In Gedenken an Papa – Mittsommernacht

Lieber Papa,

vor genau einem Jahr schrieb ich Dir einen Abschiedsbrief, schrieb Dir, um Dich loslassen und Dich gehen lassen zu können. Danach war mir leichter ums Herz. Du wirst es vielleicht gespürt haben, denn wenige Stunden später schliefst Du für immer ein. Dass Du dafür die Mittsommernacht wähltest – oder sie Dich – passte irgendwie. Du weißt, ich bin im Herzen Skandinavierin und die Sommersonnenwende bedeutet mir viel.

Heute ist es also wieder so weit. Der längste Tag des Jahres geht zu Ende, die kürzeste Nacht steht bevor. Wie wahnsinnig schnell das Jahr vergangen ist, und doch ist so einiges passiert in diesem einen Jahr, seit Du nicht mehr bei uns bist. Es gibt so vieles, was ich Dir gerne erzählen würde. Die guten wie auch die schlimmen Dinge, die passiert sind während der letzten 12 Monate. Wie gerne würde ich Dir erzählen, dass Dein Haus inzwischen verkauft wurde und wir, Dein Sohn und Deine Tochter, nach einem ein Jahr währenden Rechtsstreit auf unseren Pflichtteil warten.

Wie gerne hätte ich Dir erzählt, dass ich nur gut einen Monat nach Deinem Tod etwas begonnen habe, was immer Dein Hobby gewesen ist: das Singen im Chor.   Ich könnte Dir erzählen, dass ich sogar mit dem Gesangsunterricht angefangen habe. Das alles hätte Dir gefallen, da bin ich mir sicher. Wenn ich in irgendeiner Form Talent zum Singen habe, dann habe ich es von Dir geerbt. Du warst ein guter Sänger und das ganz ohne Noten lesen zu können. Ich würde Dir auch erzählen, dass ich eine Entscheidung für mich und mein Leben getroffen habe, deren Auswirkung ich jetzt noch nicht in gänze abschätzen kann. Aber Du hättest es verstanden und Du hättest mich auch niemals deswegen verurteilt. Den „neuen“ Menschen in meinem Herzen würdest Du ohne viel zu Fragen begrüßen und auch hier niemals bewertend sein. Du hast mir immer vertraut bei dem, was ich tue. Dafür bin ich Dir sehr dankbar!

Am 19. Juni 2016 sagte ich Dir an Deinem Sterbebett zum Abschied leise „Ich hab Dich lieb, Papa“. Ich wußte nicht genau, ob ich Dich ein paar Tage später noch einmal lebend wiedersehen würde. An diesem 19. Juni habe ich Dich das letzte Mal gesehen. In dem Moment Deines endgültigen Abschieds wirst Du alleine gewesen sein, aber nur kurze Zeit später waren Dein Sohn bei Dir und Dein Lieblingscousin. Sie beweinten Dich, während Deine zweite Frau und Erbschleicher-Hexe laut mit ihrer Freundin beratschlagte, was am nächsten Morgen alles zu tun sei, ohne Trauer zu zeigen, kaum dass Deine Seele Deinen leblosen Körper verlassen hatte.

Das erste halbe Jahr nach Deinem Abschied war am schlimmsten für mich, bis zu Deinem Geburtstag. Erst dann begriff ich, dass Du wirklich nicht mehr da bist. Aber auch jetzt kommen mir noch so manches Mal die Tränen, wenn ich an Dich denke, vor allem, wenn ich mal über Dich spreche. Wenn ich erzähle, was ich alles von Dir habe, wie die schlanke Statur und die blonden Haare. Oder auch die ein oder andere Eigenschaft. Aber auch die etwas schlechteren Deiner Gene haben sich in mir verewigt. Das ist nicht schlimm, denn Du kannst ja nichts dafür.

Ich werde Dich nie vergessen, lieber Papa. Für mich bist Du immer noch da, bis auch ich irgendwann nicht mehr sein werde. So lange trage ich die Erinnerung an Dich in mir. Und Deine Gene, die sich auch in Deinen Enkelkindern wiederfinden.

Lass‘ es Dir weiter gut gehen da oben auf Deiner Wolke!

Deine Tochter

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Ich wäre dann gerne mal weg

Endlich mal wieder ein Beitrag auf „Babykram & Kinderkacke“, einer meiner Lieblingsbloggerinnen, nachzulesen hier.

Ich lese den Text spät abends, nach dem ich gerade meine Tochter in ihr Bett gelegt und selbst die Schlafstätte gewechselt habe. Wie so oft bin ich bei ihr eingeschlafen. Es kann schon mal eine gute Stunde dauern, bis sie eingeschlafen ist, vor allem, wenn sie im Kindergarten Mittagsschlaf gehalten hat. Und dann döse auch ich weg, schaffe es nicht mehr, mich zu erheben und noch das mit dem Abend anzufangen, was ich normalerweise vor hatte. Ein Stündchen nur für mich. Lese dann manchmal noch im Handy, das geht auch ohne Licht. Am liebsten hätte ich sofort selbst in die Tasten gehauen, so sehr trifft der Text wieder einen Nerv von mir, lese ich von meinen eigenen Gedanken und Gefühlen und all dem, was mich selber immer wieder und allzu oft beschäftigt.

Wie oft habe ich in den letzten Monaten oder gar Jahren darüber nachgedacht, einfach auszusteigen aus diesem (gehetzten) Leben! Ich meine jetzt nicht unbedingt diese Gedanken, Mann und Kinder zurück zu lassen und wieder mein eigenes Ding zu machen, frei und ohne diese teils bleibernde Belastung der Verantwortung für Menschen, die ich in diese Welt gesetzt habe. Auch diese Momente gibt es, das gebe ich zu. Aber mit meiner Familie (oder zumindest mit meinen zwei Kindern) ein neues Leben beginnen, abseits dieser Konsum-Gesellschaft mit ihrem Druck, der schon auf die Kleinsten und somit auch deren Eltern ausgeübt wird, erscheint mir immer wieder verlockend. Weg von diesem ständigen „Höher-Schneller-Weiter-Besser“, diesem Leistungsdenken und vor allem der Profit-Gier. Alles wird individualisiert, Gemeinschaft, wie ich sie in meiner eigenen Kindheit noch kennenlernen durfte, existiert immer weniger.

Irgendwo auf dem Lande, Bio und viel Selbstversorgung, und andere Menschen, die uns ähnlich sind. Andere Familien und somit andere Kinder. Freiheit, Unbekümmertheit, Handeln zum Wohle aller, gemeinsam sind wir stärker. Ein bißchen „heile Welt“. Aber das sind alles Fantasien, schöne Tagträume… .

Elternschaft anno 2016 – einfach war gestern

Längst ist das Leistungsdenken auch in der Elternschaft angekommen. Dies trifft vor allem die Mütter, aber auch immer mehr Väter. Abgesehen von der Tatsache, dass ein Gehalt heute in den seltensten Fällen reicht, um einen gewissen, durchaus nicht übertriebenen Lebensstandard zu finanzieren, fehlt vielen Eltern schlicht und einfach ein gut ausgebautes soziales Netz und somit der doppelte Boden. Gerade in meinem persönlichen Fall, die ich (und auch mein Mann) Heimat und bekannte Strukturen aufgrund von Studium und Job aufgegeben haben, um sich an einem Ort niederzulassen, der mitsamt seinen Menschen im Grunde so fremd ist, ist das noch immer eine Tücke des Alltags. Ich las es erst kürzlich irgendwo: anders als in vielen Naturvölkern wird uns Frauen hierzulande kurz nach der Geburt abverlangt, alles wieder zu schaffen wie zuvor, und zwar alleine (und eigentlich geht das schon in der Schwangerschaft los). Der Mann geht meist schnell wieder arbeiten, die umsorgende Verwandtschaft, Freunde, Bekannte und Nachbarn sind wenig bis gar nicht vorhanden. Da hat eine Frau / ein Paar ein (weiteres) Kind bekommen und soll  doch sehen, wie sie klar kommen! Geburtsverletzungen, Kaiserschnitt (also Bauch-OP)? Ach, die soll sich mal nicht so anstellen. Andere schaffen das doch auch!

Ich habe es selber erlebt. Schwiegereltern – zumindest bei der Geburt von Kind Nr. 2 vor Ort – was haben sie gemacht? Wie haben sie uns bzw. MICH unterstützt? Einmal Essen vorbei gebracht, nach dem mein Mann sie darum gebeten hatte. Und ja, mal Kind Nr. 1 genommen, aber eher selten, ging da ja schon in den Kindergarten. Spazierengehen mit Baby? Fehlanzeige. Kochen, Putzen für die frisch Entbundene oder einfach mal fragen, ob etwas benötigt wird? Nö. Ich hätte um alles bitten müssen, was für mich persönlich in solch einem (offensichtlichen) Fall einem Betteln gleich käme. Habe ich also nicht gemacht. Habe mich statt dessen mit dem Mann darum gestritten, dass seine Eltern so etwas von alleine sehen, kapieren und anbieten müssten.

Moody schreibt in ihrem Text:

„Wenn ich darüber nachdenke, wie die Verhältnisse sind, in denen wir leben, stelle ich fest: Wir leben in einer kinder- bzw. familienunfreundlichen Gesellschaft. Meiner Ansicht nach führt die Art unseres Zusammenlebens zu einer Überforderung der Eltern, die kaum auszuhalten ist. Wenn man annimmt, dass Menschen die meiste Zeit ihrer Existenz in überschaubaren Sozialzusammenhängen gelebt habenmit intensivem Kontakt zu den Mitmenschen; in Gemeinschaften, in denen Frauen etwa aller 3-4 Jahre ein Kind bekamen (so lange wurde das Kind getragen und gestillt), Kinder ab 4-5 Jahren mehr Zeit mit anderen Kindern in einer Art Kinderkultur verbracht haben als mit Erwachsenen, darüber hinaus außerdem viele der erwachsenen Gemeinschaftsmitglieder als Ansprechpartner und Bezugspersonen hatten […], Naturnähe, weitgehend freies Rumtollen, Begleitung der Erwachsenen bei ihren alltäglichen Tätigkeiten, viele andere Kinder… Wenn man nun diese Art des Gemeinschaftslebens dem heutigen gegenüberstellt: anonym, „zivilisiert“, individualisiert, Ich-bezogen, technisiert, geprägt von Lohnarbeit, rational, Grenzen, Zäune, Mauern, Straßen, Autos, in Städten kaum grün, separiert… dann stimmt mich das nachdenklich. […]

Das starke Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, nach Aktion von (insbesondere jungen) Kindern kann von einem Elternpaar meiner Meinung nach gar nicht adäquat befriedigt werden. Heranwachsende hatten (und haben in einigen Sozialzusammenhängen) immer eine Vielzahl an Bezugspersonen und Gefährten. Undenkbar, dass zwei Erwachsene allein mit ihren Kindern leben. Völlig unsinnig, dass Erwachsene Kinderspiele spielen. Ich wage mich mal noch weiter aus dem Fenster: In keiner der bekannten Jäger und Sammler-Clan-Kulturen sind Neurosen und psychische Krankheiten in der Art der Industrienationen bekannt. Woran liegt das? Wenn man hinschaut und darüber nachdenkt, kommt man vielleicht zu dem Schluss, dass Eltern uncool mit ihren Kindern umgehen, weil deren Eltern in ihrer Kindheit auch uncool mit ihnen umgegangen sind und deren Eltern wiederum… Und so weiter. Wenn es stimmt, dass Kinder (so wie es z.B. Renz-Polster behauptet) ziemlich „ursprünglich“ ticken, dann sind sie womöglich in Erwartung einer solchen Clan-mäßigen Gemeinschaft… also genau damit ausgestattet, was es für ein Leben mit Eltern, vielen Kindern, mit dabei sein beim Tun der Erwachsenen und unterschiedlichen Bezugspersone braucht. Ständige unkomplizierte Aufmerksamkeit garantiert. Man ist überall dabei und in älterem Alter ziemlich frei in seinem Tun, beim Erkunden der Welt. (Zumindest bis zur Pubertät, aber das ist ein anderes Thema.) […]

Nun werden diese ursprünglich tickenden Kinder geboren in ein Umfeld, das ganz anders tickt. Die Eltern sind die einzigen Bezugspersonen und müssen all das leisten/erfüllen, was in einem Clan viele verschiedene Erwachsene leisten. Außerdem haben sie eigentlich ständig etwas anderes zu tun und/oder im Kopf. Am Anfang wird die Mutter aus der Gemeinschaft gekickt und ist mit einem Säugling auf sich allein gestellt, um sich voll und ganz dem kleinen Bündel zu widmen. (Dass sie dabei einen Knall kriegt, weil man blöde wird, wenn man den ganzen Tag keine Erwachsenen sieht, interessiert nicht. In „ursprünglichen“ Sozialzusammenhängen käme das einer Verbannung gleich – so ziemlich das schlimmste, was dir passieren kann, denn ohne Clan bist du nichts, zum Beispiel nicht überlebensfähig.) Die etwas größeren, aber immernoch kleinen Kinder können beim Tun der Erwachsenen nicht dabei sein, sondern werden in Betreuungseinrichtungen gegeben. Das wäre eigentlich gar nicht mal so schlecht, wenn es nicht 1. so früh wäre und 2. wenn die Erwachsenen die Kinder nicht ständig kontrollieren, erziehen, maßregeln würden. Immerhin kommen sie hier mit vielen anderen Kindern zusammen und können mal andere Menschen als ihre Eltern sehen. Allerdings befinden sie sich in einem Schonraum und kriegen nichts von der „Erwachsenenwelt“ mit. Die Erwachsenen gehen 8 Stunden oft ziemlich stupiden und/oder kopflastigen Arbeiten nach, die sie wahlweise körperlich einseitig belasten (war schon bei Anbau und Ernte von Weizen der Fall) oder geistig derartig auslaugen, dass sie danach eigentlich zum Ausgleich 4 Stunden durch grüne Wälder laufen müssten. Können sie aber nicht, denn die Uhr tickt, der Nachwuchs muss abgeholt werden. Zu diesem Zeitpunkt sind die Erwachsenen eigentlich bereits völlig erschöpft und bräuchten dringend eine Pause von der Beanspruchung, müssen nun aber viele weitere Stunden in der „zweiten Schicht“ für ihre Kinder da und ansprechbar sein und verlangen sich – wie in jedem Bereich – alles ab. Dazwischen werden sie von Werbetafeln beballert und ihr Smartphone ruft nach ihnen. Wenn die Kinder abends schlafen, muss man sich noch um seine Selbstverwirklichung kümmern, man muss ja schließlich „was aus sich machen“. Der Kinder-„Schon“raum zieht sich dann 10-12 Jahre weiter in Institutionen, in denen Kinder sich stündlich wechselnd mit von Erwachsenen festgelegten Themen beschäftigen sollen, und zwar sitzend. 8-12 Stunden am Tag werden Informationen in sie hineingetrichtert und in regelmäßigen Abständen wird abgefragt, was sie sich merken konnten. Für die Eltern wird’s hier vielleicht etwas weniger stressig, weil die zweite Schicht quasi wegfällt. Die Kinder wollen gar nicht mehr so viel Aufmerksamkeit von ihren Eltern. Glotze, Smartphone und Zocken können das viel besser und ersetzen vom Action-Faktor vielleicht ein bisschen den Kick, den man sich eigentlich durch Stromern mit den anderen Clan-Kids in der Wildnis verschaffen würde. (In Jäger-Sammler-Gemeinschaften fangen „Kinder im Schulalter“ langsam an, die Erwachsenen bei der Jagd zu begleiten.)“

 

Ich denke, das trifft es einfach. Das hätte ich wahrlich nicht besser schreiben können.

 

Kinder haben ist anstrengend – heute mehr denn je

Haben sich meine Eltern jemals so viele Gedanken gemacht, machen müssen, wie sie mit uns Kindern interagieren? Heute werden Eltern viel schneller an den „Pranger“ gestellt.

Wenn das Kind nicht „funktioniert“, sind die falschen Erziehungsmethoden der Eltern Schuld.

Geht die Mutter arbeiten, ist sie eine Rabenmutter. Bleibt sie zu Hause, wird sie ebenso unverständlich angesehen.

Umsorgt man das Kind zu sehr, ist man ein Helikopter-Elter.

Lässt man ihnen zu viel Freiraum und alles durchgehen, ist man vernachlässigend und / oder gefährdet das Kindswohl.

usw. usf.

Ich bin in einer dörflichen Gemeinschaft groß geworden, meine Mutter blieb die ersten 6 Jahre meines Lebens zu Hause, obwohl das finanziell nicht gerade günstig für die Familie war. Aber sie wollte nicht schon wieder ein Kind täglich weinend bei der Oma lassen, wie es ihr mit meinem älteren Bruder erging. Immerhin gab es diese Oma, gleich nebenan, mit einem großen Grundstück und riesigem Nutz-Garten. Dazu viele Tanten, Onkels, Cousins und Cousinen, Nachbarn, die einander geholfen haben. Viele Kinder in meinem Alter. Wir stromerten herum, oft den ganzen Tag. Schon ab dem Alter von 4 Jahren waren wir alleine unterwegs. Da ging das damals noch. Das ganze Dorf war nicht nur unser Spielplatz, sondern zog uns quasi mit groß. Es war eine Idylle, aus heutiger Sicht, und zwar auch für meine Eltern. Sie mussten nicht mit uns auf den Spielplatz gehen, obwohl sie gerade keine Lust oder Zeit dazu hatten. Wir sind alleine gegangen. Sie hatten Zeit, ihr eigenes Ding zu machen – ganz ohne schlechtes Gewissen.

Die Grundschule war nicht besonders anspruchsvoll. Es gab nicht den Druck, unbedingt Abitur machen zu müssen (und ich bin einige von sehr wenigen aus der damaligen zahlreichen Kindergemeinschaft mit Abi und abgeschlossenem Studium). Heute ist eben vieles ganz anders.

„Eltern sind heute m.E. überfordert, weil sie im Kleinfamilien-Kontext dazu gezwungen werden, etwas zu leisten, das unmenschlich ist. Sie müssen leisten, was „eigentlich“ eine Vielzahl von Menschen gemeinsam leisten sollte/müsste. Zudem ist der Einfluss der Eltern auf die Kinder (und ihre Psyche) dadurch, dass es kaum andere ernsthafte Beziehungen und Vorbilder für Kinder gibt, immens. Wo viele Erwachsene sind, die Kinder ständig beeinflussen, ist ein cholerischer Vater weniger ein Problem für die Entwicklung des Kindes. (Das Kind kann ihm im Zweifelsfall einfach aus dem Weg gehen.) Ist „der Choleriker“, „die Depressive“, „die Unentspannte“, „die Gereizte“ usw. aber die wichtigste bzw. einzige intensive Bezugsperson, multipliziert sich die Abhängigkeit von den und damit auch die Verantwortung der Eltern. Das ist – im wahrsten Sinne des Wortes – eigentlich ziemlich unerträglich!

Erschwerend kommen hinzu: Individualismus, Selbstverwirklichungsdrängen, Biografiezwang. Wie soll man sich Kindern widmen, wenn man ständig den Zwang verspürt, das Beste aus sich herausholen zu müssen, um im Zweifelsfall auch zu erklären, wer man ist und was man macht? Die Kinder nehmen so viel Zeit weg, in der man etwas „sinnvolles“ tun könnte. Der Spruch oder Gedanke „Ich habe heute noch gar nichts geschafft“ am Abend eines Tages, den man „nur“ mit den Kindern verbracht hat, spricht Bände.

Dann wäre da noch: Eine rational eingerichtete Umwelt, die nicht zum „irrationalen“ Verhalten von Kindern passt: Funktionalität überall, bestimmte Arten und Weisen wie etwas „richtig“ zu gebrauchen ist und so so viel, was Kinder ständig falsch machen können. Und sie tun es ja auch ständig, etwas „falsch“ machen. Das geben wir ihnen auch ununterbrochen zu verstehen. Man könnte Kinder auch liebevoll in die Welt einführen, mit Verständnis dafür, dass sie xy nicht einfach so können und dass es Zeit braucht, bis das der Fall ist, so wie es in Jäger-Sammler-Kulturen. Aber dafür tickt hier und heute die Uhr zu laut, der Tag hat zu wenig Stunden für all das, was wir meinen, zu tun zu haben. Das viele, viele Andere. […]

So gesehen sind die Genervtheit, die Gereiztheit, die Überforderung, die Last, der Druck von Eltern völlig logische Konsequenzen. Und auch die zunehmende Anzahl von Kindern und Erwachsenen mit psychischen Problemen erscheint mir vor dem Hintergrund durchaus plausibel. Ebenso, dass immer weniger Menschen überhaupt Kinder bekommen (wollen). Wer kann das – in so einem Kontext – schon ernsthaft wollen? Eigentlich sind Kinder doch in einer rationalen, funktionalen, an Effizienz, Optimierung und Fortschritt ausgerichteten Industriegesellschaft überall im Weg. Ein einziges Ärgernis. Neue Menschen braucht aber auch diese Gesellschaft dummerweise. Können die nicht irgendwie als fertige, als „richtige“, als vernünftige Menschen zur Welt kommen? Dann wäre alles so viel einfacher. Die Genforschung wird dafür bestimmt bald eine Lösung haben.“

Ja!

 

Es braucht 2 Arme pro Kind – mindestens

Das ist meine Meinung. Ich habe 2 Kinder, aber nicht 4 Arme. So geht es vielen Alleinerziehenden und mir und meinem Mann immerhin zeitweise, weil der andere (hier vor allem der Mann) beruflich weg ist, auch an Feiertagen und dem Wochenende. Dann steht man mit allem oft völlig alleine da, weil eben das Auffangnetz sehr dünn ist. Und beim Lesen des Blogbeitrages wurde mir nicht zum ersten Mal klar, was wir hier in der heutigen Zeit leisten. Und das es anstrengend ist und sein darf und wir verdammt noch mal auch darüber sprechen dürfen und sollten!

„Also fing ich an, darüber zu schreiben. Und relativ bald zeigten andere Eltern ihre Erleichterung. Vermutlich, weil ich (und andere) zeigten, dass sie nicht allein sind, dass es anderen auch so geht wie ihnen, dass wir ähnliche Probleme teilen. Und auch meine Leserinnen gaben mir ein gutes Gefühl, weil es kurz – ganz kurz – meine Schuldgefühle reduzierte. Das fühlte sich gut und richtig an, nach einer eingeschworenen Gemeinschaft von desillusionierten Eltern wider der Romantisierung von Elternschaft.

[…] in denen sich Menschen über die „jammernden“ neuen Eltern beschwerten oder lustig machten, ließen mich zuweilen stark an „meinem Projekt“ zweifeln. Ist das öffentliche Äußern der eigenen Überforderung eine scheiß Idee? Sollte man das lieber für sich behalten und weiter die Zähne zusammenbeißen? […]

Warum kriege ich es nicht hin, meine Kinder zu genießen? Nett, verständnisvoll, geduldig zu sein? Ich habe den Fehler bei mir gesucht, dazu neige ich. Habe in mir gegraben, einiges gefunden und darunter gelitten, meinen Kindern keine „besser Mutter“ sein zu können. Ich fühlte mich mal egoistisch, mal egozentrisch, mal faul, mal schwach und unbelastbar, ständig unsicher und andauernd überfordert.“

Ich kenne das nur allzu gut mit den Schuldgefühlen, den Selbstzweifeln an der Mutterrolle und wie man sie ausübt, der Angst vor (weitreichenden) Fehlern im Umgang mit den lieben Kleinen, auch die Genervtheit und die Überforderung. Das alles ist eben nicht unsere Schuld alleine und schon gar nicht die der Kinder. Sie können am allerwenigsten dafür. Es ist das Land, diese Gesellschaft, diese schier nicht zu erreichenden Ansprüche. Auch wenn man versucht, sich davon zu befreien (immer mehr, und nach einem Burnout bleibt einem auch nichts anderes übrig), es ist allgegenwärtig und nicht immer leicht zu ignorieren. Ja, das Kind kommt bald in die Schule und muss dort „funktionieren“, was also tun? Was tun, wenn schon im Kindergarten „Druck“ gemacht wird, weil das Kind sich anders verhält, negativ auffällt? Wohin soll das noch alles führen? Sicher nicht zu einer gesünderen Gesellschaft und einem besseren Leben, davon bin ich überzeugt. „Früher war alles besser!“ An dieser Aussage ist doch manchmal etwas dran.

Mama-Auszeit

Darf eine Mutter das? Ein paar Tage wegfahren, alleine und ohne ihre Kinder? Ja, behaupte ich, das darf sie – wenn es ihr gut tut und somit auch die Familie von einer erholten oder zumindest körperlich wie auch psychisch gestärkten Frau und Mutter nach deren Rückkehr profitiert.

Ich habe mir die Entscheidung zu dieser Auszeit von Familie und häuslichen Pflichten  nicht leicht gemacht, war ich doch erst im November 5 Tage auf Dienstreise – was allerdings aufgrund von Jetlag und Schlafmangel körperlich sehr anstrengend für mich war. Jetzt stand wieder eine Reise mit etwa der Hälfte meiner Kollegen an und ich hatte im Vorfeld immer wieder hin- und her überlegt. Grünes Licht gab es vom Mann. Und sogar Kind Nr. 1, am Tag meiner Abreise fiebrig, antwortete auf meine Frage hin, ob ich denn wirklich wegfahren könne, mit einem beherzten „Ja“. Also habe ich es getan und es nicht bereut. Es hat mir in vielerlei Sicht unheimlich gut getan. Ich konnte mich körperlich betätigen, ich habe mir einen Tag lang Zeit nur für mich genommen und diesen mit Spazierengehen, Lesen und Faulenzen verbracht. Am Abend saß ich dann bei  dem ein oder anderen Glas Rotwein in geselliger Runde vor dem Kamin. Ich habe neue Impulse bekommen und hatte eine gute Zeit.

Erst „grüne Wiese“, dann „Winterwonderland“

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Heute morgen kurz vor der Abfahrt nach Hause. Ein Winterwonderland.                                               (Bildrechte: dieverlorenenschuhe)

Los ging es am Montagmorgen mit einer guten Stunde Verspätung, weil die Batterie des Busses leer war und erst der Pannendienst kommen musste. Die Fahrt führte uns gen Süden in ein deutsches Windersportgebiet. Für die eine Hälfte stand Skifahren auf dem Programm, für die anderen ein attraktives Alternativangebot, welches man auch noch flexibel gestalten konnte. Ski gefahren bin ich das letzte Mal vor 8 Jahren und habe es mir bei dieser Reise wegen meiner sportlichen Inaktivität der letzten Jahre nicht zugetraut – zumal ich immer noch Anfängerin auf den Brettern bin. Ich brauche immer einen Tag, bis ich mich auf den Skiern wieder einigermaßen erfolgreich den Hang hinunter bewegen kann – wenn dieser nicht zu steil ist. Ein wenig bereut habe ich es dann doch, denn ich hätte mal wieder Lust auf Skifahren und möchte das unbedingt noch mal machen.

Gerade fahren wir durch eine wunderschöne Schneelandschaft bei herrlichstem Sonnenschein und wolkenlosem blauen Himmel. Leider ist die Woche aber für uns schon wieder vorbei und wir sind etwas traurig, denn so schönes sonniges Wetter gab es nur an einem Tag, an den anderen kämpften wir mit Regen, Sturm und Schneefall. Zumal am Anfang so gut wie gar kein Schnee lag. Unsere Schneeschuhwanderung am Dienstag hat zwar trotzdem ganz viel Spaß gemacht, aber wir wurden ziemlich naß und den letzten Rest zum Gipfel hat nur eine kleine Gruppe gewagt, bei der ich nicht dabei war. Bei einem Wettersturz mit starkem Schneefall und stärkeren Windböen musste ich einfach passen. Auch blieb uns aufgrund der Wetterlage eine fanatische Aussicht über die Alpen verwehrt.

Was man sich so alles an die Füße schnallen kann, wenn Winter ist

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Die verlorenen Schnee-Schuhe bei der Rast an einer einsamen Almhütte. Spaß hat es gemacht, 4 Stunden Schneeschuhwandern. Es hätte nur etwas mehr Schnee auf dem Boden, dafür weniger von oben geben sollen. (Bildrechte: dieverlorenenschuhe)

Schneeschuhwandern ist auf jeden Fall etwas, was ich noch einmal machen möchte. Natürlich muss ich auch hier meine schlechte Kondition beachten. Ich bin alles andere als eine Bergziege und in dieser Hinsicht bisher auch noch nicht so gut erprobt. Steile Anstiege bereiten mir derzeit  konditionelle Probleme. Ganz im Gegensatz zu unserem Bergführer. Dieser Mann ist nicht nur doppelt so alt wie ich, er hat auch noch eine tausend Mal bessere Kondition. Ein faszinierender Mensch, der mit sehr viel Wissen aufwarten konnte und Erfahrung nicht nur im Besteigen deutscher wie weltweiter Berge hat, sondern auch sonst alles macht, was man in den Bergen so machen kann – mit fast 80 Jahren.

Ich hatte mir für diese Reise noch etwas vorgenommen: nach 10 Jahren endlich einmal wieder Schlittschuhe an die Füße schnallen und Eislaufen gehen. Eine große Eissporthalle bot sich an, und so packte ich meine weißen Kunsteislaufschuhe ins Gepäck und hoffte, dass ich es zeitlich wahr machen konnte. Am letzten Tag vor unserer Abreise war es soweit. Bei miesem Wetter kann man gerne einmal ein paar Stunden (!) in einer Eislaufhalle zubringen. Während vier Kollegen, die mich zunächst begleitet hatten, nach einer halben Stunde aufgaben, zog ich 3 1/2 Stunden meine Runden, bis ich die Schmerzen in den Beinen nicht mehr aushielt und die Reisegruppe ohnehin im Bus die Rückfahrt zur Unterkunft antrat und mich vor der Eislaufhalle wieder einsammelte. Während also die vier Kollegen ein alkoholisches Getränk nach dem anderen in einer überhitzten Skihütte zu sich nahmen, zog ich meine Runden.

Nun, ich habe durchaus gemerkt, dass ich mit 40 Jahren nicht mehr ganz so gelenkig bin wie früher. In diesem Alter, das sollte man nicht vergessen, müssen Profis in diesem Bereich ihre aktive Karriere schon an den Nagel hängen, von daher versuche ich bei meinen eigenen Ansprüchen an meine Fähigkeiten natürlich auf dem (Eis-)Boden zu bleiben. Nach einer halben Stunde war ich aber wieder drin, hatte die Ängstlichkeiten überwunden und konnte fahren, wie ich es früher auch so oft getan hatte. Klar, ich kann keine Pirouetten drehen oder waghalsige Sprünge zeigen, aber ich bin zufrieden, dass ich sturzfrei und sicher übers Eis geglitten bin, mit den Kuven an Füßen durchaus gut variieren und spielen konnte und sogar mein Rückfährtsfahren etwas vorangetrieben habe – etwas, was ich unbedingt noch können möchte. Ich habe sehr junge Mädels beobachtet, die ihren Kunsteislauf geübt haben. Faszinierend. Ich habe früher so gerne Eiskunstlauf und auch Eiskunsttanzen im Fernsehen geschaut. Diese Sportart hat mich schon immer fasziniert. Es hat mir unheimlich Spaß gemacht und ich hoffe, dass dieses Mal nicht wieder ein Jahrzehnt vergeht, bevor ich mich erneut auf die Kuven wage. Wieso überhaupt so eine lange Pause, bin ich doch früher häufiger gefahren. Die letzten 5 Jahre sind selbsterklärend, aber die 5 davor? Und außerdem kommt Kind Nr. 1 so langsam in das Alter, in dem ich ihn mal mitnehmen könnte. Juchuh!

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Mama On Ice. Leider konnte ich meine eigenen Schlittschuhe nicht benutzen. Sie müssen dringen einen neuen Schliff bekommen, und das passiert hier nur am Wochenende. (Bildrechte: dieverlorenenschuhe)

Warum sollten Mütter nicht dürfen, was für viele Väter selbstverständlich zu sein scheint

Es war für mich also die richtige Entscheidung, diese Reise anzutreten. Im Vorfeld habe ich mich auch gefragt, wieso ich darauf verzichten sollte, wenn doch auch Kollegen mitfahren, die kleine Kinder daheim haben, also Familienväter, die nun auch ihrer Frau und anderen Menschen wie Großeltern oder Erzieherinnen die Kinderbetreuung einmal für ein paar Tage komplett überlassen. Wieso sollten Väter das eher dürfen als Mütter? Eben. Natürlich ist es immer ein zwiespältiges Gefühl, für ein paar Tage von den eigenen Kindern getrennt zu sein und damit leben zu müssen, dass man in der Zeit zu Hause bestimmt nicht die Nummer Eins ist und vielleicht auch nach der Rückkehr die eigenen Kinder erst einmal wieder mit einem warm werden müssen. Nun habe ich ohnehin Papa-Kinder zu Hause, das macht es mir vielleicht etwas leichter. Übrigens war es das erste Mal, dass ich nicht geweint habe, als ich das Haus zur Abreise verlassen musste. Vielleicht zeigt das auch, wie erholungsbedürftig ich gerade die letzten Wochen, die aus bestimmten Gründen echt hart für mich waren, gewesen bin.

Übrigens habe ich auch schon im letzten Mai eine Auszeit von der Familie genommen und bin für 4 Nächte in meine nordische Lieblingsstadt geflogen. Natürlich sollte man im Gegenzug auch seinem Partner so ein Privileg zugestehen. So fährt auch mein Mann jedes Jahr für ein Wochenende mit seinen Kollegen weg. Worauf ich mich aber auch immer wieder besonders freue, sind Aktivitäten mit der ganzen Familie. Und ich gehe davon aus, dass es mit zunehmendem Alter der Kinder einfacher wird, auch mal einen Wander- oder Skiurlaub einzulegen oder Dinge zu tun, die jetzt einfach noch (fast) unmöglich sind oder nur mit sehr viel Aufwand und Stress verbunden wären.

 

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„Freu Dich aufs Allgäu“, so hieß es noch am Montag. Der Bus rollt nun wieder Richtung Norden. (Bildrechte: dieverlorenenschuhe)

Mein persönliches Fazit

Natürlich wird es auch Stimmen geben – ich höre sie förmlich schon – die der Meinung sind, dass Eltern sich Zeit ohne ihre Kinder in keinem Fall erlauben dürften. Letztendlich muss selbstverständlich jede Mutter, jeder Vater selbst entscheiden, ob er oder sie es für richtig oder falsch hält, ein Wochenende oder noch länger ohne seine Kinder zu sein. (Es soll ja durchaus Eltern geben, die sich einmal ein Wochenende oder sogar eine ganze Woche ohne ihre Kinder gönnen. Bei uns ist bisher immer ein Elternteil daheim geblieben. Denn tatsächlich finde ich unsere Kinder noch zu jung dafür, glaube aber fest daran, dass wir in mehreren Jahren einmal ohne Kinder Urlaub machen werden). Ich finde eben, man sollte es nicht von vorne herein verurteilen oder gänzlich für sich ausschließen. Es gibt sicherlich unterschiedliche Einstellungen zu dem Thema und auch Mütter, die einfach immer nur mit ihren Kindern sein wollen. Aber wenn der Gedanke aufkommt, eine Auszeit zu nehmen, sollte man sich nicht scheuen, es wahr werden zu lassen. Es kann allen sehr gut tun, wie ich weiter oben bereits erwähnt habe. Ich selber bin eben eine Mutter, die ihre Kinder bei Abwesenheit zwar vermisst und vom schlechten Gewissen ohnehin immer wieder eingeholt wird, aber ich brauche Auszeiten. Da ich mir diese im alltäglichen Leben kaum nehme (nehmen kann), versuche ich es immer wieder einmal auf die nun geschehene Weise. Erkannt habe ich allerdings, dass es für mich und meine körperliche wie auch psychische Gesundheit sehr wichtig wäre, öfter einmal hier und da ein Stündchen für ich zu haben, wo ich nicht noch eben alleine schnell das Haus putze oder andere alltägliche Dinge erledige, sondern etwas tue, was nur für mich ist. Ich hoffe, das in den nächsten Jahren besser umsetzen zu können. Denn egal, wie sehr ich meine Kinder auch liebe, auch mein eigenes Leben getrennt von der Familie hat eine gewissen Bedeutung für mich. Vielleicht versteht das ja der/die ein oder andere meiner LeserInnen.

Erst Karrierefrau, dann Mutter

Bin ich eine Karrierefrau? Zumindest war ich immer sehr ehrgeizig, leider aber auch zu faul und zu bequem, um eine Hardcore-Karriere zu verfolgen. Oft fehlte mir auch der nötige Durchblick, den man in meiner Branche schon in sehr jungen Jahren braucht. Und das „Vitamin-B“ (B = Beziehungen). Und doch, ich habe einige Ziele verfolgt und versucht, mich möglichst nach meinen Fähigkeiten zu positionieren. Es hätte mehr sein können… und als es gerade ganz gut lief, wurde ich Mutter!

Synonyme zu Karriere

Bedeutungen, Beispiele und Wendungen

  1. erfolgreicher Aufstieg im Beruf

    Beispiele

    • eine steile Karriere
    • seine Karriere verfolgen, aufgeben
    • am Anfang einer großen Karriere stehen

    Wendungen, Redensarten, Sprichwörter

    Karriere machen ([rasch] zu beruflichem Erfolg, Ehre und Anerkennung gelangen)

  2. schnellste Gangart des Pferdes, gestreckter Galopp

(Quelle: http://www.duden.de)

Was bedeutet dieses Karriere-Dings für mich persönlich? Dass man in seinem Beruf, der einem Spaß und Freude bringt, immer noch ein Stückchen besser wird und nicht stagniert. Also trifft es der Aufstieg ganz gut. Und wenn man dann für das, was man erreicht hat oder leistet, Lob und Anerkennung erhält, ist das natürlich ein schönes Gefühl. Jeder wird da in seinem Bereich seine eigene Messlatte haben.
Ich musste meine im Laufe der Jahre immer weiter herunter schrauben. Nicht nur, weil ich für manche Leistungen einfach nicht geeignet bin, sondern weil mir mein Muttersein eben auch einen gewissen Riegel vorschiebt, was den Aufstieg anbelangt. Sei es von ganz offizieller Seite, sei es von mir selber.

Männer und Frauen sind nicht gleich

Als mein erstes Kind gerade ein halbes Jahr alt war, fuhren wir zu einem runden Geburtstag der Oma meines Mannes in seine Heimatstadt. Damals war ich noch etwas naiv hinsichtlich der zukünftigen „Fremdbetreuung“ unseres Nachwuchses. Nur wenige Wochen, bevor mein Mann in Elternzeit gehen sollte, glaubte ich, es würde sich schon alles finden. Eine Tagesmutter musste her, was sich aber als recht schwierig erwies, da in unserem ländlichen Raum nicht so viele Tagesmütter zu finden sind. Und unser Problem der Betreuung in den Abendstunden würde damit ebenfalls nicht gelöst sein. Ich liebäugelte noch mit einem Au-Pair, wohl das einzige, was aus meiner heutigen Sicht funktioniert hätte. Mit Ablauf seines 14. Lebensmonats brauchte der Junge eine Betreuung, wenn wir Eltern beide arbeiten gingen. Eine Alternative wäre es gewesen, dass ich ein weiteres Jahr „zu Hause“ bliebe, mit allen finanziellen Verlusten und dem Vernichten meiner bescheidenen Ersparnisse.

Monate später fragten wir meine Schwiegereltern, ob sie zu uns ziehen wollten. Da sie ohnehin vorhatten, vorzeitig aus dem Erwerbsleben auszusteigen, erschien uns das als Ideallösung. Jeder würde davon profitieren: wir als arbeitende Eltern, das Kind, weil es einen großen Bezug zu seinen Großeltern haben konnte und diese wiederum davon, viel Zeit mit ihrem Enkel verbringen zu dürfen.

Aber an diesem Abend ging es noch darum, wie die Zukunft aussehen könnte. Die Tante meines Mannes hatte eine zündende Idee! Sie, die selber in einem Land sozialisiert worden war, in dem bereits Babys wie ganz selbstverständlich in die Ganztagesbetreuung „gesteckt“ wurden, damit die Frauen diesen sozialistischen Staat bei seiner – in meinen Augen fragwürdigen – Produktivität durch ihre Arbeitskräfte unterstützen konnten und nicht als „Mutti am Herd“ verloren gingen: Ich solle doch ganz einfach die Konzerttätigkeiten fallen lassen, so für die nächsten Jahre, wo die Kinder mich am meisten bräuchten und nicht alleine zu Hause sein könnten…

Also so mindestens 10 Jahre lang, rechnete ich mal grob nach. Ich war gelinde gesagt geschockt! Denn das würde bedeuten, FÜR IMMER aus meinem Beruf als Orchestermusikerin in der Versenkung zu verschwinden, denn nach 10 Jahren Abstinenz von sämtlichen Konzertbühnen würde ich NIE WIEDER als Orchestermusikerin Fuß fassen, so viel steht fest. Ich würde also meinen Beruf aufgeben müssen, für den ich so hart gearbeitet hatte, für den ich auf so vieles andere verzichtet hatte, weil ich nie etwas anderes hatte machen wollen als Musik.

Ihren Neffen, also meinen Mann, hatte sie allerdings nicht gefragt, ob er sich nicht vorstellen könne, aus dem Schichtdienst in den Tagdienst zu wechseln und somit jeden Abend bei den Kindern sein zu können. Und da liegt für mich der Hase im Pfeffer begraben: in erster Linie kommt niemand auf die Idee, dass doch der Mann beruflich kürzer treten oder größere Abstriche an seine berufliche Zukunft machen könnte, damit die Kinderbetreuung gewuppt ist und die Frau ihre Karriere verfolgen kann. Ich sagte das auch, und lies es dann sein, weiter über das Thema zu sprechen. Ich wollte keinen Streit auf dieser Familienfeierlichkeit vom Zaun brechen.

„Draußen vor der Tür“

Weg vom Fenster trifft es auch ganz gut. Wenn Du erst mal einige Angebote nicht mehr annimmst, dann kräht irgendwann auch kein Hahn mehr nach Dir. In meinem Beruf, in dem man so viel nebenbei machen kann und es viele Be(s)tätigungsfelder außerhalb des Hauptjobs gibt, kann man eben nicht mehr alles machen, wenn man weniger Zeit wegen anderer Verpflichtungen hat. In meinem Fall bedeutet dies: nichts mehr machen, was über meinen Hauptjob hinaus gehen würde! Dadurch kommt finanziell nichts mehr extra in die Kasse, was aber nicht das Schlimmste ist, denn der Hauptjob wirft genug ab, um klar zu kommen. Aber man kommt auch sonst nicht weiter. Und auf Dauer kann das schon sehr unbefriedigend sein. Auch wenn man seine Kinder liebt und sich bewußt für ein Leben mit ihnen entschieden hat, tut es manchmal weh, dass alles, was davor jahrzehntelang so wichtig war, einfach vorbei ist! Und immer wieder trifft man auf männliche Kollegen, die eben so gut wie gar nichts aufgeben, aufzugeben scheinen, wenn sie Vater sind.

Als erstes gab ich die Schüler auf. Kein großer Verlust für mich, denn es machte mir ohnehin nicht mehr so viel Freude. Dass ich ursprünglich gerne mal als Dozentin an der Uni gearbeitet hätte, verdränge ich bis heute. Den Job hatte damals jemand anders bekommen. Da ich nicht aus dieser Region stamme, ist klar, dass die „Ureinwohner“ immer einen Vorteil bei der Verteilung attraktiver Jobs haben.

Was macht man sonst noch so als Musiker?

  1. man tingelt von Mugge zu Mugge*
  2. man unterrichtet bei Musikvereinen oder muggt dort mit, wenn Not am Mann ist
  3. man tingelt von Orchester zu Orchester, eben weil die so interessante Projekte machen
  4. man nimmt an Workshops teil, um sich weiterzubilden
  5. man verschreibt sich der Kammermusik oder macht nebenbei eben mindestens ein festes Projekt, weil es einfach Spaß macht, vor allem, wenn man damit noch Konzerte gestalten kann
  6. man arbeitet häufiger solistisch
  7. man nimmt mal wieder Unterricht bei Professor xy, weil besser is‘ das
  8. man kümmert sich um das ideale Material, also gute Instrumente, hervorragende Mundstücke (bei Bläsern) etc. pp
  9. man bewirbt sich auf die Stelle in yz, weil die viel besser ist. Wenn die aber mit der Familie nicht vereinbar ist, lässt man es eben und bleibt in Orchester xy und frustet hier und da schon mal vor sich hin

Ich habe das aufgegeben. Es ist keine Zeit und keine Kraft mehr vorhanden! Ich bin jetzt Mutter – wohlgemerkt nicht Vater, denn sonst könnte ich das ein oder andere noch machen, denn: inzwischen bin ich nicht mehr gefragt, selbst bei Leuten, die sonst noch angefragt haben. Ich spüre es deutlich, dass man mit mir einfach nicht mehr rechnet!!!

So ist das! Frau kann eben nicht alles haben!

Nachtrag:  Mir ist noch eingefallen, dass ich in meiner ersten Schwangerschaft sogar von einem Kollegen den Vorschlag bekommen habe, doch auf die Konzerte zu verzichten. Immerhin gäbe es noch genug anderes in unserem Dienst zu tun, und so wäre ich abends nicht so oft weg. Dass die Konzerte noch die Highlights in meiner Tätigkeit darstellen, möchte ich an dieser Stelle erneut betonen. Gleicher Kollege ist übrigens selber Vater zweier noch kleinerer Kinder. Aber er hat keine „Papamonate“ genommen, weil die sich ja „negativ auf seine Pension ausgewirkt hätten“! Noch Fragen?

*Musik gegen Geld