Ich bin traurig und wütend, weil…

Ich bin traurig und wütend, weil…

ich viel zu oft viel zu müde bin und das mein Leben nun einmal negativ beeinflusst. Vor allem aber bin ich traurig und wütend, weil ich mich dafür scheinbar auch noch rechtfertigen muss.

„Immer wenn sie hier sitzen sind sie müde, kaputt und traurig!“ – „Wenn ich das nicht wäre, bräuchte ich wohl kaum hier sitzen!“

Ich habe ein paar sehr anstrengende Wochen mit sehr wenig Schlaf hinter mir. Und eine Zeit mit sehr viel Arbeit, gerade die letzten Tage waren einfach sauanstrengend diesbezüglich.

Ich bin traurig und wütend, weil ich nichts dafür kann, dass das so ist und ich daran sehr wenig ändern kann.

„Sie müssen Prioritäten setzen!“

Ach was. Ich mache seit langem nichts anderes als Prioritäten zu setzen. Meine To-Do-Liste ist so unglaublich lang, dass sie mindestens einmal um den Erdball reicht.

Erst ist der Mann vier Tage auf einem Lehrgang und somit so gut wie nicht zu Hause. Ich habe Dienst und ein paar Konzerte und bereite außerdem meine Dienstreise in die Vereinigten Staaten von Amerika vor. Das bedeutet nicht nur, dass ich meinen Koffer packen muss, sondern vorweg den Haushalt einigermaßen auf Vordermann bringe, Wäsche wasche und bügele. Ich erwarte trotzdem, dass der Mann während meiner Abwesenheit anfallende Aufgaben übernimmt, also einiges über das übliche Geschirrspülmaschinengedöns und Krümel unterm Tisch wegfegen hinaus. Immerhin hat er eine Woche Urlaub und die Kinder sind jeden Tag mehrere Stunden im Kindergarten.

Also fliege ich in die USA, in der Nacht davor schlafe ich kaum vier Stunden. Im Flieger kann ich nicht schlafen, weder auf dem Hin- noch auf dem Rückflug. Ich kenne das schon, so ist das eben bei mir. Die Hinreise bedeutet 24 Stunden wach zu sein, denn nach Mitteleuropäischer Zeit (MEZ) spielen wir noch nachts um 2 Uhr ein kleines Ständchen, fahren dann fast eine Stunde zurück zu unserem Hotel. 24 Stunden nach dem ich am Montagmorgen in Deutschland aufgestanden bin, gehe ich ins Bett. Zum Glück habe ich ein Zimmer (äh, eine ganze Suite!) für mich alleine.

Wach bin ich nach 6 Stunden Schlaf, also so um 4:30 h morgens, ohne eine Chance, wieder einschlafen zu können. So geht es die Woche weiter. Ich bin um 3:30 h oder 4 h wach, nach 4 oder 5 Stunden Schlaf. Nichts geht mehr. Ich drehe Däumchen. Um die Woche und die anstehenden Dienste zu überstehen, mache ich abends nichts mehr (bis auf ein Mal, mein Highlight, treffe ich eine alte Schulfreundin…). Ich gehe weder ins Kino noch mit Kollegen einen Burger essen, so wie ich es mir vorgenommen hatte. Es geht mir mittendrin nicht gut. Aber ich schaffe alles, und schaue mir das Wichtigste der Stadt an.

Nach dem Rückflug und 23 1/2 Stunden ohne Schlaf falle ich für drei Stunden zu Hause ins Koma und schlafe. Dann stehe ich auf, damit der Mann für seine Nachtschicht schlafen kann und die Kinder mich endlich einmal wieder sehen. Die nächste Nacht ist bescheiden. Abends bin ich todmüde, kann aber nicht einschlafen. Bzw. als ich so gegen Mitternacht gerade wegschlummere, will mein Sohn nicht mehr in seinem Bett schlafen. Ich liege mit zwei Kindern im Bett, meine Tochter ist zwei Stunden wach und liegt mit 14 kg auf mir und so weiter. Ich bin am Ende. Mein Mann muss am Sonntagfrüh nach seiner Nachtschicht schlafen, ich muss es auch. Die Großeltern springen ein. Ich schlafe noch einmal bis um 11h.

So ähnlich sind auch die nächsten Nächte. Ich kann erst nicht einschlafen, als ich wegdämmere, ruft mich ein Kind und braucht mich. Vormittags mache ich nichts, der nach meiner Ankunft nicht gerade glänzende Haushalt liegt weiter brach, das Chaos wird größer. Ich habe zwei Konzerte, was bedeutet, dass ich nach dem Konzert um 1:30 h im Bett bin, aber ab morgens 5 oder bestenfalls 6 Uhr wieder für die Kinder da bin, der Mann ist erneut auf einer Lehrgangswoche. Vormittags ruhe ich mich aus, schlafe am zweiten Tag eine geschlagene Stunde und breche beim Konzert abends fast zusammen. Komisch, wie man dann immer noch seine Leistung einigermaßen bringt, aber es saugt alle Energie aus mir heraus.

Ich bitte meinen Chef um einen Tag Verschnaufpause und nehme einen Tag Urlaub, was zum Glück gerade machbar ist. Ich kann nicht mehr. Die Kinder sind im Kindergarten und ich schlafe 3 Stunden, damit es mir etwas besser geht.

Es ist Wochenende und mein Mann arbeitet die ganze Zeit. Ich kann mich weder ausruhen noch Schlaf nachholen. Ich staubsauge oben mit den Kindern zusammen und wasche ein paar Maschinen Wäsche. Mehr ist nicht drin.

Ich bin total alle, aber die nächste Woche beginnt. Ich komme selbst im Dienst nicht zu dem, was ich mir vorgenommen habe, nämlich Üben und Schreiben. Ich habe Proben und muss mich ansonsten um andere Dinge kümmern.* Nachmittags bin ich diese Woche nicht vor 15:30 oder 16 h zu Hause. Der Haushalt wartet. Ich lasse ihn warten. Wasche etwas Wäsche, mehr nicht. Bin irgendwie da, die Kinder sehen mich, aber ich bin so unglaublich müde.

Und dafür muss ich mich entschuldigen? Bei einer Psychologin?

„Wie fühlen Sie sich denn, wenn sie mal drei Tage hintereinander 8-9 Stunden geschlafen haben?“

Wie neugeboren.

Ich freue mich aufs Wochenende. Ich werde mal etwas ausschlafen. Also so bis um 7 Uhr 30… . Ich solle besser abends eher ins Bett gehen, sagt sie.

DAS MACHE ICH BEREITS, seit Jahren. Nicht jeden Abend, manchmal wird es doch 22 h oder gar 23 h. Denn oh Wunder, ich kann nicht immer sofort einschlafen!!! Ich liege dann rum und drehe Däumchen und Ich bin traurig und wütend, weil ich schon wieder nicht schlafen kann. Oder ich wache bereits nachts wieder auf und schlafe nicht mehr ein, so wie letzte Nacht. 3 Uhr und zack, schon wieder vorbei. Oder ich kümmere mich um meine Kinder, wenn sie wach sind, wenn mein Sohn wieder zappelnd und zähneknirschend neben mir liegt, oder dazwischen noch meine Tochter, und ich versuche, auf 20 cm verbleibender Liegefläche klar zu kommen. Zum Glück bin ich schlank! Oder ich wandere ins andere Zimmer, und wenn sie mich rufen, wieder zurück. Samt Bettzeug.

Nikolaustag, ich überarbeite den Text und füge ein: die letzten Tage bin ich dann abends immer sehr früh eingeschlafen. Der Versuch, ein Buch zu lesen oder eine Film (ich versuche mich jetzt schon seit 2 Tagen an einer Documentary über Woody Allen) scheiterten an übergroßer Müdigkeit.

Ich bin erschöpft, denn ich bin Mutter, und habe einen zeitaufwendigen Job, der Konzentration und spätes Zu-Bett-gehen verlangt, außerdem bin ich noch Putzfrau und Haushälterin… .

Dadurch, dass ich abends früh ins Bett gehe oder oft bei meiner Tochter mit einschlafe, erhalte ich mich zwar einigermaßen am Leben, so rein körperlich. Aber sonst passiert nicht viel. Ich erledige nichts, und vor allem tue ich nichts für mich. Selten schaue ich mal einen Film, meist etwas aus der Mediathek oder eine DVD, da kann man splitten. Fernsehen sehe ich fast nie. Ich lese etwas, im Internet, selten ein Buch. Ich spiele kaum mehr Klavier oder telefoniere abends mit Freunden. Ich lebe also einfach nicht mehr, sondern arbeite nur noch! Damit ich einigermaßen schlafen kann, denn ich weiß nie, wie die Nächte werden. 

Ich bin traurig und wütend, weil ich mich für meine Schlafstörungen rechtfertigen muss. Weil ich müde und kaputt bin. Weil für mich nichts bleibt außer einen haufen zu erledigender Aufgaben – und weil ich Prioritäten setze, bleiben die meisten eben unerledigt.

Und dann kommt das nächste. Was soll ich dagegen tun? Es gibt derzeit keinen Ausweg.

Ich bin traurig und wütend, weil es in den allermeisten Fällen die Frau ist, die nach der Geburt von Kindern so dermaßen zurückstecken muss. Von ihr wird einfach alles verlangt. Alles zu 100 %.

Und ich bin traurig und wütend, weil kinderlose Kollegen meinten, sie könnten alles von mir verlangen, z. B. auch, mein Instrument weiterhin im Dienst an zweite Stelle zu setzen.* Damit ist jetzt Schluß! Wenn ich schon keinen Teilzeitjob haben kann, dann werde ich nach meinen Bedingungen arbeiten.

 

*Dazu im nächsten Beitrag mehr

 

 

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