Nach dem letzten Rhabarbar-Gelaber, sinnlos, nach wie vor nicht wirklich offen und letztendlich um den lauwarmen Brei herum, hatte sie gehofft, von derartigen Träumen verschont zu bleiben. Träume, in denen er sagt, „Es ist besser, wenn Du Dich von mir fern hälst, denn das ist auch besser für mich!“ (Was er real nie sagen würde oder müsste, weil er vermutlich längst abgeschlossen hat) und Antworten von ihr wie, „Du fehlst mir so!“

Humbug. Aus solchen Träumen entstehen schnulzige Liebesschmanzotten. Die braucht kein Mensch. Sie bräuchte einfach nur ehrlich gemeinte, aufrichtige Liebe, um ihrer selbst willen und mit viel Verständnis und Nähe, die von ihr aus geht. Was nicht mehr geht, wenn zu viel Negatives den Weg gekreuzt hat.

Träume, die auch in 2017 weiter ihre Sehnsucht leben werden! Sch*** drauf!

 

A lovestory it could have been

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Bildrechte: Dieverlorenenschuhe

Das Leben schreibt verrückte Geschichten, manche kann man sich nicht ausdenken und manche stellt man sich einfach vor. Was wäre gewesen, wenn…

 

„Was will der Idiot von mir?“, dachte sie über ihren neuen Kollegen. So ein Kotzbrocken, ein Angeber, ein Schwätzer, ein Arschloch… .  Das war vor fast 10 Jahren.

„Ich heirate in Kürze!“ Hatte sie ihm das damals gesagt, als er neu bei ihnen war und er sie auf der Party so blöd anmachte, immer diese Sprüche in ihre Richtung? Sie weiß das nicht mehr so genau. Vielleicht hatte es ihm auch jemand anderes gesagt.

Wann hatte das Blatt sich gedreht? An welchem Punkt hatte sie angenfangen, ihn zu mögen, sich ein paar Jahre später gar über den Icq-Chat mit ihm zu unterhalten? Einer ihrer Lieblingskollegen. Nein, DER Lieblingskollege, das war er ab einem bestimmten Zeitpunkt. Mit phasenweisen Ausnahmen, immer dann, wenn er wieder zu viele blöde Sprüche in ihre Richtung ab ließ. Aber sie verstanden sich doch, saßen eine Zeitlang nebeneinander, spielten ihre Instrumente. Das funktionierte gut. Er war gut und irgendwie waren sie sich ähnlich. Und die Sprüche eines anderen Kollegen, das ist schon Jahre her, aber sie weiß es noch, „Ihr habt doch bestimmt irgendwann was miteinander!“ oder so ähnlich. Das war Quatsch, denn das hatten sie nie.

Sie bekam mit, dass er jetzt eine Freundin hatte. Wieso fühlte sich das für sie so komisch an? Sie schob das Gefühl schnell beseite, doch es tauchte immer wieder auf, wenn sie beide zusammen sah, sogar, wenn sie erwähnt wurde.

Auch wenn er ihr durch seine Launenhaftigkeit negativ auffiel und durch seine Dummschwätzerei, so konnte sie es doch gut: hinter die Fassade blicken. Ein intelligenter Mensch, für den sie ihn hielt, der verhält sich nicht einfach nur so. Es hat einen tieferen Grund. Aber sie sah auch die vielen kleinen „Versprechen“, die er dann doch nie wahr machte. Und dass sie sich nie sicher sein konnte, was er wirklich über sie dachte oder wie er gar über sie sprach, wenn sie nicht dabei war.

Vor vielen Jahren im Chat kamen sie irgendwann mal drauf, dass es mit ihnen vielleicht was hätte werden können, also auch von seiner Seite aus. Danach sprachen sie nie wieder davon.

„Ich möchte einfach nur, dass es Dir gut geht. Wenn es Dir gut geht, geht es mir auch gut!“ Das war auf der letzten Flugreise, damals im Herbst. Das hatte er wirklich gesagt.

Sie aber träumte. Keine Tagträume, aber die Träume, welche so real wirken konnten, kamen immer wieder des Nachts bei ihr zu Besuch. Dagegen konnte sie gar nichts machen, aber für einen kurzen Moment hatten diese Träume die Macht, sie zu verwirren. Und in den Momenten, wo sie sich trotz Ehemann und irgendwann auch trotz ihrer Kinder so verdammt einsam und unverstanden fühlte und sich endlich mal wieder nach Liebe und Bestätigung sehnte, nach jemandem, der sich wirklich für sie interessierte und ihr zuhörte, da fiel ihr immer niemand ein – außer er. Wenn nochmal irgendwer anderes, dann er. Jemand anderes, der diese diffuse (!) Anziehungskraft auf sie ausübte, lief ihr einfach nicht über den Weg. Doch, da waren mal welche, aber die waren ja noch weiter weg. Das war alles noch viel länger her. Und jemand neues erschien ihr nur in ihren Träumen, gewollt oder unbewußt. Die waren nicht real. Mit denen konnte man nicht sprechen oder sie gar anfassen.

Keiner da

Sie hatte es nicht kommen sehen. Sie hatte das Gefühlschaos nicht erkannt, bevor es nicht direkt vor ihr stand. Was war bloß geschehen? „1000 Mal berührt…“, dachte sie. Er war einfach da. Zum Essen gehen, in der Pause zum chillen, zum Spazieren gehen, zum Einkaufen. Essen, Kino, gemeinsam durch die unbekannte Stadt laufen, die immer vertrauter wurde. So wie sie beide. Komisch war das. Sie hatten einfach eine gute Zeit. Erst die Bilderrätsel, dann die ersten kleinen Bemerkungen. Und wie er öfter auf sie wartete, damit sie wieder gemeinsam gehen oder die Pausen miteinander verbringen konnten. Es war nicht unüblich, sie hatten das bestimmt schon öfter zuvor getan. Gerade auf längeren Touren wurden sie gerne zu einer Art Verbündeter. Verbündete gegen den Trubel und den Dummschwatz der anderen.

Aber wann hatte es bei ihm begonnen? War das erst hier geschehen oder schon vor längerer Zeit? Wieso aber war er ausgerechnet jetzt bereit, einen Schritt weiter zu gehen und nicht schon (lange) zuvor? „Es ist angenehm mit Dir!“ Ja, das konnte sie nachempfinden, das fand sie genau so. Ob beim Sich-Unterhalten oder auch Nebeneinander-Schweigen, es war immer schön irgendwie. Aber das war auch kein Alltag, sondern Dienst gepaart mit ein bißchen Urlaubsfeeling. Gutes Essen und das Meer vor der und den Wind um die Nase.

Und dann, der letzte Abend nahte, und sie war später als er zurück. Es war sehr spät, und sie lief nicht gerne alleine durch die große Stadt. Aber der letzte Bus war schon weg. Und da kam er ihr entgegen. Sie war fast am Ziel, aber er lief ihr entgegen. Sie erkannte ihn schon von weitem. Sie erkannt ihn an seinem Gang und sie erkannte ihn, weil sie nur ein paar Straßen zuvor diesen verrückten Gedanken gehabt hatte: „Was, wenn er mir jetzt entgegenliefe, damit ich nicht alleine mitten in der Nacht durch die Stadt rennen muss? Aber das geht nicht, er weiß ja gar nicht, wo ich lang gehe!“

Aber da war er, und eigentlich hätte sie jetzt etwas sagen müssen, etwas richtig liebes. Seine Hände nehmen und verstehen müssen, denn in dem Moment war es doch klar. Aber sie wollte nicht verstehen. Seit Tagen hatte sie gegrübelt und es nicht geglaubt. Warum auch? Jetzt, nach so langer Zeit? Und sie konnte jetzt nicht bleiben, verwirrt, irritiert, sie wußte einfach nicht, wie sie sich jetzt verhalten sollte. Das Herz sagte ja, und die Angst sagte nein.

Unter anderen Umständen und/ oder vor langer Zeit, da wären sie ein gutes Team geworden. Das hatte sie schon lange irgendwie gespürt, aber sie war sich nicht sicher gewesen, ob er das nur annährend auch so empfand. Doch, sie werden ein gutes Team sein, gemeinsam nebeneinander an ihren Instrumenten. Sie werden hoffentlich für lange Zeit nicht nur gute Kollegen, sondern auch Freunde sein. Mehr geht nicht mehr, dafür ist es längst zu spät!

(„Es ist nie zu spät!“)
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Bildrechte: Dieverlorenenschuhe

Aber für einen kurzen Moment durfte sie erahnen, wie es hätte sein können. Für einen kurzen Moment hat sie die Tränen um den Verlust in ihrer Familie mit den Tränen um den Verlust dieser Möglichkeit getauscht. Aber da ist auch diese Dankbarkeit, dass es doch noch geht, woran sie nicht mehr geglaubt hatte. Das sie dieses Gefühl noch einmal kurz spüren durfte, nur für zwei Tage. Dieses Gefühl, dass da doch noch mal jemand sein könnte, der sich für sie interessiert und sie annimmt, wie sie ist und sie versucht zu verstehen. Und sie einfach nur mal halten kann. Und bei dem sie sich ganz hingeben könnte… Das tat so gut! In diesem Moment.

Und das sie – und vielleicht auch er – sich am Ende noch einmal alles schönreden. Dass es ja doch nie hätte funktionieren können, in der Praxis. Das ist alles nur Makulatur. Und sie fragt sich, ob er das aushalten kann, wenn er jetzt so viel mehr über sie erfährt. Und sie fragt sich, ob sie es aushalten kann, dass sie ihn hergibt, diesen Traum. Und dass sie niemals weiter denken darf, das verbietet sie sich, dass sie und er es niemals wagen würden, das aufgebaute aufzugeben. So verrückt sind sie dann doch nicht. Dafür ist sie zu sehr ein Mensch der Beständigkeit und dafür denkt sie zu sehr an das Glück der anderen statt an ihr eigenes… .

Aber es hat etwas verändert. Was genau? Es wird sich vielleicht zurückverändern können, mit der Zeit. Ja, ganz bestimmt!

Und ein paar Tage nach ihrer Rückkehr kneift sie sich und denkt, was für ein schöner Traum. Das ist alles gar nicht wirklich gewesen, das war alles nur geträumt!

A lovestory it could have been

under other circumstances