In Gedenken an Papa – Mittsommernacht

Lieber Papa,

vor genau einem Jahr schrieb ich Dir einen Abschiedsbrief, schrieb Dir, um Dich loslassen und Dich gehen lassen zu können. Danach war mir leichter ums Herz. Du wirst es vielleicht gespürt haben, denn wenige Stunden später schliefst Du für immer ein. Dass Du dafür die Mittsommernacht wähltest – oder sie Dich – passte irgendwie. Du weißt, ich bin im Herzen Skandinavierin und die Sommersonnenwende bedeutet mir viel.

Heute ist es also wieder so weit. Der längste Tag des Jahres geht zu Ende, die kürzeste Nacht steht bevor. Wie wahnsinnig schnell das Jahr vergangen ist, und doch ist so einiges passiert in diesem einen Jahr, seit Du nicht mehr bei uns bist. Es gibt so vieles, was ich Dir gerne erzählen würde. Die guten wie auch die schlimmen Dinge, die passiert sind während der letzten 12 Monate. Wie gerne würde ich Dir erzählen, dass Dein Haus inzwischen verkauft wurde und wir, Dein Sohn und Deine Tochter, nach einem ein Jahr währenden Rechtsstreit auf unseren Pflichtteil warten.

Wie gerne hätte ich Dir erzählt, dass ich nur gut einen Monat nach Deinem Tod etwas begonnen habe, was immer Dein Hobby gewesen ist: das Singen im Chor.   Ich könnte Dir erzählen, dass ich sogar mit dem Gesangsunterricht angefangen habe. Das alles hätte Dir gefallen, da bin ich mir sicher. Wenn ich in irgendeiner Form Talent zum Singen habe, dann habe ich es von Dir geerbt. Du warst ein guter Sänger und das ganz ohne Noten lesen zu können. Ich würde Dir auch erzählen, dass ich eine Entscheidung für mich und mein Leben getroffen habe, deren Auswirkung ich jetzt noch nicht in gänze abschätzen kann. Aber Du hättest es verstanden und Du hättest mich auch niemals deswegen verurteilt. Den „neuen“ Menschen in meinem Herzen würdest Du ohne viel zu Fragen begrüßen und auch hier niemals bewertend sein. Du hast mir immer vertraut bei dem, was ich tue. Dafür bin ich Dir sehr dankbar!

Am 19. Juni 2016 sagte ich Dir an Deinem Sterbebett zum Abschied leise „Ich hab Dich lieb, Papa“. Ich wußte nicht genau, ob ich Dich ein paar Tage später noch einmal lebend wiedersehen würde. An diesem 19. Juni habe ich Dich das letzte Mal gesehen. In dem Moment Deines endgültigen Abschieds wirst Du alleine gewesen sein, aber nur kurze Zeit später waren Dein Sohn bei Dir und Dein Lieblingscousin. Sie beweinten Dich, während Deine zweite Frau und Erbschleicher-Hexe laut mit ihrer Freundin beratschlagte, was am nächsten Morgen alles zu tun sei, ohne Trauer zu zeigen, kaum dass Deine Seele Deinen leblosen Körper verlassen hatte.

Das erste halbe Jahr nach Deinem Abschied war am schlimmsten für mich, bis zu Deinem Geburtstag. Erst dann begriff ich, dass Du wirklich nicht mehr da bist. Aber auch jetzt kommen mir noch so manches Mal die Tränen, wenn ich an Dich denke, vor allem, wenn ich mal über Dich spreche. Wenn ich erzähle, was ich alles von Dir habe, wie die schlanke Statur und die blonden Haare. Oder auch die ein oder andere Eigenschaft. Aber auch die etwas schlechteren Deiner Gene haben sich in mir verewigt. Das ist nicht schlimm, denn Du kannst ja nichts dafür.

Ich werde Dich nie vergessen, lieber Papa. Für mich bist Du immer noch da, bis auch ich irgendwann nicht mehr sein werde. So lange trage ich die Erinnerung an Dich in mir. Und Deine Gene, die sich auch in Deinen Enkelkindern wiederfinden.

Lass‘ es Dir weiter gut gehen da oben auf Deiner Wolke!

Deine Tochter

Am Strand des Lebens und des Todes

Fußspuren am Strand, im Hintergrund das Meer und der Himmel

Fußspuren am Omaha Beach in der Normandie (Bildrechte: dieverlorenenschuhe)

Ich laufe über den Strand, ziehe Schuhe und Strümpfe aus und laufe mit meinen nackten Füßen durch die Wasserstellen, welche das Meer zurückgelassenen hat. Das Wasser ist so kalt an diesem Tag Anfang Juni. Und der Wind peitscht mir den erneut eingesetzten Regen gegen meinen Körper. Meine hochgekrempelte Jeans ist binnen Sekunden völlig durchnässt und ich halte mir mühsam die Kapuze meiner Regenjacke fest über den Kopf gezogen und laufe, laufe bis nach vorne zu den Wellen des Atlantiks. Ich sehe den zwei Surfern zu, die den Wind ausnutzen und bin traurig, weil ich kein Foto von diesen Wellen machen kann, denn der Regen würde in genau diesem Moment mein Handy komplett hinweg spülen. Und der Wind weht den Regen gegen meine Brille, bis ich fast nichts mehr sehen kann. So viel Wasser von oben, von der Seite und von unten. Es ist einer der schönsten Momente, den ich mit mir ganz alleine seit langem verbringen darf. Ich bin unendlich glücklich in diesem einen Augenblick, ich spüre die Großartigkeit des Lebens, höre dem Wind zu und dem Rauschen der tosenden Wellen. Meeresrauschen! Freiheit! So wunderbar frei wie die Möwen über mir fühle ich mich jetzt gerade. Das hier ist mein Leben und gerade kann ich nicht anders als es einfach nur lieben.

Der Blick zurück

Und ich stehe an diesem Strand, wo vor genau 73 Jahren tausende meist sehr junger Männer gestorben sind. Und nicht nur an diesem Tag, sondern noch Wochen und Monate darauf. Bis heute gibt es so viel Leid und Elend, gibt es den sinnlosen Tod durch zu viele Kriege auf dieser Welt. Und hier stehe ich und versuche, das Leid und Chaos in meinem eigenen kleinen, bescheidenen Leben möglichst klein zu halten. Und da sind immer wieder all diese überwältigenden Gefühle. Sie kommen über mich wie die Wellen des Meeres über den Strand. Das macht mich oft hilflos und traurig. So traurig vor allem auch dann, wenn ich an all die Menschen denke, die nicht nur im Zweiten Weltkrieg ihr Leben verloren, ihre Träume, ihre Hoffnungen, sondern lange davor und es heute noch tun. Wie gut wir es doch haben, unglaublich gut. Und ich stehe hier, durchnässt und mit den Füßen im Sand versinkend und bin selber ganz klein und unbedeutend in Anbetracht der gewaltigen Geschichte dieses Ortes.

Der Blick nach vorn

Immer wieder wechseln sich Regen und Sonne an diesem Tag ab. Aber nach diesem starken Regenguss am Meer kommt mir alles ganz warm vor und die immer wiederkehrenden Sonnenstrahlen wärmen mich. Auch der Wind erscheint mir nun ganz warm und trocknet zumindest teilweise meine Hose. Ich setze mich ins Café und trinke chocolat chaud und bin dankbar. Einfach nur dankbar! Es wird schon alles gut werden, ich werde den passenden Weg finden und ihn gehen. Wir werden ihn gehen. Daran will ich einfach glauben.

 

Das Ende einer Kindheit

„Was ist Heimat?“ hatte ich vor einiger Zeit einmal gefragt. Meine Heimat ist zumindest nicht die Region, in der ich nun schon seit 7 bzw. 11 Jahren lebe.  Davor habe ich 8 Jahre in (m)einer Studentenstadt verbracht. Insgesamt bin ich seit 19 Jahren nicht mehr in meiner Heimatregion ansässig, sondern für Studium und Beruf einige Male umgezogen. Gleich nach dem Abitur zoges mich in eine 80 km entfernte Großstadt, aus der ich aber der Liebe wegen noch einmal kurz in meine Geburtstadt zurück kam.

Ich habe eine lange Phase des Heimwehs hinter mir. Ich habe lange geglaubt, ich müsse unbedingt an die Orte meiner Kindheit und Jugend zurück kehren, damit es mir endlich besser geht. In den letzten Monaten und Wochen hat sich aber in mir etwas verändert. Ich konnte Abschied nehmen von dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, als ich Ende April dort noch einmal spazieren gegangen und auch durch die Straßen gefahren bin. Vielleicht habe ich geahnt, dass es auch irgendwie ein Abschied für immer sein würde. Was nicht heißt, dass ich nie wieder dort verweilen kann. Im Gegenteil: irgendwann möchte ich mit meinen Kindern dort sein und ihnen zeigen, wo ich selber als Kind gelebt und gespielt habe. Allerdings wird mein Elternhaus nun für immer davon ausgeschlossen sein.

Ein Tag im Oktober

Ein Mittwoch Ende Oktober, Ende der 80iger Jahre. Ich war 13 Jahre alt, mein Bruder 21. Ich kam aus der Schule nach Hause, 8. Klasse Gymnasium. Es waren alle im Esszimmer versammelt und meine Mutter saß auf gepackten Koffern. An viele Einzelheiten kann ich mich nach fast 30 Jahren nicht mehr erinnern, aber es ging nicht ohne Tränen ab, das ist klar. Meine Mutter verließ an diesem Tag das Haus, welches sie keine 18 Jahre zuvor zusammen mit meinem Vater und mit ihren eigenen Händen erbaut hatte. Eine schwierige Ehe und eine schwierige Zeit für meine Mutter nahmen an diesem Tag ein Ende. Damit zerplatzen auch Träume und Hoffungen, Wünsche und Vorstellungen von einem Leben, das sie als gerade einmal 18jährige an diesen Ort gebracht hatte. Für meinen Vater hatte sie selbst einst ihre Heimat verlassen.

Nun war sie fort. Ich weinte eine ganze Woche nach ihr, dann wurde ich ruhiger. Ich sah sie 9 Monate nicht, obwohl sie anfangs nur ein paar Häuser weiter bei meiner Oma lebte. Dann gab es einen Versuch von ihr, zu unserem Vater und in dieses Haus zurück zu kehren. Der Versuch scheiterte. Ich konnte sie etwas besser verstehen, trotzdem sollte es noch ein Jahr dauern, bis über meinen Bruder wieder ein innigerer Kontakt zwischen meiner Mutter und mir entstand. Mit Narben, aber immerhin.

Von einem Tag auf den anderen musste ich damals erwachsen werden. Mein Vater war chronisch krank, mein Bruder „hauste“ (japp!) bei der Großfamilie seiner schwangeren Freundin, und ich versuchte weiterzuführen, was meine Mutter bis dahin gemacht hatte. Ich putze das Haus, wusch die Wäsche und bügelte sie und ernährte meinen Vater und mich. Die ein oder andere ungesunde Tütensuppe fand damals ihren Weg in meinen hungrigen Magen. Egal, ich war ohnehin dünn, da kam es darauf nicht mehr an. Am ersten Weihnachtsfest machte ich die Pizza, die meine Mutter immer gemacht hatte. Es war Tradition, und ist dies im Übrigen bis heute, sowohl bei meiner Mutter, wie auch in meinem eigenen Haus.

In der Schule folgte eine schwere Zeit, was am Ende des Schuljahres dazu führte, dass ich die 8. Klasse einfach noch mal machte. Immerhin habe ich dann 6 Jahre später erfolgreich mein Abitur in der Tasche gehabt. Und ich habe ohnehin in diese zweite Klassengemeinschaft viel besser gepasst und dort viel Spaß gehabt.

Die Wohngemeinschaft in Haus Nr. 20

Mancher wird sich fragen: wieso ist sie nicht einfach mit ihrer Mutter fortgegangen? Ja, ich hing damals zumindest mehr an ihr als an meinem Vater. Mein Vater war zwar da, aber richtig um mich gekümmert hatte sich eben immer nur meine Mutter. Ich aber wollte zu dem Zeitpunkt, gerade in der Pubertät und auch noch schwer verliebt, dieses Dorf nicht verlassen. Um keinen Preis der Welt! Also blieb ich dort. 7 Monate später wurde mein Bruder Vater und zog mit Frau und Tochter in das kleine Haus, wo beide ein Zimmer bewohnten. Wir waren eine Wohngemeinschaft, in der es den üblichen Streit um die Ordnungsverhalten und Hausarbeit gab. Aber es war auch schön für mich. Ich hatte mit meiner Schwägerin die nur wenige Jahre ältere Schwester, die ich mir immer gewünscht hatte. Das Haus war oft voll mit Leuten. Meine Schwägerin und ich gingen tanzen, während mein Bruder auf das Kind aufpasste. Wenn er fort war, redeten sie und ich stundenlang über Männer und ähnliche weltbewegende Themen in diesem Alter oder machten Gläserrücken, währen das Baby neben uns schlief. Als ich das erste Mal meine Tage bekam, relativ spät mit 14 Jahren, hatte ich meine „große Schwester“, die für mich zum Laden im Dorf ging und alles nötige besorgte. Das hat sie eine ganze Weile getan, bis ich mich selber traute. Und wir konnten Klamotten tauschen. Ja, in meiner Erinnerung war und ist das eine schöne Zeit.

Und dann kam sie

Sie war einfach da, von einem Tag auf den anderen irgendwann im Jahr der Deutschen Einheit. Sie brachte noch ihren Sohn mit, 3 Jahre älter als ich und ein unausstehlicher Typ. Ossis! Heute kann ich sagen: Erbschleicher. Meinem Bruder und mir war ziemlich schnell klar, was diese Frau wirklich wollte: einen chronisch kranken Mann mit Haus, den sie beerben konnte.

Dass unsere damalige Vermutung wahr geworden ist, darüber haben wir nun nach dem Tod unseres Vaters die traurige Gewissheit bekommen!!

Papa machte damals einen Fehler: er kündigte uns den Einzug seiner Freundin in unser Haus nicht mit einem Wort an. Und er, der nicht alleine sein wollte, ahnte vielleicht nicht, dass sie uns aus dem Haus ekeln würde. Es war eine schlimme Zeit für mich. Ich hörte sie mit der Dialysefrau über mich reden. Obwohl sie mich doch gar nicht kannte, erzählte sie Dinge, die einfach nicht stimmten. Und in einem kleinen Dorf machen auch Lügengeschichten schnell ihre Runden. Erst die Trennung meiner Eltern und das Gerede im Ort und die Verleumdung meiner Mutter und jetzt das. Ich solle doch dahin zurück gehen, wo ich hergekommen sei, zu meiner Mutter, sagte sie, während sie in dem Haus stand, in dem ich bis dahin mein ganzes Leben verbracht hatte.

Ich hatte genug! Mein Bruder zog irgendwann aus, und auch meine Mutter und ich suchten uns eine gemeinsame Wohnung in der wenige Kilometer entfernten  Stadt, in der ich geboren war und das Gymnasium besuchte.

Mit knapp 17 Jahren verließ ich mein über viele Jahre geliebtes Elternhaus. Zeitgleich wurde ich von einigen eifersüchtigen und neidischen „Damen“ aus meinem Musikverein gemobbt, weil ich mit dem Dirigenten, immerhin 12 Jahre älter als ich, eine Beziehung hatte und „ätsch, sie spielt ja 2 Instrumente und wird immer bevorzugt, heul, heul“ und ging in den besseren Musikverein in der besagten Kleinstadt. Mein Freund zog noch im selben Sommer mit in das Haus, in dem ich nun mit meiner Mutter und ihrem Partner lebte.

Endlich durfte ich Teenager sein, der nicht noch putzen und die Wäsche machen musste. Meine Mutter kochte wieder für mich und ich konnte zur Schule gehen und endlich auch Musikunterricht nehmen. Das wurde auch Zeit. Und natürlich die ein oder andere Geschichte mit dem männlichen Geschlecht, Liebeskummer ohne Ende, denn bald hatte ich mich von meinem Freund, dem Dirigenten aus meinem Dorf, getrennt und lies mir reihenweise das Herz brechen. Wie naiv… .

3 Jahre später machte ich mein Abi und zog erst einmal teilweise aus, weitere 2 Jahre später dann komplett mit allem, was ich hatte. 400 km entfernt lag die Stadt, in der ich nun weiter Musik studieren durfte. Der Zu-Dem-Zeitpunkt-Mein-Freund kam auch mit. Zumindest für ein halbes Jahr, dann hatte er keinen Bock mehr auf die Fremde und wollte wieder in den Kleinstadtmief zurück. Wir blieben noch 2 weitere Jahre zusammen, bis sich unsere Wege auf für mich sehr schmerzhafte Weise für immer trennten.

Es musste einmal so kommen

Nun ist mein Vater nicht mehr da und entgegen unseres Glaubens der letzten Jahre, verlieren mein älterer Bruder und ich damit auch unser Elternhaus. Nicht nur, dass wir unseren Vater viel schneller als erwartet an eine heimtückische Krankheit verloren haben, am Ende lässt er uns auch noch mit einem Erbstreit zurück. Nicht nur, dass sich seine 2. Ehefrau nicht an das Versprechen an seinem Totenbett gehalten hat, mit der Beerdigung zu warten, bis ich von meiner Dienstreise zurück bin, und am nächsten Tag schon den Termin angesetzt hat („Ich will es möglichst schnell hinter mich bringen, sonst zerbreche ich!“), nein, sie hat es geschafft, noch NACH der Diagnose Leukämie bei meinem Vater diesen dazu zu bringen, das seit Jahren bestehende Testament zurück zu ziehen und am Ende mit „Dies entspricht auch meinem Willen“ zu unterschreiben, was sie mit ihrer Handschrift irgendwo abgeschrieben oder vorgegeben bekommen hat. Aus einigen Quellen wissen wir, dass er noch wenige Wochen vor seiner Diagnosestellung einem Freund geklagt hatte, er würde sich am liebsten endlich von dieser Frau trennen. Und wir wissen, dass sie ihm – dem totgeweihten – täglich Stress wegen der Erbaufteilung gemacht hatte. Schon über 10 Jahre zuvor hatte sie über meinen Vater veranlasst, dass meine Mutter ihren Pflichtteil an dem Haus abtritt. Nach dem jetzigen Testament bekommen wir als leibliche Kinder des Verstorbenen gar nichts, und nach ihrem Tod müssen wir zwei alles zu je einem Drittel mit ihrem Sohn teilen – der mit dem Haus ja so gar nichts zu tun hatte. Sie aber darf das Testament noch abändern, sprich: mein Bruder und ich, die wir unsere Kindheit dort verbracht haben, bekommen am Ende gar nichts.

Wir wissen noch nicht, ob das Testament gültig ist und wie er ausgehen wird, der Rechtsstreit ums Erbe. Wir wissen nur, dass wir diese Person, die unseren Vater jahrelang schlecht behandelt hat und am Ende wie ein Stück Dreck verscharren ließ, ohne dass wir auch nur ein Wort über den Ablauf und die Art der Bestattung  oder gar den Zeitpunkt des Ganzen hätten mitreden dürfen, nicht so einfach davon kommen lassen. Wir wissen nur, dass wir unseren Vater vermissen und ungläubig dastehen und nicht fassen, dass er auch am Ende wieder dieses gutmütige Schaf war, das schon immer jedem Konflikt aus dem Weg gegangen ist. Gut, er wollte endlich seine Ruhe haben, und das kann ihm niemand verdenken.

Nach dem ich schon einmal mein Elternhaus verloren habe, weil ich dort ausziehen musste, habe ich das Gefühl, dass diese Geschichte, die im Jahr 1988 ihren Anfang nahm, nun zu einem echten Ende kommt. Loslassen, gehen lassen und nicht mehr zurückblicken ist sicher nicht immer die schlechteste Strategie, aber sie tut trotzdem gerade einfach weh.

Trauer wird vermischt mit Wut. Manchmal fehlen mir einfach die Worte.

 

Der 6. Sinn

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Bildrechte: Dieverlorenenschuhe

Es gibt Menschen, die ahnen Dinge, bevor diese passieren. Oder sie wissen, was geschehen wird oder bereits geschehen ist, bevor sie es überhaupt wissen können. Man spricht hier gerne vom „6. Sinn“ (6th sense). Wieso passiert es mir immer wieder, dass ich etwas weiß, bevor ich es überhaupt wissen kann?

Als meine Lieblings-Oma, meine (ursprünglich) norddeutsche Omi, vor nun 9 Jahren starb, ahnte ich zwar an ihrem Sterbetag nichts, aber einige Tage später hatte ich eine Eingebung. Ich war gerade auf Hochzeitsreise in Skandinavien unterwegs und damals für meine Familie schwer erreichbar. Auch wollten sie mir während der Reise diese traurige Nachricht nicht überbringen. Ich saß also eines Tages vorne in unserem Miet-Wohnmobil und hatte eine Art Eingebung. „Omi ist tot, schon ein paar Tage. Nein, das ist kein Witz oder blöder Gedanke. Es ist wahr!“

Als wir von unserer Reise nach Hause kamen, waren zwei Anrufe meiner Mutter auf dem Anrufbeantworter. Sie bat mit leicht zittriger Stimme um einen Rückruf. Ich rief sie sofort an und sagte, „Ich weiß, was Du mir sagen willst: Omi ist tot!“ Und sie fragte erstaunt: „Woher weißt Du das!“ Tja, ich wußte es eben. Schon seit ein paar Tagen.

Sie wurde 82 Jahre alt und lag eines Sonntagsmorgens in diesem heißen Sommer tot in ihrer Küche, neben sich ein Glas.

Ahnungen und Gewissheiten

Ich habe von Schwangerschaften geahnt, von denen mir noch nicht offiziell berichtet wurde. Ich habe den Tod kommen sehen, wie zuletzt bei meinem Vater.

Seit Jahren habe ich mich mit dem Gedanken auseinandergesetzt, dass mein von Krankheiten geplagter Vater eben nicht für immer da sein kann. Immer wieder war ich froh, wenn eine erneute Erkrankung „gut ausgegangen“ war. Vor einigen Monaten wurde ich selbst richtig krank. Totale physische wie psychische Erschöpfung – Burn-Out. Mir ging es sehr schlecht und ich dachte bei mir, „Wenn jetzt auch noch mein Vater stürbe, wäre das für mich kaum mehr zu ertragen. Das wäre dann einfach wirklich zu viel!“

Nur wenige Wochen später bekam ich den Anruf, dass mein Vater wahrscheinlich an (akuter) Leukämie erkrankt sei. Vermutlich eine Folge der jahrzehntelang eingenommenen Immunsuppressiva. Ich  hatte doch geahnt, dass so etwas passieren würde. Es war nicht nur ein Gedanke, es ist eine Gewissheit gewesen, dass mein Vater noch in diesem Sommer sterben würde. Echt wahr! Ich wußte bereits bei seinem 75. Geburtstag, dass es sein letzter sein würde, obwohl es ihm damals so gut ging und wir alle sagten, er würde nun auch die 80 schaffen! Es war damals wie ein Blitz in meinen Gedanken, den ich sofort zu ignorieren versuchte und dann auch erst einmal erfolgreich verdrängte.

Er hat es nicht geschafft! Und ich wußte es! Oder ahnte ich es nur, so wie damals bei meiner dementen Großmutter, die ich das letzte Mal bei meiner Hochzeit gesehen hatte und die so unheimlich abgebaut hatte? Eine alte, klapprige Frau, für die das Leben nichts mehr bereit hielt?!

Übersinnliches vs. logische Gedankengänge

Ich glaube in all diesen Fällen nicht an so etwas wie Übersinnlichkeit. Aber ich glaube an meine hohe Sensibilität, an meine feinen Antennen für Stimmungen, Gefühle und Ereignisse. Ich nehme einfach sehr viel wahr, definitiv zu viel. Das macht meine Gefühle und mein Leben zwar intensiv, aber nicht immer einfach für mich.

Mein Papa ist nun seit einer Woche tot. Ja, ich habe die ersten Tage sehr viel geweint. Und dann wurde es besser, auch bei meinem Bruder. Und wir wurden aufgrund des (unerwarteten) Verhaltens unserer (definitiv bösen!) Stiefmutter vom eigentlichen Ereignis abgelenkt. Darüber möchte ich jedoch zurzeit nichts schreiben, zu tief sitzt die Ungläubigkeit über ihr Verhalten und die Wut auf sie. Das Begräbnis wird ohne mich stattfinden, da ich gerade für zwei Wochen auf Dienstreise bin, obwohl es möglich gewesen wäre, es noch aufzuschieben. Und ein Grab, das nicht so sein wird, wie mein Bruder und ich (und vermutlich auch unser Papa) es uns gewünscht hätten, macht den Abschied nicht unbedingt einfacher! Es ist schrecklich, einen geliebten Menschen zu verlieren, der so gut und herzlich war und einen ein ganzes Leben hindurch begleitet hat und an dem wir so hingen, aber das wir jetzt kein Mitspracherecht mehr haben, macht es noch schlimmer, in Ruhe Abschied zu nehmen.

Ich vermisse meinen Papa. Es tut im Moment nicht mehr ganz so weh (und ich bin derzeit aufgrund meiner dienstlichen Verpflichtungen etwas abgelenkt). Er hat sein Leben gelebt. Er konnte und wollte am Ende nicht mehr. Der Tod kam dann doch wie einer Erlösung für ihn. Die Niere, welche ihn jahrelang am Leben gehalten hat, hat ihm am Ende das Sterben erleichtert.

Da ist immer noch diese Ungläubigkeit, dass ich ihn nun nie wieder sehen kann. Ja, das kann ich nach wie vor nicht (er)fassen! Ich werde immer an ihn denken, mit ihm in Gedanken reden, und manchmal tue ich dies auch laut vor mich her.

Nachtrag: Ich finde es sehr interessant, dass mein Papa eingeschlafen war, nach dem ich diesen Bericht fertig gestellt hatte. Zuvor hatte ich immer noch überlegt, noch einmal die 300 km zu fahren, um mich erneut an sein Sterbebett zu setzen. Aufgrund meiner Abreise am nächsten Morgen wäre das sehr stressig für mich geworden – aber ich hätte es gemacht. Nach dem ich den Text veröffentlicht hatte, konnte ich loslassen und ihn irgendwie besser gehen lassen. Ja, therapeutisches Schreiben einerseits. Aber manchmal glaube ich, dass wir mit bestimmten Menschen in unserem Leben einfach so stark verbunden sind, dass solche Ahnungen und Gefühle, wie ich sie weiter oben zu beschreiben versucht habe, leicht ihren Weg zu uns finden. Vielleicht hat mein Papa gespürt, dass ich ihn losgelassen habe und konnte dann auch loslassen und gehen! Wer weiß das schon genau!

 

 

Abschied

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Bildrechte: DieverlorenenSchuhe

Lieber Papa,

heute ist die längste Nacht des Jahres. Es könnte Deine letzte Nacht sein. Vielleicht aber auch erst die nächste oder übernächste. Aber dann… . Es ist unausweichlich. Und es ging jetzt so schnell. Erst 4 Wochen ist es her, dass wir das letzte Mal in Mamas Garten saßen und uns unterhalten haben. Da warst Du schon so schwach. Und ich habe da geahnt, dass es nicht mehr lange gut gehen kann. Daher bin ich so froh, dass ich seit Ostern noch ein paar Mal mit Dir zusammen sein konnte. Nur anrufen hätte ich Dich in den letzten Wochen noch ein paar Mal. Aber das war immer mein Problem, dieses Telefonieren. Das habe ich auch von Dir. Du konntest das auch nie gut.

Nein, ich kann mir ein Leben ohne Dich noch nicht vorstellen. Deine Stimme nie mehr zu hören, am Telefon oder bei einem unserer Treffen, dem „Slang“ aus unserem Dorf zu lauschen, in dem Du Dein ganzes Leben verbracht hast und ich immerhin die ersten 16 Jahre meines Lebens. Dass ich Dich nie wieder sehen werde, Du nie mehr zur Tür herein spazierst, wenn ich in G. zu Besuch bin, das habe ich noch lange nicht realisiert. Nie mehr wirst Du mir die Tür zu Deinem Haus, welches mein Elternhaus ist, öffnen, wie Du es so oft getan hast, wenn ich Dich besuchen kam. Nie mehr werden wir uns über früher unterhalten, über Deine Kindheit in S. Damals in den 40iger und 50iger Jahren.

Nie mehr!

Kein halbes Jahr ist es her, dass wir Deinen 75. Geburtstag gefeiert haben. Ich habe darum etwas kämpfen müssen, diesen Tag mit meiner Familie bei Dir zu sein. „Ich weiß nicht, wie lange mein Vater noch lebt“, habe ich zu meinem Chef gesagt, und durfte dann fahren. Als hätte ich es geahnt. Aber es ging Dir so gut zu der Zeit, so gut wie lange nicht. Wir waren alle voller Hoffnung. „Jetzt schaffst Du auch die 80“, haben wir gesagt. Und ich habe Dir versprochen, dann wieder Mozart für Dich zu spielen, so wie zu Deinem 60. Und trotzdem hatte ich an diesem Tag Ende Dezember ein komisches Gefühl. Ich habe die 76 nicht mehr sehen können. Und als ich vor einigen Monaten total zusammen gebrochen bin, habe ich es geahnt, dass da noch etwas kommt. Ostern dann die Diagnose – und die Hoffnung, dass Du mit der Leukämie noch etwas leben kannst. Doch an die Dialyse wolltest Du nie wieder, das hast Du Dir schon vor 10 Jahren geschworen. Und somit war Dein Schicksal besiegelt!

Seit heute weiß ich, dass Dich am Ende nicht dieser scheiß Krebs in Deinem Blut kriegen wird. Es ist diese Niere, die Du seit 10 Jahren in  Deinem Körper hast. Die zweite, die Dir in den letzten 25 Jahren eingepflanzt wurde. Seit Sonnabend werden Dir auf Deinen eigenen Wunsch hin die Medikamente nicht mehr verabreicht, die diese Niere bisher am funktionieren gehalten haben. Und welche die Leukämie vermutlich überhaupt erst ausgelöst haben. Nun wirst Du also in den nächsten Tagen einschlafen, ohne dass die Schmerzen des Krebses zurück kommen oder unerträglich stark werden können, hat der Arzt zu J. gesagt. Ist das ein Trost? Ja, ein kleiner. Es ist besser als die Vorstellung, dass Du noch lange leiden musst.

75 Jahre, das ist kein Alter, finde ich. Und doch, für all das, was Du mitmachen musstest an Krankheiten, dafür ist es viel. Und wir sind so dankbar für diese Zeit mit Dir. So viele Menschen, die Dich jetzt noch besuchen kommen und die da sein werden, wenn wir Dir das letzte Geleit geben. Wenn sie nicht schon selber auf diesem Friedhof liegen. Immer wieder hast Du mir erzählt in den letzten Jahren, wer gerade gestorben ist. Bald bist du einer von diesen. Du bist ein so hoch angesehener und wertgeschätzter Mann in Deinem Dorf. Du warst immer mehr für andere da als für Dich selbst!

Das Leben muss weiter gehen, mein Leben! Ohne Dich! In meinen Erinnerungen und in meinem Herzen lebst Du weiter. Wir hatten schwierige Zeiten. Aber da waren auch diese verdammt vielen schönen Momente mit Dir und in mir schon vor einiger Zeit die Erkenntnis, wie verdammt ähnlich wir uns doch sind. Und somit so nah! Vater und Tochter. Und wenn ich Deinen Enkelkindern wieder einmal „Max und Moritz“ von Wilhelm Busch vorlese (oder auswendig rezitiere), werde ich an Dich denken. Ebenso bei Schillers „Lied von der Glocke“ oder bei Zitaten von Heinz Erhardt, die Du so gerne zum besten gegeben hast. „Hinter eines Baumes Rinde…“.

Ich werde immer stolz sein auf den Papa, mit dem ich meine Kindheit zwischen alten Autos und Schmieröl verbracht habe, und im Sommer auf Feldern, auf denen Du Autorennen gefahren bist, bei Hitze und Staub oder Regen und Matsch mit Deinem selbstgebauten Wagen mit der Nummer 36. Es waren tolle Kindheitserlebnisse. Du bist der Papa, der mich beim Dorffest im Autoscooter ganz fest gehalten hat. Oder bei meiner einzigen Achterbahnfahrt, als ich 11 Jahre alt war. Ich habe meine Augen fest zugemacht und mir geschworen, mich nie wieder in so eine Höllenbahn zu setzen.

„Ich hab‘ Dich lieb, Papa!“ Meine letzten Worte an Dich, die Du nicht mehr gehört, aber hoffentlich doch gespürt hast. Ich bin froh, dass ich am vergangenen Wochenende immer wieder bei Dir sein konnte, dass ich Deine Hand gehalten habe und Du die meine. Ich habe über Deine Wange gestreichelt und über Deine Stirn. Und geweint, immer wieder geweint und Dich angelächelt und Dir gesagt, „Alles ist gut“, wenn Du mal für einen kurzen Augenblick die Augen aufgemacht hast.

In drei Tagen fliege ich auf Dienstreise. Einmal über den Atlantik. Ich höre Dich meine Zweifel ausräumen. „Flieg ruhig! Du hast so lange auf diese Reise gewartet, Du wolltest das unbedingt machen. Dafür bist Du Dich so früh nach Deinem Burn-Out wieder zum Dienst gegangen. Du musst das machen!“ Ja, das hättest Du gesagt, und ich werde das machen, für Dich werde ich spielen und die Zeit nach Möglichkeit genießen. Wenn ich wieder da bin, dann werde ich Dich wohl beerdigen müssen.

Ich wünsche Dir eine gute letzte Reise auf die andere Seite. Deine Seele wird da  oben im Himmel auf einer Wolke schweben, so habe ich es Deinem Enkelsohn erklärt. Du wirst uns sehen und wir werden Deine Nähe spüren.

Ich werde Dich immer lieben! Mein Papa!

Deine Tochter

P. S. Mein Papa ist kurz nach Mitternacht für immer eingeschlafen!