Das Chaos in meinem Kopf – und drum herum

Ich hasse (dieses) Chaos um mich herum, es macht mich schier wahnsinnig! Unordnung und Dreck zähle ich dazu, und das habe ich reichlich mit zwei Kleinkindern und einem Mann (diese Spezies ist ja nicht gerade berühmt für ihr Ordnungsverhalten). Ich lebe in einem renovierungsbedürftigen, fast 60 Jahre altem Haus und kriege hier fast nichts mehr auf die Reihe. Denn die Baustellen anzugehen bedeutet in der Regel: alles selber machen / organisieren.

Und so organisiere ich und mache so vieles, den lieben langen Tag! Aber ich kann nicht alles alleine anpacken, ich schaffe es nicht. Es ist zu viel,und das schon viel zu lange. Mit einem eher inaktivem, bezüglich mancher Themen gleichgültig erscheinenden Partner an meiner Seite und den zwei teilweise etwas arbeitshemmenden Kleinkindern trete ich in vielen Belangen auf der Stelle. Und so habe ich auch mich selber über Jahre sträflich vernachlässigt (ich meine jetzt nicht die tägliche Körperpflege, obwohl die Beinrasur oder gar Augenbrauenzupfen inzwischen eher einer mittelgroßen Herausforderung gleichen).

„Wir räumen das [Chaos] jetzt auf“

Dies sagte meine Therapeutin heute sinngemäß am Ende unserer zweiten „Sitzung“ zu mir. Da erzähle ich einem im Grunde genommen wildfremden Menschen mein Leben, lege meine Biografie offen dar, antworte auf Fragen, und es fällt mir erstaunlich leicht, dies zu tun. Irgendwie tut das gut. Ich bin sehr mitteilungsbedürftig. Die 50 Minuten vergehen wie im Fluge.

Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie nennt sich das. In der letzten Stunde habe ich den Unterschied gelernt zwischen Psychologen und Psychiater (letztere haben auch ein Medizinstudium absolviert und dürfen somit Medikamente verschreiben – und benutzten zur Analyse gerne auch noch mal die Couch á la S. Freud), Verhaltenstherapie (beschäftigt sich mehr im „Heute“) und eben dem, was ich jetzt mache. Und das kommt mir entgegen, denn ich brauche bewußt diese Reise in meine Vergangenheit, das Eintauchen in meine persönliche Biografie nicht nur durch mich selber, um auch im Hier und Jetzt vielleicht endlich einmal aufräumen zu können.

Anfangs war ich noch skeptisch, das Prozedere war mir fremd und ich habe nach dem ersten Treffen überlegt, ob es das Richtige für mich ist. Auch die letzten Tage habe ich das ein oder andere Mal darüber gegrübelt, wie beknackt ich jetzt eigentlich bin, dass ich so eine Psychotherapie mache, da sitze und einem fremden Menschen alles über mich preisgebe, selber über diese Person aber gar nichts erfahre. Doch ich bin froh, diesen Schritt endlich gewagt zu haben. Zu lange habe ich alles mit mir selber ausgemacht ohne mit jemand anderes ernsthaft darüber zu reden, was mich umtreibt und beschäftigt, nicht loslässt. Für manche wäre bin ich jetzt vermutlich trotzdem ein Psycho, krank im Kopf, bescheuert oder so. Ich finde mich eigentlich noch relativ normal, also so normal durchgeknallt, wie ich es schon immer war. Weder glaube ich, wirklich psychisch krank zu sein, noch leide ich für mich erkennbar an einer schweren Depression. Jedoch ist es nicht meine Aufgabe, das zu beurteilen. Bezahlt wird dafür die Frau Psychologin.

Wie wird es weitergehen?

Das kann ich heute auch noch nicht sagen, es wird eine Weile dauern, bis sich vielleicht erste „Erfolge“ einstellen. Noch sind die 5 „Testsitzungen“ auch nicht vorbei. Aber es macht mir Mut. Auch dahingehend, einmal den Schritt zu gehen, alles aufzuschreiben, also ernsthaft, und dabei ebenso chronologisch vorzugehen wie jetzt beim Erzählen. Ich habe erkannt, dass mein Leben nicht so rund läuft, wie ich es gerne hätte, und dass ich mir selber bei vielem im Wege stehe. Dass mir zu vieles im Alltag zu schwierig erscheint und das meine Erschöpfung von mir alleine nicht in den Griff zu bekommen ist. Mit 40 Jahren ist es sicherlich kein schlechter Zeitpunkt, eine erste Bilanz zu ziehen.

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Das erste Mal

„Schauen Sie doch mal, wo Sie sitzen möchten!“

Ich betrete einen großen Eckraum in einem Altbau mitten in der Stadt, spärlich, aber immerhin meinen Geschmack treffend eingerichtet. Ich blicke genau auf zwei Sessel – nicht zu gemütlich und aufgrund von Kunstleder bei dem Wetter mit einem hohen „Schwitzfaktor“ ausgestattet – die sich bei den großen Fenstern gegenüber stehen, dazwischen ein großer, heller, wuscheliger Flokatiteppich.

Ich wähle den rechten der beiden identischen Sessel, da dieser mir tatsächlich mehr zusagt. Bin ich damit schon zum ersten Mal „eingeordnet“? Sie bewerte nicht, sagt die Psychologin später, sondern stelle Hypothesen auf. In dem sie abfragt, welchen Bildungsweg ich beschritten habe, sortiert sie mich aber doch irgendwo ein, finde ich. Gut, sicherlich ist es nützlich zu wissen, welchen Bildungsstand ein potentieller Patient haben mag.

Ich bin das erste Mal bei einem Arzt dieser Fachrichtung. Ein Leben lang habe ich es vermieden, aber jetzt ist es an der Zeit. Die Frau, welche ungefähr mein Alter haben dürfte (vielleicht ein bißchen jünger, aber ich tue mich schwer mit dieser Einschätzung), spricht mit einer eher leisen Stimme. Das ist mir schon am Telefon aufgefallen. Eine Hörschwäche sollte man hier also besser nicht haben.

Es ist ein erstes Kennenlernen. Da ich keine Vergleichsmöglichkeiten habe und nicht immer wieder meinen derzeitigen Gemütszustand vor einem wildfremden Menschen – wenn auch Psychologe – ausbreiten möchte, nehme ich sowieso erst einmal, was kommt. Es wird ohnehin ein paar Wochen bis Monate dauern, bis eine Psychotherapie (und es fällt mir immer noch schwer, dieses Wort im Zusammenhang mit meiner Person zu benutzen) beginnen kann, da derzeit kein Platz frei ist. In diesem Bereich trifft man auf dieses „Problem“ aber immer wieder, ein weiterer Grund, wieso ich mir nicht die Finger wundtelefonieren möchte, um weitere Psychologen zu kontaktieren.

„Was erhoffen Sie sich?“

Dieses fragt sie mich, und darauf fällt mir in dem Moment zu wenig ein, da bin ich trotz meines „Spiekzettels“ zu wenig vorbereitet. Erst auf dem Weg zum Auto habe ich kleine Geistesblitze, was ich ihr auf diese Frage hin hätte antworten können:

– ich möchte den Umgang mit für mich stressigen Situationen lernen bzw. mein Verhalten in selbigen verändern und verbessern. Wie kann ich ruhiger, geduldiger, gelassener werden, wenn es mir wieder alles viel zu viel wird?

– ich möchte lernen, mein Leben so anzunehmen, wie es sich jetzt nach 40 Jahren eben entwickelt hat. Sicherlich könnte ich hier und da noch optimieren, früher oder später, aber im HIER und JETZT möchte ich einfach mal ANNEHMEN können, was ich erreicht und geschaffen habe und mit dieser derzeit für mich so schwierigen Lebenssituation umgehen lernen

– außerdem möchte ich die Fehler (wenn man sie denn als solche bezeichnen möchte) und die verpassten Chancen in meiner Vergangenheit besser akzeptieren lernen, damit sie mich HEUTE nicht mehr so sehr erdrücken. ANNEHMEN können, dass manche Dinge eben so und nicht anders gelaufen sind

– letztendlich möchte ich endlich einmal ein selbstbewußter Mensch mit weniger Selbstzweifeln sein, dem es weniger schwer fällt, gewisse Dinge „anzupacken“.

– ich möchte mir selber verzeihen können, weil ich in jüngerer Zeit wirklich einige eigentlich unverzeihliche Fehler gemacht habe

– ich würde gerne mal wieder besser schlafen lernen

Ob ich ein besser Mensch werden kann? Ich weiß es einfach nicht …