Träume sind Schäume

Sie träumt viel des Nachts. Manche Träume kehren – zumindest thematisch – immer wieder. Manche Träume sind einfach nur komisch, aber erklärbar. Und manche tun richtig weh, als wäre das gerade alles wirklich passiert.

Eine ganze lange Zeit lang hat sie noch von ihrer Schulzeit geträumt, obwohl diese inzwischen über 20 Jahre zurück liegt. Sie wollte noch einmal (also ein weiteres Mal) Abitur machen und fragte sich immer wieder mal während der häufigen Träumerei, wie sie jeden Tag den weiten Weg von ihrem jetzigen Wohnort in ihre alte Schule schaffen und das auch noch mit ihrem Job vereinbaren sollte. Und wie sollte sie das Abi am Ende überhaupt bekommen, wo sie doch immer den verhassten Sport- und Matheunterricht schwänzte. Mathe, so ein Graus. In ihren Träumen sitzt sie noch immer vor den Klausuren und hat nichts gelernt, weil sowieso nichts kapiert, oder muss wochenlang versäumten Unterricht nacharbeiten. Zum Lernen fehlen ihr schlichtweg die Unterlagen, von der Motivation ganz abgesehen. Und dann ist sie ja schon so alt unter all denen, die inzwischen ihre Kinder sein könnten und keine Ahnung davon haben, wie ein Schulleben aussah in den frühen Neunzigern, so ganz ohne Internet.

Menschen sind nicht mehr Teil ihres realen Lebens

In ihren Träumen trifft sie Menschen wieder, die sie teilweise sehr lange nicht gesehen hat. Sie sind noch immer da. Da sind auch die Träume vom / von den Ex  (gewesen). Oft richtig schmerzhafte Träume, die sie den halben Tag traurig zurück ließen. Auch die einst besten Freundinnen kommen darin vor, die heute kaum mehr einen (gütigen) Gedanken an sie verschwenden. Verarbeitung nennt man das wohl. Dafür sind Träume da. Um Geschehenes zu verarbeiten oder Dinge gedanklich weiter zu führen, die noch nicht zu Ende sind, obwohl man glaubte, im realen Leben endlich damit abgeschlossen zu haben. Vor allem Gefühle, die im Alltag keinen Platz finden und nicht zu Ende gelebt oder gedacht werden können, findet sie in ihren regelmäßig wieder.

Da sind die Träume, in denen ihr Papa ihr begegnet. Ja, er ist immer noch da. Sie glaubt gar nicht, dass er wirklich tot und für immer entschwunden ist. Denn in ihren Träumen, da sieht sie ihn noch, da hört sie noch seine Stimme, als wäre er wirklich gerade neben ihr. In einem dieser vielen Träume kam er zu ihr, wissend, dass er nun bald sterben würde, und sie haben beide gemeinsam ganz doll geweint und sich voneinander verabschiedet.

Letzte Nacht war es wieder so weit

Sie träumt auch viel von ihrer Arbeit. Dass sie den Bus verpassen könnte, dass sie mit dem Bus wer-weiß-wohin fährt und noch so einen Blödsinn. Gut, eigentlich ist es kein Blödsinn. Es ist Verarbeiten. Träume sind nicht immer logisch, aber wirken trotzdem oft sehr realistisch. Vor allem von den Gefühlen her. Die erlebt sie in ihren Träumen sehr realistisch, und es nimmt sie noch eine Zeit lang mit, nach dem Aufwachen, wenn sie sich noch erinnert. Es dauert dann etwas, bis die Emotionen wieder zur Ruhe kommen, tief in ihr drin.

Er ist Teil ihrer Arbeit. Sie hat schon immer viel von ihm geträumt. Ja, auch intimes. Aber er geht ihr inzwischen am Ar*** vorbei, denn er hat sie bitter enttäuscht, und zwar privat wie auch in dienstlichen Belangen. Nach dem vergangenen Sommer, als er ihr zwischen den ersten Küssen sagte, „Mit Dir hätte ich mir das auch sehr gut vorstellen können“ und den Geschehnissen einige Monate später, als sie zufällig von seiner anstehenden Hochzeit erfuhr, hatte sie Zeit zum Verarbeiten. „Ich wollte Dir das nicht auf dem Flur erzählen!“ – „Wie lange hast Du denn von dem Termin im Voraus gewußt?“ – „4 Wochen!“ Klar, da blieb keine Zeit. Typischer Anfall von Feigeritis. Und die Wochen im Sommer ein Indiz für Torschlußpanikus.

Sie mag ihn eigentlich gar nicht so besonders, also menschlich betrachtet, sie ist genervt von seiner launischen Art, seiner negativen Sichtweise und dem daraus resultierenden Gemeckere, der demonstrierten Lustlosigkeit auf den Job und das Verfallen in Extreme. Vieles davon hat sie hier zu Hause schon. Und trotzdem war da immer diese Anziehungskraft – bis heute. Warum auch immer. Das hat vermutlich etwas mit Chemie zu tun. Und weil er eben auch nett sein kann. Nach dem letzten Rhabarbar-Gelaber, sinnlos, nach wie vor nicht wirklich offen und letztendlich um den lauwarmen Brei herum, hatte sie gehofft, von derartigen Träumen verschont zu bleiben. Träume, in denen er sagt, „Es ist besser, wenn Du Dich von mir fern hälst, denn das ist auch besser für mich!“ (Was er real nie sagen würde oder müsste, weil er vermutlich längst abgeschlossen hat) und Antworten von ihr wie, „Du fehlst mir so!“

Humbug. Aus solchen Träumen entstehen schnulzige Liebesschmanzotten. Die braucht kein Mensch. Sie bräuchte einfach nur ehrlich gemeinte, aufrichtige Liebe, um ihrer selbst willen und mit viel Verständnis und Nähe, die von ihr aus geht. Was nicht mehr geht, wenn zu viel Negatives den Weg gekreuzt hat.

Träume, die auch in 2017 weiter ihre Sehnsucht leben werden! Sch*** drauf!

 

Von Heimat und Heimweh – das komische Gefühl

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Der Weg der Sehnsucht. Wohin? (Bildrechte: dieverlorenenschuhe)

 

Was ist Heimat? Vor mehreren Jahren einmal habe ich bei einer Diskussionsrunde festgestellt, dass Heimat nicht für jeden Menschen das gleiche bedeutet. Was aber ist Heimat für mich und wie sehr hänge ich an ihr? (Am Ende des Beitrags möchte ich meine Leser zum Mitmachen einladen!)

Sie radelt mit dem Fahrrad über das Kopfsteinplaster des Marktplatztes. In ihrer frühen Kindheit war hier noch eine vielbefahrene Kreuzung. Sie schaut zum Dom, der eigentlich eine Stiftskirche ist. Auf dem Gepäckträger sitzt im Fahrradkindersitz ihre 2-jährige Tochter. Sie, die Mutter spürt ein Gefühl der Freiheit. Es ist Frühling, es ist so schön in dieser kleinen Stadt, in der sie Teile ihrer Kindheit, aber vor allem ihre Jugend und Gymnasialzeit verbracht hat, wo sie verliebt war, oft verliebt, glücklich verliebt und unglücklich verliebt und an die sie so viele Erinnerungen hat. Es ist ihre Heimat. Die Region drum herum ist ihr so vertraut.

Dann wacht sie auf. Mehr als 300 Kilometer von dem Ort ihrer nächtlichen Sehnsucht entfernt. Dieser Ort, nach dem sie sich schon seit vielen Jahren auch tagsüber immer wieder und immer mehr zurück sehnt. Warum? Sind es nur die Erinnerungen an eine Zeit, die so lange zurückliegt. Möchte sie die Zeit zurück, diese Zeit voller Unbeschwertheit und Abenteuer? Oder will sie wirklich einfach nur dort sein wo sie glaubt, hinzugehören? Ein bißchen mehr Vertrautheit, ein paar mehr vertraute Gesichter aus früheren Tagen. Einige Male im Jahr fährt sie noch dort hin, die Familie besuchen. Aber es ist nicht mehr das gleiche. Sie selber lebt dort nun schon seit fast 20 Jahren nicht mehr. Freundschaften von damals existieren längst nicht mehr. Sie haben die Zeit, die Entfernungen und auch die Veränderungen, welche das Leben mit sich bringen, einfach nicht überstanden. Diese Zeit kann man sowieso niemals zurückholen.

 

Heimat kann so vieles sein

Für manche Menschen bedeutet Heimat der Ort, an dem sie aktuell leben, Hauptsache, ihre „Liebsten“ sind bei ihnen. Für mich ist Heimat der Ort bzw. die Region, in der ich meine Kindheit verbracht habe. Immerhin 17 Jahre habe ich im selben Dorf und im selben Haus gewohnt, bevor ich 6 km weiter in die Kleinstadt zog, in der ich geboren wurde und das Gymnasium besuchte. Auch dieser Ort war mir seit frühester Kindheit vertraut. Noch heute leben verteilt in beiden Orten meine Eltern und mein Bruder. Mein Elternhaus existiert noch, ist mir aber über die vielen Jahre irgendwie fremd geworden. Nicht nur hat es sich in der Einrichtung rapide verändert, auch kommt es mir heute so unglaublich klein vor.

Zwangsläufig bringt die Zeit mit sich, dass sich manches verändert. Häuser kommen hinzu, wo wir in unserer Kindheit noch Wiesen und Felder  bespielt haben. Alte Häuser verfallen, werden abgerissen. Eine Umgehungsstraße verändert Wald und Flur und somit das Ortsbild. Kinder werden zu Erwachsenen. Menschen sterben, ziehen fort.

Die Erinnerung an eine wunderbare Kindheit

In meiner Erinnerung ist vieles von früher noch so lebendig, obwohl es heute nicht mehr existiert. Der kleine Tante-Emma-Laden um die Ecke und das Eis für 30 Pfennige. Die verrückten Süßigkeiten, die ich meinen Kindern heute aus gesundheitlichen Gründen lieber vorenthalte (wenn es sie denn überhaupt noch gibt). Wir haben immer draußen gespielt, bei Wind und Wetter, im Frühling, Sommer, Herbst und Winter – letzteres existierte damals noch. Wochenlang lag Schnee, auch auf den Straßen, welche zum Schlittenfahren einluden. Direkt an unserem Haus ging es dabei prima bergab. Oft haben wir unsere ganzen Davos-Holzschlitten aneinander gehängt. Der Wechsel der Jahreszeiten war immer etwas ganz besonderes. Endlich durfte man die Strumpfhosen gegen Strümpfe tauschen und die Sommerkleider aus dem Schrank holen.

Die Schule ging nur bis mittags und war eher Nebensache. Freies Spiel war unsere tägliche Beschäftigung. Spielkameraden gab es wie „Sand am Meer“. Wir probierten uns aus und erlangten soziale Kompetenz. Ob unsere Eltern sich Sorgen machten, wenn wir wieder viele Stunden unbeaufsichtigt unterwegs waren? Manchmal fuhren wir mit den Rädern in die Nachbarorte. Wir spielten an gefährlichen Orten. Ein Wunder, dass nie etwas schlimmeres passiert ist. Wir kamen  häufig  nur zu den Mahlzeiten nach Hause oder um abends etwas auf einem der drei Fernsehkanäle zu sehen.

Im großen Garten meiner Oma gab es alles, was nur so im Garten wachsen und verzehrt werden kann. Die Bauernhöfe des Dorfes ließen uns Bekanntschaft machen mit Ackerbau und Viehzucht. Ich werde nie die rauen Zungen der Baby-Katzen vergessen, wenn sie meine Finger abschleckten. Und dann dieser herrliche Gülle-Geruch, der von den nahen Feldern hinüber wehte.

In vielerlei Hinsicht hatte ich eine Bilderbuch-Kindheit. Sie endete leider sehr früh und ich musste früher als die viele andere erwachsen werden*. Meine Jugend war dann geprägt von der Schule und meinem großen Hobby, der Musik. Wir haben viele Partys gefeiert und dafür aufgrund der ländlichen Gegend viele Kilometer mit dem Auto zurückgelegt, um in Discos, zu Konzerten oder an interessante Partyorte zu kommen. Eine tolle Zeit voller Unbeschwertheit und Spaß.

Woher kommt mein Heimweh?

Heimweh ist für mich – genau so wie das Fernweh, welches ich auch gut kenne – die Sehnsucht nach einem bestimmten Ort, aber auch nach einer bestimmten Zeit. Von daher bin ich mir nicht sicher, ob das Heimweh aufhören würde, hätte ich die Möglichkeit, dauerhaft an diesen Ort zurück zu kehren. Denn die alten Zeiten kommen nicht wieder. Probleme, Sorgen, Nöte und Ängste würde ich vermutlich mitnehmen, auch wenn sich manches lösen könnte. Vielleicht wäre wieder mehr von dieser Vertrautheit und somit dem Gefühl einer gewissen Geborgenheit da. Noch leben meine Eltern. Mit ihrem Tod irgendwann könnte aber auch dieses enden. Von daher fürchte ich, ist es einfach ein Gefühl, welches ich aushalten muss. Entwurzelt, ja gerade zu entrissen. Am Ende war es meine Entscheidung. Erst aufgrund meiner Studienwahl und dann wegen des Jobs. Ein Zurück ist daher sehr schwierig. Ich müsste meinen Beruf aufgeben, den ich dort – zumindest an Ort und Stelle – so nicht ausüben kann.

Die Heimat meiner Kinder

Wie einst meine Kinder über (ihre) Heimat denken werden, kann ich jetzt noch nicht sagen. Fakt ist, dass sie in eine Region hineingeboren wurden und an einem Ort aufwachsen, der weder für ihre Mutter noch für ihren Vater Heimat bedeutet. Ihre Eltern stammen nicht von hier, sondern aus verschiedenen Regionen im Norden Deutschlands. Unsere Kindheitserinnerungen sind nicht an diesen Ort gebunden, nicht an diese Region, nicht an die Dialekte und die Mentalität der Menschen hier. Was wird das für unsere Kinder bedeuten? Im Laufe der Jahre möchte ich meinen Kindern zeigen, wo ich aufgewachsen bin. Meine Mutter war auch entwurzelt. Sie zog mit 18 Jahren in den Ort, aus dem mein Vater stammte. Er selber lebt seit nun 75 Jahren im selben Dorf, dem Ort meiner Kindheit. Dort ist er geboren, dort wird er einst auch sterben und begraben. Manchmal beneide ich ihn darum, niemals seine Heimat verlassen haben zu müssen (ausgenommen von 2 Jahren beim Militär. Während dieser Zeit lernte er auch meine Mutter kennen). Es ist etwas, was ich nicht kenne und nach dem ich mich sehne. Nach den alten, schönen Zeiten.

 

Mich würde brennend interessieren, was Heimat für Euch bedeutet. Vielleicht mögt Ihr mir direkt in den Kommentaren dazu antworten. Oder schreibt doch selber einen Blogbeitrag dazu und verlinkt ihn hier in den Kommentaren. Ich freue mich drauf!

 

*dazu in einem anderen Beitrag einmal mehr