48 Stunden im Leben einer berufstätigen Mutter

Der Blogbeitrag von mutterseelesonnig hat mich auf die Idee gebracht, einen Text von mir an ihren Text über die 48 Stunden im Leben einer Alleinerziehenden anzulehnen und etwas aus meinem Alltag zu erzählen, auch aus dem Bereich meines Jobs als Musikerin und wie man den vereinbaren kann mit Kindern. Nein, ich gehöre nicht zu der Gruppe der Alleinerziehenden. Noch nicht. Und selbst nach einer von mir angestrebten Trennung gehöre ich vermutlich eher zur Kategorie „getrennt erziehend“.

Wie dem auch sei, bei mir ist wahrlich nicht jeder Tag gleich. Das finde ich ansich sehr gut, ich brauche die Abwechslung. Aber die Vereinbarkeit, der Alltag mit Kindern wird dadurch nicht gerade leichter und es braucht ein gewisses Organisationstalent und auch viel Kraft.

Tag 1:

Es ist Dienstag, kurz vor 7 Uhr. Eigentlich habe ich endlich mal wieder lange genug geschlafen. Mal kein Weckerklingeln um kurz nach 6. Allerdings war meine Nacht sehr unruhig. Lag mal nicht an den Kindern, eher an den vielen Dingen, die mich beschäftigen. Habe mich den Großteil der Nacht nur rumgewälzt.
Wundere mich, dass mich noch kein Kind geweckt hat. Greife zum Handy. Lesen in der Früh, wie ungewöhnlich.
7:33h: K1 kommt zu mir, wir kuscheln und erzählen.
8:15h: Komisch, K2 schläft immer noch. Ich schleppe mich unter die Dusche. K1 verkleidet sich derweil als Pirat.
8:35h: Ich gehe in die Küche, räume die Spülmaschine aus, beseitige einen Teil des Chaos von gestern abend und decke den Tisch für ein Müsli-Frühstück. Bereite das KiGa-Frühstück für die Tochter und verstaue es in ihren Rucksack. Heute geht nur sie in den Kindergarten.
8:45h: beide Kinder trudeln in der Küche ein, im Schlafanzug. Ich koordiniere die Mahlzeit und achte darauf, dass kein Kakao umfällt oder eine Müslischüssel überläuft. Der Mann geht derweil duschen.
9:15h: ich will erst mal mich und die Kinder fertig machen, werde mich dem Chaos in der Küche später widmen. In einer halben Stunde müssen wir das Haus verlassen. Habe mit dem Sohn einen Arzttermin. Wie immer ist kein Kind bereit, sich anzuziehen.
9:20h: gebe auf und gehe ins Bad, Zähne putzen, Haare kämen und anföhnen, schminken.
9:30h: kein Kind will sich fertig machen lassen. Doch, K2 zieht sich mit meiner Hilfe um. Der Mann putzt ihr die Zähne. Zuvor hatte er noch mal eben seine Diensthemden gebügelt. Wann auch sonst. Haha.
9:35h: ich sage K1, dass wir gleich zum Termin müssen. Versuche immer wieder, ihn anzuziehen. Mache nebenher sein Bett ordentlich und Räume etwas auf.
9:55h: später als geplant sitzen wir endlich im Auto. In der Küche sieht es noch immer aus wie Sau. Später!
10:25h: wir sind 10 Minuten zu spät beim Termin. Hatte auch noch die ungünstigere Strecke gewählt. Müssen aber sowieso wie immer warten. Erst mal aufs Klo. Dann: Kind wird gewogen, gemessen etc. Dann Wartezimmer, spielen. Termin geht gut rum.
11:35h: stehen wieder auf der Strasse. Seit einer halben Stunde ist mein Parkschein abgelaufen. Puh, alles gut. Ich biete dem Kind an, entweder nach Hause zu fahren, wo ich ganz viel aufräumen  müsste, wir endlich mal Ostereier anmalen könnten und es später wie gewünscht Nudeln gibt oder: nach Schulranzen gucken und danach Pommes beim Fastfoodladen essen. Kind wählt zweiteres.
12:05h: Ankommen am empfohlenen Laden. 20 Minuten später hat eine Mitarbeiterin Zeit für uns. Bin ja nicht die einzige mit baldigem Schulkind, die ausgerechnet in den Ferien diesen Laden stürmt. Gute Beratung, Entscheidung.
13:05h: mit gekauftem Schulranzen und 225 Euro weniger auf dem Konto sitzen wir wieder im Auto. Fahrt zum Wohnort.
13:25h: Fastfood für Kind und Mutter. Merke den Zeitdruck. In spätestens 45 Minuten muss ich zum Dienst fahren.
13:50h: Verlassen des Fastfoodladens Richtung Grosseltern. Sie kümmern sich heute um die Kinder, holen später noch die Kleine vom Kindergarten ab und bringen dann beide nach Hause. Mann kommt erst 21:30 vom Dienst. Im Radio läuft „Supergirl“. Fange kurz zu heulen an.
14:05h: bin zu hause. Mache mich frisch, befülle meinen Rucksack mit dem, was ich noch brauche (Wasser und Schokoriegel nicht vergessen), Räume das Frühstücksgeschirr in die Spülmaschine, Tisch abwischen, Boden fegen. Briefkasten leeren.
14:20h: im Auto zur Dienststelle. Kleine Entspannung.
14:45h: Ankunft. Umziehen in Dienstkleidung für das heutige Konzert. Instrument, Noten, Jacke nicht vergessen. Alles in den Bus bringen. Noch mal aufs Klo.
15:07h: sitze im Bus. Noch 8 Minuten bis zur Abfahrt. Meine Augen brennen, ich fühle mich schon seit Tagen urlaubsreif. Träume von einem Wochenende ohne Kinder. Mein Akku ist leer. Jetzt im Bus versuche ich etwas zur Ruhe zu kommen. Beginne diesen Text. Mache die Augen zu, nachdenken. Dösen.
16:50h: Ankunft am heutigen Auftrittsort. Es gibt schönere! LKW wird entladen. Ich baue Notenpulte auf, schleppe sie an ihren Bestimmungsort, rücke Stühle, lege Noten. Baue mein Instrument zusammen. Die ersten Töne des Tages. Welches Blatt? Wie ist die Akkustik?
17:30h: die Anspielprobe des Orchesters beginnt.

Konzentration aufs Wesentliche

Die Halle hält, was sie verspricht, nämlich nichts. Die Akustik ist Mist,  ich höre mich selber kaum. Das wird ein Konzert mit weniger Spielfreude. Zum Kratzen im Hals gesellt sich sich ein Grummeln im Gedärm. Mir ist leicht übel. Hab ich schon erwähnt, dass ich recht müde bin? Ob ich krank werde?
17:30h: Probenende und Essen. Das mit Abstand schlechteste der letzten Zeit. Ich bin leicht frustriert. Zum Glück beginnt das Konzert heut schon um
19:30h: durch das die Halle füllende Publikum geht es jetzt mit der Akustik. Ich gebe mir Mühe. Immerhin liebe ich mein Instrument. Ich denke an die Kinder, die jetzt so langsam ins Bett gehen, heute begleitet von den Großeltern. Wird schon klappen. Mit etwas Glück bin ich noch kurz vor 1 Uhr in meinem Bettchen.
20:50h: die 2. Konzerthälfte beginnt. Das 2. Stück davon ist mein Lieblingsstück des aktuellen Programms, hier darf ich viele schnelle Töne spielen. Ich reisse mich zusammen, bin heute aber nicht so zufrieden. Nach diesem Stück verlässt mich wie immer so langsam die Kraft und Konzentration. Der Tag war immerhin schon lang.
21:50h: das Konzert ist zu Ende. Wir müssen noch abbauen. Ab dem Zeitpunkt wo die Busse rollen, dauert es noch 2 Stunden bis zu meinem Bett.
22:25h: wir sind schnell heute. Die Fahrzeuge rollen. Der Vollmond strahlt mich an. Ich setze meine Schlamassel auf und döse. Tief schlafen kann ich in Bus und Flugzeug leider nie.
23:45h: Ankunft am Dienstort. Torkele schlaftrunken aus dem Bus. Umziehen, Auto fahren. Immer wieder eine Herausforderung mit der nächtlichen Müdigkeit.
00:20h: bin zu Hause. Früher als erwartet. Wenn Konzerte weiter weg sind und zudem später beginnen, wird es auch schon mal 1:30h.
Dadele noch etwas auf dem Handy. Gegen 1 Uhr schlafe ich ein.

Was ich heute nicht geschafft habe: wichtige Termine machen. Vom Bus aus mag ich nicht telefonieren.

Tag 2:
Irgendwas zwischen 5:30 und 6 h: bin wach. Scheiß innere Uhr. Der Mann musste um 5:30h zur Frühschicht. Dösen.
6:27h: K1 kommt zu mir ins Zimmer. Warum reden Kinder schon morgens so laut? Er darf sich auf YouTube Videos über Playmobil Spielzeug ansehen. Unpädagogisch, aber meine Rettung. Döse weiter, höre die Stimmen von den Videos.
Schätzungsweise 7:30h: K2 kommt dazu. Ich höre alles, döse aber noch. Bin einfach zu müde. Könnte jetzt wieder einschlafen.
8:00h: Handywecker klingelt. K2 verlangt nach Peppa Wutz auf meinem Laptop. Mache ihr alles an. Schleppe mich unter die Dusche. In Ruhe duschen und anziehen ist den Medienkonsum der Kinder allemal wert.
8:30h: verkünde den Kindern, dass ich nun in die Küche gehe. Ob sie frühstücken wollen? Schmeisse Toast in den Toaster. Bereite mir ein Müsli für unterwegs. Wird mein Mittag sein.
8:36h: frage die ganze Kinder erneut, ob sie Frühstück wünschen.
8:41h: K1 kommt mit meinem Handy in die Küche. Er durfte es haben, wir sind ja unter uns.
K2 schlurft hinterher. Ich tische Müsli auf. Erfülle Sonderwünsche, schlichte Streit, renne in die Speisekammer im Keller. Bereite die Brotdosen für den KiGa. Versuche irgendwann, selber zu frühstücken.
9:10h: Räume den Tisch ab. Kinder sind fertig. Stelle die von ihnen kaum angerührten Müslis in den Kühlschrank. Spülmaschine einräumen, Tisch abwischen, fegen.
9:17h: bin im Bad. Was man so macht, Zähne putzen, schminken, Haare kämen. Kinder spielen derweil.
9:35h: Die Zeit drängt. K2 kriege ich angezogen. Sogar gewaschen und Zähne geputzt. K1 ignoriert mein Flehen und meine Drohung, ihn im Schlafanzug zu bringen.
9:45h: langsam werde ich nervös. Müssen um 10 h im Kiga sein.
Ich ziehe ihn um. Gesicht waschen. Haare kämen.
9:55h: alle noch mal Pipi. Nach mehrfacher Aufforderung ziehen die Kinder selbstständig ihre Schuhe an. Ich räume unsere Rucksäcke in den Kofferraum und prokele den Kindersitz, den der Opa gestern brauchte, ins Isofix.
9:58h: losfahren
10:03: endlich im Kindergarten. Dort herrscht Tumult. Vor dem Garderobenplatz der Tochter werden Osterzöpfe geformt.
10:10h: sitze wieder im Auto. Seufze ganz tief. Geschafft. Im doppelten Sinne. Während der Fahrt merke ich, wie müde ich eigentlich bin. Augen auf behalten kann hohe Kunst sein.
10:40h: Ankunft am Dienstort. Sachen von letzter Nacht aufräumen. Nichts für heute vergessen und alles in den Bus räumen.
11:19h: sitze im Bus.
11:30: Bus rollt.
13:30h: verspätete Ankunft am Auftrittsort. Hatten Stau. Schnell rein in die Klamotten, Instrument aufbauen, noch mal aufs Klo.
15:00h: Bus rollt wieder und direkt in den Stau auf der Autobahn.
16:40h: zurück am Dienstort. Trotz Einnickens im Bus gerädert. Bräuchte mal einen freien Tag, zumindest ab jetzt.
17:32h: endlich zu hause nach Stau und Umweg. Bin zu nicht mehr viel zu gebrauchen. Habe heute den Luxus, mit den Kindern nicht alleine zu sein. Abendbrot für alle. Danach ziehe ich mich etwas zurück. Mit schlechtem Gewissen zwar, aber nach einem Burnout lernt man dazu. Kann einfach nicht nehr, kann aber leider nicht schlafen.

Kinder ins Bett bringen – die allabendlichen Terrorhölle

21:00h: endlich kehrt Ruhe für heute ein. Ich habe Erschöpfungsanzeichen. Beine tun weh und ich bin verdächtig kurzatmig. Da ich aber über den Einschlaf-Punkt erst mal drüber bin, klappt es mit dem Runterfahren nicht. Schlafe erst ca. 23h ein. Bin ab grob halb 3 wach. Schlafe erst gegen 6h wieder ein. Was ich heute wieder nicht geschafft habe: wichtige Termine vereinbaren. Mal üben. Haushalt.

Am 3. Tag:

Werde um 7:03h von K1 geweckt. Benommenheit. Verzichte heute entgegen meiner Gewohnheit auf die Dusche und komme so nur eine halbe Stunde zu spät zu Dienst. Der Tag wird sich schrecklich ziehen und ich werde nachmittags wieder verzweifelt und erfolglos versuchen, etwas Schlaf nachzuholen. Und im haushältlichen Chaos versinken.

 

Mütter auf Dienstreise

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Flying over the Ocean (Bildrechte: DieverlorenenSchuhe)

 

Dürfen die das, die Mütter? Womöglich noch Mütter kleiner Kinder? Machen das nicht nur die Väter und die Frauen bleiben gefälligst zu Hause? „Schafft Ihr Mann das?“ fragte mich sogar meine ChefIN. „Und wie ist es so für die Kinder, ohne Mama?“, fragte mich eine KollegIN (ohne Kinder). Seufz! Es ist doch immer das gleiche. Väter (kleiner Kinder) dürfen mal eben 2 Wochen Dienstreise machen, die werden eher selten bis gar nicht gefragt, wie es für sie ist oder für ihre Kinder oder gar für ihre Frauen daheim. Mütter müssen sich unter Umständen der Kritik von außen stellen. Der Kritik die da lautet: geht alles gar nicht!

Es gehört zu meinem Job, auf Dienstreise zu gehen. Ich bin dann mit meinem Orchester unterwegs, um irgendwo in der Welt Musik zu machen. Mal ist es nur eine Nacht oder ein ganzes Wochenende. Aber es kommt auch schon mal eine Woche zusammen. Oder eben zwei, so wie dieses Mal. Meine längste Dienstreise, seit ich in diesem Klangkörper Mitglied bin, und die längste Abwesenheit von zu Hause, seit ich Kinder habe.

Die Väter tun es doch auch

Seit über einem Jahrzehnt mache ich das nun. Ich mag diese Seite meines Berufs. Nicht alle der zu bereisenden Länder liegen auch auf meiner persönlichen Wunschliste der Länder, die ich gerne bereise. Doch das Land, in dem ich mich gerade befinde, steht für mich ziemlich weit oben. Ich bin das 5. Mal hier, das dritte Mal mit dem Orchester, das erste Mal an diesem bestimmten Ort und bei diesem Event, an dem ich schon so lange einmal teilnehmen wollte. Davon habe ich 10 Jahre geträumt. Und nun ist es endlich wahr geworden.  Trotz meines Erschöpfungssyndroms habe ich mich bis zum Tag des Abflugs soweit wieder hochgerappelt, dass ich den Flieger besteigen konnte ohne Angst zu haben, dass ich schlapp mache. Ok, ich mache gerade ein wenig schlapp – wirklich nur ein wenig. Die letzten Tage waren anstrengend. Nicht nur die Zeitverschiebung sitzt mir „in den Knochen“, sondern auch mehrere 12-13-Stunden-Arbeitstage. Und zu viel ungesundes Essen… . Ich muss auf mich achten, ich brauche Pausen und ausreichend Schlaf. Heute ist der erste Tag, wo ich nur abends arbeiten muss. Das Wetter macht es mir leicht, mich in meinem Zimmer zurück zu ziehen und mir etwas Ruhe zu gönnen. Ich muss nicht mehr ständig unterwegs sein und etwas erleben. Auch wenn man sich an diesem Ort noch einiges angucken könnte und müsste (ich  habe mir gerade ein Museum herausgesucht, wo ich in der verbleibenden Woche noch einkehren will). Aber ich gehöre nicht mehr zu denen, die noch spät abends nach der Show einen Trinken gehen und die kanadische Nacht zum Tage machen müssen. Aus dem Alter bin ich raus – mir fehlt die Kraft dazu und auch immer weniger das Bedürftnis. Statt dessen genieße ich die Ruhe.

Mal keine zwei kleinen fordernden und geräuschintensiven Kinder um mich herum (dafür gefühlte zwölftrillionen Dudelsäcke – die sind auch laut).

Mal kein Essen machen, zig mal am Tag die Küche fegen, saugen und den Tisch abwischen.

Mal keine Wäscheberge so hoch wie der Mount Everest verarbeiten und aufräumenaufräumen und nochmals aufräumen, sondern einfach auch mal Ruhe und Zeit für mich, zum Schlafen, Lesen, Schreiben. Im Park auf der Wiese liegen. Essen gehen und nochmals Essen gehen! Herrlich! Ein Gefühl von Freiheit.

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Auch auf Dienstreise braucht Mutti eine Auszeit (Bildrechte: DieverlorenenSchuhe)

 

Jedes Ding hat seine zwei Seiten

Ja, ich vermisse meine Kinder. Skypen alleine reicht nicht, ist aber eine tolle Erfindung. (Genauso wie WhatsApp, das ich neuerdings benutze und über das ich telefonieren kann. Wow). Ich möchte meine Kinder kuscheln und drücken. Ich vermisse den Geruch meiner Tochter, möchte an ihrem verschwitzten Köpfchen schnuppern und mir Hände und Arme von ihr knubbeln lassen (eine Angewohnheit von ihr, seit sie greifen kann). Ich möchte meinen Sohn fest in den Arm nehmen und mit ihm über das Erlebte quatschen. Und dann ist da immer noch der Innere Kritiker – recht leise inzwischen, denn ich habe dazu gelernt. Aber er ist nach wie vor da und flüstert aus dem Hintergrund.

Eine Mutter tut das nicht, ihre Kinder 15 Tage nicht zu sehen, nur um die Welt zu bereisen. Das gehört sich nicht, denn die Mutter gehört zu den Kindern! Ja, die Väter unter meinen Kollegen, die dürfen das. Du nicht! Dein Mann schafft das zu Hause. Aber er ist auch kaputt und erschöpft. Darfst Du ihm das antun? Er arbeitet zwar oft abends und am Wochenende und fährt mit den Kollegen auf Spaßreise, aber nie so lange wie Du. Darfst Du von ihm verlangen, so lange für alles alleine zuständig zu sein? Der arme Kerl… .

Ich versuche, mich  zu rechtfertigen:

Ach, sei ruhig! Halt doch den Mund! Es ist mein Beruf und ich habe es mir verdient, etwas zu machen, wovon ich so lange geträumt habe. Ich nehme diese Erinnerung mit für den Rest meines Lebens. Ja, meine Kinder brauchen mich. Aber da ist auch noch ihr Papa, und der teilt sich auch sonst mit mir die „Care-Arbeit“. Ja, es gab genug Gründe, zu Hause zu bleiben. (Fast) jeder hätte das verstanden. Ich bin Mutter. Die andere Mama hat auch ihren Mann ziehen lassen und ist daheim geblieben. Ja, ich war sehr krank und bin immer noch anfällig für Erschöpfungszustände und damit verbundenen Angstattacken (Angst vor der Angst, es nicht zu schaffen). Ja, nur 3 Tage vor Abflug ist mein Vater verstorben. Ich bin trotzdem geflogen. Er hätte es gewollt, ich habe es gewollt und mein Mann „hält mir den Rücken frei“, wie es sonst oft nur die Frauen bei ihren Männern tun. Nie hätte er gesagt, ich solle besser zu Hause bleiben. Ich bin ihm dankbar dafür! Ich bin jetzt hier und habe Spaß an meiner Arbeit.

Werden meine Kinder Schaden nehmen, weil ich 1 -2 Mal im Jahr für mehrere Tage nicht da bin? Oder können wir die gemeinsame Zeit nach meiner Rückkehr umso mehr genießen? Gehört es zu ihrem Alltag, dass Mama verreisen muss, oder werden sie das später nur in negativer Erinnerung behalten. Ja, 15 Tage sind lang. So eine lange Abwesenheit ist aber auch eine Ausnahme.

Ich vermisse meine Kinder. Noch immer 10 Tage, bis ich wieder bei ihnen bin. Aber auch diese werden vergehen und ich freue mich so, wenn ich sie am Flughafen wieder in die Arme schließen kann. Vielleicht werde ich ihnen kurz etwas fremd sein, aber wir werden wieder zueinander finden. Das glaube ich ganz fest!

 

 

 

Ich wäre dann gerne mal weg

Endlich mal wieder ein Beitrag auf „Babykram & Kinderkacke“, einer meiner Lieblingsbloggerinnen, nachzulesen hier.

Ich lese den Text spät abends, nach dem ich gerade meine Tochter in ihr Bett gelegt und selbst die Schlafstätte gewechselt habe. Wie so oft bin ich bei ihr eingeschlafen. Es kann schon mal eine gute Stunde dauern, bis sie eingeschlafen ist, vor allem, wenn sie im Kindergarten Mittagsschlaf gehalten hat. Und dann döse auch ich weg, schaffe es nicht mehr, mich zu erheben und noch das mit dem Abend anzufangen, was ich normalerweise vor hatte. Ein Stündchen nur für mich. Lese dann manchmal noch im Handy, das geht auch ohne Licht. Am liebsten hätte ich sofort selbst in die Tasten gehauen, so sehr trifft der Text wieder einen Nerv von mir, lese ich von meinen eigenen Gedanken und Gefühlen und all dem, was mich selber immer wieder und allzu oft beschäftigt.

Wie oft habe ich in den letzten Monaten oder gar Jahren darüber nachgedacht, einfach auszusteigen aus diesem (gehetzten) Leben! Ich meine jetzt nicht unbedingt diese Gedanken, Mann und Kinder zurück zu lassen und wieder mein eigenes Ding zu machen, frei und ohne diese teils bleibernde Belastung der Verantwortung für Menschen, die ich in diese Welt gesetzt habe. Auch diese Momente gibt es, das gebe ich zu. Aber mit meiner Familie (oder zumindest mit meinen zwei Kindern) ein neues Leben beginnen, abseits dieser Konsum-Gesellschaft mit ihrem Druck, der schon auf die Kleinsten und somit auch deren Eltern ausgeübt wird, erscheint mir immer wieder verlockend. Weg von diesem ständigen „Höher-Schneller-Weiter-Besser“, diesem Leistungsdenken und vor allem der Profit-Gier. Alles wird individualisiert, Gemeinschaft, wie ich sie in meiner eigenen Kindheit noch kennenlernen durfte, existiert immer weniger.

Irgendwo auf dem Lande, Bio und viel Selbstversorgung, und andere Menschen, die uns ähnlich sind. Andere Familien und somit andere Kinder. Freiheit, Unbekümmertheit, Handeln zum Wohle aller, gemeinsam sind wir stärker. Ein bißchen „heile Welt“. Aber das sind alles Fantasien, schöne Tagträume… .

Elternschaft anno 2016 – einfach war gestern

Längst ist das Leistungsdenken auch in der Elternschaft angekommen. Dies trifft vor allem die Mütter, aber auch immer mehr Väter. Abgesehen von der Tatsache, dass ein Gehalt heute in den seltensten Fällen reicht, um einen gewissen, durchaus nicht übertriebenen Lebensstandard zu finanzieren, fehlt vielen Eltern schlicht und einfach ein gut ausgebautes soziales Netz und somit der doppelte Boden. Gerade in meinem persönlichen Fall, die ich (und auch mein Mann) Heimat und bekannte Strukturen aufgrund von Studium und Job aufgegeben haben, um sich an einem Ort niederzulassen, der mitsamt seinen Menschen im Grunde so fremd ist, ist das noch immer eine Tücke des Alltags. Ich las es erst kürzlich irgendwo: anders als in vielen Naturvölkern wird uns Frauen hierzulande kurz nach der Geburt abverlangt, alles wieder zu schaffen wie zuvor, und zwar alleine (und eigentlich geht das schon in der Schwangerschaft los). Der Mann geht meist schnell wieder arbeiten, die umsorgende Verwandtschaft, Freunde, Bekannte und Nachbarn sind wenig bis gar nicht vorhanden. Da hat eine Frau / ein Paar ein (weiteres) Kind bekommen und soll  doch sehen, wie sie klar kommen! Geburtsverletzungen, Kaiserschnitt (also Bauch-OP)? Ach, die soll sich mal nicht so anstellen. Andere schaffen das doch auch!

Ich habe es selber erlebt. Schwiegereltern – zumindest bei der Geburt von Kind Nr. 2 vor Ort – was haben sie gemacht? Wie haben sie uns bzw. MICH unterstützt? Einmal Essen vorbei gebracht, nach dem mein Mann sie darum gebeten hatte. Und ja, mal Kind Nr. 1 genommen, aber eher selten, ging da ja schon in den Kindergarten. Spazierengehen mit Baby? Fehlanzeige. Kochen, Putzen für die frisch Entbundene oder einfach mal fragen, ob etwas benötigt wird? Nö. Ich hätte um alles bitten müssen, was für mich persönlich in solch einem (offensichtlichen) Fall einem Betteln gleich käme. Habe ich also nicht gemacht. Habe mich statt dessen mit dem Mann darum gestritten, dass seine Eltern so etwas von alleine sehen, kapieren und anbieten müssten.

Moody schreibt in ihrem Text:

„Wenn ich darüber nachdenke, wie die Verhältnisse sind, in denen wir leben, stelle ich fest: Wir leben in einer kinder- bzw. familienunfreundlichen Gesellschaft. Meiner Ansicht nach führt die Art unseres Zusammenlebens zu einer Überforderung der Eltern, die kaum auszuhalten ist. Wenn man annimmt, dass Menschen die meiste Zeit ihrer Existenz in überschaubaren Sozialzusammenhängen gelebt habenmit intensivem Kontakt zu den Mitmenschen; in Gemeinschaften, in denen Frauen etwa aller 3-4 Jahre ein Kind bekamen (so lange wurde das Kind getragen und gestillt), Kinder ab 4-5 Jahren mehr Zeit mit anderen Kindern in einer Art Kinderkultur verbracht haben als mit Erwachsenen, darüber hinaus außerdem viele der erwachsenen Gemeinschaftsmitglieder als Ansprechpartner und Bezugspersonen hatten […], Naturnähe, weitgehend freies Rumtollen, Begleitung der Erwachsenen bei ihren alltäglichen Tätigkeiten, viele andere Kinder… Wenn man nun diese Art des Gemeinschaftslebens dem heutigen gegenüberstellt: anonym, „zivilisiert“, individualisiert, Ich-bezogen, technisiert, geprägt von Lohnarbeit, rational, Grenzen, Zäune, Mauern, Straßen, Autos, in Städten kaum grün, separiert… dann stimmt mich das nachdenklich. […]

Das starke Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, nach Aktion von (insbesondere jungen) Kindern kann von einem Elternpaar meiner Meinung nach gar nicht adäquat befriedigt werden. Heranwachsende hatten (und haben in einigen Sozialzusammenhängen) immer eine Vielzahl an Bezugspersonen und Gefährten. Undenkbar, dass zwei Erwachsene allein mit ihren Kindern leben. Völlig unsinnig, dass Erwachsene Kinderspiele spielen. Ich wage mich mal noch weiter aus dem Fenster: In keiner der bekannten Jäger und Sammler-Clan-Kulturen sind Neurosen und psychische Krankheiten in der Art der Industrienationen bekannt. Woran liegt das? Wenn man hinschaut und darüber nachdenkt, kommt man vielleicht zu dem Schluss, dass Eltern uncool mit ihren Kindern umgehen, weil deren Eltern in ihrer Kindheit auch uncool mit ihnen umgegangen sind und deren Eltern wiederum… Und so weiter. Wenn es stimmt, dass Kinder (so wie es z.B. Renz-Polster behauptet) ziemlich „ursprünglich“ ticken, dann sind sie womöglich in Erwartung einer solchen Clan-mäßigen Gemeinschaft… also genau damit ausgestattet, was es für ein Leben mit Eltern, vielen Kindern, mit dabei sein beim Tun der Erwachsenen und unterschiedlichen Bezugspersone braucht. Ständige unkomplizierte Aufmerksamkeit garantiert. Man ist überall dabei und in älterem Alter ziemlich frei in seinem Tun, beim Erkunden der Welt. (Zumindest bis zur Pubertät, aber das ist ein anderes Thema.) […]

Nun werden diese ursprünglich tickenden Kinder geboren in ein Umfeld, das ganz anders tickt. Die Eltern sind die einzigen Bezugspersonen und müssen all das leisten/erfüllen, was in einem Clan viele verschiedene Erwachsene leisten. Außerdem haben sie eigentlich ständig etwas anderes zu tun und/oder im Kopf. Am Anfang wird die Mutter aus der Gemeinschaft gekickt und ist mit einem Säugling auf sich allein gestellt, um sich voll und ganz dem kleinen Bündel zu widmen. (Dass sie dabei einen Knall kriegt, weil man blöde wird, wenn man den ganzen Tag keine Erwachsenen sieht, interessiert nicht. In „ursprünglichen“ Sozialzusammenhängen käme das einer Verbannung gleich – so ziemlich das schlimmste, was dir passieren kann, denn ohne Clan bist du nichts, zum Beispiel nicht überlebensfähig.) Die etwas größeren, aber immernoch kleinen Kinder können beim Tun der Erwachsenen nicht dabei sein, sondern werden in Betreuungseinrichtungen gegeben. Das wäre eigentlich gar nicht mal so schlecht, wenn es nicht 1. so früh wäre und 2. wenn die Erwachsenen die Kinder nicht ständig kontrollieren, erziehen, maßregeln würden. Immerhin kommen sie hier mit vielen anderen Kindern zusammen und können mal andere Menschen als ihre Eltern sehen. Allerdings befinden sie sich in einem Schonraum und kriegen nichts von der „Erwachsenenwelt“ mit. Die Erwachsenen gehen 8 Stunden oft ziemlich stupiden und/oder kopflastigen Arbeiten nach, die sie wahlweise körperlich einseitig belasten (war schon bei Anbau und Ernte von Weizen der Fall) oder geistig derartig auslaugen, dass sie danach eigentlich zum Ausgleich 4 Stunden durch grüne Wälder laufen müssten. Können sie aber nicht, denn die Uhr tickt, der Nachwuchs muss abgeholt werden. Zu diesem Zeitpunkt sind die Erwachsenen eigentlich bereits völlig erschöpft und bräuchten dringend eine Pause von der Beanspruchung, müssen nun aber viele weitere Stunden in der „zweiten Schicht“ für ihre Kinder da und ansprechbar sein und verlangen sich – wie in jedem Bereich – alles ab. Dazwischen werden sie von Werbetafeln beballert und ihr Smartphone ruft nach ihnen. Wenn die Kinder abends schlafen, muss man sich noch um seine Selbstverwirklichung kümmern, man muss ja schließlich „was aus sich machen“. Der Kinder-„Schon“raum zieht sich dann 10-12 Jahre weiter in Institutionen, in denen Kinder sich stündlich wechselnd mit von Erwachsenen festgelegten Themen beschäftigen sollen, und zwar sitzend. 8-12 Stunden am Tag werden Informationen in sie hineingetrichtert und in regelmäßigen Abständen wird abgefragt, was sie sich merken konnten. Für die Eltern wird’s hier vielleicht etwas weniger stressig, weil die zweite Schicht quasi wegfällt. Die Kinder wollen gar nicht mehr so viel Aufmerksamkeit von ihren Eltern. Glotze, Smartphone und Zocken können das viel besser und ersetzen vom Action-Faktor vielleicht ein bisschen den Kick, den man sich eigentlich durch Stromern mit den anderen Clan-Kids in der Wildnis verschaffen würde. (In Jäger-Sammler-Gemeinschaften fangen „Kinder im Schulalter“ langsam an, die Erwachsenen bei der Jagd zu begleiten.)“

 

Ich denke, das trifft es einfach. Das hätte ich wahrlich nicht besser schreiben können.

 

Kinder haben ist anstrengend – heute mehr denn je

Haben sich meine Eltern jemals so viele Gedanken gemacht, machen müssen, wie sie mit uns Kindern interagieren? Heute werden Eltern viel schneller an den „Pranger“ gestellt.

Wenn das Kind nicht „funktioniert“, sind die falschen Erziehungsmethoden der Eltern Schuld.

Geht die Mutter arbeiten, ist sie eine Rabenmutter. Bleibt sie zu Hause, wird sie ebenso unverständlich angesehen.

Umsorgt man das Kind zu sehr, ist man ein Helikopter-Elter.

Lässt man ihnen zu viel Freiraum und alles durchgehen, ist man vernachlässigend und / oder gefährdet das Kindswohl.

usw. usf.

Ich bin in einer dörflichen Gemeinschaft groß geworden, meine Mutter blieb die ersten 6 Jahre meines Lebens zu Hause, obwohl das finanziell nicht gerade günstig für die Familie war. Aber sie wollte nicht schon wieder ein Kind täglich weinend bei der Oma lassen, wie es ihr mit meinem älteren Bruder erging. Immerhin gab es diese Oma, gleich nebenan, mit einem großen Grundstück und riesigem Nutz-Garten. Dazu viele Tanten, Onkels, Cousins und Cousinen, Nachbarn, die einander geholfen haben. Viele Kinder in meinem Alter. Wir stromerten herum, oft den ganzen Tag. Schon ab dem Alter von 4 Jahren waren wir alleine unterwegs. Da ging das damals noch. Das ganze Dorf war nicht nur unser Spielplatz, sondern zog uns quasi mit groß. Es war eine Idylle, aus heutiger Sicht, und zwar auch für meine Eltern. Sie mussten nicht mit uns auf den Spielplatz gehen, obwohl sie gerade keine Lust oder Zeit dazu hatten. Wir sind alleine gegangen. Sie hatten Zeit, ihr eigenes Ding zu machen – ganz ohne schlechtes Gewissen.

Die Grundschule war nicht besonders anspruchsvoll. Es gab nicht den Druck, unbedingt Abitur machen zu müssen (und ich bin einige von sehr wenigen aus der damaligen zahlreichen Kindergemeinschaft mit Abi und abgeschlossenem Studium). Heute ist eben vieles ganz anders.

„Eltern sind heute m.E. überfordert, weil sie im Kleinfamilien-Kontext dazu gezwungen werden, etwas zu leisten, das unmenschlich ist. Sie müssen leisten, was „eigentlich“ eine Vielzahl von Menschen gemeinsam leisten sollte/müsste. Zudem ist der Einfluss der Eltern auf die Kinder (und ihre Psyche) dadurch, dass es kaum andere ernsthafte Beziehungen und Vorbilder für Kinder gibt, immens. Wo viele Erwachsene sind, die Kinder ständig beeinflussen, ist ein cholerischer Vater weniger ein Problem für die Entwicklung des Kindes. (Das Kind kann ihm im Zweifelsfall einfach aus dem Weg gehen.) Ist „der Choleriker“, „die Depressive“, „die Unentspannte“, „die Gereizte“ usw. aber die wichtigste bzw. einzige intensive Bezugsperson, multipliziert sich die Abhängigkeit von den und damit auch die Verantwortung der Eltern. Das ist – im wahrsten Sinne des Wortes – eigentlich ziemlich unerträglich!

Erschwerend kommen hinzu: Individualismus, Selbstverwirklichungsdrängen, Biografiezwang. Wie soll man sich Kindern widmen, wenn man ständig den Zwang verspürt, das Beste aus sich herausholen zu müssen, um im Zweifelsfall auch zu erklären, wer man ist und was man macht? Die Kinder nehmen so viel Zeit weg, in der man etwas „sinnvolles“ tun könnte. Der Spruch oder Gedanke „Ich habe heute noch gar nichts geschafft“ am Abend eines Tages, den man „nur“ mit den Kindern verbracht hat, spricht Bände.

Dann wäre da noch: Eine rational eingerichtete Umwelt, die nicht zum „irrationalen“ Verhalten von Kindern passt: Funktionalität überall, bestimmte Arten und Weisen wie etwas „richtig“ zu gebrauchen ist und so so viel, was Kinder ständig falsch machen können. Und sie tun es ja auch ständig, etwas „falsch“ machen. Das geben wir ihnen auch ununterbrochen zu verstehen. Man könnte Kinder auch liebevoll in die Welt einführen, mit Verständnis dafür, dass sie xy nicht einfach so können und dass es Zeit braucht, bis das der Fall ist, so wie es in Jäger-Sammler-Kulturen. Aber dafür tickt hier und heute die Uhr zu laut, der Tag hat zu wenig Stunden für all das, was wir meinen, zu tun zu haben. Das viele, viele Andere. […]

So gesehen sind die Genervtheit, die Gereiztheit, die Überforderung, die Last, der Druck von Eltern völlig logische Konsequenzen. Und auch die zunehmende Anzahl von Kindern und Erwachsenen mit psychischen Problemen erscheint mir vor dem Hintergrund durchaus plausibel. Ebenso, dass immer weniger Menschen überhaupt Kinder bekommen (wollen). Wer kann das – in so einem Kontext – schon ernsthaft wollen? Eigentlich sind Kinder doch in einer rationalen, funktionalen, an Effizienz, Optimierung und Fortschritt ausgerichteten Industriegesellschaft überall im Weg. Ein einziges Ärgernis. Neue Menschen braucht aber auch diese Gesellschaft dummerweise. Können die nicht irgendwie als fertige, als „richtige“, als vernünftige Menschen zur Welt kommen? Dann wäre alles so viel einfacher. Die Genforschung wird dafür bestimmt bald eine Lösung haben.“

Ja!

 

Es braucht 2 Arme pro Kind – mindestens

Das ist meine Meinung. Ich habe 2 Kinder, aber nicht 4 Arme. So geht es vielen Alleinerziehenden und mir und meinem Mann immerhin zeitweise, weil der andere (hier vor allem der Mann) beruflich weg ist, auch an Feiertagen und dem Wochenende. Dann steht man mit allem oft völlig alleine da, weil eben das Auffangnetz sehr dünn ist. Und beim Lesen des Blogbeitrages wurde mir nicht zum ersten Mal klar, was wir hier in der heutigen Zeit leisten. Und das es anstrengend ist und sein darf und wir verdammt noch mal auch darüber sprechen dürfen und sollten!

„Also fing ich an, darüber zu schreiben. Und relativ bald zeigten andere Eltern ihre Erleichterung. Vermutlich, weil ich (und andere) zeigten, dass sie nicht allein sind, dass es anderen auch so geht wie ihnen, dass wir ähnliche Probleme teilen. Und auch meine Leserinnen gaben mir ein gutes Gefühl, weil es kurz – ganz kurz – meine Schuldgefühle reduzierte. Das fühlte sich gut und richtig an, nach einer eingeschworenen Gemeinschaft von desillusionierten Eltern wider der Romantisierung von Elternschaft.

[…] in denen sich Menschen über die „jammernden“ neuen Eltern beschwerten oder lustig machten, ließen mich zuweilen stark an „meinem Projekt“ zweifeln. Ist das öffentliche Äußern der eigenen Überforderung eine scheiß Idee? Sollte man das lieber für sich behalten und weiter die Zähne zusammenbeißen? […]

Warum kriege ich es nicht hin, meine Kinder zu genießen? Nett, verständnisvoll, geduldig zu sein? Ich habe den Fehler bei mir gesucht, dazu neige ich. Habe in mir gegraben, einiges gefunden und darunter gelitten, meinen Kindern keine „besser Mutter“ sein zu können. Ich fühlte mich mal egoistisch, mal egozentrisch, mal faul, mal schwach und unbelastbar, ständig unsicher und andauernd überfordert.“

Ich kenne das nur allzu gut mit den Schuldgefühlen, den Selbstzweifeln an der Mutterrolle und wie man sie ausübt, der Angst vor (weitreichenden) Fehlern im Umgang mit den lieben Kleinen, auch die Genervtheit und die Überforderung. Das alles ist eben nicht unsere Schuld alleine und schon gar nicht die der Kinder. Sie können am allerwenigsten dafür. Es ist das Land, diese Gesellschaft, diese schier nicht zu erreichenden Ansprüche. Auch wenn man versucht, sich davon zu befreien (immer mehr, und nach einem Burnout bleibt einem auch nichts anderes übrig), es ist allgegenwärtig und nicht immer leicht zu ignorieren. Ja, das Kind kommt bald in die Schule und muss dort „funktionieren“, was also tun? Was tun, wenn schon im Kindergarten „Druck“ gemacht wird, weil das Kind sich anders verhält, negativ auffällt? Wohin soll das noch alles führen? Sicher nicht zu einer gesünderen Gesellschaft und einem besseren Leben, davon bin ich überzeugt. „Früher war alles besser!“ An dieser Aussage ist doch manchmal etwas dran.

Mama-Auszeit

Darf eine Mutter das? Ein paar Tage wegfahren, alleine und ohne ihre Kinder? Ja, behaupte ich, das darf sie – wenn es ihr gut tut und somit auch die Familie von einer erholten oder zumindest körperlich wie auch psychisch gestärkten Frau und Mutter nach deren Rückkehr profitiert.

Ich habe mir die Entscheidung zu dieser Auszeit von Familie und häuslichen Pflichten  nicht leicht gemacht, war ich doch erst im November 5 Tage auf Dienstreise – was allerdings aufgrund von Jetlag und Schlafmangel körperlich sehr anstrengend für mich war. Jetzt stand wieder eine Reise mit etwa der Hälfte meiner Kollegen an und ich hatte im Vorfeld immer wieder hin- und her überlegt. Grünes Licht gab es vom Mann. Und sogar Kind Nr. 1, am Tag meiner Abreise fiebrig, antwortete auf meine Frage hin, ob ich denn wirklich wegfahren könne, mit einem beherzten „Ja“. Also habe ich es getan und es nicht bereut. Es hat mir in vielerlei Sicht unheimlich gut getan. Ich konnte mich körperlich betätigen, ich habe mir einen Tag lang Zeit nur für mich genommen und diesen mit Spazierengehen, Lesen und Faulenzen verbracht. Am Abend saß ich dann bei  dem ein oder anderen Glas Rotwein in geselliger Runde vor dem Kamin. Ich habe neue Impulse bekommen und hatte eine gute Zeit.

Erst „grüne Wiese“, dann „Winterwonderland“

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Heute morgen kurz vor der Abfahrt nach Hause. Ein Winterwonderland.                                               (Bildrechte: dieverlorenenschuhe)

Los ging es am Montagmorgen mit einer guten Stunde Verspätung, weil die Batterie des Busses leer war und erst der Pannendienst kommen musste. Die Fahrt führte uns gen Süden in ein deutsches Windersportgebiet. Für die eine Hälfte stand Skifahren auf dem Programm, für die anderen ein attraktives Alternativangebot, welches man auch noch flexibel gestalten konnte. Ski gefahren bin ich das letzte Mal vor 8 Jahren und habe es mir bei dieser Reise wegen meiner sportlichen Inaktivität der letzten Jahre nicht zugetraut – zumal ich immer noch Anfängerin auf den Brettern bin. Ich brauche immer einen Tag, bis ich mich auf den Skiern wieder einigermaßen erfolgreich den Hang hinunter bewegen kann – wenn dieser nicht zu steil ist. Ein wenig bereut habe ich es dann doch, denn ich hätte mal wieder Lust auf Skifahren und möchte das unbedingt noch mal machen.

Gerade fahren wir durch eine wunderschöne Schneelandschaft bei herrlichstem Sonnenschein und wolkenlosem blauen Himmel. Leider ist die Woche aber für uns schon wieder vorbei und wir sind etwas traurig, denn so schönes sonniges Wetter gab es nur an einem Tag, an den anderen kämpften wir mit Regen, Sturm und Schneefall. Zumal am Anfang so gut wie gar kein Schnee lag. Unsere Schneeschuhwanderung am Dienstag hat zwar trotzdem ganz viel Spaß gemacht, aber wir wurden ziemlich naß und den letzten Rest zum Gipfel hat nur eine kleine Gruppe gewagt, bei der ich nicht dabei war. Bei einem Wettersturz mit starkem Schneefall und stärkeren Windböen musste ich einfach passen. Auch blieb uns aufgrund der Wetterlage eine fanatische Aussicht über die Alpen verwehrt.

Was man sich so alles an die Füße schnallen kann, wenn Winter ist

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Die verlorenen Schnee-Schuhe bei der Rast an einer einsamen Almhütte. Spaß hat es gemacht, 4 Stunden Schneeschuhwandern. Es hätte nur etwas mehr Schnee auf dem Boden, dafür weniger von oben geben sollen. (Bildrechte: dieverlorenenschuhe)

Schneeschuhwandern ist auf jeden Fall etwas, was ich noch einmal machen möchte. Natürlich muss ich auch hier meine schlechte Kondition beachten. Ich bin alles andere als eine Bergziege und in dieser Hinsicht bisher auch noch nicht so gut erprobt. Steile Anstiege bereiten mir derzeit  konditionelle Probleme. Ganz im Gegensatz zu unserem Bergführer. Dieser Mann ist nicht nur doppelt so alt wie ich, er hat auch noch eine tausend Mal bessere Kondition. Ein faszinierender Mensch, der mit sehr viel Wissen aufwarten konnte und Erfahrung nicht nur im Besteigen deutscher wie weltweiter Berge hat, sondern auch sonst alles macht, was man in den Bergen so machen kann – mit fast 80 Jahren.

Ich hatte mir für diese Reise noch etwas vorgenommen: nach 10 Jahren endlich einmal wieder Schlittschuhe an die Füße schnallen und Eislaufen gehen. Eine große Eissporthalle bot sich an, und so packte ich meine weißen Kunsteislaufschuhe ins Gepäck und hoffte, dass ich es zeitlich wahr machen konnte. Am letzten Tag vor unserer Abreise war es soweit. Bei miesem Wetter kann man gerne einmal ein paar Stunden (!) in einer Eislaufhalle zubringen. Während vier Kollegen, die mich zunächst begleitet hatten, nach einer halben Stunde aufgaben, zog ich 3 1/2 Stunden meine Runden, bis ich die Schmerzen in den Beinen nicht mehr aushielt und die Reisegruppe ohnehin im Bus die Rückfahrt zur Unterkunft antrat und mich vor der Eislaufhalle wieder einsammelte. Während also die vier Kollegen ein alkoholisches Getränk nach dem anderen in einer überhitzten Skihütte zu sich nahmen, zog ich meine Runden.

Nun, ich habe durchaus gemerkt, dass ich mit 40 Jahren nicht mehr ganz so gelenkig bin wie früher. In diesem Alter, das sollte man nicht vergessen, müssen Profis in diesem Bereich ihre aktive Karriere schon an den Nagel hängen, von daher versuche ich bei meinen eigenen Ansprüchen an meine Fähigkeiten natürlich auf dem (Eis-)Boden zu bleiben. Nach einer halben Stunde war ich aber wieder drin, hatte die Ängstlichkeiten überwunden und konnte fahren, wie ich es früher auch so oft getan hatte. Klar, ich kann keine Pirouetten drehen oder waghalsige Sprünge zeigen, aber ich bin zufrieden, dass ich sturzfrei und sicher übers Eis geglitten bin, mit den Kuven an Füßen durchaus gut variieren und spielen konnte und sogar mein Rückfährtsfahren etwas vorangetrieben habe – etwas, was ich unbedingt noch können möchte. Ich habe sehr junge Mädels beobachtet, die ihren Kunsteislauf geübt haben. Faszinierend. Ich habe früher so gerne Eiskunstlauf und auch Eiskunsttanzen im Fernsehen geschaut. Diese Sportart hat mich schon immer fasziniert. Es hat mir unheimlich Spaß gemacht und ich hoffe, dass dieses Mal nicht wieder ein Jahrzehnt vergeht, bevor ich mich erneut auf die Kuven wage. Wieso überhaupt so eine lange Pause, bin ich doch früher häufiger gefahren. Die letzten 5 Jahre sind selbsterklärend, aber die 5 davor? Und außerdem kommt Kind Nr. 1 so langsam in das Alter, in dem ich ihn mal mitnehmen könnte. Juchuh!

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Mama On Ice. Leider konnte ich meine eigenen Schlittschuhe nicht benutzen. Sie müssen dringen einen neuen Schliff bekommen, und das passiert hier nur am Wochenende. (Bildrechte: dieverlorenenschuhe)

Warum sollten Mütter nicht dürfen, was für viele Väter selbstverständlich zu sein scheint

Es war für mich also die richtige Entscheidung, diese Reise anzutreten. Im Vorfeld habe ich mich auch gefragt, wieso ich darauf verzichten sollte, wenn doch auch Kollegen mitfahren, die kleine Kinder daheim haben, also Familienväter, die nun auch ihrer Frau und anderen Menschen wie Großeltern oder Erzieherinnen die Kinderbetreuung einmal für ein paar Tage komplett überlassen. Wieso sollten Väter das eher dürfen als Mütter? Eben. Natürlich ist es immer ein zwiespältiges Gefühl, für ein paar Tage von den eigenen Kindern getrennt zu sein und damit leben zu müssen, dass man in der Zeit zu Hause bestimmt nicht die Nummer Eins ist und vielleicht auch nach der Rückkehr die eigenen Kinder erst einmal wieder mit einem warm werden müssen. Nun habe ich ohnehin Papa-Kinder zu Hause, das macht es mir vielleicht etwas leichter. Übrigens war es das erste Mal, dass ich nicht geweint habe, als ich das Haus zur Abreise verlassen musste. Vielleicht zeigt das auch, wie erholungsbedürftig ich gerade die letzten Wochen, die aus bestimmten Gründen echt hart für mich waren, gewesen bin.

Übrigens habe ich auch schon im letzten Mai eine Auszeit von der Familie genommen und bin für 4 Nächte in meine nordische Lieblingsstadt geflogen. Natürlich sollte man im Gegenzug auch seinem Partner so ein Privileg zugestehen. So fährt auch mein Mann jedes Jahr für ein Wochenende mit seinen Kollegen weg. Worauf ich mich aber auch immer wieder besonders freue, sind Aktivitäten mit der ganzen Familie. Und ich gehe davon aus, dass es mit zunehmendem Alter der Kinder einfacher wird, auch mal einen Wander- oder Skiurlaub einzulegen oder Dinge zu tun, die jetzt einfach noch (fast) unmöglich sind oder nur mit sehr viel Aufwand und Stress verbunden wären.

 

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„Freu Dich aufs Allgäu“, so hieß es noch am Montag. Der Bus rollt nun wieder Richtung Norden. (Bildrechte: dieverlorenenschuhe)

Mein persönliches Fazit

Natürlich wird es auch Stimmen geben – ich höre sie förmlich schon – die der Meinung sind, dass Eltern sich Zeit ohne ihre Kinder in keinem Fall erlauben dürften. Letztendlich muss selbstverständlich jede Mutter, jeder Vater selbst entscheiden, ob er oder sie es für richtig oder falsch hält, ein Wochenende oder noch länger ohne seine Kinder zu sein. (Es soll ja durchaus Eltern geben, die sich einmal ein Wochenende oder sogar eine ganze Woche ohne ihre Kinder gönnen. Bei uns ist bisher immer ein Elternteil daheim geblieben. Denn tatsächlich finde ich unsere Kinder noch zu jung dafür, glaube aber fest daran, dass wir in mehreren Jahren einmal ohne Kinder Urlaub machen werden). Ich finde eben, man sollte es nicht von vorne herein verurteilen oder gänzlich für sich ausschließen. Es gibt sicherlich unterschiedliche Einstellungen zu dem Thema und auch Mütter, die einfach immer nur mit ihren Kindern sein wollen. Aber wenn der Gedanke aufkommt, eine Auszeit zu nehmen, sollte man sich nicht scheuen, es wahr werden zu lassen. Es kann allen sehr gut tun, wie ich weiter oben bereits erwähnt habe. Ich selber bin eben eine Mutter, die ihre Kinder bei Abwesenheit zwar vermisst und vom schlechten Gewissen ohnehin immer wieder eingeholt wird, aber ich brauche Auszeiten. Da ich mir diese im alltäglichen Leben kaum nehme (nehmen kann), versuche ich es immer wieder einmal auf die nun geschehene Weise. Erkannt habe ich allerdings, dass es für mich und meine körperliche wie auch psychische Gesundheit sehr wichtig wäre, öfter einmal hier und da ein Stündchen für ich zu haben, wo ich nicht noch eben alleine schnell das Haus putze oder andere alltägliche Dinge erledige, sondern etwas tue, was nur für mich ist. Ich hoffe, das in den nächsten Jahren besser umsetzen zu können. Denn egal, wie sehr ich meine Kinder auch liebe, auch mein eigenes Leben getrennt von der Familie hat eine gewissen Bedeutung für mich. Vielleicht versteht das ja der/die ein oder andere meiner LeserInnen.

Ich bin traurig und wütend, weil…

Ich bin traurig und wütend, weil…

ich viel zu oft viel zu müde bin und das mein Leben nun einmal negativ beeinflusst. Vor allem aber bin ich traurig und wütend, weil ich mich dafür scheinbar auch noch rechtfertigen muss.

„Immer wenn sie hier sitzen sind sie müde, kaputt und traurig!“ – „Wenn ich das nicht wäre, bräuchte ich wohl kaum hier sitzen!“

Ich habe ein paar sehr anstrengende Wochen mit sehr wenig Schlaf hinter mir. Und eine Zeit mit sehr viel Arbeit, gerade die letzten Tage waren einfach sauanstrengend diesbezüglich.

Ich bin traurig und wütend, weil ich nichts dafür kann, dass das so ist und ich daran sehr wenig ändern kann.

„Sie müssen Prioritäten setzen!“

Ach was. Ich mache seit langem nichts anderes als Prioritäten zu setzen. Meine To-Do-Liste ist so unglaublich lang, dass sie mindestens einmal um den Erdball reicht.

Erst ist der Mann vier Tage auf einem Lehrgang und somit so gut wie nicht zu Hause. Ich habe Dienst und ein paar Konzerte und bereite außerdem meine Dienstreise in die Vereinigten Staaten von Amerika vor. Das bedeutet nicht nur, dass ich meinen Koffer packen muss, sondern vorweg den Haushalt einigermaßen auf Vordermann bringe, Wäsche wasche und bügele. Ich erwarte trotzdem, dass der Mann während meiner Abwesenheit anfallende Aufgaben übernimmt, also einiges über das übliche Geschirrspülmaschinengedöns und Krümel unterm Tisch wegfegen hinaus. Immerhin hat er eine Woche Urlaub und die Kinder sind jeden Tag mehrere Stunden im Kindergarten.

Also fliege ich in die USA, in der Nacht davor schlafe ich kaum vier Stunden. Im Flieger kann ich nicht schlafen, weder auf dem Hin- noch auf dem Rückflug. Ich kenne das schon, so ist das eben bei mir. Die Hinreise bedeutet 24 Stunden wach zu sein, denn nach Mitteleuropäischer Zeit (MEZ) spielen wir noch nachts um 2 Uhr ein kleines Ständchen, fahren dann fast eine Stunde zurück zu unserem Hotel. 24 Stunden nach dem ich am Montagmorgen in Deutschland aufgestanden bin, gehe ich ins Bett. Zum Glück habe ich ein Zimmer (äh, eine ganze Suite!) für mich alleine.

Wach bin ich nach 6 Stunden Schlaf, also so um 4:30 h morgens, ohne eine Chance, wieder einschlafen zu können. So geht es die Woche weiter. Ich bin um 3:30 h oder 4 h wach, nach 4 oder 5 Stunden Schlaf. Nichts geht mehr. Ich drehe Däumchen. Um die Woche und die anstehenden Dienste zu überstehen, mache ich abends nichts mehr (bis auf ein Mal, mein Highlight, treffe ich eine alte Schulfreundin…). Ich gehe weder ins Kino noch mit Kollegen einen Burger essen, so wie ich es mir vorgenommen hatte. Es geht mir mittendrin nicht gut. Aber ich schaffe alles, und schaue mir das Wichtigste der Stadt an.

Nach dem Rückflug und 23 1/2 Stunden ohne Schlaf falle ich für drei Stunden zu Hause ins Koma und schlafe. Dann stehe ich auf, damit der Mann für seine Nachtschicht schlafen kann und die Kinder mich endlich einmal wieder sehen. Die nächste Nacht ist bescheiden. Abends bin ich todmüde, kann aber nicht einschlafen. Bzw. als ich so gegen Mitternacht gerade wegschlummere, will mein Sohn nicht mehr in seinem Bett schlafen. Ich liege mit zwei Kindern im Bett, meine Tochter ist zwei Stunden wach und liegt mit 14 kg auf mir und so weiter. Ich bin am Ende. Mein Mann muss am Sonntagfrüh nach seiner Nachtschicht schlafen, ich muss es auch. Die Großeltern springen ein. Ich schlafe noch einmal bis um 11h.

So ähnlich sind auch die nächsten Nächte. Ich kann erst nicht einschlafen, als ich wegdämmere, ruft mich ein Kind und braucht mich. Vormittags mache ich nichts, der nach meiner Ankunft nicht gerade glänzende Haushalt liegt weiter brach, das Chaos wird größer. Ich habe zwei Konzerte, was bedeutet, dass ich nach dem Konzert um 1:30 h im Bett bin, aber ab morgens 5 oder bestenfalls 6 Uhr wieder für die Kinder da bin, der Mann ist erneut auf einer Lehrgangswoche. Vormittags ruhe ich mich aus, schlafe am zweiten Tag eine geschlagene Stunde und breche beim Konzert abends fast zusammen. Komisch, wie man dann immer noch seine Leistung einigermaßen bringt, aber es saugt alle Energie aus mir heraus.

Ich bitte meinen Chef um einen Tag Verschnaufpause und nehme einen Tag Urlaub, was zum Glück gerade machbar ist. Ich kann nicht mehr. Die Kinder sind im Kindergarten und ich schlafe 3 Stunden, damit es mir etwas besser geht.

Es ist Wochenende und mein Mann arbeitet die ganze Zeit. Ich kann mich weder ausruhen noch Schlaf nachholen. Ich staubsauge oben mit den Kindern zusammen und wasche ein paar Maschinen Wäsche. Mehr ist nicht drin.

Ich bin total alle, aber die nächste Woche beginnt. Ich komme selbst im Dienst nicht zu dem, was ich mir vorgenommen habe, nämlich Üben und Schreiben. Ich habe Proben und muss mich ansonsten um andere Dinge kümmern.* Nachmittags bin ich diese Woche nicht vor 15:30 oder 16 h zu Hause. Der Haushalt wartet. Ich lasse ihn warten. Wasche etwas Wäsche, mehr nicht. Bin irgendwie da, die Kinder sehen mich, aber ich bin so unglaublich müde.

Und dafür muss ich mich entschuldigen? Bei einer Psychologin?

„Wie fühlen Sie sich denn, wenn sie mal drei Tage hintereinander 8-9 Stunden geschlafen haben?“

Wie neugeboren.

Ich freue mich aufs Wochenende. Ich werde mal etwas ausschlafen. Also so bis um 7 Uhr 30… . Ich solle besser abends eher ins Bett gehen, sagt sie.

DAS MACHE ICH BEREITS, seit Jahren. Nicht jeden Abend, manchmal wird es doch 22 h oder gar 23 h. Denn oh Wunder, ich kann nicht immer sofort einschlafen!!! Ich liege dann rum und drehe Däumchen und Ich bin traurig und wütend, weil ich schon wieder nicht schlafen kann. Oder ich wache bereits nachts wieder auf und schlafe nicht mehr ein, so wie letzte Nacht. 3 Uhr und zack, schon wieder vorbei. Oder ich kümmere mich um meine Kinder, wenn sie wach sind, wenn mein Sohn wieder zappelnd und zähneknirschend neben mir liegt, oder dazwischen noch meine Tochter, und ich versuche, auf 20 cm verbleibender Liegefläche klar zu kommen. Zum Glück bin ich schlank! Oder ich wandere ins andere Zimmer, und wenn sie mich rufen, wieder zurück. Samt Bettzeug.

Nikolaustag, ich überarbeite den Text und füge ein: die letzten Tage bin ich dann abends immer sehr früh eingeschlafen. Der Versuch, ein Buch zu lesen oder eine Film (ich versuche mich jetzt schon seit 2 Tagen an einer Documentary über Woody Allen) scheiterten an übergroßer Müdigkeit.

Ich bin erschöpft, denn ich bin Mutter, und habe einen zeitaufwendigen Job, der Konzentration und spätes Zu-Bett-gehen verlangt, außerdem bin ich noch Putzfrau und Haushälterin… .

Dadurch, dass ich abends früh ins Bett gehe oder oft bei meiner Tochter mit einschlafe, erhalte ich mich zwar einigermaßen am Leben, so rein körperlich. Aber sonst passiert nicht viel. Ich erledige nichts, und vor allem tue ich nichts für mich. Selten schaue ich mal einen Film, meist etwas aus der Mediathek oder eine DVD, da kann man splitten. Fernsehen sehe ich fast nie. Ich lese etwas, im Internet, selten ein Buch. Ich spiele kaum mehr Klavier oder telefoniere abends mit Freunden. Ich lebe also einfach nicht mehr, sondern arbeite nur noch! Damit ich einigermaßen schlafen kann, denn ich weiß nie, wie die Nächte werden. 

Ich bin traurig und wütend, weil ich mich für meine Schlafstörungen rechtfertigen muss. Weil ich müde und kaputt bin. Weil für mich nichts bleibt außer einen haufen zu erledigender Aufgaben – und weil ich Prioritäten setze, bleiben die meisten eben unerledigt.

Und dann kommt das nächste. Was soll ich dagegen tun? Es gibt derzeit keinen Ausweg.

Ich bin traurig und wütend, weil es in den allermeisten Fällen die Frau ist, die nach der Geburt von Kindern so dermaßen zurückstecken muss. Von ihr wird einfach alles verlangt. Alles zu 100 %.

Und ich bin traurig und wütend, weil kinderlose Kollegen meinten, sie könnten alles von mir verlangen, z. B. auch, mein Instrument weiterhin im Dienst an zweite Stelle zu setzen.* Damit ist jetzt Schluß! Wenn ich schon keinen Teilzeitjob haben kann, dann werde ich nach meinen Bedingungen arbeiten.

 

*Dazu im nächsten Beitrag mehr

 

 

Erst Karrierefrau, dann Mutter

Bin ich eine Karrierefrau? Zumindest war ich immer sehr ehrgeizig, leider aber auch zu faul und zu bequem, um eine Hardcore-Karriere zu verfolgen. Oft fehlte mir auch der nötige Durchblick, den man in meiner Branche schon in sehr jungen Jahren braucht. Und das „Vitamin-B“ (B = Beziehungen). Und doch, ich habe einige Ziele verfolgt und versucht, mich möglichst nach meinen Fähigkeiten zu positionieren. Es hätte mehr sein können… und als es gerade ganz gut lief, wurde ich Mutter!

Synonyme zu Karriere

Bedeutungen, Beispiele und Wendungen

  1. erfolgreicher Aufstieg im Beruf

    Beispiele

    • eine steile Karriere
    • seine Karriere verfolgen, aufgeben
    • am Anfang einer großen Karriere stehen

    Wendungen, Redensarten, Sprichwörter

    Karriere machen ([rasch] zu beruflichem Erfolg, Ehre und Anerkennung gelangen)

  2. schnellste Gangart des Pferdes, gestreckter Galopp

(Quelle: http://www.duden.de)

Was bedeutet dieses Karriere-Dings für mich persönlich? Dass man in seinem Beruf, der einem Spaß und Freude bringt, immer noch ein Stückchen besser wird und nicht stagniert. Also trifft es der Aufstieg ganz gut. Und wenn man dann für das, was man erreicht hat oder leistet, Lob und Anerkennung erhält, ist das natürlich ein schönes Gefühl. Jeder wird da in seinem Bereich seine eigene Messlatte haben.
Ich musste meine im Laufe der Jahre immer weiter herunter schrauben. Nicht nur, weil ich für manche Leistungen einfach nicht geeignet bin, sondern weil mir mein Muttersein eben auch einen gewissen Riegel vorschiebt, was den Aufstieg anbelangt. Sei es von ganz offizieller Seite, sei es von mir selber.

Männer und Frauen sind nicht gleich

Als mein erstes Kind gerade ein halbes Jahr alt war, fuhren wir zu einem runden Geburtstag der Oma meines Mannes in seine Heimatstadt. Damals war ich noch etwas naiv hinsichtlich der zukünftigen „Fremdbetreuung“ unseres Nachwuchses. Nur wenige Wochen, bevor mein Mann in Elternzeit gehen sollte, glaubte ich, es würde sich schon alles finden. Eine Tagesmutter musste her, was sich aber als recht schwierig erwies, da in unserem ländlichen Raum nicht so viele Tagesmütter zu finden sind. Und unser Problem der Betreuung in den Abendstunden würde damit ebenfalls nicht gelöst sein. Ich liebäugelte noch mit einem Au-Pair, wohl das einzige, was aus meiner heutigen Sicht funktioniert hätte. Mit Ablauf seines 14. Lebensmonats brauchte der Junge eine Betreuung, wenn wir Eltern beide arbeiten gingen. Eine Alternative wäre es gewesen, dass ich ein weiteres Jahr „zu Hause“ bliebe, mit allen finanziellen Verlusten und dem Vernichten meiner bescheidenen Ersparnisse.

Monate später fragten wir meine Schwiegereltern, ob sie zu uns ziehen wollten. Da sie ohnehin vorhatten, vorzeitig aus dem Erwerbsleben auszusteigen, erschien uns das als Ideallösung. Jeder würde davon profitieren: wir als arbeitende Eltern, das Kind, weil es einen großen Bezug zu seinen Großeltern haben konnte und diese wiederum davon, viel Zeit mit ihrem Enkel verbringen zu dürfen.

Aber an diesem Abend ging es noch darum, wie die Zukunft aussehen könnte. Die Tante meines Mannes hatte eine zündende Idee! Sie, die selber in einem Land sozialisiert worden war, in dem bereits Babys wie ganz selbstverständlich in die Ganztagesbetreuung „gesteckt“ wurden, damit die Frauen diesen sozialistischen Staat bei seiner – in meinen Augen fragwürdigen – Produktivität durch ihre Arbeitskräfte unterstützen konnten und nicht als „Mutti am Herd“ verloren gingen: Ich solle doch ganz einfach die Konzerttätigkeiten fallen lassen, so für die nächsten Jahre, wo die Kinder mich am meisten bräuchten und nicht alleine zu Hause sein könnten…

Also so mindestens 10 Jahre lang, rechnete ich mal grob nach. Ich war gelinde gesagt geschockt! Denn das würde bedeuten, FÜR IMMER aus meinem Beruf als Orchestermusikerin in der Versenkung zu verschwinden, denn nach 10 Jahren Abstinenz von sämtlichen Konzertbühnen würde ich NIE WIEDER als Orchestermusikerin Fuß fassen, so viel steht fest. Ich würde also meinen Beruf aufgeben müssen, für den ich so hart gearbeitet hatte, für den ich auf so vieles andere verzichtet hatte, weil ich nie etwas anderes hatte machen wollen als Musik.

Ihren Neffen, also meinen Mann, hatte sie allerdings nicht gefragt, ob er sich nicht vorstellen könne, aus dem Schichtdienst in den Tagdienst zu wechseln und somit jeden Abend bei den Kindern sein zu können. Und da liegt für mich der Hase im Pfeffer begraben: in erster Linie kommt niemand auf die Idee, dass doch der Mann beruflich kürzer treten oder größere Abstriche an seine berufliche Zukunft machen könnte, damit die Kinderbetreuung gewuppt ist und die Frau ihre Karriere verfolgen kann. Ich sagte das auch, und lies es dann sein, weiter über das Thema zu sprechen. Ich wollte keinen Streit auf dieser Familienfeierlichkeit vom Zaun brechen.

„Draußen vor der Tür“

Weg vom Fenster trifft es auch ganz gut. Wenn Du erst mal einige Angebote nicht mehr annimmst, dann kräht irgendwann auch kein Hahn mehr nach Dir. In meinem Beruf, in dem man so viel nebenbei machen kann und es viele Be(s)tätigungsfelder außerhalb des Hauptjobs gibt, kann man eben nicht mehr alles machen, wenn man weniger Zeit wegen anderer Verpflichtungen hat. In meinem Fall bedeutet dies: nichts mehr machen, was über meinen Hauptjob hinaus gehen würde! Dadurch kommt finanziell nichts mehr extra in die Kasse, was aber nicht das Schlimmste ist, denn der Hauptjob wirft genug ab, um klar zu kommen. Aber man kommt auch sonst nicht weiter. Und auf Dauer kann das schon sehr unbefriedigend sein. Auch wenn man seine Kinder liebt und sich bewußt für ein Leben mit ihnen entschieden hat, tut es manchmal weh, dass alles, was davor jahrzehntelang so wichtig war, einfach vorbei ist! Und immer wieder trifft man auf männliche Kollegen, die eben so gut wie gar nichts aufgeben, aufzugeben scheinen, wenn sie Vater sind.

Als erstes gab ich die Schüler auf. Kein großer Verlust für mich, denn es machte mir ohnehin nicht mehr so viel Freude. Dass ich ursprünglich gerne mal als Dozentin an der Uni gearbeitet hätte, verdränge ich bis heute. Den Job hatte damals jemand anders bekommen. Da ich nicht aus dieser Region stamme, ist klar, dass die „Ureinwohner“ immer einen Vorteil bei der Verteilung attraktiver Jobs haben.

Was macht man sonst noch so als Musiker?

  1. man tingelt von Mugge zu Mugge*
  2. man unterrichtet bei Musikvereinen oder muggt dort mit, wenn Not am Mann ist
  3. man tingelt von Orchester zu Orchester, eben weil die so interessante Projekte machen
  4. man nimmt an Workshops teil, um sich weiterzubilden
  5. man verschreibt sich der Kammermusik oder macht nebenbei eben mindestens ein festes Projekt, weil es einfach Spaß macht, vor allem, wenn man damit noch Konzerte gestalten kann
  6. man arbeitet häufiger solistisch
  7. man nimmt mal wieder Unterricht bei Professor xy, weil besser is‘ das
  8. man kümmert sich um das ideale Material, also gute Instrumente, hervorragende Mundstücke (bei Bläsern) etc. pp
  9. man bewirbt sich auf die Stelle in yz, weil die viel besser ist. Wenn die aber mit der Familie nicht vereinbar ist, lässt man es eben und bleibt in Orchester xy und frustet hier und da schon mal vor sich hin

Ich habe das aufgegeben. Es ist keine Zeit und keine Kraft mehr vorhanden! Ich bin jetzt Mutter – wohlgemerkt nicht Vater, denn sonst könnte ich das ein oder andere noch machen, denn: inzwischen bin ich nicht mehr gefragt, selbst bei Leuten, die sonst noch angefragt haben. Ich spüre es deutlich, dass man mit mir einfach nicht mehr rechnet!!!

So ist das! Frau kann eben nicht alles haben!

Nachtrag:  Mir ist noch eingefallen, dass ich in meiner ersten Schwangerschaft sogar von einem Kollegen den Vorschlag bekommen habe, doch auf die Konzerte zu verzichten. Immerhin gäbe es noch genug anderes in unserem Dienst zu tun, und so wäre ich abends nicht so oft weg. Dass die Konzerte noch die Highlights in meiner Tätigkeit darstellen, möchte ich an dieser Stelle erneut betonen. Gleicher Kollege ist übrigens selber Vater zweier noch kleinerer Kinder. Aber er hat keine „Papamonate“ genommen, weil die sich ja „negativ auf seine Pension ausgewirkt hätten“! Noch Fragen?

*Musik gegen Geld