Das Märchen vom kleinen Singvogel

Es war einmal ein kleiner zarter Singvogel, der saß in einem Goldenen Käfig. Sein Besitzer versorgte ihn mit allem Notwendigen, wie er meinte, gab ihm Wasser und jeden Tag ein paar Körnchen. Hin und wieder entfernte er sogar den Unrat des kleinen Singvogels aus dessen Goldenem Käfig. Und damit sollte es genug sein, dachte der Vogelfänger. Er hatte den kleinen Singvogel vor langer Zeit erhascht, weil dieser so schön sang, doch war der Vogelfänger von eher fragwürdiger Natur. Der kleine Singvogel hatte dies nicht gleich erkannt und war so mehr oder weniger bereitwillig mit ihm gegangen. Er hatte geglaubt, er könne es gut bei dem Vogelfänger haben.

Aber es war eben ein böser Vogelfänger und er war nicht der Richtige für den kleinen zarten Singvogel mit seiner tiefen und zerbrechlichen Seele. Dieser sang aus voller Kehle, zwitscherte und tirillierte nach Leibeskräften, um zu gefallen. Und weil es sein Naturell war. Aber mit der Zeit dünkte ihm, er könne doch den Goldenen Käfig einmal wieder verlassen. Nur kurz, nur für einen kleinen Moment. Aber der böse Vogelfänger öffnete den Käfig nicht. Und auch sonst reichte er ihm nichts als ein wenig Wasser und Futter. Immerhin, dachte der Singvogel, dann kann er so böse nicht sein. Aber Liebe, die erfuhr er schon bald nicht mehr, auch kein gutes Zureden, keine liebevollen Worte, die ihn seine Einsamkeit hätten vergessen lassen können. Statt dessen stellte der böse Vogelfänger den Goldenen Käfig auf die Fensterbank. So konnte der Singvogel seine Artgenossen im Garten beobachten. Das aber machte ihn nur noch trauriger. „Wie gut die es haben, sie dürfen fliegen. Hoch hinaus und immer höher, wohin sie nur immer wollen“ , dachte er bei sich. „Sie holen sich die feinsten Speisen und singen miteinander, tagein und tagaus. Sie haben einander gern und passen aufeinander auf“. Zu gerne wäre der kleine zarte Singvogel hinaus in den Garten geflogen, um mit seinen Artgenossen zu spielen, zu singen und zu fliegen. Aber so sehr er auch dem bösen Vogelfänger versuchte zu signalisieren, dass er sich nicht glücklich fühlte in seinem Goldenen Käfig, sein Verlangen wurde nicht beachtet, sein Flehen nicht erhört. Und so verstummte der kleine zarte Singvogel schließlich und wollte auch kein Futter mehr. Seine einst glänzenden Federn wurden matt und struppig.

Da kam ein anderer Vogelfänger auf Besuch. Der hatte ein gutes Herz. Er erkannte die Seele des Singvogels und vermutete einen wunderschönen Gesang in diesem kleinen Vogel. Er fragte den bösen Vogelfänger: „Was hast Du hier für einen schönen Vogel, schau! Wieso lässt Du ihn nicht einmal wieder fliegen?“ Der Kollege antwortete: „Schöner Vogel? Achwas, ein garstiges Geschöpf ist das. Sitzt in einem wunderschönen Goldenen Käfig, hat es warm und bekommt alles, was er braucht. Ich schaue Tag und Nacht nach ihm, beoachte ihn, was er wohl treibt. Aber er ist dabei so undankbar, dass er noch nicht einmal mehr singen mag. Und sieh sein Gefieder, wie es ausschaut. Ich kann diesem Vogel nicht viel abgewinnen. Aber er gehört nun einmal hierher, zu mir. Ich habe ihn gefangen. Er ist mein Singvogel ganz alleine. Einen Teufel werde ich tun, ihn fliegen zu lassen! Nie käme er zu mir zurück!“

Mit diesen Worten verließ der böse Vogelfänger das Zimmer. Der gute Mann aber öffnete die Käfigtür, nahm den verängstigten, aber  dennoch zutraulichen Singvogel auf seine Hand und sah ihn lange und mit ruhigem Blick an. Auch sprach er zärtliche Worte zu ihm. Da begann der kleine zarte Singvogel seine Stimme zu erheben, erst ganz leise, aber dann immer lauter und fröhlicher. Der gute Vogelfänger öffnete das Fenster und sagte zum Singvogel, „Flieg, wenn Du magst. Flieg hinaus in die Welt! Sei Du selbst, sei frei und fröhlich!“ Der Singvogel schaute ungläubig zwischen Vogelfänger und Garten hin und her und dachte, „Wie gern nur würde ich fliegen. Aber was erwartet mich dort draußen?  Lauern dort nicht neue Gefahren? Kann ich’s wirklich wagen und ihm vertrauen?“

Als hätte der gute Vogelfänger die Worte des Singvogels vernommen, sagte er liebevoll zu ihm: „Hab keine Angst. Es wird alles gut, Du musst nur fliegen und singen. Alles andere wird sich zeigen. Und Du kannst jederzeit zu mir zurück kommen. Ich habe zwar keinen Goldenen Käfig, aber ein gutes Herz und immer einen Platz für Dich. Und nun, flieg hoch hinaus und immer höher. So hoch Du nur kannst!“

Da nahm der kleine zarte Singvogel sich ein Herz und sprang hinunter auf das Fenstersimms, atmete die frische Frühlingsluft ein, breitete seine Flügel aus und gab sich einen Ruck. Und so flog der kleine zarte Singvogel in den Garten hinaus, zu all den anderen Singvögeln, die nur auf ihn gewartet hatten.

Und wenn er nicht gestorben ist, so singt, musiziert, zwitschert, trällert und tirilliert er noch heute!